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20 Jahre ehrenamtliches Zählen von Tagfaltern

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Seit zwei Jahrzehnten gehen jedes Jahr zwischen April und September hunderte engagierte Bürgerinnen und Bürger in ganz Deutschland auf Schmetterlings-Pirsch. Ihr Ziel: Tagfalter zählen – und damit wertvolle Daten über Artenvielfalt, Klimawandel und Veränderungen der Landnutzung sammeln.

Der Aurorafalter ist eine der Arten, die seit 2005 wieder häufiger geworden ist.


Das "Tagfalter-Monitoring Deutschland" (TMD), 2005 vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) und der Gesellschaft für Schmetterlingsschutz (GfS) ins Leben gerufen, gilt heute als eines der erfolgreichsten ehrenamtlichen Langzeit-Monitoringprojekte des Landes. Das TMD hilft, die Auswirkungen von Klimawandel und Landnutzung auf unsere Umwelt zu verstehen – besser als viele andere Insektenprojekte.

Ehrenamtsprojekt mit wissenschaftlichem Tiefgang

Inspiriert von britischen und niederländischen Vorbildern startete das UFZ gemeinsam mit der GfS, dem BUND und dem ZDF im Jahr 2005 mit der Kampagne "Abenteuer Schmetterling" das deutschlandweite Monitoring. Die Idee: Bürgerinnen und Bürger laufen regelmäßig festgelegte Strecken von bis zu einem Kilometer ab und dokumentieren alle tagaktiven Schmetterlinge, denen sie begegnen – nach einheitlichen wissenschaftlichen Kriterien.

Seit Projektbeginn wurden auf rund 1.620 sogenannten Transekten knapp 4,4 Millionen Falter gezählt – bei über 130.000 Begehungen und fast 55.000 zurückgelegten Kilometern. Jährlich sind rund 600 Zählstrecken in ganz Deutschland aktiv. Mit dabei sind Menschen aller Altersgruppen, vom Schüler bis zur 94-jährigen Seniorin. Und Nachwuchssorgen hat das Projekt nicht.

Ein Schlüssel zum Erfolg: die kontinuierliche Betreuung. "Ganz wichtig für unseren Erfolg war, dass wir für die Zählenden von Anfang an in der Biologin Elisabeth Kühn eine feste Ansprechpartnerin am UFZ hatten", betont Mitinitiator Prof. Josef Settele, Agrarökologe, Schmetterlingsexperte und Vorsitzender der GfS. Schulungen, Workshops, Newsletter und regelmäßiges Feedback aus der Forschung sorgen für eine starke Bindung der Ehrenamtlichen. "Die Leute wollen sehen, dass ihr Engagement sinnvoll ist und wir mit ihren Daten wirklich etwas anfangen", sagt Kühn.

Bürgerwissenschaftler liefern zuverlässige Daten

Die wissenschaftliche Relevanz der gesammelten Daten ist heute unbestritten. Trotz anfänglicher Skepsis gegenüber "Citizen Science"-Projekten* zeigte sich: Die Qualität der Beobachtungen ist hoch. Eine automatische Qualitätskontrolle sowie die manuelle Prüfung durch Expertinnen und Experten am UFZ sorgen zusätzlich für Verlässlichkeit.

Frühwarnsystem für die Artenvielfalt

Schmetterlinge reagieren sensibel auf Umweltveränderungen – sie sind damit ideale Bioindikatoren. Weil sie meist nur wenige Monate leben und oft spezifische Ansprüche an ihren Lebensraum stellen, machen sich Veränderungen schnell bemerkbar. Doch kurzfristige Schwankungen müssen langfristig eingeordnet werden, erklärt Josef Settele: "Wenn die Vorkommen einer Art zwei oder drei Jahre lang zurückgehen, muss das nicht unbedingt ein Alarmzeichen sein. Wer echte Trends aufspüren will, muss Jahrzehnte lang Daten sammeln – und das in möglichst vielen Gebieten."

Übersichtskarte der Transekte, die seit 2005 im Tagfalter-Monitoring eingerichtet wurden.


Nach 20 Jahren liefert das TMD belastbare Zahlen für 82 der etwa 120 regelmäßig erfassten Tagfalterarten in Deutschland. Die Ergebnisse sind durchwachsen: Zwar profitieren einige wärmeliebende Arten wie der Mauerfuchs, der Kleine Perlmutterfalter oder der Aurorafalter vom Klimawandel – insgesamt zeigt der Trend aber nach unten. "18 Arten nehmen zu, 28 Arten haben ihr Niveau gehalten und 36 Arten nehmen ab", so Settele. Besonders betroffen: spezialisierte Arten, die bislang nicht flächendeckend erfasst werden konnten.

Daten, die in Brüssel ankommen

Die Daten aus dem TMD fließen längst auch in internationale Auswertungen ein. Rund 6.000 Ehrenamtliche sind europaweit nach vergleichbaren Methoden im Einsatz. Ein konkreter Impact zeigt sich beim sogenannten "Index der Grünlandschmetterlinge". Dieser Indikator basiert auf den Trends von 17 typischen Arten, die auf Wiesen und Weiden leben – und ist damit ein direkter Maßstab für den Zustand dieser Ökosysteme.

"Dieser Indikator zeigt anschaulich, wie sich wohl vor allem die Landnutzung auf die Artenvielfalt auswirkt", erklärt Elisabeth Kühn. Besonders relevant: Der Index ist als einer von drei offiziellen Biodiversitätsindikatoren in die neue EU-Verordnung zur Wiederherstellung der Natur (NRR) aufgenommen worden, die 2024 verabschiedet wurde. Alle EU-Mitgliedsstaaten müssen künftig Maßnahmen zur Renaturierung vorlegen – und deren Erfolg anhand solcher Indikatoren belegen. "Für uns ist das eine echte Erfolgsgeschichte", sagt Settele. "Es ist ja sehr selten, dass Projektergebnisse in ein Gesetz münden."

Ehrenamt mit echtem Impact

Das Tagfalter-Monitoring Deutschland zeigt, was Bürgerwissenschaft leisten kann – für den Naturschutz, für die Forschung und jetzt sogar für die EU-Gesetzgebung. Es liefert nicht nur faszinierende Einblicke in die bunte Welt der Falter, sondern auch belastbare Fakten über den Zustand unserer Natur. Und das dank der Begeisterung, Ausdauer und Neugier unzähliger Menschen, die sich Jahr für Jahr auf den Weg machen – um dem Wandel der Zeit Flügel zu verleihen.

*Bürgerwissenschaften: Hier forschen nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Bürgerinnen und Bürger. Sie denken sich Fragestellungen aus, recherchieren, beobachten, messen, dokumentieren – und manchmal veröffentlichen sie sogar eigene Ergebnisse. Mal unterstützen sie die Wissenschaft, mal treiben sie sie selbst voran.

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    Bildnachweise
    UFZ Schmetterling Bild 1/© Werner Messerschmid, UFZ Schmetterling Bild 2/© Kartengrundlage TOPO-WMS by Mundialis & ©OpenStreetMap Contributors