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08.04.2021 | Transformation | Interview | Onlineartikel

"Digitalisierungsprozesse scheitern oft an internen Widerständen"

Autor:
Andrea Amerland
4 Min. Lesedauer

Die Mission Wandel steht manchen Mittelständlern noch bevor. Peter F. Schmid hat sie für sein Unternehmen längst angestoßen. Im Interview spricht er über das nötige Mindset für die digitale Transformation und die größten Pain Points bei Digitalisierungsprozessen.

Springer Professional: Die Corona-Pandemie hat schonungslos offengelegt, dass Behörden, Schulen und auch Mittelständler bei der Digitalisierung hinterher hinken. Woran liegt das ihrer Einschätzung nach insbesondere in Bezug auf KMU?

Peter F. Schmid: Das B2B-Geschäft war gegenüber dem Endverbraucher-Segment immer etwas konservativer, wenn es um die Digitalisierung ihrer Beschaffungs- und Vertriebswege geht. Bereits vor Corona hat sich hier aber ein Wandel abgezeichnet, den die Pandemie exponentiell beschleunigt hat. Oft scheiterte es an vermeintlich mangelnden technischen Ressourcen sowie fehlendem Budget und Know-how. 

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Die Corona-Krise hat den Druck erhöht, agiler und digitaler zu werden. Im Zuge dessen haben viele KMU entdeckt, dass Digitalisierung nicht immer ein Mammutprojekt mit elaborierten IoT-Umgebungen, Cloud oder Big Data sein muss, sondern mit kleinen, aber wirkungsvollen Schritten beginnt. Im Einkauf kann etwa das Lieferanten-Sourcing über Online- Plattformen entscheidend dazu beitragen, schnell und flexibel auf veränderte Lieferketten zu reagieren. Das hat sich direkt ab Pandemiebeginn auch im Traffic-Anstieg auf unseren Plattformen widergespiegelt.

Wie können Unternehmen, die noch digitalen Nachholbedarf haben, den nötigen Veränderungsprozess anstoßen?

Es beginnt mit der Erkenntnis, dass der Wandel nötig ist. Klingt trivial, aber bis vor Kurzem scheiterte es noch an der Einsicht, dass die Digitalisierung KMU betrifft. Durch unterbrochene Lieferketten oder fehlende Messen sowie persönlichen Verkaufsgesprächen merken wir, dass sich mit Blick auf digitale Vertriebs-, Marketing- und Beschaffungsprozesse der Veränderungswille auch im Mittelstand beschleunigt. Entscheider waren gezwungen, sich mit dem Thema auf einer weniger abstrakten Ebene auseinanderzusetzen und haben festgestellt, dass Digitalisierung kein "Alles-oder-nichts"-Projekt sein muss, sondern dass schon ein Umdenken in einzelnen Prozessen oder Geschäftsbereichen einen entscheidenden Unterschied macht. Und man war auf Grund der Krisensituation gezwungen, neu über Prozesse und Strukturen nachzudenken.

Oft fehlt das richtige Mindset. Und gerade das lässt sich schwer ändern. Wie kann es Führungskräften doch gelingen, die nötige Einstellung für den Wandel zu erzeugen?

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass zum einen erklärt werden muss, warum der Wandel notwendig ist. Es ist kein Selbstzweck und jeder Einzelne in einer Organisation sollte verstehen, warum Veränderungen eingeleitet werden. Zum anderen ist eine kritische Masse an veränderungswilligen Mitarbeitern notwendig, um einen signifikanten Wandel zu starten und zu schaffen. Als ich 2012 angetreten bin, um aus dem traditionell geprägtem Verlagsunternehmen "Wer liefert was" eine paneuropäische Tech-Company zu machen, die Visable heute ist, bin ich teils auf erhebliche Widerstände gestoßen. Es braucht eine klare Vision, die intern überzeugt. Nur so kann Transformation gelingen. Wir haben damals externe Expertise in Form neuer Kollegen dazugewonnen, aber es gab auch viele etablierte Kollegen, die sich nach anfänglichem Zögern auf den Prozess eingelassen haben und noch heute an Bord sind. Dafür bin ich sehr dankbar. 

Wo liegen Ihrer Erfahrung nach im B2B-Bereich die größten Pain Points bei Digitalisierungs- und Veränderungsprozessen?

Noch immer scheitern Digitalisierungsprozesse zu oft an internen Widerständen, festzementiert erscheinenden Prozessen und finanziellen Erwägungen. Die Skalierbarkeit digitaler Prozesse entkräftet einige dieser Vorbehalte häufig. Das hat sich besonders in der Pandemie gezeigt: Online-Marketing-Maßnahmen haben sich für viele Unternehmen als Überlebensstrategie erwiesen. Die Leads, die sonst am Messestand oder im Vertriebsgespräch beim Kunden generiert wurden, konnten durch digitale Maßnahmen wie Präsenz auf Online-Plattformen, Suchmaschinenoptimierung oder Retargeting-Kampagnen, in vielen Fällen kompensiert werden. Und das oft zu einem Bruchteil des Preises, den der Messeauftritt gekostet hätte. 

Wie können Unternehmen ihr Geschäftsmodell neu erfinden? 

Nicht jedes Unternehmen muss sein Geschäftsmodell von Grund auf neu denken. Vieles entwickelt sich, wenn man beginnt, über sein eigenes Geschäft nachzudenken und prüft, wie sich Kundenbedürfnisse verändern. Ich bin überzeugt, dass so gut wie alle davon profitieren können, gezielt Prozesse und Geschäftsbereiche zu digitalisieren, eben in Einkauf und Vertrieb. Diejenigen, die das nicht tun, drohen hinter denen zurückzufallen, die neue Technologien und Möglichkeiten annehmen. 

In unserem Fall war es so, dass wir unser Business weitgehend überdenken mussten. Zwar hatte "Wer liefert was" bei meinem Einstieg bereits die gedruckten Katalogverzeichnisse für Lieferanten zugunsten eines Online-Auftritts hinter sich gelassen. Wir waren aber weit von unserem heutigen Anspruch entfernt, ganzheitliche B2B-Plattformen anzubieten, auf der Einkäufer in ganz Europa Lieferanten finden und Anbieter ihre Produkte und Dienstleistungen präsentieren können. Wir haben damals stark in Technologien und in neue Expertise investiert. Es war ein langer Weg, der noch immer nicht zu Ende ist. 

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