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2022 | OriginalPaper | Buchkapitel

12. Umbrüche IV: Konfliktantizipation und -auflösung durch Plattformen   

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Zusammenfassung

Die Digitalisierung verändert die Art und Weise, wie Menschen miteinander kooperieren, und betrifft deshalb mehr oder weniger alle Organisationsformen und auch den Nationalstaat selbst. Sicherheitsfunktionen werden von diesen Veränderungen nicht ausgenommen sein. So muss es auch nicht verwundern, dass die Diskussion über die digitale Transformation von Sicherheitsinstitutionen in letzter Zeit an Geschwindigkeit gewinnt. Vielfach fokussieren sich diese Betrachtungen allerdings auf ein Weiterdenken von Waffensystemen und weniger auf die Art und Weise, Konflikte frühzeitig zu erkennen und aufzulösen. Gerade das bereits diskutierte Plattformkonzept kann nun in diesem Kontext eingeführt werden und verspricht ein durchaus radikales Neudenken von Sicherheit und Verteidigung. Verteidigungsplattformen ermöglichen Fähigkeiten, welche Konflikte antizipieren und auch Kapazitäten zur Auflösung der zugrunde liegenden Ursachen.
Fußnoten
1
Vgl. Cole (2015). Zu einem Überblick zum Verhältnis Militär und Futurologie, insbesondere auch zu den Plänen an der Jahrtausendwende vgl. Gray (1997: 213 ff.). Zu der Rolle futurologischer Literatur als Ausdruck von den gesellschaftlichen Imaginationen von Konflikten und Waffensystemen: Franklin (2008: 54–80).
 
2
Zu den massiven Auswirkungen der Digitalisierung auf die Ökonomien des Südens: UNCTAD (2016). Zu bewaffneten Konflikten als Konsequenzen des Klimawandels insbesondere im Globalen Süden: Schleussner et. al. (2016).
 
3
Hier ist bemerkenswert, dass zumindest das Thema der Verteidigung vom Smart Cities immer relevanter wird: „Keeping a smart city secure is a challenge as the urban safety ecosystem of citizens can involve a variety of scenarios and threats, including terrorism, crime, weather incidents, and natural disasters. Thus, from a security perspective, a smart city design needs to include processes and technologies that protect and secure citizens.“ (Brooks, C. 2021)
 
4
Etwa das Beispiel der Peacefactory-Plattform, die iranische und israelische Bürger verbindet und einen neuen Diskurs abseits der politischen Konfliktlinien ermöglicht: Peacefactory (o. J.). Ohne eine solche Komponente, die lösungsunwillige Kontrahenten „überspielt“ oder umgehen kann bzw. bislang ungehörte Stimmen in den Konflikt bringt, kann eine Konfliktauslösungsplattform im neueren Sinne wohl nicht entstehen: „We need to develop robust counter-concepts to the war machine: the paramount task is to counter the representation and continuation of violence through infowar with a new concept for the prevention and resolution of conflict […].“ (Der Derian 2009: 245)
 
5
Zu den Dienstleitungen im Bereich Bildung, Sicherheit, die in diesem „Crowdmodus“ ablaufen und Betroffene zu Friedens- ‚Produzenten‘ machen, vgl. Al-Ani/Petritsch (2017).
 
6
Hier wäre eine Plattform denkbar, die, ähnlich der Plattform „Beteiligungskompass“ der Bertelsmann Stiftung, Entscheidungsprozesse und -verfahren vorschlägt und diese auch moderiert bzw. betroffene Parteien untereinander verbindet und so demokratiepolitische Lernprozesse ermöglicht: Bertelsmann Stiftung (o. J.).
 
7
So müssen zur Beeinflussung des „gegnerischen Willens“ Plattformen in der Lage sein „(…) militärische Aktionen im Informationsraum begleiten und gestalten zu können. Dazu zählt auch die Fähigkeit ggf. zusammen mit anderen, als eigenständige oder begleitende Operation im Informationsraum (gegen-)wirken zu können.“ (Autorenteam Kdo H II 1 (2): 9)
 
8
„In the short term, advances in AI will likely allow more autonomous robotic support to warfighters and accelerate the shift from manned to unmanned combat missions.“ (Allen/Chan 2017: 16)
 
9
Hier werden sich Verteidigungsplattformen wohl nicht anders verhalten als zivile, welche ebenfalls einen Hang zur Monopolbildung aufweisen, um möglichst umfassende Daten zu sammeln und zusätzliche Services anzubieten: Srnicek (2017: 93 ff.)
 
10
Über die Plattform Wikistrat sind etwa tausende von Politikexperten verfügbar, die geopolitische Herausforderungen jeglicher Art bearbeiten können: Wikistrat (o. J.).
 
11
Analog dem Open Source Intelligence Ansatz: vgl. Steele (2012); Politi (2003).
 
12
Zu frühen Versuchen der kybernetischen Steuerung auf nationaler Ebene (Chile) s. Kap. 2. Zu frühen Schritten der Steuerung militärischer Entscheidungen durch ML im Vietnamkrieg: Madrigal (2017).
 
13
Hier könnte etwa die Desensibilisierung gegenüber Cyberverbrechen, Vereinnahmungen aller Gesellschaftsschichten und totalitäre Tendenzen, der Verlust an Vertrauen aber auch Entkopplungs- und Dezentralisierungsstrategien, um derartigen Schlägen auszuweichen, genannt werden. Sowohl das Internet als auch Technologien wie etwa Blockchain wurden ja entwickelt, um dezentral agieren zu können. Insbesondere die Tendenz zur Dezentralisierung zur Abwehr von Cyberangriffen geht dann einher mit der Idee autarker, aber zugleich vernetzter Communities, welche weiter unter diskutiert werden (siehe Kap. 13 & 14): „If economies, societies, governments, and their international system are going to survive serious erosions of trust, they will need more bonds and links and fewer dependencies on central nodes, and new ways to reconstitute network components even as they are under attack.“ (Schneider 2022: 29)
 
14
So ist wohl auch die Aussage des russischen Präsidenten zu ML bzw. KI zu verstehen: „Whoever becomes the leader in this sphere (AI), will become the ruler of the world.“ (Vincent 2017) Mit der Verringerung der Technologiekosten (Drohnen) erodiert dieser Vorsprung natürlich.
 
15
Zu diesem Miltärzynismus vgl. Sloderdjik (1983: 416 ff.).
 
16
Etwa im Nahen Osten: „[T]he Israeli dot-com generation seems not to have the stomach for mortal combat. They have started to ask why they should risk their lives when precision weapons can reduce war to a video game. For the pony-tailed youth of Tel Aviv’s night spots, the war in Lebanon was becoming their Vietnam and they would rather their government fought it by remote control.“ (Daily Telegraph, Mai 23, 2000, zitiert nach Der Derian (2000: 773). Der Militärhistoriker Keegan sah diese Entwicklung schon in den 1970er Jahren voraus. Er vermutete allerdings verfrüht, dass die erfahrenen Grausamkeiten offener Schlachten gerade bei der jungen Generation zu einem Umdenken führen würden, wobei er die asymmetrischen Konflikte antizipieren konnte: „The young have made their decision. They are increasingly unwilling to serve as conscripts in armies they see as ornamental. The militant young have taken their decision a stage further. They will fight for a cause they profess not through mechanisms of state and its armed power but, where necessary, against them, by clandestine and guerrilla methods. It remains for armies to admit that battles of the future will be fought in never-never land.“ (Keegan 1976: 343)
 
17
„We can rattle off casualty rates of prototypical virtuous conflicts like the Gulf war (270 Americans lost their lives-more than half through accidents), the Mogadishu raid (18 Americans killed), and the Kosovo air campaign (barring accidents, a remarkable zero casualty conflict for the NATO forces). Yet, in spite of valorous efforts by human rights organizations, most people would probably come up short on acceptable figures for the other side of the casualty list. Post-Vietnam, the United States has made many digital advances; public body counts of the enemy are not one of them.“ (Der Derian 2000: 772)
 
Metadaten
Titel
Umbrüche IV: Konfliktantizipation und -auflösung durch Plattformen   
verfasst von
Ayad Al-Ani
Copyright-Jahr
2022
DOI
https://doi.org/10.1007/978-3-658-37947-6_12

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