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09.01.2017 | Umwelt | Interview | Onlineartikel

"Die Forstwirtschaft hält die Balance"

Autor:
Günter Knackfuß
Interviewt wurde:
Philipp Freiherr zu Guttenberg

ist Land- und Forstwirt und Präsident der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Waldbesitzerverbände (AGDW - Die Waldeigentümer), Vorsitzender des Aktionsbündnisses Forum Natur (AFN) sowie Vizepräsident des Europäischen Waldbesitzerverbandes (CEPF).

Im Interview mit Springer Professional erläutert Philipp Freiherr zu Guttenberg, Präsident der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Waldbesitzerverbände, was nachhaltige Forstwirtschaft ausmacht.

Springer Professional: Immer wieder wird ein Widerspruch zwischen Holzwirtschaft und Waldschutz konstruiert. Welche Position vertritt ihr Verband, die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Waldbesitzerverbände, dazu?

Philipp Freiherr zu Guttenberg: Die nachhaltige Forstwirtschaft zeichnet sich genau dadurch aus, dass es diesen vermeintlichen Widerspruch zwischen Ökonomie und Ökologie gar nicht gibt. Im Gegenteil: Wir halten die Balance. Unsere Prämisse ist es, dass wir täglich die verschiedenen Ansprüche an den Wald miteinander in Einklang bringen.

Deutschland hat sich eine Bundeswaldstrategie 2020 verordnet. Welchen Beitrag leisten dabei die Waldbesitzer?

Einen ganz wesentlichen! Weil letztlich die Erfüllung der übergeordneten Ziele, nämlich der Klima- und Naturschutz, die Rohstoff- und Energieversorgung und der Erhalt von Arbeitsplätzen, unmittelbar und ganz wesentlich von der nachhaltigen Bewirtschaftung und Pflege unserer Wälder abhängt. Gleichzeitig stellen wir den Rohstoff Holz und damit den ökologischen Rohstoff schlechthin bereit. Und wir leisten unseren Beitrag zur Stärkung und Belebung des ländlichen Raumes, indem wir Beschäftigung schaffen. Die dritte Bundeswaldinventur übrigens bestätigt die Erfolgsgeschichte unserer nachhaltigen Waldbewirtschaftung: Unserem Wald geht es besser als je zuvor in der modernen Zeit. Die Wälder in Deutschland sind vital und stabil. Wir nutzen weniger Holz als nachwächst. Und wir können eine große Vielfalt an Tier- und Pflanzenarten verzeichnen.  

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Klimarelevante Naturgefahren sind auf vielfältige Faktoren zurückzuführen, deren Zusammenwirken in der Gesamtheit betrachtet werden muss. Die vorbereitenden, auslösenden und kontrollierenden Faktoren werden in unterschiedlichster Weise vom Klimawandel beeinflusst.

    

Wie kann im Zuge des Klimawandels die Widerstandsfähigkeit des Waldes erhöht werden?

Das Risiko großflächiger Waldschäden kann nur vermindert werden, indem auf eine breite Palette an Baumarten gesetzt wird. Dazu zählen auch Baumarten wie die Douglasie oder die Roteiche, die gegenüber Wetterextremen widerstandsfähiger sind als andere Baumarten. Hier müssen wir offen sein, auch das bedeutet Nachhaltigkeit. Wir brauchen gesunde Mischwälder mit einem hohen Nadelholzanteil; dieser ist wichtig für die Holzverwendung. Mit der Bewirtschaftung und Anpassung unserer Wälder an die Auswirkungen des Klimawandels erhöhen wir deren Widerstandfähigkeit und Resilienz.

Was halten sie von der Initiative 'Offene Wälder'?

Diese Initiative setzt ein intensives Management voraus und ist eines der vielen Beispiele dafür, wie sich in der Vergangenheit spezielle Lebensräume durch eine intensive Bewirtschaftung etabliert haben. Lichte, offene Wälder oder Biotope wie einen Trockenrasen zu erhalten sind mit hohen Kosten verbunden, die ein privater oder kommunaler Waldeigentümer nur mittels Ausgleich der finanziellen Einbußen stemmen kann. Dies darf nicht auf dem Rücken des Eigentümers ausgetragen werden! Hier muss sich die Gemeinschaft fragen: Können wir uns das leisten?
Auf der anderen Seite sind solche Landschaftsbilder und Parklandschaften etwas Besonderes und damit wichtige Zeitzeugen vergangener Bewirtschaftungsformen.

Welchen neuen Herausforderungen muss sich künftig die Waldwirtschaft stellen?

Die größte Herausforderung ist der Klimawandel mit seinen Auswirkungen. Bereits heute haben wir in Deutschland mit Dürren, Trockenheit und erhöhter Waldbrandgefahr, mit erhöhtem Schädlingsbefall und Orkanen zu kämpfen. Auch die ständig steigenden Anforderungen der Gesellschaft machen den Waldeigentümern zu schaffen. Dazu zählen die Flächenstilllegungen - die Herausnahme von Waldflächen aus der Bewirtschaftung - mit den Kosten, die langfristig auf die Gesellschaft zukommen. Dazu zählt der Erholungsdruck: Heute reicht es nicht mehr, die Seele bei einer Wanderung oder einem Spaziergang durch den Wald baumeln zu lassen. Heute wollen immer mehr Menschen Abenteuer im Wald erleben, sei es mit dem Mountainbike oder bei einem Schlammparcours. Möchte man all diesen Ansprüchen gerecht werden, bräuchte man eine Verzehnfachung der Waldfläche. Unter diesen Voraussetzungen ist es eine große Herausforderung, unsere bewährte nachhaltige und multifunktionale Waldbewirtschaftung zu erhalten. 

Wie würden sie das Cluster Forst und Holz in den gesellschaftlichen und ökologischen Kontext einordnen?

Das Cluster Forst und Holz ist systemrelevant wie eine Großbank. Mit einer Wertschöpfung von über 180 Milliarden Euro im Jahr, fast 130.000 Unternehmen und über eine Million Beschäftigten ist das Cluster ein verlässlicher Pfeiler unserer Wirtschaft. Wir produzieren das Holz und damit den ökologischen Rohstoff schlechthin. Indem wir die Wälder nachhaltig bewirtschaften, leisten wir einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz und zur Dekarbonisierung der Wirtschaft. Und wir sorgen mit unserer Waldpflege dafür, dass sich die Menschen im Wald erholen können. Wenn man all dies bedenkt, dann sollte diesem Cluster eine höhere politische Aufmerksamkeit und Wertschätzung entgegengebracht werden.

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