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28.11.2016 | Umwelt | Interview | Onlineartikel

"Transparent über Tierversuche in der Forschung informieren"

Autor:
Günter Knackfuß
Interviewt wurde:
Prof. Dr. Stefan Treue

ist Neurowissenschaftler, Biologe und Professor für Neurowissenschaften und biologische Psychologie an der Georg-August-Universität Göttingen.

"Tierversuche verstehen" ist eine Initiative der deutschen Wissenschaft. Professor Stefan Treue erläutert im Gespräch mit Springer Professional Hintergründe und Ziele der Initiative.

Springer Professional: Mit Ihrer neuen Plattform berühren sie eine sensible Problematik. Welche Ziele hat sich die Allianz der Wissenschaftsorganisationen damit gestellt?

Stefan Treue: Tierversuche sind ein anspruchsvolles und emotionsgeladenes Thema. Das ist eine schwierige Ausgangslage für sachliche Diskussionen oder eine informierte, aufgeklärte Öffentlichkeit. Wir wollen mit unserer Initiative faktenbasiert und transparent über Tierversuche in der Forschung informieren. Außerdem nehmen wir mit „Tierversuche verstehen“ unsere Verantwortung ernst zu erklären, was in der öffentlich finanzierten Forschung mit den Steuergeldern passiert und warum das wichtig ist. Die Initiative ist in Kooperation von Wissenschaftlern und Kommunikationsfachleuten entstanden und versteht sich als Beitrag der Wissenschaft zur Diskussion über Notwendigkeiten, Nutzen und Alternativen tierexperimenteller Forschung.

Warum sind Tierversuche in der Wissenschaft notwendig?

Wir haben in den letzten 100 Jahren unglaublich viel über die Funktionsweisen von Organismen gelernt, von der Ebene einzelner Moleküle und Zelle, über Organe, bis zur Komplexität eines Gesamtorganismus. Tierversuche sind eine Methode von vielen, um diese Komplexität zu erforschen. Wir brauchen sie immer dann, wenn die Fragen zu anspruchsvoll für eine Zellkultur oder andere Alternativmethoden sind, z.B. um die Reaktionen des gesamten Körpers auf eine Infektion oder Fehlfunktionen des Gehirns bei neurologischen Erkrankungen zu untersuchen.

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Welche alternativen Versuchsmethoden werden heute bereits eingesetzt?

Der modernen biomedizinischen Forschung steht eine breite Palette an Methoden zur Verfügung. Tierversuche dürfen dabei nur eingesetzt werden, wenn es keine Alternativen gibt. Das überprüfen die Behörden bei der Beantragung und Genehmigung jedes einzelnen Tierversuchs. Besonders im Bereich der Sicherheitsprüfungen für Substanzen hat die forschende Industrie in den letzten Jahrzenten eine Reihe von tierversuchsfreien Methoden, z.B. in Form von Zellkulturen, organ-on-a-chip Systemen, etc. entwickelt. Das ist sehr zu begrüßen. Auch in der biomedizinischen Grundlagenforschung gibt es Verfahren, die das Methodenspektrum erweitern. So können bildgebende Verfahren manchen invasiven Eingriff ersetzen und komplexe Computermodelle helfen, präzisere Fragen zu stellen und damit die Anzahl von Tierversuchen zu reduzieren. Wegen der Stärken und Schwächen jeder einzelnen Methode braucht moderne biomedizinischer Forschung aber immer einen Mix von Methoden.

Was war Ihnen bei dem neuen Internetauftritt besonders wichtig?

Uns ist es besonders wichtig, der interessierten Öffentlichkeit fakten-basierte Meinungsbildung zu ermöglichen. Hier sehen wir ein Defizit, dem wir mit unserem Internetauftritt begegnen wollen. Nehmen sie das Beispiel sog. tierversuchsfreier Kosmetik. Hier laufen noch immer Kampagnen gegen Tierversuche in der Kosmetikforschung, obwohl solche Versuche seit vielen Jahren verboten sind und alle Kosmetik in Europa ‚tierversuchsfrei‘ ist. Und Kampagnen von Tierversuchsgegnern gegen Forschung an Primaten wecken den Eindruck, dass hier unzählige Tiere nutzlos gequält werden. Versuche an Affen machen nur einem kleinen Teil (weniger als 0,1 Prozent) der Tierversuche aus – dort, wo es um besonders wichtige Fragen ohne Alternativmethoden geht. Unsere Website www.tierversuche-verstehen.de bietet neben Informationen auch Platz für Dialog und Austausch. Wir haben eine Kommentarfunktion, ebenso wie die Möglichkeit auch anonym Fragen zu stellen und darauf schnell kompetente Antwort zu bekommen.

Im europäischen Maßstab hat die deutsche Wissenschaft jetzt aufgeholt. Wie bewerten sie die Informations- und Kommunikationsangebote anderer Länder?

In Deutschland haben wir in Sachen pro-aktiver Kommunikation und Transparenz zu Tierversuchen jahrelang anderen Ländern hinterhergehinkt. Besonders Großbritannien hat schon lange ein umfangreiches Informations- und Kommunikationsangebot zu Tierversuchen, das die öffentliche Diskussion entscheidend versachlicht hat. Das stimmt uns optimistisch, dass uns nun so etwas auch in Deutschland gelingt.

An ihrem Primatenzentrum führen auch sie Tierversuche durch. Welche Projekte stehen dort zur Zeit auf der Agenda?

Am Deutschen Primatenzentrum in Göttingen haben wir drei Schwerpunkte: die Infektionsforschung, die Neurowissenschaften und die Primatenbiologie. Die Infektionsforschung konzentriert sich auf Untersuchungen lebensbedrohender Erkrankungen, wie HIV/AIDS, der Grippe, Pocken und BSE. In den Neurowissenschaften spielen Untersuchungen an Primaten eine zentrale Rolle dabei, grundlegende Funktionen des Gehirns zu verstehen, mit dem langfristigen Ziel zur Entwicklung von Neuroprothesen und Therapien von neurodegenerativen Erkrankungen beizutragen. In der Primatenbiologie ist unser Schwerpunkt im Bereich der Freilandforschung in den Ursprungsländern vom Primaten. Wir haben aber auch Projekte im Bereich der Genetik, der Stammzellforschung, der Kardiologie und von Primatenkrankheiten. Ausführliche Informationen gibt es auf www.dpz.eu.            

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