Skip to main content
main-content

22.04.2014 | Umwelt | Interview | Onlineartikel

"Wir empfehlen Mehrwegtragetaschen"

Autor:
Günter Knackfuß
7 Min. Lesedauer

Plastiktüten sind ein Symbol für die Wegwerf-Mentalität. Das Umweltbundesamtkämpft für eine Reduzierung. Im Gespräch informiert Dr. Michael Angrick über Gegenmaßnahmen, Plastikmüll im Meer und biologisch abbaubare Kunststofftüten.

In einer aktuellen Studie ermittelte die Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung (GVM), dass im Jahr 2012 insgesamt sechs Milliarden Kunststofftragetaschen in Deutschland in Verkehr gebracht wurden. Das entspricht einer Gesamtmenge von 86 Kilotonnen oder einem Verbrauch von 76 Tragetaschen pro Einwohner und Jahr. Diese Werte sind zwar erheblich niedriger als der europäische Durchschnitt, der bei 198 Stück pro Einwohner und Jahr liegt, aber laut Umweltbundesamt (UBA) noch deutlich zu hoch.

Springer für Professionals: Das UBA empfiehlt auf der Basis dieser Daten, den Verbrauch von Plastiktüten weiter zu verringern. Macht das Sinn, wenn man an die Nutzer denkt?

Weitere Artikel zum Thema

Michael Angrick: Für den Verbraucher ist es relativ einfach, einen persönlichen Beitrag zur Reduzierung des Konsums von Plastiktüten zu leisten. Beim Einkauf von Lebensmitteln tut er das bereits: Die Konsumierenden nutzen hier zum großen Teil Mehrwegtragetaschen aus Baumwolle oder Kunststoff, Körbe oder Rucksäcke, die sie von zuhause mitbringen. Ein Grund, der dieses Umdenken beflügelt, liegt natürlich in der kostenpflichtigen Abgabe von Einwegtragetaschen im Lebensmitteleinzelhandel. Dies soll aus unserer Sicht auch auf den restlichen Einzelhandel ausgedehnt werden. Überlegen Sie, wie viele überflüssige Einwegtragetaschen man am Ende eines ausgedehnten "Einkaufstages" mit nach Hause nimmt, und die größtenteils vermieden werden könnten. Die einzige Hürde für die Konsumenten besteht darin, eine bereits vorhandene Mehrwegtasche zum Einkauf mitzunehmen oder eine überflüssige Tüte, wie zum Beispiel für ein kleines Medikament in der Apotheke, abzulehnen.

Bei der Meeresverschmutzung sind Kunststofftüten ein Symbol für die Wegwerf-Mentalität in den Industrienationen. Jetzt fordert die EU-Kommission Gegenmaßnahmen…

Kunststofftragetaschen sind exemplarisch für die Konsumgesellschaft – leicht, praktisch, wertlos und nach einer Benutzung weggeworfen. Einwegtüten sind nun einmal kurzlebige Produkte und damit eine potentielle Ressourcenverschwendung. Betrachtet man die Situation des EU-weiten Plastiktütenverbrauchs, kommt man unweigerlich zu dem Schluss, dass etwas getan werden muss. Prominente Beispiele haben gezeigt, dass eine Reduktion des Verbrauchs von Einwegtüten auch einfach möglich ist und darüber hinaus sogar auf breite Akzeptanz in der Bevölkerung stößt.

Irland beispielsweise stand vor Jahren noch mit an der Spitze im Vergleich des pro Kopf Verbrauchs der EU-Länder und nimmt heute einen der untersten Plätze ein. Auf unserer Fachveranstaltung zum Thema „Einweg-Tragetaschen“ haben wir eine Vertreterin des Irischen Umweltministeriums begrüßt, die unter anderem darauf hinwies, wie positiv sich das Bewusstsein der Bevölkerung in Folge der Maßnahmen entwickelt hat. Da solche Bestrebungen allerdings nicht überall im Gespräch sind, ist der Vorstoß der EU eine nachvollziehbare Konsequenz.

Ich stelle mir aber die Frage, ob eine Begrenzung der Regelung auf Tragetaschen mit einer Wandstärke unter 50µm (mit Ausnahme der sehr dünnen Hemdchenbeutel) sinnvoll ist. Wenn dadurch die momentan verwendeten Tragetaschen lediglich durch ähnliche mit einer höheren Wandstärke ersetzt würden, entspräche das nicht dem angestrebten Ziel. Übrigens kann auch Deutschland sich nicht auf dem Erreichten ausruhen. Deutschland verfügt zwar über ein hoch entwickeltes Abfallwirtschaftssystem, Verpackungsabfälle werden getrennt erfasst und eine Deponierung unbehandelter Abfälle findet nicht mehr statt. Dennoch finden wir Kunststofftüten als Bestandteil der Umgebungsverschmutzung, des sogenannten Litterings, in der Umwelt. Im Sinne der Abfallvermeidung, der Verringerung von Abfalleinträgen in die Binnengewässer und Meere und der effizienten Ressourcennutzung muss daher unser Ziel sein, das bereits Erreichte weiterzuentwickeln und wie erwähnt auf andere Bereiche auszuweiten.

Welche Auswirkungen haben Kunststoffreste auf die Meeresumwelt?

Kunststoffe haben den größten Anteil an der "Vermüllung" der Meere. Durchschnittlich dreiviertel des gefundenen Mülls in den Ozeanen besteht aus Kunststoffen, an mediterranen Küsten sind es sogar über 80 Prozent. Rund 64.000 Plastikmüll-Teile treiben mittlerweile auf jedem Quadratkilometer Meeresoberfläche des Nordatlantiks. Negative Einflüsse durch Meeresmüll sind für fast 700 Spezies dokumentiert, viele davon wie etwa Robben, Schildkröten oder Vögel stehen auf der Roten Liste gefährdeter Arten. In einzelnen Fällen hat dies mittlerweile Konsequenzen auf die Populationsebene. In einer der weltweit größten Brutkolonien der Layson-Albatrosse auf den pazifischen Midway-Inseln sterben zwei von fünf Küken, weil sie von den Alttieren mit Plastikteilen gefüttert werden, ohne jemals auf offener See selbst nach Nahrung gesucht zu haben. Doch auch Studien an dem in der Nordsee beheimateten Eissturmvogel, einem kleinen Verwandten des Albatros, zeigen, dass in fast allen der untersuchten Mägen Plastikmüll gefunden wurde – im Schnitt 35 Teile. Von 136 marinen Arten ist bekannt, dass sie sich regelmäßig in Meeresmüll verheddern und dabei oft zu Tode strangulieren. Weitere Auswirkungen von Abfällen in der Meeresumwelt sind Beeinträchtigungen des Habitats durch Abschürfungen und Veränderungen in der Sauerstoffverfügbarkeit beispielsweise durch das Bedecken von Bereichen des Meeresbodens, die Schädigung von fragilen sessilen Organismen wie Korallen und der Transport von nicht einheimischen Arten auf Abfallteilen. Während der Zersetzung geben Kunststoffe teilweise giftige und hormonell wirksame Zusatzstoffe wie Weichmacher oder Flammschutzmittel ab.

Ihr Amt lässt derzeit Eintragsquellen und -mengen von Kunststoffverpackungen sowie anderen Abfällen und deren Auswirkungen auf die Meeresumwelt untersuchen; mit welchen Zielen?

Das Umweltbundesamt fördert und begleitet mehrere Forschungs- und Verbändeprojekte zur verbesserten Information über Abfälle und deren Herkunft und Auswirkungen im Meer. Sowohl die Identifikation der Quellen sowie Eintrags- und Verbreitungspfade des Abfalls als auch die Quantifizierung der biologischen Auswirkungen oder gezielte Maßnahmen, wie z.B. die Sensibilisierung von Konsumierenden, Schiffsbesatzungen oder Hafenbetreibern für das Müllthema sind wichtige Schritte zur Vermeidung von Meeresverschmutzung durch Zivilisationsreste.
Statistisch abgesicherte Verfahren für die Bewertung und Überwachung von Meeresmüll zur Umsetzung der Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie wurden dabei bereits entwickelt. Derzeit startet ein Pilotmonitoring, das alle erforderlichen Meereskompartimente und relevanten biologischen Effekte abdeckt. Das Monitoring soll dabei so konzipiert werden, dass eine Bewertungsgrundlage entsteht und die verursachenden anthropogenen Aktivitäten möglichst spezifisch identifiziert werden, um zusätzliche effektive Maßnahmen entwickeln zu können. Weiterhin soll die Belastungssituation ausgewählter mariner Organismen mit Kunststoffen eingehend untersucht werden.
Die "Internationale Konferenz zur Prävention und zum Management mariner Abfälle" 2013, die das Umweltbundesamt maßgeblich organisiert hatte, erreichte ihr Ziel der Initiierung und Weiterentwicklung von regionalen Aktionsplänen zur Reduktion der Einträge von Müll in die europäischen Meere. Derzeit werden mit Hochdruck regionale Maßnahmenprogramme für Nord- und Ostsee erarbeitet.
Erst seit kurzem steht die weltweite Zunahme von Mikroplastik in Meereswirbeln, Sedimenten, an Stränden und in Biota im Fokus des Umweltschutzes. Dabei handelt es sich einerseits um sekundäre Fragmente, die bei der Zersetzung von Makroplastikteilen wie Verpackungsmaterialien entstehen. Andererseits gelten primäre Kunststoffpartikel als Quelle, die in mikroskopischer Größe hergestellt werden, um z.B. in Kosmetik oder Reinigungsmitteln verwendet zu werden. Mengenströme und potentielle ökologische Auswirkungen dieses unsichtbaren Mülleintrags ins Meer werden in laufenden und zukünftigen Projekten des Umweltbundesamtes erhoben und erforscht.

Bei aller Kritik an Plastiktüten. Welche Alternativen empfiehlt nun das UBA?

Wir empfehlen Mehrwegtragetaschen. Diese sollten möglichst häufig wiederverwendet werden, damit sich die höheren Aufwendungen für deren Herstellung ausgleichen. Wenn eine Einwegtüte notwendig sein sollte, dann eine Variante aus Recycling-Kunststoff. Zum Beispiel die Tüten mit dem blauen Engel: diese bestehen zu mindestens 80 % aus Kunststoff-Rezyklat. Wichtig in dem Fall: Die meisten Einweg-Tragetaschen sind für einen mehrfachen Gebrauch geeignet. Auch die Mehrfachnutzung von Einweg-Tüten verringert den Umweltschaden!

Sie können sich auch mit biologisch abbaubaren Kunststofftüten wenig anfreunden?

Auch biologisch abbaubare Tüten sind kurzlebige Einwegprodukte und tragen nicht zur Abfallvermeidung bei. Zudem bietet das Material bisher keine gesamtökologischen Vorteile gegenüber rein fossilbasierten Kunststoffen. Auch die Entsorgung gestaltet sich bislang problematisch: Biologisch abbaubare Kunststoffe können das etablierte Recycling konventioneller Kunststoffe beeinträchtigen. Die Kompostierung funktioniert nur unter bestimmten Feuchtigkeits- und Temperaturbedingungen und keinesfalls auf dem heimischen Kompost. Selbst in industriellen Kompostierungsanlagen reichen die Rottezeiten oftmals nicht für eine Zersetzung der biologisch abbaubare Kunststoffe aus. Ohnehin werden Kunststoffe meist generell vor der Rotte als Störstoff aussortiert. Und ganz wichtig: Sie lösen nicht das Problem der (Meeres-)Vermüllung mit den bekannten Folgen für die (Meeres-)Tiere.
Der beste Entsorgungsweg für biologisch abbaubare Kunststoffe ist derzeit die Verbrennung, um immerhin ihr energetisches Potential zu nutzen.
Grundsätzlich: Kunststoffe sollten möglichst lange im Kreislauf geführt werden. Erst wenn eine stoffliche Verwertung nicht mehr möglich ist, sollten sie energetisch verwertet werden.

Die Hintergründe zu diesem Inhalt

2013 | OriginalPaper | Buchkapitel

Werkstoffe in der Gesellschaft

Quelle:
Werkstoffe
    Bildnachweise