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26.09.2016 | Umwelt | Interview | Onlineartikel

"Die Ostsee ist ein faszinierender Forschungsgegenstand"

Autor:
Dipl.-Ing. Hans-Joachim Meier
Interviewt wurde:
Prof. Dr. Ulrich Bathmann

ist Direktor des Leibniz-Instituts für Ostseeforschung Warnemünde (IOW).

Das Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde lenkt den Forschungsfokus verstärkt auf die Ostsee. WASSER UND ABFALL sprach mit Prof. Ulrich Bathmann, Direktor des Instituts.

WASSER UND ABFALL: Herr Professor Bathmann, seit fünf Jahren leiten Sie das IOW. Der Standort Warnemünde kann ja auf mehr als sechs Jahrzehnte Meeresforschung zurückblicken. Was sind heute die großen Arbeitsschwerpunkte des Instituts und was ist das Besondere an seinem Forschungsansatz?

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01.09.2016 | Interview | Ausgabe 9/2016

„Die Ostsee ist ein faszinierender Forschungsgegenstand, aber auch ein Patient mit vielen Problemen“

Das Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde (IOW) wurde 1992 gegründet. Es baut auf verschiedenen meereswissenschaftlichen Einrichtungen, insbesondere dem in den 1950er-Jahren in Warnemünde etablierten Institut für Meereskunde auf. Ein …


Ulrich Bathmann: Im Großen und Ganzen geht es uns immer wieder um die Frage, wie sich die Ostsee im Zuge des globalen Wandels und des stetig zunehmenden Nutzungsdruckes verändern wird und was zu ihrem Schutz getan werden kann. Um nur ein paar wenige Beispiele zu nennen: Kann man die Überdüngung in den Griffƒ bekommen oder sind die positiven Auswirkungen geplanter Maßnahmen zur Reduzierung der Nährstoffeinträge bald schon durch die Effekte der Klimaerwärmung neutralisiert? Werden die mikrobiellen Gemeinschaften, die derzeit die Ausbreitung des Klimagases Methan oder giftigen Sulfids verhindern, dieser Aufgabe unter geänderten Umweltbedingungen noch gerecht? Oder müssen wir damit rechnen, dass es zu großen Veränderungen im System der mikrobiellen Stoffumsätze kommt? Wird mit wachsender Bevölkerungszahl im Einzugsgebiet der Chemie-Cocktail, der in die Ostsee gerät, gefährlich für Meereslebewesen und Menschen?

Das IOW vereint, wie schon sein Vorgängerinstitut zu DDR-Zeiten, alle vier Grunddisziplinen der Meeresforschung – Marine Geologie, Physikalische Ozeanographie, Meereschemie und Biologische Meereskunde – unter einem Dach. Dadurch sind wir bestens in der Lage, ganz umfassend und interdisziplinär die Wechselwirkung zwischen der marinen Lebewelt und den abiotischen Umweltparametern zu untersuchen. Zusätzlich haben wir vor gut drei Jahren ein Forschungsprogramm mit systemischem Ansatz entwickelt, das uns für insgesamt 10 Jahre leiten soll: Ein Forschungsstrang widmet sich grundlegenden Einzelprozessen bis in den mikroskopischen Bereich. Im zweiten wissenschaftlichen Fokus werden die Wechselwirkungen dieser Prozesse für das gesamte Ostseebecken untersucht. Der dritte Forschungsstrang berücksichtigt zusätzlich den Faktor Zeit und erforscht die Veränderlichkeit von Küsten- und Randmeeren in der Vergangenheit, um so auch Rückschlüsse für die Zukunft‰ zu ziehen. Im vierten Schwerpunkt arbeiten wir dieses Grundlagenwissen für die Anwendung in Politik, Behörden, Naturschutz etc. auf.

Eutrophierung gilt nach wie vor als eines der größten Umweltprobleme in der Ostsee. Wie beurteilen Sie hier den aktuellen Stand? Sind zur Nährstoffproblematik neue Probleme hinzugekommen, etwa durch bestimmte Schadstoffe?

Insgesamt sind die im Wasser gemessenen Nähstoffkonzentrationen in den letzten Jahren gesunken. Das ist zwar grundsätzlich eine gute Nachricht. Aber es gibt Speichereffekte, von denen wir noch recht lange etwas haben werden. Beispiel Phosphor (P): Zusätzlich zu gelöstem P lagern in den Sedimenten inaktive P-Verbindungen, die unter bestimmten Bedingungen wieder freigesetzt und in den Stoffkreislauf zurück gelangen können. Solange wir überschüssigen P im Wasser haben, werden die sommerlichen Blaualgen-Blüten nicht weniger. Denn bei ausreichendem P-Angebot können sie ihren Stickstoffbedarf durch Fixierung aus der Luft‰ decken und sorgen so wiederum dafür, dass regelmäßig hohe Stickstoffmengen ins Wasser gelangen – was ebenfalls die biologische Produktion ankurbelt. Überschüssiges organisches Material sinkt ab und wird am Meeresgrund durch Bakterien zersetzt, die dabei Sauerstoff verbrauchen. Dadurch breiten sich dort die so genannten sauerstoffarmen "Todeszonen" aus und ermöglichen unter anderem P-Freisetzung aus dem Sediment – ein echter Teufelskreis also.

Gute Nachrichten gibt es hinsichtlich bestimmter "traditioneller" Schadstoffe: Pflanzenschutzmittel wie DDT und andere persistente Umweltgifte wie das Schwermetall Quecksilber sind nach Verboten aus dem Wasser verschwunden. Jedoch gibt es auch hier keine vollständige Entwarnung, denn der persistente Charakter dieser Stoffe sorgt dafür, dass sie immer noch in den Sedimenten vorhanden sind. Sturmereignisse können diese "Deponien" aufwirbeln und die Schadstoffe so wieder in die Stoffkreisläufe bringen. Sorgen bereiten uns auch alte Munitionsdepots aus Weltkriegszeiten, da die Behälter durchrosten und die Gefahr besteht, dass hochtoxische Substanzen freigesetzt werden. Außerdem sind neue Schadstoffe in den Blickpunkt geraten – harmlos wirkende Alltagsstoffe wie Kosmetika, Sonnenschutzmittel oder Arzneimittel. Sie werden heute im Ostseewasser gefunden, und wir wissen noch nicht, was sie dort auslösen.

Lesen Sie das vollständige Interview "Die Ostsee ist ein faszinierender Forschungsgegenstand, aber auch ein Patient mit vielen Problemen" mit Prof. Ulrich Bathmann in Wasser und Abfall | Ausgabe 09/2016.

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