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17.06.2013 | Umwelt | Interview | Onlineartikel

10 Jahre Grünes Band Europa – Vom Eisernen Vorhang zur Linie des Lebens

Autor:
Günter Knackfuß

Gabriel Schwaderer, Geschäftsführer der Naturschutzstiftung EuroNatur, im Interview zum über 12.500 Kilometer langen Grünen Band als Korridor von Lebensräumen mit außergewöhnlicher Artenvielfalt entlang des einstigen Eisernen Vorhangs vom hohen Norden Europas bis zum Schwarzen Meer im Süden. Mittlerweile ist die faszinierende Idee, den früheren Eisernen Vorhang in ein Grünes Band Europa zu verwandeln, zumindest teilweise, Wirklichkeit geworden.

Springer für Professionals: Welchen Grundcharakter kennzeichnet das Grüne Band?

Gabriel Schwaderer: Die Bereiche entlang des Eisernen Vorhangs waren eine verbotene Zone, die von Menschen nicht betreten werden durfte und konnte. Während die Lebensräume vieler Tier- und Pflanzenarten überall in Europa durch eine immer intensivere land- und forstwirtschaftliche Nutzung oder durch Siedlungsentwicklung zerstört wurden, konnte sich die Natur am Grünen Band über einen langen Zeitraum frei entfalten. Im Schatten des Eisernen Vorhangs ist ein herausragendes europäisches Naturerbe erhalten geblieben. Das Grüne Band Europa mit seinen vier Teilabschnitten ist viele Tausend Kilometer lang. Kein Wunder also, dass länderspezifische, aber auch topografische Unterschiede bestehen. Im norddeutschen Tiefland beispielsweise herrscht eine völlig andere Landnutzung als auf weiten Teilen der Balkanhalbinsel, wo die Grenzen vielfach auf Gebirgsrücken verlaufen. Diese Regionen werden natürlich deutlich weniger intensiv vom Menschen bewirtschaftet. Das Grüne Band ist ungeheuer vielfältig. Wie kostbare Perlen an einer Kette reihen sich urige Wälder und Sümpfe, artenreiche Kulturlandschaften, aber auch wilde Gebirgs- und Flusslandschaften aneinander, wie sie in Europa sonst kaum noch zu finden sind.

Welche Ziele verfolgt die Initiative Grünes Band?

Die gesamteuropäische Naturschutzinitiative Grünes Band Europa hat zum Ziel, das gemeinsame Naturerbe aus der Zeit der Ost-West-Teilung des Kontinents für kommende Generationen zu bewahren. Es trägt entscheidend dazu bei, die Biodiversität in Europa zu erhalten. Entlang des ehemaligen Eisernen Vorhangs gibt es mehrere Tausend Schutzgebiete. Die wollen wir als Kerngebiete eines ökologischen Verbundes schützen und entwickeln. Das bedeutet auch, dass wir eine nachhaltige und ökologische Regionalentwicklung fördern wollen.
Neben seiner Bedeutung für den Naturschutz ist das Grüne Band Europa ein lebendiges Denkmal für die erfolgreiche Überwindung des Kalten Krieges. Es hilft, die Gemeinsamkeiten zwischen Kulturkreisen und Ländern zu erkennen. Die große Aufgabe ist es nun, vorhandene Initiativen zum Naturschutz über Grenzen hinweg zu vernetzen und weiter auszubauen.

Wer hat die Projektidee vor 10 Jahren entwickelt?

Schon unmittelbar nach der politischen Wende in Europa hat EuroNatur mitgeholfen, den Donau-Drau-Nationalpark an der Grenze von Ungarn und Kroatien zu etablieren, der heute einen sehr wichtigen Bereich des Grünen Bandes Europa schützt, obwohl es damals noch nicht so genannt wurde. Gemeinsam mit dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland, dem Bundesamt für Naturschutz und der Weltnaturschutzorganisation IUCN hat EuroNatur dann im Jahr 2003 die internationale Initiative Grünes Band Europa gestartet. Ausgangspunkt war damals eine internationale Konferenz, die das Bundesamt für Naturschutz im Juli 2003 in Bonn veranstaltete und bei der die Idee eines europaweiten länderübergreifenden Biotopverbundes erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt wurde.

Wie ist es gelungen, den grenzüberschreitenden Naturschutz im Süden Europas zu realisieren?

Den südlichsten Abschnitt des Grünen Bandes Europa bildet das Grüne Band Balkan. EuroNatur ist seit 2004 offizieller Koordinator der Naturschutzaktivitäten an diesem Teilstück. Dabei betreiben wir keinen Naturschutz von oben, sondern holen die Menschen mit ins Boot. Man kann sagen, dass der Naturschutz in Südosteuropa nicht ganz oben auf der Tagesordnung steht. Vor allem die Menschen in den einstigen Mitgliedsstaaten des Warschauer Pakts, aber auch in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens und in Albanien, sind derzeit vor allem mit dem wirtschaftlichen Aufbau ihrer Länder beschäftigt. Zudem gibt es dort kaum zivilgesellschaftliches Engagement. Weil verlässliche Finanzierungsquellen fehlen, haben es nicht-staatliche Naturschutzorganisationen schwer, langfristige Projekte zu planen und umzusetzen. Wir unterstützen deshalb vorhandene Initiativen zum Naturschutz, bauen sie weiter aus und tragen so zu einer Stärkung der Zivilgesellschaft bei. Mittlerweile haben wir auf dem Balkan ein verlässliches und grenzüberschreitendes Netzwerk aus Partnerorganisationen aufgebaut. Dieses Netzwerk ist die wichtigste Voraussetzung für erfolgreiche Schutzmaßnahmen. Mein Eindruck ist, dass gerade junge Naturschützer das Verständnis mitbringen, dass Natur vor allem auf dem Balkan, aber auch darüber hinaus, nur gemeinsam geschützt werden kann. Damit verbunden ist der Wunsch, weniger nationalstaatlich, sondern grenzüberschreitend zu denken und zu handeln. Der Naturschutz bietet eine hervorragende Plattform, Menschen aus ehemals verfeindeten Staaten zusammen zu bringen.

Welche Projekte betreut ihre Stiftung zurzeit?

EuroNatur arbeitet am Grünen Band Balkan in zahlreichen Projekten für den Schutz von Wildtieren wie Wölfen, Bären, Luchsen, Zugvögeln und ihren Lebensräumen. Der Erhalt artenreicher Seen-, Fluss-, Feuchtgebiets-, Gebirgs- und Kulturlandschaften hat für uns oberste Priorität. Ein besonders brennendes Problem ist derzeit, dass nahezu alle Balkan-Flüsse für die Wasserkraftnutzung ausgebaut werden sollen. Unter anderem soll mitten in Mazedoniens größtem Nationalpark, dem Mavrovo-Nationalpark, ein riesiger Staudamm gebaut werden. EuroNatur setzt sich mit Lobbyarbeit auf nationaler und europäischer Ebene intensiv dafür ein, das zu verhindern. Beispielhaft für unsere Arbeit am Grünen Band ist auch das Projekt zum Schutz der letzten Balkanluchse und ihrer Lebensräume. Vermutlich gibt es nur noch 40 der seltenen Katzen. Das Verbreitungsgebiet des Balkanluchses deckt sich ziemlich genau mit dem Verlauf des Grünen Bandes im Bereich von Mazedonien, Albanien, Montenegro und dem Kosovo. Wir treiben die Einrichtung von grenzüberschreitenden Schutzgebieten voran, fördern die Ausbildung von Luchsexperten in den jeweiligen Ländern und arbeiten daran, die Lokalbevölkerung mit Projekten zur ökologischen Regionalentwicklung für den Naturschutz zu gewinnen.
Im Jahr 2011 hat EuroNatur außerdem gemeinsam mit dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland die Koordination der Initiative Grünes Band Europa übernommen. Finanziell unterstützt vom Bundesamt für Naturschutz mit Mitteln des Bundesumweltministeriums setzen wir uns verstärkt dafür ein, dem Grünen Band Europa neuen Schwung zu verleihen.

Welche Gefahren drohen am Grünen Band Balkan?

Wesentliche Teile des Grünen Bandes auf dem Balkan genießen zwar bereits formalen Schutz, aber längst noch nicht alle. Es gibt immer noch bedeutende Naturschätze entlang der früheren Grenze zwischen Ost und West, die dringend einen offiziellen Schutzstatus brauchen. Ein großes Problem ist, dass die Ziele der Schutzgebiete selbst in bestehenden Nationalparken und strikten Naturreservaten bislang nur unzureichend verfolgt werden. Denn es fehlen die nötigen Verwaltungen, die sich um diese wichtigen Aufgaben kümmern können. Gleichzeitig wird aber der Nutzungsdruck auf die kostbaren Naturschätze am Grünen Band Balkan durch große Infrastrukturprojekte wie Staudämme, Skigebiete, Windparks und Fernstraßen immer massiver.

Was konnte bisher insgesamt erreicht werden?

Zehn Jahre nach dem Start der Initiative Grünes Band Europa arbeiten Menschen über sprachliche und kulturelle Barrieren hinweg zusammen, um das Natur- und Kulturerbe entlang des einstigen Eisernen Vorhangs zu schützen. Das ist ein großer Erfolg.
Aber auch konkret trägt die langjährige intensive Naturschutzarbeit schon ansehnliche Früchte: Zahlreiche Nationalparks und andere Schutzgebiete wurden inzwischen entlang des Grünen Bandes ausgewiesen, unter anderem der Jablanica-Shebenik Nationalpark in Albanien und der Donau-Drau-Nationalpark an der Grenze von Ungarn und Kroatien. Das weltweit erste UNESCO-Fünf-Länder-Biosphärenreservat „Mur-Drau-Donau“ ist in greifbare Nähe gerückt. Zu einem kontinentweiten Biotopverbund, bei dem sich ein Schutzgebiet an das nächste reiht, ist es allerdings noch ein weiter Weg.
Um dieses Ziel zu erreichen, wollen wir die Idee des Grünen Bandes künftig noch stärker in der Gesellschaft verankern und die einzelnen Projekte entlang des Grünen Bandes besser miteinander verzahnen.

Wie beurteilen sie die Zukunftschancen für das Grüne Band?

Das Grüne Band ist derzeit die faszinierendste und ambitionierteste Naturschutzinitiative Europas. Es verbindet acht biogeographische Regionen und 24 Staaten. Beteiligt sind EU-Mitgliedsstaaten, Beitrittsländer, potentielle Beitrittskandidaten ebenso wie Nicht-EU-Staaten. Entsprechend bedeutet die Koordination der Initiative eine große Herausforderung, zumal die Zahl der staatlichen sowie nicht-staatlichen Akteure und Tätigkeitsfelder stetig wächst. Um der Initiative zum Schutz des Grünen Bandes Europa eine dauerhafte Zukunft zu geben, müssen wir die zahlreichen Aktivitäten dringend bündeln und ihnen eine gemeinsame Stoßrichtung geben. Dabei sind wir auf einem guten Weg. Zum Glück, denn das Potenzial des Grünen Bandes ist riesig: Über den ökologischen Wert hinaus hat es eine große identitätsstiftende Wirkung. Es symbolisiert, dass Ost und West zusammenwachsen und sich beide Teile Europas brauchen. Und es könnte vorbildhaft für andere Regionen der Erde sein, die noch durch unmenschliche Grenzen geteilt werden, sich aber eines Tages hoffentlich wieder gemeinsam entwickeln können.

Wir bedanken uns für das Gespräch.

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