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11.07.2017 | Unternehmen + Institutionen | Im Fokus | Onlineartikel

Bei hartem Brexit bricht der britische Automarkt ein

Autor:
Christiane Köllner

Ein harter Brexit würde den britischen Automarkt einbrechen lassen, prognostiziert eine aktuelle Studie. Käme es zu einem klaren Bruch mit Brüssel, könnte der Autoabsatz im Vereinigten Königreich um 20 Prozent sinken. 

Ein harter Brexit würde hohe Absatz- und Umsatzeinbrüche mit sich bringen und stellt Automobilhersteller vor große Herausforderungen. Die aktuelle Deloitte-Studie "Bremsklotz Brexit – Wie ein harter Brexit die deutsche Automobilindustrie ausbremst" zeigt, welche Folgen mögliche WTO-Zölle und eine anhaltende Schwächung des britischen Pfunds auf den britischen Automarkt haben. Demnach müssten Hersteller im Brexit-Jahr 2019 im Vereinigten Königreich (UK) mit einem Absatzrückgang von 550.000 Autos und Umsatzeinbußen von circa 12,4 Milliarden Euro (-18 Prozent) rechnen. Am stärksten seien hiervon deutsche und andere europäische Produktionsstandorte betroffen, so die Studie. Aktuell würden 60.000 Jobs in Deutschland an den Autoumsätzen auf der Insel hängen – bei einem harten Brexit sei ein knappes Drittel davon in Gefahr. 

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BREXIT-Konsequenzen für das Vereinigte Königreich

Welches sind die kurzfristigen und längerfristigen Effekte des BREXIT-Votums in der Volksabstimmung vom 23. März 2016? Grundsätzlich gibt es kurzfristige Effekte mehr konjunktureller Art, die einen Rückgang der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage …

"Wenn Automobilhersteller die steigenden Kosten eins-zu-eins an die Verbraucher weitergeben, gehen die Absatzzahlen und somit die Umsätze entsprechend zurück. Daher muss die Branche Gegenmaßnahmen insbesondere auf der Kostenseite, aber auch auf der Umsatzseite, wie beispielsweise in Form von intelligenten und flexiblen Pricing-Strategien, entwickeln. Außerdem werden eine Optimierung der Lieferketten und eine Verlagerung der Produktionsstandorte durch einige Hersteller als auch Zulieferer in Erwägung gezogen", erklärt Dr. Thomas Schiller, Partner/Leiter Automotive bei Deloitte. 

Bedeutung des UK-Markts für Deutschland

Das Vereinigte Königreich sei mit circa drei Millionen Neuzulassungen 2016 der zweitgrößte europäische Markt für Pkw und leichte Nutzfahrzeuge, gibt die Unternehmensberatung an. Davon sei jede dritte Neuzulassung ein Export aus Deutschland. Vor allem deutsche Fabrikate der Hersteller BMW, Daimler und Volkswagen aber auch Autos der deutschen Standorte von Ford und Opel (Vauxhall) seien beliebt. Insgesamt gehen rund 20 Prozent aller deutschen Automobilexporte ins Vereinigte Königreich, welches der wichtigste Auslandsmarkt für den Produktionsstandort Deutschland ist. Von den aktuell rund 60.000 Arbeitsplätzen in der deutschen Automobilindustrie für den UK-Markt wären bei einem harten Brexit circa 18.000 gefährdet.

Die Produktion von Kraftwagen und Kraftwagenteilen ist in Deutschland besonders eng mit dem Vereinigten Königreich verflochten, stellen auch die Springer-Autoren Jürgen Matthes, Berthold Busch und Galina Kolev im Artikel Auswirkungen des Brexits auf das UK und auf Deutschland aus dem List Forum für Wirtschafts- und Finanzpolitik 1/2017 fest. Laut der Autoren exportierte die Branche im Jahr 2016 Waren im Wert von mehr als 27 Milliarden Euro, bei Importen in Höhe von gut sechs Milliarden Euro ergibt sich ein Ausfuhrüberschuss in Höhe von 21 Milliarden Euro.

Daraus lässt sich ableiten, dass die deutsche Automobilwirtschaft nach einem Brexit von Zöllen und nichttarifären Handelshemmnissen gegebenenfalls besonders stark betroffen wäre", so die Autoren.

Steigende Kosten durch Zölle und Währungsschwankungen

Im Falle eines harten Brexit verändere sich die Situation für sämtliche Autobauer auf dem UK-Markt, da zeitweise oder dauerhaft für den Handel die Zollvereinbarungen der Welthandelsorganisation (WTO) gelten würden, so die Deloitte-Studie. Das wären rund 10 Prozent für Automobile und circa 4,5 Prozent für Fahrzeugteile. Diese Zölle und eine Abwertung des britischen Pfunds führten zu einem Kostenanstieg von durchschnittlich 15 Prozent im Vergleich zu einem No-Brexit-Szenario. In Deutschland oder in der EU hergestellte Autos wären sogar 21 Prozent teurer, UK-Produktionen nur rund drei Prozent.

Für einen Neuwagen müssten die Konsumenten dann wohl tiefer in die Tasche greifen. Durchschnittlich seien Automobile im Vereinigten Königreich 2019 dann durchschnittlich 3.700 Euro (+15 Prozent) teurer, in Deutschland produzierte Autos sogar 5.600 Euro (+21 Prozent), erklären die Deloitte-Analysten. 

Gerade bei der Frage nach dem britischen Zugang zum EU-Binnenmarkt steht ein großer Verhandlungsmarathon über Jahre an, wie Springer-Autor Paul J.J. Welfens prognostiziert. "Für  Deutschlands Wirtschaft mit ihrer hohen bilateralen Überschussposition bei Großbritannien wird wohl in Brüssel beziehungsweise Berlin Druck ausüben, damit man dem Vereinigten Königreich relativ gute Zugangsbedingungen beim EU-Binnenmarkt gewährt", so Welfens im Kapitel Brexit – Konsequenzen für das Vereinigte Königreich aus dem Buch Brexit aus Versehen. Denn nur dann werde das Vereinigte Königreich etwa den Autoproduzenten aus Deutschland günstige Marktzugangsbedingungen – also Mini-Zölle – nach dem britischen Ausscheiden aus der EU gewähren.

EU-Hersteller als stärkste Absatzverlierer

Auf Grundlage eines von Deloitte erstellten Modells zur Berechnung des Autoabsatzes zeige sich, welche Produktionsstandorte bei entsprechenden Preisentwicklungen Absatzverluste oder sogar –gewinne in UK verzeichnen. Insgesamt sei im Falle eines harten Brexit mit einem Rückgang der Neuzulassungen um 20 Prozent zu rechnen, so die Berater. Dabei gäbe es jedoch Gewinner und Verlierer. Während deutsche und EU-Hersteller die stärksten Absatzverlierer seien (-650.000 Autos), gewinnen UK-Produzenten und solche aus Nicht-EU-Ländern (+100.000 Autos) kurzfristig sogar Absatzanteile. Doch auch sie müssten mittel- und langfristig mit steigenden Produktionskosten rechnen, da sie ihre Fahrzeugteile teilweise aus anderen EU-Ländern importierten und Zölle anfielen. Das könnte bei japanischen Herstellern besonders stark ins Gewicht fallen, da sie bislang in UK hauptsächlich Fahrzeuge für die EU produzierten – das wäre nach einem harten Brexit nicht mehr für alle Märkte lukrativ.

"Der Absatzeinbruch von 20 Prozent für EU-Hersteller, den unser Modell vorhersagt, entspricht der Situation während der Finanzkrise 2009. Wenn es wirklich zum harten Brexit kommt, würde die Mehrheit (fast 60 Prozent) der deutschen Automobilindustrie ihre Investitionen in UK reduzieren", resümiert Dr. Alexander Börsch, Chefökonom bei Deloitte.

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