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29.11.2018 | Transformation | Kolumne | Onlineartikel

Zukunftsexperten – die unterschätzte Gefahr

Autor:
Heino Hilbig

Gerade bei künftigen Entwicklungen sollten sich Unternehmen nicht auf selbsternannte Experten verlassen, sondern mehr auf das eigene Wissen vertrauen, warnt Springer-Autor und Zukunftsmanager Heino Hilbig.

Erinnern Sie sich noch an den Borkenkäfer? Oder den sauren Regen? Oder gar an die nächste, in den 70er Jahren von einigen Physikern prognostizierte Eiszeit? Alle diese Katastrophen wurden von Experten vorausgesagt – und sind dann, Gott sei Dank, nie eingetroffen.

Auch wenn man angesichts des diesjährigen Sommers sich vielleicht eher eine kleine Eiszeit statt der Klimaerwärmung gewünscht haben mag: Fakt ist, dass Prognosen der meist selbsternannten Zukunftsexperten statistisch ungefähr so zuverlässig eintreffen wie in meiner Heimatstadt Hamburg die Sonne scheint – eher zufällig. 

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Kann man sich als Unternehmer – und insbesondere als mittelständisches Unternehmen – gezielt auf die Zukunft vorbereiten? Welche Methoden funktionieren und wo unterliegt man klassischen Denkfehlern bei der Zukunftsplanung?


Das zumindest hat Philip Tetlock, ein US-Wissenschaftler mit sehr langem Atem, in einer über 30-jährigen Studie nachgewiesen. Er ließ sich von ausgewiesenen Experten regelmäßig Prognosen geben, die er dann ebenso regelmäßig auf ihr Eintreffen hin überprüfte. Das Ergebnis war – siehe oben – wenig überraschend: Bei Voraussagen für die kommenden zwei Jahre waren einige Experten noch recht treffsicher, ab etwa drei Jahren wurde aus Prognostizieren rein zufälliges Raten.

Zukunftsexperten – die modernen Wahrsager?

Dennoch: Wir Menschen scheinen solche Wahrsager immer wieder zu suchen. Nicht anders ist zu erklären, weshalb auch in Zeiten des Internets, in denen sich jeder mit einfachen Recherchen über den Stand diverser Zukunftstechnologien informieren kann, Redner mit Zukunftsprognosen immer wieder Höchstbeträge für ihre Vorträge aufrufen dürfen.

Gefährlicher jedoch ist, dass Unternehmenslenker solchen Prognosen unter bestimmten Umständen Glauben schenken – und sogar danach handeln. Wenn etwa der gut bezahlte Zukunftsforscher Matthias Horx in einem Interview 2017 von sich gibt, dass autonome Fahrzeuge frühestens in zwanzig Jahren kommen würden, dann ist das ein ebenso falsches Signal wie die Aussage von Matthias Müller, seines Zeichens Ex-Vorstandsvorsitzender eines Wolfsburger Autobauers, der noch 2015 autonomes Fahren zu einem Hype erklärte, der durch nichts zu rechtfertigten sei.

Die Faktenlage ist tatsächlich eine andere: Aktuell – Stand November 2018 – sind die ersten Selbstfahrer seit fast einem Jahr unfallfrei auf öffentlichen Straßen in Deutschland unterwegs und es gibt eine Vielzahl öffentlich bekannter Kooperationen zwischen traditionellen Automobilfirmen und High-Tech-Unternehmen, die alle als Zielzeit für diese Technologie den Anfang des kommenden Jahrzehnts benennen.

Unternehmensfehler durch selbsternannte Experten?

Beide Expertenaussagen sind also durch die Realität widerlegt – und dennoch klammern sich viele Manager und Unternehmer daran, um sich dem notwendigen Innovationsprozess nicht stellen zu müssen: Taxifahrer klagen vor Gericht gegen Uber und Moia, den zukünftig autonom fahrenden Dienst von VW, die Benzinfirmen erneuern weiter Tankstellen, ohne Ladesäulen zu integrieren und der österreichische Fahrschul-Vermarkter Guido Peternell spricht gar von einer rosigen Zukunft des Fahrlehrerberufes. Wofür man Fahrschullehrer noch benötigt, wenn man sich nur noch von autonom fahrenden Taxen und Bussen transportieren lässt, sagt er übrigens nicht.

Nun hat es die Zukunft so an sich, dass man sie eben nicht vorhersagen kann. Lohnt es sich dann überhaupt, über die Trugschlüsse der Experten-Prognosen zu klagen? Ja, es lohnt sich. Denn es ist nicht die Beschäftigung mit der Zukunft an sich, die Geschäftsführer und Unternehmer auf die falsche Fährte führt, sondern die scheinbare Genauigkeit, mit der Branchenkenner, Wissenschaftler und Pseudo-Zukunftsforscher diese Zukunft beschreiben. Zukunftsvorträge verkaufen sich einfach besser, wenn man eine ordentliche Portion Science Fiction hineingibt.

So merkwürdig es klingt: Erst der Verzicht auf Präzision macht aus wilden Spekulationen ernsthafte Zukunftsvorbereitung. Erst wenn man Unwägbarkeiten ins Kalkül nimmt und systematisch mögliche Optionen bewertet, erhält man halbwegs wertvolle Aussagen über die Zukunft der eigenen Branche.

Ein Beispiel: Würde ich Ihnen jetzt eine Wette anbieten, dass ich voraussagen kann, wo genau sich der Ball in der 43. Minute des nächsten Bundesliga-Duells zwischen Dortmund und München befinden wird, würden Sie mich erst einmal nicht ernst nehmen, richtig?

Das Beispiel des Fußballfeldes als Idee für die Zukunftsplanung

Verzichten wir nun aber auf ein wenig Präzision, lässt sich schon eine ziemlich genaue Voraussage einschließlich einer Abschätzung erstellen, wie groß die Wahrscheinlichkeit dafür sein wird: Laut Spielplan der Bundesliga wird das Spiel Dortmund gegen Bayern am 6. April 2019 um 15:30 Uhr in der Allianz-Arena angepfiffen. Der Ball wird sich also um 16.13 Uhr an den Koordinaten 40 Grad 13‘ 7‘‘ nördlicher Breite und 11 Grad 37‘ 27‘‘ östlicher Länge plus/minus zweier Bogensekunden befinden. Das ist die Lage der vier Eckfahnen. Innerhalb dieses Rahmens der vier Eckfahnen lässt sich also eine sogar recht präzise Voraussage machen.

Nun gilt es noch Abschätzungen dazu vorzunehmen, was den Ball hindern könnte, genau dort zu sein. Der größte Unsicherheitsfaktor ist eine Spielunterbrechung, die genau zur 43. Minute dazu führt, dass der Ball außerhalb des Spielfeldes liegt (berechenbar). Weitere Faktoren wären zum Beispiel eine Spielverlegung auf einen anderen Termin (denkbar) oder einen anderen Ort (wenig wahrscheinlich) oder dass es aus irgendwelchen katastrophalen Gründen kein Bundesliga-Spiel zwischen Bayern und Dortmund mehr gibt (sehr unwahrscheinlich).

Durch den Verzicht auf Genauigkeit einer Vorhersage gewinnt man also einen Rahmen für Planungen. Vier Eckfahnen helfen, den Ort des Spiels einzugrenzen und mögliche Unsicherheitsfaktoren zu definieren, ein Vorgehen, welches man im Zukunftsmanagement Szenario-Technik nennt.

Unangenehme Szenarien nicht ausschließen

Je besser man sich also mit den Rahmenbedingungen der eigenen Branche auskennt – und je offener man für denkbare Szenarien ist –, desto leichter fällt es, Szenarien – die Eckfahnen – für das eigene Geschäft zu definieren. Wichtig für die eigene Zukunftsstrategie ist also, den Rahmen möglichst präzise einzugrenzen, in dem das zukünftige Geschäft vermutlich stattfinden wird. Blendet man hingegen eine oder mehrere dieser Markierungen aus, läuft man Gefahr, ganz an der Zukunft vorbeizuplanen: Meine oben gemachte Aussage zur Lage des Balles zum Beispiel verliert sofort an Wahrscheinlichkeit, wenn ich behaupten würde, der Ball befände sich in der 43. Minute in der Nähe der nordöstlichen Fahne.

Schließen Sie also in Ihrer Zukunftsvorbereitung Optionen erst dann aus, wenn Sie Wahrscheinlichkeitsabschätzungen vorgenommen haben. Keinesfalls darf eine Eckfahne fehlen, nur weil diese ein für Ihre Branche oder Ihr Unternehmen ungünstiges Szenario beschreibt.

Und: Manager und Unternehmensführer täten gut daran, weniger auf die selbsternannten Propheten mit singulären, pseudowissenschaftlichen Voraussagen zu hören als vielmehr Prozesse aufzusetzen, um eigene Eckfahnen zu definieren.

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