Skip to main content
main-content

09.03.2015 | Umwelt | Interview | Onlineartikel

Zukunftsfähige Mobilität – Weg und Ziel

Autor:
Günter Knackfuß

Der Verkehrsclub Deutschland macht sich für die Interessen aller ökologisch mobilen Menschen stark. Michael Ziesak spricht über Vorhaben des Clubs und Verkehrsthemen, die dringend angegangen werden müssen.

Springer für Professionals: Das Jahr 2015 wird von ihrer Seite wieder gespickt mit Projekten für den Klimaschutz. Welche Hauptvorhaben stehen auf dem aktuellen Programm?

Michael Ziesak: Im gerade verabschiedeten Aktionsplan Klimaschutz bekennt sich die Bundesregierung zu mehr Verkehrsverlagerung auf umweltfreundliche Verkehrsträger, um tatsächlich eine Absenkung der CO2-Emissionen zu erreichen. Dieses Ansinnen unterstützen wir. Jedoch müssen wir darauf achten, dass es nicht bei politischen Sonntagsreden bleibt. Darauf werden unsere Aktivitäten in 2015 ausgerichtet sein. Beispiel öffentlicher Nahverkehr: Was die Verlagerung auf Bus und Bahn angeht, sind die Hausaufgaben gemacht. In vielen Städten und Regionen ist der öffentliche Nahverkehr eine Erfolgsgeschichte. Doch die Zukunft der Finanzierung dieser Verkehre und somit die Fortsetzung der Erfolgsgeschichte ist massiv gefährdet. Wir brauchen endlich eine langfristige Planungssicherheit und eine Finanzierung auf deutlich höherem Niveau, um das bisher Erreichte zu erhalten und das Angebot weiter auszubauen. Der Bund muss anerkennen, dass er hier mit in der Verantwortung steht.

Leider werden auch immer noch ausgerechnet die Verkehrsträger, die klimaverträglich sind, steuerlich am unfairsten behandelt. Beispiel 2014: Das E-Auto wird gefördert, die E-Bahnen gleichzeitig mit neuen Abgaben belastet. Schließlich dürfen wir nicht locker lassen, wenn es um mehr Effizienz bei Pkw geht. Die Spritverbräuche sind nach wie vor viel zu hoch. Unsere Autos mögen chic sein, aber klimafreundlich sind deutsche Autos mitnichten. Eine wichtige Rolle – die immer noch viel zu wenig Beachtung findet – spielt außerdem das Fahrrad.

Mit 'Klimaverträglich mobil 60+' wenden sie sich an die ältere Generation. Wie komplex ist dieses Projekt ausgestaltet?

Weitere Artikel zum Thema

Mit dem Verbundprojekt "Klimaverträglich mobil 60+" unterstützen der ökologische Verkehrsclub VCD, die Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (BAGSO) und der Deutsche Mieterbund (DMB) seit 2012 ältere Menschen dabei, im Alltag und auf Reisen möglichst klimafreundlich unterwegs zu sein − sei es spritsparend mit dem eigenen oder dem Carsharing-Auto, sicher und bequem mit Bus und Bahn, zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Da es für diese Gruppe ein nahezu neues Informationsthema ist, wurde das Projekt auf breite Füße gestellt und auch thematisch komplex aufbereitet. Damit die Beratung bundesweit erfolgen kann, werden die Aktivitäten von acht Regionalkoordinatoren betreut. Neben Informationsveranstaltungen und persönlicher Mobilitätsberatung werden den älteren Menschen Online Tipps zu klimabewusstem Autokauf, Autoteilen, Spritsparen oder Fahrradfahren, Informationen zu Bus und Bahn oder zu klimaverträglichem Reisen zur Verfügung gestellt. Zudem können bei E-Rad-Touren, Sesseldreirad-Tests oder ÖPNV-Ausflügen neue oder bisher wenig genutzte Mobilitätsformen ausprobiert und im wahrsten Sinne des Wortes "erfahren" werden. Neben der direkten Ansprache älterer Verbraucherinnen und Verbraucher richtet sich das Projekt auch an Akteure von Wohnungs- und Einzelhandelsunternehmen, touristische Leistungsträger  sowie Dienstleister der mobilen Altenhilfe.

Wie bewerten sie die gegenwärtige Resonanz auf diese Aktion?

Das Projekt stößt bei der breiten Zielgruppe 60+ auf reges Interesse. Wir können nach zwei Jahren auf gut 5.000 persönliche Beratungen sowie über 160 Infoveranstaltungen und Aktionen zurückblicken. Der Bekanntheitssteigerung haben auch Großveranstaltungen geholfen, wie der Deutsche Evangelische Kirchentag und Verbraucher- und Seniorenmessen. Hohe mediale Resonanz erzeugten die Themen altersgerechter und klimabewusster Autokauf, Fahrradreisen sowie Fahrkarten-Automatenschulung. Auf jeden Fall war es richtig, mit einem breiten Themenspektrum an die älteren Menschen heranzutreten – sei es über Printmaterialien in Form von Mobilitätsratgebern als auch über Onlineinfos auf der Internetseite www.60plus.vcd.org und eben ganz praktische Ausflugsempfehlungen mit der Möglichkeit klimaverträgliche Mobilitätsformen auszuprobieren. 

 

In den Städten wollen sie die Lebensqualität für Fußgänger und Radfahrer verbessern. An welche Maßnahmen denken sie dabei?

Fußgänger und Radfahrer werden immer mehr an den Straßenrand gedrängt und eingeengt, der fließende wie ruhende Straßenverkehr hingegen nimmt vielerorts immer mehr öffentlichen Raum ein. Die Folge: die Lebensqualität sinkt. Wir brauchen also wieder mehr Platz für die Menschen. Auch Rollatoren-Nutzer oder Eltern mit ihren Kinderwagen wollen sich auf unseren Wegen verkehrssicher bewegen können. Radfahrer und Radfahrerinnen brauchen mehr Platz auf den Straßen und ebenso gehören "Bettelampeln" an Verkehrskreuzungen abgeschafft.

Wichtig bleibt dabei übergeordnet immer: eine bessere Vernetzung der verschiedenen Verkehrsträger miteinander. Davon profitieren alle, nicht nur der Fußgänger.

Mit dem Infoportal "Lasten auf die Räder!" wendet sich der VCD an Unternehmen und Kommunen. Wie sieht die Praxis aus?

Wir stellen auf der Internetseite www.lastenrad.vcd.org ein umfassendes Info- und Serviceangebot zu modernen Lastenrädern mit einer Transportkapazität bis zu 250 Kilogramm zur Verfügung. Auf dem Portal finden interessierte Kommunen und Unternehmen erfolgreiche Einsatzbeispiele, einen Marktüberblick und Informationen zu Beschaffung und Betrieb von Lastenrädern. Darüber hinaus stehen wir auch im Austausch z.B. mit Branchenverbänden der  Kurier-, Express- und Paketdienste über Einsatzkonzepte und haben letzten Herbst erstmalig E-Lastenräder auf der IAA Nutzfahrzeuge präsentiert. Dort wie anderswo war die Resonanz auf unser Projekt "Lasten auf die Räder!" außerordentlich groß. Denn viele Kommunen und Unternehmen spüren angesichts verstopfter Innenstädte und hoher Schadstoffwerte einen starken Handlungsdruck und erkennen sehr gut die Kosten- und Imagevorteile von modernen Lastenrädern in bestimmten Bereichen des Wirtschaftsverkehrs.

In der gesellschaftlichen Realität gibt es auch eine Reihe strittiger Verkehrsthemen. Welche sollten dringend auf die Tagesordnung?

Viele für uns wichtige Themen kann und will die derzeitige Bundesregierung nicht anpacken, u.a. weil sie befürchtet, dass dies Wählerstimmen kostet. Das betrifft die Reform der Dienstwagenbesteuerung, den Abbau der steuerlichen Ungleichbehandlung zwischen Flugzeug und Bahn oder auch das Tempolimit. Ganz besonders problematisch ist aus Sicht des VCD aber, dass der Bundesverkehrsminister auf die großen Herausforderungen in der Verkehrspolitik keine Antworten gibt. WLAN in allen Zügen oder selbstfahrende Autos sind "nice to have". Aber wir brauchen Antworten darauf, wie der Sanierungsstau bei deutschen Straßen endlich aufgehoben wird, wie der Erhalt finanziert werden soll, wie langfristig bezahlbare Mobilität für alle Menschen sicher gestellt werden kann, wie wir den Verkehrslärm von Straße, Schiene und Flugzeug minimieren. Unsere Vorschläge sind bekannt. 95 Prozent der verkehrspolitischen Debatte laufen aber derzeit zu einer Pkw-Maut, die keiner braucht.

Das Interview führte Günter Knackfuß, freier Autor, für Springer für Professionals.

Weiterführende Themen

Die Hintergründe zu diesem Inhalt

2014 | OriginalPaper | Buchkapitel

Neue Produkte für ältere Zielgruppen: worauf es bei der Vermarktung ankommt

Ein Beitrag von Prof. Dr. Thomas Jendrosch, Wirtschaftspsychologische Beratung, www.jendrosch.de
Quelle:
Von der Produktidee zum Markterfolg

BranchenIndex Online

Die B2B-Firmensuche für Industrie und Wirtschaft: Kostenfrei in Firmenprofilen nach Lieferanten, Herstellern, Dienstleistern und Händlern recherchieren.

Whitepaper

- ANZEIGE -

Systemische Notwendigkeit zur Weiterentwicklung von Hybridnetzen

Die Entwicklung des mitteleuropäischen Energiesystems und insbesondere die Weiterentwicklung der Energieinfrastruktur sind konfrontiert mit einer stetig steigenden Diversität an Herausforderungen, aber auch mit einer zunehmenden Komplexität in den Lösungsoptionen. Vor diesem Hintergrund steht die Weiterentwicklung von Hybridnetzen symbolisch für das ganze sich in einer Umbruchsphase befindliche Energiesystem: denn der Notwendigkeit einer Schaffung und Bildung der Hybridnetze aus systemischer und volkswirtschaftlicher Perspektive steht sozusagen eine Komplexitätsfalle gegenüber, mit der die Branche in der Vergangenheit in dieser Intensität nicht konfrontiert war. Jetzt gratis downloaden!

Bildnachweise