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27.02.2014 | Umwelt | Interview | Onlineartikel

Fukushima – verloren für alle Ewigkeit?

Autor:
Günter Knackfuß

Die nukleare Katastrophe von Fukushima jährt sich im März 2014 zum dritten Mal. Im Interview berichtet Mario König, der als Sachverständiger vor Ort war, über seine Eindrücke, die gegenwärtige Situation und nächste sinnvolle Schritte.

Drei Jahre nach Fukushima sind in der Folge globale Schadwirkungen auf die Weltmeere, auf Menschen und Tiere nachgewiesen worden. Ein Ende ist nicht in Sicht.

Springer für Professionals: Mit dem Team des THW waren sie 2011 vor Ort. Welche Aufgaben standen vor ihnen?

Mario König: Bei dem in den Einsatz gekommenen Team handelte es sich um die SEEBA (Schnelleinsatzeinheit Bergung Ausland), die speziell für den Auslandseinsatz aufgestellt wurde. Die Aufgabe des THW-Teams besteht in der Suche und der Rettung verschütteter Personen nach einem Erdbeben. Meine Aufgabe innerhalb des Teams ist die Beratung im Bereich Gefahrstoffe. Der Schwerpunkt meiner Arbeit bei unserem Einsatz in Japan war der Bereich Strahlenschutz. Durch Informationen aus nationalen japanischen Quellen aber auch vom Deutschen Wetterdienst und dem Bundesamt für Strahlenschutz wurde für jeweils 24 h im Voraus eine Beratung des Teamleiters für die Einsatzplanung durchgeführt. Darüber hinaus wurde die Strahlenüberwachung der Einsatzkräfte organisiert und der jeweils vor Ort eingesetzte Erkundungstrupp mit Messtechnik begleitet, um einen Anstieg der Ortsdosis sofort erkennen zu können. Darüber hinaus kam es zu umfangreichen Informationsgesprächen mit den Einsatzkräften über die radiologische Bewertung der jeweiligen Einsatzsituation. Durch die beschriebenen Maßnahmen konnte sichergestellt werden, dass keiner der Helfer einer erhöhten Ortsdosisleistung ausgesetzt wurde.

Was hat sie am meisten betroffen gemacht?

Die Feststellung, mit welcher Gelassenheit die einheimische Bevölkerung in dem von uns besuchten Gebiet auf die Lage reagiert hat und wie vergleichsweise aufgeregt die Stimmung in Deutschland war, obwohl hier für die Bevölkerung objektiv keinerlei Gefahr bestanden hatte. Dieser Eindruck verstärkte sich nach der Rückkehr nach Deutschland nochmals erheblich. Hier war, wohl nicht unbeeinflusst durch die Medien, das Verhalten teilweise schon fast als hysterisch zu beschreiben.

Wie beurteilen sie die gegenwärtige Situation?

Eine Bewertung der gegenwärtigen Lage mit dem mir zur Verfügung stehenden Material ist schwierig. Einige Punkte können aber schon als vergleichsweise gesichert betrachtet werden.

Die Kommunikation der japanischen Behörden mit der betroffenen Bevölkerung  während des akuten Schadensfalles, aber auch danach, ist wohl nicht als optimal zu bezeichnen, was zu einem erheblichen Vertrauensverlust der Bevölkerung geführt hat.

Die Lage in den havarierten Reaktorblöcken und der Umgang mit der radioaktiven Kontamination durch den Kraftwerksbetreiber ist mit Sicherheit als unsicher und unbefriedigend zu bezeichnen.

 Welche Maßnahmen sind ihrer Meinung nach dort zwingend notwendig?

Die Antworten für diese Fragen folgern aus den oben dargestellten Problemen. Zuerst ist sicherzustellen, dass von den havarierten Reaktorkernen keine Gefahr mehr ausgehen kann, was eine Bergung der Brennstäbe voraussetzt.  Anschließend ist eine sichere Einhausung des Reaktorkerns zu realisieren. Zuletzt ist eine nachhaltige Entsorgung der radioaktiven Kontamination sicherzustellen. Ebenso müsste eine engmaschige medizinische Beobachtung, insbesondere der jungen Bevölkerung, im von der Kontamination betroffenen Gebiet stattfinden, um möglichst frühzeitig einen Einfluss der radioaktiven Belastung erkennen zu können.

In Deutschland wurde die ATF, die Analytische Task Force geschaffen. Wie arbeitet diese Einheit?

Diese Einheit besteht aus sechs operativen Einheiten an den Standorten Berlin, Dortmund, Hamburg, Köln, Mannheim und München die von den dortigen Berufsfeuerwehren bzw. in Berlin von der Polizei gestellt werden. Die Standorte sind so über Deutschland verteilt, dass jeder Punkt des Bundesgebietes innerhalb von zwei bis maximal drei Stunden erreicht werden kann. Diese Standorte werden vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe mit technischer Ausstattung, finanziellen Mitteln und organisatorisch unterstützt. Die Gefahrenabwehr im Bereich ABC-Schutz ist in Deutschland in einem vierstufigen System aufgebaut. Die ATF stellt dabei die vierte Stufe dar, mit der Einheiten der Kommunen, der Kreise und der Länder durch den Bund unterstützt werden können. Die Teams sind so aufgestellt, dass sie unter maximaler Schutzstufe die verschiedensten Proben nehmen können, die unmittelbar vor Ort einer Analyse unterzogen werden. Anschließend erfolgt anhand der Untersuchungsergebnisse eine Beratung der eingesetzten Feuerwehr, Mediziner oder auch der Umweltbehörden. Die ATF-Einheiten vor Ort werden durch ein nationales Expertennetzwerk bei der Expertise unterstützt.

Vorbeugung ist immer noch der beste Katastrophenschutz. Welche Anforderungen bestehen dafür generell?

Die Vorbeugung und damit verbunden die Vorbereitung im Bereich Katastrophenschutz ist ein sehr komplexes und mehrstufiges Thema. Ich möchte es daher vom Kleinen zum Großen hin entwickeln.

Die erste Anforderung müssen wir an uns selbst stellen. Jeder muss für sich ein gewisses Maß an Vorbereitung für den Eigenschutz betreiben, da insbesondere bei außergewöhnlich großen Schadenslagen die öffentliche Hilfe nicht für jeden, zeitnah realisiert werden kann. Informationen hierzu finden sich auf der Homepage des BBK unter www.bbk.bund.de.

Die öffentliche Maßnahme beginnt im lokalen Bereich (Gemeinden, Städte, Kreise) mit den entsprechenden Genehmigungsverfahren im Bereich baulicher Anlagen, wie z.B. Chemiebetriebe. Hier liegt der Schwerpunkt im Bereich Brand- und Explosionsschutz sowie der Rückhaltung von Gefahrstoffen und Löschwasser. Untersucht wird aber auch eine Gefährdung durch geologische Gegebenheiten wie z.B. Überschwemmungsgebiete. Ein wesentlicher Punkt bei der Prävention ist eine hohe Sicherheitskultur des Unternehmens, die von der Geschäftsführung bis auf die unterste operative Ebene durchgängig sein muss, denn nur so kann der Fehlerfaktor Mensch minimiert werden.

Weiter geht es mit der Vorbeugung durch die Vorhaltung geeigneter Einsatzkräfte und Einsatzmittel (Fahrzeuge und Geräte), einer umfassenden Einsatzplanung für die verschiedensten Szenarien, der Beübung dieser Szenarien zur Identifizierung von Schwachstellen auf Ebene der zuständigen Gebietskörperschaft und dem Aufbau einer angemessenen Führungsstruktur.

Auf Ebene der Länder sind übergeordnete Strukturen geschaffen worden um lokale Einsatzkräfte bei Schadenslagen zu unterstützen, die die örtlichen Kräfte überfordern. Sollte auch diese Ressourcen nicht ausreichen, besteht die Möglichkeit über den Bund weitere Unterstützung aus dessen Potenzial zu beziehen (ATF, THW, Bundespolizei, Bundeswehr).

Als letzte Karte kann dann noch der Trumpf der Europäischen Union gespielt werden, die mit einem Koordinierungszentrum in Brüssel und dem sogenannten EU-Mechanismus Kräfte aus allen Mitgliedsländern der Europäischen Union aktivieren kann.

Zum Autor
Dipl.-Chem. Mario König ist Oberbrandrat und Strahlenschutzbeauftragter bei der Feuerwehr Mannheim. Als Autor bringt er sein Fachwissen beim "Hommel Handbuch der gefährlichen Güter" ein.
Kontakt: mario.koenig@mannheim.de

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