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19.05.2022 | Umweltschutz | Im Fokus | Online-Artikel

Ist eine Landwirtschaft mit weniger Pestiziden möglich?

verfasst von: Christoph Berger

6 Min. Lesedauer
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Die EU-Kommission arbeitet daran, den Einsatz von Pestiziden zu reduzieren. Denn die eingesetzten Mittel haben nicht nur Auswirkungen auf die angebauten Produkte, sondern auf gesamte Ökosysteme. Doch um die Reduzierung zur Realität werden zu lassen, muss die gesamte Gesellschaft mitgehen.

Laut der vom Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit im März 2022 herausgegebenen Publikation "Absatz an Pflanzenschutzmitteln in der Bundesrepublik Deutschland" waren mit Stand 3. Dezember 2020 in Deutschland 980 Pflanzenschutzmittel, Wirkstoffe und Anwendungen zugelassen. 100.251 Tonnen von diesen wurden 2020 an die Landwirtschaft abgegeben.

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Die Agrarwende: Viel Potenzial, wenig Fortschritt

Was heißt Agrarwende? Die Agrarwende bezeichnet einen Wandel der landwirtschaftlichen Bewirtschaftung hin zu stärker ökologisch orientierten Wirtschaftsweisen. Mit der Agrarwende ist eine Ernährungswende eng verbunden, da eine ökologisch ausgerichtete Agrarwirtschaft zwangsläufig die Bevölkerung ansatzweise mit anderen und mengenmäßig neu verteilten Erzeugnissen versorgt.

Doch der Einsatz derartiger Mittel hat Folgen. So heißt es beispielsweise im Kapitel "Agenda 21 – Gewässerbewirtschaftung, Kreislaufwirtschaft, Luftreinhaltung und Klimaschutz auf dem Prüfstand" des Springer-Fachbuchs "Wasser, Energie und Umwelt", dass die Grundwasserbelastung in vielen Regionen überwiegend durch Nitrat und Pflanzenschutzmittel aus der Landwirtschaft verursacht werde, sodass diese Belastung nur durch einen bedarfsgerechten Düngemitteleinsatz und Anwendungsverbote für persistente Pflanzenschutzmittel gemindert werden könne. Im Kapitel "Die Agrarwende: Viel Potenzial, wenig Fortschritt" des Springer-Essentials "Die Nachhaltigkeitstransformation in Deutschland" wird darauf hingewiesen, dass die Verwendung von Pflanzenschutzmitteln sowie Düngung im Rahmen der Agrarwende in Deutschland stark diskutiert werde. "Die Agrarwende bezeichnet einen Wandel der landwirtschaftlichen Bewirtschaftung hin zu stärker ökologisch orientierten Wirtschaftsweisen", so die Erläuterung von Autor Jörg Radtke. Und in den "Standort-Infos" der Springer-Fachzeitschrift "Standort" heißt es in der Meldung "Großer Bedarf an Pufferzonen zwischen Ackerflächen und Naturschutz-Arealen", dass Experten für den dramatischen Rückgang der Masse aller dort lebenden Insekten Pestizide vermuten.

Kommt eine Pestizid-Verringerung um 50 Prozent?

Eine Maßnahme zur Reduzierung der Pestizide wird im bereits erwähnten Kapitel "Die Agrarwende: Viel Potenzial, wenig Fortschritt" genannt: "Im Rahmen des green new deals der Europäischen Kommission wurde im Einklang mit der farm-to-fork- und Biodiversitätsstrategie der Kommission die GAP (Gemeinschaftsaufgabe zur Verbesserung der Agrarstruktur und des Küstenschutzes) im Jahr 2020 neu geregelt. Sie stellte eine "grüne Architektur" in Form stärkerer Förderung von Öko-Anbau, weitreichenden Öko-Regelungen, eine Umverteilungsprämie sowie Förderung von Junglandwirten in den Mittelpunkt." In einer dazu von der EU-Kommission veröffentlichen Meldung heißt es, dass konkrete Ziele für die Umgestaltung des Lebensmittelsystems der EU festgelegt werden, einschließlich einer Verringerung des Einsatzes und des Risikos von Pestiziden um 50 Prozent, einer Verringerung des Einsatzes von Düngemitteln um mindestens 20 Prozent, einer Verringerung des Verkaufs von antimikrobiellen Mitteln für Nutztiere und Aquakultur um 50 Prozent sowie des Ziels einer ökologischen Bewirtschaftung von 25 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen.

Und eigentlich hätte die EU-Kommission am 23. März 2022 den Entwurf einer Verordnung vorlegen wollen, die eine Verringerung des Einsatzes von Pestiziden um 50 Prozent bis 2030 vorschreibt. Mit dieser Verordnung wäre dieses Ziel für alle EU-Mitgliedsstaaten rechtlich verbindlich geworden. Doch die Vorlage des Entwurfs wurde kurzfristig verschoben. Als Grund dafür wurde der Krieg gegen die Ukraine genannt.

Herausforderungen für die Landwirtschaft

Doch was passiert, wenn die EU eine Vorgabe macht, dass bis 2030 das Risiko durch den Einsatz von Pestiziden und auch die Ausbringung von Pestiziden halbiert werden soll, wie groß ist die Herausforderung und was sind die Do‘s and Don'ts, die auf diesem Weg berücksichtigt werden müssen? "Ich sehe die 50 Prozent als ein Ziel und es wird definitiv nicht so sein, dass auf jedem Feld nur noch die Hälfte gespritzt wird. Solche Vorstellungen geistern auch herum", sagt Prof. Dr. Bärbel Gerowitt, Professorin für Phytomedizin an der Agrar- und Umweltwissenschaftliche Fakultät der Universität Rostock und Springer-Autorin – unter anderem Mitautorin des Fachbeitrags "Was ist eine ökologische Schadenswelle?" in der Springer-Fachzeitschrift "Gesunde Pflanzen" (Ausgabe 2/2021). Gerowitt geht davon aus, dass bei einer Zunahme des Ökolandbau-Anteils auf der nationalen Ebene viel abgedeckt werden kann. "Ich bin tatsächlich dabei, bei den Do‘s zu sagen, wir müssen die Gesellschaft vorbereiten, die muss auch mitziehen. Sie muss vielleicht auch mal Knappheiten in Kauf nehmen, auch bei Nahrungsmitteln. Sie muss sich vielleicht umorientieren in dem, was sie kaufen kann oder was sie dafür bezahlen muss." Bezüglich der dann noch verbleibenden 50 Prozent plädiert sie dafür, diese sinnvoll einzusetzen. Und die Zulassung der Mittel könnte stärker gemacht werden. Bärbel Gerowitt sagt: "Ich glaube, dass wir da ein ganz gut funktionierendes System haben. Wir müssen nur aufpassen, dass die Mengen des einzelnen Wirkstoffes, so wie wir es beim Glyphosat erlebt haben, nicht explodieren."

Für Prof. Dr. Christoph Schäfers, Mitglied der Institutsleitung und Leiter der Bereichs Angewandte Oekologie und Bioressourcen am Fraunhofer-Institut für Molekularbiologie und Angewandte Oekologie (IME), Schmallenberg, besteht die größte Herausforderung darin, eine vergleichende Risikobewertungen zu machen. Er erklärt: "Und das ist etwas, was zulassungspolitisch bisher gar nicht vorgesehen ist: Dass man jeden Stoff wirklich wissenschaftlich risikobewertet und in den Vergleich setzt, um zu schauen, wo gibt es möglicherweise weniger Risiken." Das habe durchaus rechtliche Konsequenzen, ebenso wettbewerbsrechtliche. Zudem könne mehr ergebnisorientiert argumentiert werden: "Das heißt, wenn man hingeht und in einer Agrarlandschaft Biodiversität misst und dann intensiviert und sagt, wenn im Vergleich zu einem entsprechend gestrickten Referenzstandort die Biodiversität zunimmt oder gut aussieht, dann gibt es dort eine Subvention oder eine Belohnung, weil das der Gesellschaft wichtig ist." Es sei dann im Interesse des Landwirts, Pflanzenschutz-Maßnahmen nicht zu überziehen und es brauche weniger Kontrollen.

Gesellschaft muss mitziehen

Sich die Sorgen und Nöte der Landwirt anzuhören, um wirklich zu verstehen, wo Pflanzenschutzmittel tatsächlich eingesetzt werden, wo es tatsächlich realistische Chancen gibt, Pflanzenschutzmittel einzusparen und wie vielleicht Technologie weiterhelfen kann, Reduktionen zu erzielen, die dann möglicherweise zu gar keinen Ertragsverlusten führen, dafür plädiert Marcel Dehler, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Betriebswirtschaft des Johann Heinrich von Thünen-Instituts, dem Bundesforschungsinstitut für Ländliche Räume, Wald und Fischerei in Braunschweig. Es brauche ausgewählte Indikatoren, die die Risiken abbilden. Und es müsse eine gute Datengrundlage geschaffen werden, um Zusammenhänge analysieren zu können und die Realität möglichst gut abbilden zu können, fordert er. So könnten Landwirte letztlich bei ihren Entscheidungen unterstützt werden. Dehler erklärt dazu: "Man sieht in den vergangenen Jahren, dass die Landwirte auch unter ökonomischen Zwängen stehen, und da darf man sie nicht ganz alleinstehen lassen." Zudem, und hier führt er die Argumentation von Bärbel Gerowitt fort, müsse in der Situation auch mitberücksichtigt werden, dass die Landwirtschaft sicherlich generell bereit sei, die Risiken zu reduzieren, wenn die Gesellschaft das möchte. Aber die Gesellschaft müsse ihren Anteil daran tragen. Dehler: "Dieser kann auch so aussehen, dass man eine höhere Zahlungsbereitschaft für Lebensmittel entwickelt. Das ist ein zentraler Punkt, der es der Landwirtschaft sehr viel einfacher machen würde, diesen Weg zu gehen."

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