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29.04.2013 | Umwelt | Interview | Onlineartikel

Nachhaltige Mobilität der Zukunft

Autor:
Günter Knackfuß

Als Zusammenschluss von Partnern aus Wirtschaft und Wissenschaft unterstützt die Forschungsunion als Beratungsgremium die Umsetzung und Weiterentwicklung der "Hightech-Strategie 2020 für Deutschland". Im Interview Prof. Dr.-Ing. Thomas Weber, Sprecher der Forschungsunion, Gruppe Mobilität und Mitglied des Vorstands der Daimler AG, verantwortlich für Konzernforschung & Mercedes-Benz Cars Entwicklung.

Die Forschungsunion fokussiert auf die Bedarfsfelder Klima/Energie, Gesundheit/Ernährung, Mobilität, Sicherheitund Kommunikation. Hier erarbeitet sie Zukunftsprojekte, mit denen Deutschland einen Spitzenplatz bei der Lösung globaler Herausforderungen einnehmen soll. Initiativen zur Umsetzung der Zukunftsprojekte werden entwickelt und nachverfolgt. Ein starker Partner bei der vernetzten Mobilität ist u.a. die Daimler AG.

Sie haben das Zukunftsbild „Nachhaltige Mobilität“ erarbeitet. Welche Ziele stehen dabei im Mittelpunkt?

Mobilität ist zentraler Bestandteil unserer Gesellschaft, denn mobil zu sein bedeutet persönliche Freiheit und Lebensqualität. Gleichzeitig gibt es aber eine Reihe von Herausforderungen, wie zum Beispiel endliche Ressourcen, Lärm, Luftbelastung oder Staus. Um die Zukunft der Mobilität nachhaltig zu gestalten, brauchen wir intermodale Lösungen, die alle Partner der Mobilitätsindustrie mit einbeziehen. Wie wir uns diese vernetzte Mobilität vorstellen, zeigen wir im Rahmen der Forschungsunion in unserem gemeinsamen Zukunftsbild "Nachhaltige Mobilität". Aus dieser Vision haben wir Ziele und Handlungsempfehlungen abgeleitet, die wir am 23. April 2013 an die Bundesregierung übergeben haben.

In ihrer Promotorengruppe arbeiten noch weitere namhafte Partner. Welche sind das?

Die Forschungsunion im Bedarfsfeld Mobilität umfasst insgesamt sechs Partner: Daimler, Deutsche Bahn, Bundesverband der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie e.V. (BDLI), BASF, Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Wittenstein AG. Die in dieser sehr konstruktiven Runde erarbeiteten Handlungsbedarfe haben wir dann in so genannten Umsetzungsforen mit weiteren Partnern aus der deutschen Mobilitätsindustrie diskutiert und validiert. Dazu gehörten verschiedene Player aus der Mobilitätsindustrie, z. B. (Fahrzeug-) Hersteller und Zulieferer ebenso wie Vertreter aus Politik und Wissenschaft.

Bei der vernetzten Mobilität soll sich Deutschland zum Leitmarkt und weltweiten Leitanbieter entwickeln. Worauf kommt es dabei an?

Deutsche Hersteller und Mobilitätsanbieter sind meist global agierende Unternehmen. Wir entwickeln und produzieren hochwertige Produkte und Dienstleistungen, die wir überall auf der Welt verkaufen. Dieser Erfolg beruht auf dem Verständnis für die Kundenanforderungen und der Fähigkeit, diese Bedarfe in exzellente Produkte und Dienstleistungen umzusetzen. Der Leitmarkt vor der Haustür ist damit ein wichtiger Impulsgeber für innovative Mobilitätslösungen und Verkehrssysteme. Durch Schaufenster, in denen intelligente intermodale Mobilität sichtbar und erlebbar wird, kann die weltweite Nachfrage angeregt werden. Daher ist es wichtig, in Deutschland kontinuierlich die Rahmenbedingungen für die Entstehung von Mobilitäts-Leitmärkten zu schaffen – mit entsprechenden Forschungsprogrammen aber auch mit der Schaffung der rechtlichen Voraussetzungen.

In der Metropolregion Rhein-Main um Frankfurt wird die intelligente Mobilität getestet. Reist dort bereits die Zukunft?

In gewisser Weise schon. Im Rahmen des Forschungsprojektes simTD (Sichere Intelligente Mobilität – Testfeld Deutschland) fand im letzten Jahr unter der Leitung der Daimler AG rund um Frankfurt der weltweit größte Feldversuch zur Car-to-X Kommunikation statt. Dabei geht es darum, dass die Fahrzeuge mit ihrer Umwelt so kommunizieren, dass der Verkehrsfluss situationsgerecht optimiert werden kann. Car-to-X ist damit eine Basistechnologie, die eine neue Generation von Fahrerassistenzsystemen und Komfortfunktionen ermöglichen kann.

Sie sehen die Daten als das "Öl der Zukunft". Was verbirgt sich dahinter?

Heute stehen verkehrsrelevante Daten nicht durchgängig in Echtzeit und standardisiert zur Verfügung. Um die großen Potentiale einer vernetzten Mobilität nutzen zu können, hat die Datenverfügbarkeit jedoch höchste Priorität. Nur dann können zum Beispiel Verkehrsflüsse optimiert werden und dem Kunden Anbieter übergreifende Lösungen angeboten werden. Der Zugang zu diesen Daten, standardisierte Schnittstellen, cloudbasierte Ansätze und vor allem die Datensicherheit sind hier die Erfolgsfaktoren. Daran arbeiten wir mit Nachdruck.

Der elektronische Mobilitätsassistent – wie muss man sich den vorstellen?

Der elektronische Mobilitätsassistent, beispielsweise als App auf einem Smartphone, zeigt dem Nutzer in Echtzeit die relevanten regionalen und überregionalen Verkehrsflüsse und berechnet diese dynamisch voraus. Dazu gehören Informationen über öffentliche Verkehrsmittel, Carsharing-, Taxi- und Mitfahroptionen ebenso wie auch Umsteigemöglichkeiten auf Bahn oder Flugzeug. Die Empfehlungen des Assistenten berücksichtigen dabei unterschiedliche Parameter, wie zum Beispiel Staus oder das Wetter. Die möglichen Optionen werden in Echtzeit angezeigt. Zudem werden Informationen über Lärm- und Schadstoffemissionen auf der Route ausgewiesen und persönliche Einstellungen des Nutzers berücksichtigt. Ein intermodales Störfallmanagement bezieht dabei die individuellen und logistikbezogenen Wegeketten bei Störfällen mit ein. Dies ermöglicht dem Verkehrsteilnehmer der Zukunft für seine tägliche Mobilität alle zur Verfügung stehenden Handlungsalternativen in Erwägung zu ziehen und sich situationsspezifisch für die aus seiner Sicht optimale Variante zu entscheiden.

Wo besteht diesbzgl. noch Forschungsbedarf?

Elektronische Mobilitätsassistenten sind keine Fiktion mehr – das zeigt zum Beispiel unser Daimler Mobilitätsangebot moovel. Allerdings können die heute verfügbaren Systeme noch nicht vollumfänglich auf Echtzeitdaten zugreifen oder Vorausberechnungen anstellen. Verspätet sich beispielsweise ein Bus, wird das in den heutigen Systemen nicht angezeigt und auch entsprechende Umsteigemöglichkeiten werden nicht automatisch aktualisiert. Hier sehen wir noch Handlungsbedarf. Nochmal: Datenverfügbarkeit hat höchste Priorität. Diese muss aber auch gesetzgeberisch flankiert werden. Datenzugang, standardisierte Schnittstellen, Datensicherheit/Datenintegrität – das sind einige zentrale Handlungsfelder für die Verkehrsflussoptimierung in der Zukunft. Daran wollen wir im Schulterschluss gemeinsam arbeiten – dies ist wichtig für alle Beteiligten – und für Deutschland.

Autonomes Fahren oder Fliegen sind bereits heute keine Utopie mehr. Bedarf es dafür nicht auch neuer rechtlicher Regelungen?

Ja, das ist ein sehr wichtiger Punkt. Die Akzeptanz und das Vertrauen in Assistenzsysteme, die immer mehr autonomes und unfallfreies Fahren möglich machen, wachsen - und damit die Nachfrage der Kunden. Momentan reifen diese Technologien schneller, als die Gesetzgebung entsprechende Rahmenbedingungen für den alltäglichen Einsatz der Systeme schafft. Vorreiter bzgl. der Gesetzgebung zum autonomen Autofahren sind aktuell einige amerikanische Bundesstaaten, die ihre Gesetze schon angepasst haben. Um Deutschland als Leitmarkt zu etablieren ist es daher umso wichtiger, dass auch hier die gesetzlichen Rahmenbedingungen für das autonome Fahren an die veränderte Ausgangssituation angepasst werden.

Leichtbaumaterialien, innovative Batterietechnik, Energiemanagement – wie effizient können dafür branchenübergreifende Wertschöpfungsketten sein?

Wir sehen hier große Synergiepotentiale. Auch wenn die Technologien, Materialien oder Produktionsprozesse letztendlich auf das jeweilige Produkt angepasst werden, gibt es gerade in der Forschungsphase viele Parallelen. Wie so etwas aussehen kann, zeigt das neue Kooperationsmodell "Forschungscampus", das letztes Jahr vom Ministerium für Bildung und Forschung ausgeschrieben wurde und in dem Wirtschaft & Wissenschaft gemeinsam unter einem Dach an Grundlagen forschen werden. Ein konkretes Beispiel für diese zukunftsweisende Kooperationsform sehen wir mit der ARENA 2036* an der Universität Stuttgart. Dort wird in Form einer Forschungsfabrik ein offenes Experimentierfeld für neue Methoden zur Fertigung und Montage von Leichtbaufahrzeugen geschaffen und in einem Konsortium von Forschern sowie mittelständischen und großen Unternehmen vorwettbewerblich ausprobiert.
(* ARENA = Active Research Environment for the Next generation of Automobiles 2036)

Zusammengefasst: Welche Hauptmerkmale kennzeichnen ihr gemeinsames Bild der zukünftigen Mobilität?

Die intermodale Vernetzung wird eine sehr wichtige Rolle spielen. Aber auch Themen wie emissionsfreies und autonomes Fahren, an denen wir auch heute bereits arbeiten, spielen in unserem gemeinsamen Zukunftsbild eine wichtige Rolle. Nun gilt es die richtigen Weichen zu stellen, um gemeinsam diesen Weg zum Wohle der Gesellschaft fortsetzen zu können.

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