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02.01.2018 | Umwelt | Interview | Onlineartikel

"Produktlebensdauer und Reparaturfreundlichkeit stärken"

Autor:
Nico Andritschke

Die Lebensdauer von Produkten vor allem im Elektro- und Elektronikbereich wird immer kürzer. Dr. Bettina Rechenberg fordert eine Erhöhung der Langlebigkeit und Reparatur­freundlichkeit von Produkten.

Springer Professional: Die Lebensdauer von Produkten wird gefühlt zunehmend immer kürzer. Wird das durch Ihre Untersuchungen bestätigt und welche Branchen treten dabei besonders hervor?

Bettina Rechenberg: Eine vom UBA beauftragte Studie aus dem Jahr 2016 zeigt, dass zwischen 2004 und 2012 der Anteil der Haushaltsgroßgeräte, die innerhalb von weniger als fünf Jahren aufgrund eines Defektes ausgetauscht wurden, von 3,5 auf 8,3 Prozent der Gesamtersatzkäufe gestiegen ist. Außerdem zeigt die Studie, dass bei einer Internetbefragung 30 Prozent der Befragten mit der Lebensdauer unzufrieden und umgekehrt 67 Prozent der Befragten zufrieden mit der Lebensdauer waren.
Die Studie ergab aber auch, dass heute mehr Elektro- und Elektronikgeräte ersetzt werden, obwohl sie noch gut funktionieren. Häufig sind Technologiesprünge und der Wunsch nach neuen, besseren Funktionen und Modellen ein Auslöser. So wurden 2012 über 60 Prozent der noch funktionierenden Flachbildschirmfernseher ersetzt, weil die Konsumentinnen und Konsumenten ein besseres Gerät haben wollten. Laut einer Untersuchung der Stiftung Warentest wechselten 68 Prozent der Befragten das Handy innerhalb von drei Jahren, entweder weil sie einfach ein noch besseres Gerät haben wollten (40 Prozent) oder sie durch den Vertrag regelmäßig ein neues Gerät bekommen (28 Prozent). Selbst bei Haushaltsgroßgeräten war bei einem Drittel der Ersatzkäufe das Gerät sogar noch funktionstüchtig und der Wunsch nach einem besseren Gerät kaufentscheidend. Wir sehen hier Handlungsbedarf.

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Abfallvermeidung

Abfallvermeidung steht an oberster Stelle der Abfallhierarchie und ist auf Ebene des EU-Rechts und der nationalen Gesetzgebung verankert. So sind die EU-Staaten verpflichtet, Abfallvermeidungsprogramme zu erstellen. Allein die Definition des Begriffes der Abfallvermeidung selbst ist komplex, da sowohl subjektive als auch objektive Maßstäbe anzulegen sind.


Was sind die Ursachen für kurze Produktlebenszyklen und sind sie für die Unternehmen immer von Vorteil?

Leger gesagt: Auf die Frage Murks mit Methode antworten wir, natürlich gibt es Murks am Markt, das wird niemand bestreiten. Dahinter stehen jedoch nicht die eine Methode, sondern komplexe Wechselwirkungen. Nehmen wir als Beispiel Produktgruppen, bei welchen Dauerprüfungen machbar sind und die von der Stiftung Warentest durchgeführt werden. Hier sehen wir, dass es auch bei Markenherstellern, die häufig ein "sehr gut" in einem anspruchsvollen Test erhalten (zum Beispiel 10 Jahre durchschnittliche Nutzung bei Waschmaschinen), auch einmal ein Modell die Prüfung nicht besteht oder sehr frühzeitig versagt. Gründe für solche Fälle von Defekten können sehr verschieden sein und das stellt die Studie auch umfassend dar. Elektronische Komponenten zum Beispiel haben immer eine gewisse Ausfallwahrscheinlichkeit. Hier ist es eine Frage der Spezifizierung von Komponenten beim Einkauf, des Qualitätsmanagements in der Lieferkette sowie ob und wie aufwändig ein Hersteller sein Endprodukt prüft oder auch prüfen kann und wie groß oder klein diese Ausfallwahrscheinlichkeit im Endprodukt dann tatsächlich ist. Gerade das Qualitätsmanagement und die Produktprüfung sind Aspekte, die kostenrelevant sind und sich am Ende auch im Preis niederschlagen. Auch kommt es bei Konstruktions- und Herstellungsprozessen zu Entscheidungen in der Komponenten- und Materialwahl, deren Auswirkungen auf die Produktlebensdauer nicht immer bis ins Letzte getestet werden können. Rufen wir uns Berichte über Probleme bei Militärtechnik oder Weltraumtechnik ins Gedächtnis zurück. Die Beispiele zeigen, es wird viel getan und Geld investiert, um die Probleme zu beheben und dennoch gelingt es nicht immer. Aber natürlich besteht auch der Zusammenhang, dass ein Design, welches eine lange Produktlebensdauer nicht ausreichend als Konstruktionsziel einbezieht, zu verfrühten Ausfällen führen kann.

Die Hersteller versichern, dass sie immer mehr Wert auf Umweltverträglichkeit und Nachhaltigkeit bei der Herstellung von Produkten legen. Aber am Ende landen Elektrogeräte in Afrika und Asien, werden dort verschrottet und so oftmals zu einer Umweltbelastung. Wie lässt sich dieser Tatbestand, in Zeiten knapper werdender Rohstoffressourcen, vermeiden?

Grundsätzlich sollten Geräte so lange wie möglich genutzt werden. Defekte Geräte, derer man sich entledigen will, sind Abfall. Diese Altgeräte sind bei einem kommunalen Wertstoff-Hof oder im Handel abzugeben. So kann der illegale Export von Elektroaltgeräten zum Beispiel nach Afrika eingedämmt werden. Von den insgesamt 722.968 Tonnen der zur Erstbehandlung angenommenen Elektroaltgeräte in Deutschland im Jahr 2014 wurden nur 8.786 Tonnen außerhalb der EU behandelt. Das zeigt, dass der größte Teil der in Deutschland gesammelten 660.239 Tonnen Elektroaltgeräte in Deutschland oder innerhalb der EU verwertet wird.
Illegales Einsammeln und illegaler Export können daher eingedämmt werden, wenn die Mengen gesammelter und zurückgenommener Elektroaltgeräte in Deutschland gesteigert werden. So sind die Rückgabemöglichkeiten für ausgediente Elektrogeräte auszubauen, um den Besitzern die Rückgabe dieser Geräte zu erleichtern. Ein Beitrag hierzu leistet die mit Übergangsfrist zum 24. Juli 2016 eingeführte Rücknahmeverpflichtung des Handels und Versandhandels unter bestimmten Bedingungen. Auch eine kontinuierliche Information der Verbraucherinnen und Verbraucher muss weiterhin betrieben werden, denn viele wissen noch immer nicht, dass die Rückgabe von Elektroaltgeräten bei den Sammelstellen kostenlos ist und welchen wichtigen Beitrag zur Ressourcenschonung sie damit leisten können.
Um den illegalen Export defekter Altgeräte aus der EU (einschließlich Deutschland) in Drittländer einzudämmen, schreiben die europäische WEEE-Richtlinie (Waste of Electrical and Electronic Equipment) sowie das deutsche Elektro- und Elektronik-Gesetz vor, dass vor dem Export die Funktionsfähigkeit der als gebraucht deklarierten Geräte nachgewiesen werden muss. Durch diese Umkehr der Beweislast soll sichergestellt werden, dass nur noch intakte Geräte exportiert werden. Denn diese schonen durch eine weitere Nutzung in den Empfängerländern Ressourcen, da die Produktion von Neugeräten vermieden wird. Sofern es sich um Altgeräte (also Abfall) handelt, sind beim Export die Regelungen der Europäischen Verordnung über die Verbringung von Abfällen (VVA) maßgeblich. Je nach potenziellem Importland kann ein formales Genehmigungsverfahren (Notifizierung) erforderlich sein beziehungsweise es bestehen sogar Verbringungsverbote.
Parallel zu der Eindämmung von illegalen Exporten müssen auch die Sammelstrukturen und Behandlungskapazitäten von gebrauchten Geräten in den potenziellen Empfängerländern auf‑ und ausgebaut werden, um die enthaltenen Stoffe recyceln zu können. Auch in diesen Staaten muss eine gesundheits‑ und umweltverträgliche Entsorgung sichergestellt werden.

Das Umweltbundesamt hat aufgerufen, mehr Maßnahmen für eine Abfallvermeidung zu ergreifen und dafür eine 7-Punkte-Strategie vorgeschlagen. Worum geht es dabei?

Mit der vom UBA vorgeschlagenen 7-Punkte-Strategie soll dem vor­zeitigen Austausch von Produkten entgegen gewirkt werden, um eine lange Produktlebensdauer und die Reparatur zu stärken sowie das Konsumverhalten der Verbraucherinnen und Verbraucher auf längere Haltbarkeit und Reparierbarkeit der Produkte hin zu lenken. Diese Strategie basiert auf dem veröffentlichten UBA-Positionspapier "Strategien gegen Obsoleszenz". Es beschreibt Maßnahmen, für die jetzt eine Umsetzung erfolgen sollte. Dazu zählen eine längere Haltbarkeit und einfachere Reparierbarkeit, Angaben zur Reparierbarkeit und Reparaturservices sowie Verfügbarkeit von Ersatzteilen bei Produktkauf, eine verpflichtende Garantieangabe für Produkte durch die Hersteller sowie die Sicherstellung eines Zugangs zu Reparaturanleitungen, Ersatzteilen und Diagnosesoftware für unabhängige Reparaturbetriebe. Weiterhin umfasst sie die Gewährung eines ermäßigten Mehrwertsteuersatzes für Reparaturdienstleistungen, die steuerliche Absetzbarkeit von Reparaturen auch außerhalb des Haushalts und die Stärkung der Wertschätzung für Produkte. Besonders wichtig ist es, Reparaturservice verbrauchernah und ökonomisch attraktiver zu gestalten und bereits beim Design des Produktes an die Reparaturmöglichkeiten zu denken. 

Wie können Unternehmen in einer Zeit mit kurzen Produktlebenszyklen dazu bewogen werden, wieder Produkte mit einer längeren Haltbarkeit zu produzieren? Sehen Sie dafür Möglichkeiten oder was müsste sich ändern?

Unsere 7-Punkte-Strategie zielt insgesamt darauf ab, eine gewisse Mindestlebensdauer zu sichern und durch verbesserte Reparierbarkeit eine Verlängerung der Lebensdauer zu erreichen. Die Voraussetzungen für eine längere Haltbarkeit und bessere Reparierbarkeit müssen beim Produktdesign geschaffen werden. Den passenden Rechtsrahmen dafür bietet die EU-Ökodesign-Richtlinie. Dazu hat die EU-Kommission bereits angekündigt, die Reparier‑, Halt‑ und Aufrüstbarkeit von Produkten zu fördern. Wir meinen, dass unter der Ökodesign-Richtlinie für jede Produktkategorie Mindestanforderungen für Reparierbarkeit und Langlebigkeit etabliert werden sollten. Als Vorreiter für die gesetzliche Umsetzung adressieren wir mit dem Umweltzeichen Blauer Engel Reparierbarkeit und Lebensdauer – vor allem bei Elektro- und Elektronikprodukten – bereits heute. 

Wie kann die Verbraucherseite Einfluss nehmen?

Durch eine längere Nutzung der Geräte wird die absolute Abfallmenge ohne größere Einschränkungen verringert. Kurzlebige Produkte belasten die Umwelt deutlich stärker als Geräte mit langer Nutzungsdauer. Hier ist jede Bürgerin und jeder Bürger selbst gefordert zu überlegen, ob ein Gerät tatsächlich schon wieder ausgetauscht werden muss. Oftmals lohnt sich auch eine Reparatur defekter Geräte. Einfluss darauf nehmen kann der Verbraucher unter anderem durch den Kauf von ökologisch gestalteten Produkten, beispielsweise gekennzeichnet mit dem Blauen Engel. Letzterer kennzeichnet Produkte, deren Augenmerk unter anderem auf Langlebigkeit und Reparaturfreundlichkeit gerichtet sind.

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