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05.02.2018 | Umwelt | Interview | Onlineartikel

"Küstennahe Entwässerungsinfrastruktur an Belastungsgrenze"

Autor:
Nico Andritschke

Der Meeresspiegelanstieg führt an der deutschen Nordseeküste zu neuen Herausforderungen beim Entwässerungsmanagement. Helge Bormann schildert die Situation und Projektarbeiten im Verbandsgebiet Emden.

Springer Professional: Der mit dem Klimawandel verbundene Anstieg des Meeresspiegels führt in Küstengebieten auch zu neuen Herausforderungen für Entwässerungssysteme. Wie stellt sich die Situation aktuell und perspektivisch an der Nordseeküste dar?

Helge Bormann: Aktuell kann ein erheblicher Anteil des überschüssigen Wassers der Niederungsgebiete an der deutschen Nordseeküste über Siele in die Ästuare und in die Nordsee entwässert werden. Siele sind steuerbare, wasserbauliche Öffnungen in der Deichlinie. Wenn bei Tideniedrigwasser der Binnenwasserstand höher als der Außenwasserstand ist, fließt das Wasser entlang des hydraulischen Gradienten durch geöffnete Sieltore. Bei Tidehochwasser sind die Sieltore geschlossen. Im Verbandsgebiet des 1. Entwässerungsverbandes Emden, dem Untersuchungsgebiet des KLEVER Projekts, kann derzeit etwa ein Drittel des überschüssigen Binnenwassers gesielt werden. Die verbleibenden zwei Drittel müssen schon heute unter enormem Energieeinsatz durch Schöpfwerke in die Ems und die Nordsee gepumpt werden. Der Anstieg des Meeresspiegels führt nun dazu, dass die Zeit des freien Sielzugs immer kürzer wird. Zwangsläufig steigt dadurch der Anteil des Wassers, das unter Energieeinsatz gepumpt werden muss, um die Entwässerung der Niederungsgebiete auch weiterhin zu gewährleisten.

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Ein Gebiet, das künftig besonders vom steigenden Meeresspiegel, aber auch von höheren Niederschlagsmengen im Winter betroffen sein wird, ist die Region Emden. Sie haben mit einem regional angepassten hydrologischen Modell mögliche Veränderungen auf den Wasserhaushalt untersucht. Welche Ergebnisse förderten die Untersuchungen zu Tage?

Unsere Untersuchungen in der Region Emden zeigen, dass die Sieltätigkeit vor dem Hintergrund des Meeresspiegelanstiegs bereits ab Mitte dieses Jahrhunderts stark eingeschränkt sein wird. Gleichzeitig werden die Wassermengen, die entwässert werden müssen, um den Status Quo in der Region zu erhalten, bis zum Ende des Jahrhunderts vor allem im Winter erheblich zunehmen. Wir rechnen mit einer Zunahme von 15 bis 20 Prozent Abflussbildung in den Wintermonaten. Für den Entwässerungsverband bedeutet das, dass die Anforderungen an die Entwässerungsinfrastruktur erheblich steigen werden. Strategische Überlegungen sind notwendig, um diesen Herausforderungen langfristig zu begegnen. 

Wie ist die dort vorhandene Infrastruktur auf die Herausforderungen vorbereitet?

Die vorhandene Infrastruktur wird mit großem Aufwand betrieben, gewartet und kontinuierlich an die wachsenden Herausforderungen angepasst. Trotzdem sind in den vergangenen Jahren vermehrt Starkniederschläge aufgetreten, die das System an die Belastungsgrenze geführt haben. Da vor dem Hintergrund der Klimaprojektionen für die Zukunft Extremereignisse erwartet werden, die über das Bekannte hinausgehen, ist dringender Handlungsbedarf gegeben. Der Entwässerungsverband nimmt diese Herausforderung an und unterstützt das Projekt sowohl finanziell als auch mit allen verfügbaren Informationen. 

Welche Maßnahmen haben Sie als geeignet identifiziert, um die Folgen des Klimawandels in der Region Emden zu begrenzen? Inwieweit sind die Erkenntnisse auf andere Regionen übertragbar?

Der Prozess der Identifikation und Empfehlung geeigneter Maßnahmen läuft derzeit noch. Gemeinsam mit den relevanten Akteuren der Region wird derzeit an der Priorisierung verschiedener Maßnahmenoptionen gearbeitet. Es zeichnet sich ab, dass eine Kombination von verschiedenen Maßnahmen notwendig sein wird, um sich erfolgreich anpassen zu können. Um den Status Quo zu erhalten, sollte zum Beispiel die Flexibilität des bestehenden Entwässerungssystems durch eine Erhöhung der Wasserspeicherkapazität gesteigert werden (Speicherpolder oder ähnliches). Parallel müssen langfristig Schöpfwerkskapazitäten angepasst werden. Ziel muss dabei aber sein, die Schöpfwerke durch den Einsatz regenerativer Energien klimaneutral zu betreiben. Da trotz des hohen technischen Aufwands ein Restrisiko für Binnenhochwasser verbleiben wird, muss dieses Risiko bewusst gemacht und gemanagt werden. 

Wie bereiten sich die örtlichen Akteure auf die veränderten Rahmenbedingungen vor? 

Die örtlichen Akteure haben das KLEVER-Projekt zum Anlass genommen, die Vorbereitung auf die Folgen des Klimawandels gemeinsam in Angriff zu nehmen. Wir stoßen auf ein sehr großes Interesse in der Region Emden. Die Beteiligung an unserem Akteursnetzwerk ist sehr hoch, da den Akteuren bewusst ist, dass der Prozess der Kommunikation und der Vernetzung von zentraler Bedeutung für eine erfolgreiche Anpassung ist und nur integrative Lösungen erfolgreich sein können. Konkretes Ziel des 1. Entwässerungsverbandes Emden ist darüber hinaus die Entwicklung einer neuen Generalentwässerungsplanung für die kommenden Jahrzehnte.

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