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09.02.2015 | Umwelt | Interview | Onlineartikel

Alpenentwicklung – zum Nutzen von Mensch und Natur

Autor:
Günter Knackfuß

Deutschland hat Anfang 2015 für zwei Jahre den Vorsitz der Alpenkonferenz übernommen. Im Interview erläutert die Bayerische Umweltministerin Ulrike Scharf die Schwerpunkte für die Alpenentwicklung, die Deutschland setzt.

Das Arbeitsprogramm des deutschen Vorsitzes der Alpenkonferenz steht unter dem Motto "Die Alpen – Vielfalt in Europa". Auch der deutsche Pavillon bei der EXPO 2015 in Mailand wird sich dem Thema Alpen widmen.

Springer für Professionals: Welche Schwerpunkte werden von deutscher Seite für die Alpenentwicklung in den nächsten Jahren gesetzt?

Ulrike Scharf: Der Alpenraum steht vor großen Herausforderungen. Beispielsweise gefährdet der weltweite Klimawandel das in Europa einzigartige Ökosystem der Alpen mit seinen 43.000 Tier- und Pflanzenarten. Auch nimmt der Nutzungsdruck auf die Alpen zum Beispiel durch den wachsenden Verkehr und die wirtschaftliche Entwicklung immer mehr zu. Nur mit einer länderübergreifenden Kraftanstrengung können wir die anstehenden Aufgaben lösen. Ein Weg kann der Austausch von erfolgreichen Praxisbeispielen sein oder gemeinsame Forschungsprojekte. Auf bayerische Initiative arbeiten wir zum Beispiel derzeit mit Höhenforschungsstationen in Deutschland (Schneefernerhaus), Österreich, der Schweiz, Italien, Frankreich und Slowenien am Aufbau eines "Virtuellen Alpenobservatorium". Es soll zu einem internationalen Zentrum der Klimaforschung in den Alpen werden.

Große Aufmerksamkeit erhält die Berglandwirtschaft. Welche Konsequenzen hat das für Bayern?

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Unsere Bergbauern erhalten Almen und Alpen als attraktive und abwechslungsreiche Elemente unserer Kulturlandschaft. Deswegen haben Einheimische und Urlauber unsere Bergregionen besonders ins Herz geschlossen. Gerade der Tourismus ist ein wichtiges wirtschaftliches Standbein für diese Regionen. Die regionalen landwirtschaftlichen Strukturen benötigen aber in besonderem Maße die Unterstützung durch die Agrarpolitik. Die Rahmenbedingungen wurden deswegen speziell an die Bedürfnisse der Bergbauern angepasst. Damit ist es gelungen, alle der knapp 1.400 bayerischen Alpen und Almen in den letzten Jahrzehnten in Bewirtschaftung zu halten. Die Förderung der Alm- und Alpwirtschaft wird ab 2015 weiter verbessert. Beispielsweise wird es unter anderem für die Mahd von Steilhangwiesen oder die Sommerweidehaltung höhere Prämien geben. Auch der Naturschutz profitiert, denn erstmalig wird auch der Erhalt artenreicher Grünlandbestände oder die extensive Grünlandnutzung honoriert.

Für den Freistaat Bayern ist die Alpenkonvention von 1991 längst Programm. Wie sehen die bisherigen Resultate aus?

Die Alpenkonvention gibt für die Alpen Schutz- und Entwicklungsziele vor. Bayern hat das Ziel des Alpenschutzes mit Verweis auf die Alpenkonvention in das Bayerische Naturschutzgesetz aufgenommen. Die internationale Zusammenarbeit führt zu vielen neuen Erkenntnissen, die bei uns in die tägliche Arbeit einfließen, etwa beim Hochwasserschutz.

 

Was muss vor allem im Umweltbereich getan werden, um Defizite abzubauen und eine nachhaltige Entwicklung voranzubringen?

Der Schutz der Umwelt ist ein wichtiger Bestandteil der Alpenstrategie, die derzeit erarbeitet wird. Die Alpen sind ein Juwel der Artenvielfalt im Freistaat: 80 Prozent aller bayerischen Arten leben in diesem einzigartigen Lebensraum. Gefährdete Tiere und Pflanzen wie Steinadler, Enzian und Edelweiß sind dort zuhause. Tiere und Pflanzen kennen keine nationalen Grenzen. Gemeinsam mit den anderen Alpenstaaten wollen wir eine grenzüberschreitende Biotopvernetzung aufbauen und dadurch Korridore für die Wanderung von Tieren und Pflanzen sichern.

Das aktuelle Projekt "Alpenflusslandschaften: Vielfalt leben von Ammersee bis Zugspitze" soll zur Sicherung der voralpinen Flusslandschaften beitragen. Worum geht es dabei konkret?

Die Region zwischen Ammersee und Zugspitze gehört zu den 30 Hotspots der Biodiversität in Deutschland. Hier gibt eine einzigartige Vielfalt von Ökosystemen mit zahlreichen seltenen und gefährdeten Tier- und Pflanzenarten. Die Wildflusslandschaften an den Alpenflüssen Lech, Ammer, Loisach und Isar sind besonders artenreich und übernehmen eine wichtige Verbundfunktion zwischen verschiedenen Lebensräumen. Die Stärkung der Identifikation der Bevölkerung mit der herausragenden Naturausstattung der Region ist das zentrale Ziel des Projektes. Dadurch soll insbesondere die Akzeptanz für weitere Naturschutzmaßnahmen gefördert werden. Das Verbundprojekt wird federführend vom WWF Deutschland mit weiteren 15 Verbundpartnern umgesetzt. Das Projekt wird mit über 4 Millionen Euro gefördert durch das Bundesamt für Naturschutz und den Bayerischen Naturschutzfonds. Die Verbundpartner tragen einen Eigenanteil in Höhe von rund 500.000 Euro.

Wie bewerten sie die makroregionale Strategie (EUSALP) für den Alpenraum?

Bayern war Initiator der Alpenstrategie. Die Alpen sollen die gleiche europäische Aufmerksamkeit erhalten wie die Ostsee oder der Donauraum, für die bereits jeweils eine Strategie erarbeitet wurde. Eine makroregionale Alpenstrategie bietet die Möglichkeit, die grenzüberschreitende Zusammenarbeit in den Alpenstaaten zu verstärken – zum Nutzen von Mensch und Natur.

Das Interview führte Günter Knackfuß, freier Autor, für Springer für Professionals.

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