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06.06.2016 | Umwelt | Interview | Onlineartikel

"Weltweit essen mehr als zwei Milliarden Menschen Insekten"

Autor:
Günter Knackfuß
3:30 Min. Lesedauer
Interviewt wurde:
Dr.-Ing. Birgit Rumpold

Die promovierte Lebensmitteltechnologin ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Technik im Gartenbau am Leibniz-Institut für Agrartechnik in Potsdam-Bornim. © Rumposch/ATB

Insekten liefern alle wichtigen Nährstoffe, die wir zum Leben brauchen. Sie könnten auch ein wichtiges Instrument im Kampf gegen den weltweiten Hunger sein, erklärt Birgit Rumpold.

Springer Professional: Wer ernährt sich schon jetzt regelmäßig von Insekten und wie werden sie zubereitet?

Birgit Rumpold: Weltweit essen bereits mehr als zwei Milliarden Menschen Insekten, vor allem in Afrika, Asien, Südamerika und Australien. Sie verspeisen über 2.000 verschiedene Insektenarten. Darunter Käfer, Raupen, Bienen, Ameisen, Grillen, Heuschrecken, Wanzen und vieles mehr. Meist werden die Insekten immer noch wild gesammelt und dann zuhause zubereitet und gegessen oder auf dem Markt verkauft. Man kann sie frittieren, kochen, anbraten, man kann daraus Aufstriche oder Chutneys machen oder sie trocknen. Letztlich kann man sie genauso zubereiten wie andere Zutaten, die in unserer Küche schon länger beheimatet sind.

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Die Ernährung gehört zu den physiologischen Grundbedürfnissen jedes Menschen. Als offenes System steht er zeitlebens im Stoff- und Energieaustausch mit seiner Umwelt und ist daher darauf angewiesen, Substanzen aufzunehmen, um alle Körperfunktionen au


Wie sehen sie die gesundheitlichen Vorteile?

Insekten sind reich an Nährstoffen, Proteinen und Spurenelementen. Ihre Proteinzusammensetzung entspricht den Empfehlungen der WHO für gesunde Ernährung. Insekten-Lipide sind reich an einfach und mehrfach ungesättigten Fettsäuren. Einige Arten sind sogar cholesterinfrei.

Ist es wirklich unbedenklich, Insekten zu essen?

Ja, wenn Insekten in einer sicheren Umgebung gezüchtet und verarbeitet werden, sollte es unbedenklich sein, sie zu essen. Die mikrobielle Sicherheit muss auf jeden Fall gewährleistet sein. Insekten kommen ja ganz auf den Teller. Sie werden nicht ausgenommen und enthalten daher noch ihre Darmflora. Insekten, die man in der Natur gesammelt hat, können Pestizide enthalten, Schwermetalle und Giftstoffe – je nachdem, was sie gefressen haben. Sie können auch Krankheitserreger übertragen: Bakterien, Parasiten oder sogar Viren. Und wie alle Nahrungsmittel, die Proteine enthalten, haben sie ein gewisses Allergiepotenzial. Jemand, der eine Allergie gegen Krustentiere hat, könnte also auch allergisch auf Insekten reagieren. Noch nicht bekannt ist, wie sich der Konsum von Chitin auswirkt, wenn wir regelmäßig große Mengen Insekten essen.

Können Insekten helfen, den Welthunger zu bekämpfen?

Definitiv, da sie eine zusätzliche Energie- und Proteinquelle darstellen. Allerdings geht das Wissen, wie man Insekten züchtet, zubereitet und verspeist, allmählich verloren, da sich zunehmend ein westlicher Lebensstil ausbreitet. Wir müssen ein Bewusstsein für die Vorteile einer Ernährung mit Insekten schaffen. Das heißt nicht nur, die Scham abzubauen, Insekten zu essen, sondern auch dafür zu sorgen, dass nicht noch mehr Wissen verloren geht. Übrigens sind Insekten auch als Futtermittel interessant, zum Beispiel als nachhaltige Alternative zu Fischmehl und Soja.

Welche Wirkungen entstehen auf die Umwelt, wenn man sich von Insekten ernährt?

Verglichen mit konventioneller Viehzucht braucht man weniger Platz und weniger Wasser, um Insekten zu züchten. Die Studie eines niederländischen Wissenschaftlers zeigt auch, dass weniger Treibhausgase produziert werden. Insekten setzen Futter zudem effizienter in Köpermasse um, brauchen also im Verhältnis weniger Nahrung. Außerdem haben sie mehr Nachwuchs und die Zeitspanne der Aufzucht ist kürzer. Alles in allem sind sie daher nachhaltiger als Fleisch. Ein übermäßiger Verzehr von Insekten, die in der freien Natur gesammelt werden, kann aber auch Arten gefährden. In Mexiko sind zum Beispiel einige essbare Insekten vom Aussterben bedroht, weil zu viele von ihnen getötet wurden. Die Biodiversität von Insekten ist entscheidend für das gesamte Ökosystem und wichtig etwa für die Wälder, aber auch für Agrarwirtschaft, Futtermittel- und Nahrungssicherheit. Denn Insekten haben viele Funktionen für die Umwelt, sie sorgen für die Bestäubung oder die Zersetzung von toten Materialien.

Welchen Forschungsbedarf sehen sie für eine zukünftige Produktion von Insekten?

Derzeit gibt es riesige Wissenslücken. Zum einen, was die Produktion angeht. Aber auch im Hinblick auf die Verarbeitung, die Zusammensetzung und den Verzehr von Insekten – als Nahrungsmittel genauso wie als Futtermittel. Das muss untersucht werden, allein schon um die rechtlichen Beschränkungen aus dem Weg zu räumen. Außerdem muss künftige Forschung die Produktionsprozesse optimieren, weil im Moment bei der Aufzucht noch eine Menge Handarbeit notwendig ist. Die Produktionskosten sind daher noch zu hoch, um sich im Verhältnis zu den steigenden Futterpreisen zu rentieren. Für die nächsten Jahre erwarte ich, dass rechtliche Restriktionen und Regulierungen für die Produktion und die Vermarktung von Insekten gelockert werden. Und dann wird auch die Produktion von Insekten ansteigen.                               

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