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05.11.2021 | Unternehmensgründung | Kommentar | Online-Artikel

Kluge Unternehmer gründen außerhalb Deutschlands

verfasst von: Marc Schippke

4:30 Min. Lesedauer
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Der Standort Deutschland hat ein Problem: Die im europäischen Vergleich hohe Unternehmensbesteuerung schreckt Gründer ab. Wenn Deutschland nichts ändert, werden Unternehmer lieber jenseits der deutschen Staatsgrenze Start-ups aufbauen.

Vermögenssteuer, Reichensteuer, mehr Abgaben für Unternehmen – im Bundestagswahlkampf 2021 ging es hoch her. Auf den ersten Blick klingt es gerecht, dass diejenigen, die viel haben oder viel einnehmen, auch mehr Steuern zahlen. Gerne wird dann mit dem Finger auf internationale Konzerne gezeigt, die von ihren satten Gewinnen auch etwas fürs Gemeinwohl abgeben könnten. Doch was ist mit den vielen Mittelständlern, Familienunternehmen oder Gründern? Was ist mit denjenigen, die durch die Corona-Krise bereits in einer schwierigen Lage sind? 

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Steuerlast für Unternehmen soll weiter steigen

Denn die Abgaben sind hierzulande ohnehin für Firmen sehr hoch. Gewerbebetriebe am Standort Deutschland haben 2019 rund 158 Milliarden Euro an Steuern bezahlt. 2020 waren sie coronabedingt mit etwa 126,9 Milliarden Euro etwas geringer. Doch der Bundesverband der Deutschen Industrie geht von einem deutlichen Anstieg in den kommenden Jahren aus: 2024 werden Betriebe in Deutschland 167 Milliarden Euro an Gewerbe-, Körperschafts- und Einkommensteuer berappen müssen. 

Das fällt auch im internationalen Vergleich negativ auf: Während die durchschnittliche Ertragssteuerbelastung von Kapitalgesellschaften in den OECD-Ländern bei 23,5 Prozent liegt, erreicht sie in Deutschland ein Niveau von mehr als 31 Prozent. In den Ballungsgebieten machen sich die Belastungen aufgrund der typischerweise höheren Gewerbesteuerhebesätze sogar noch stärker bemerkbar. Damit liegt die Bundesrepublik im internationalen Vergleich auf einem Spitzenplatz. Das wirkt abschreckend auf Firmengründer, denn Steuersätze sind für die Investitionsentscheidungen von enormer Bedeutung. 

Steuerpolitik gegen den internationalen Trend 

Seit mehr als zwei Jahrzehnten besteht europaweit ein Trend zu sinkenden Unternehmenssteuersätzen – davon hat sich Deutschland seit 2011 entkoppelt. Mit niedrigen Unternehmenssteuern können Firmen im Land gehalten und ein Abwandern verhindert werden. Der durchschnittliche Unternehmenssteuersatz der 28 EU-Mitgliedstaaten reduzierte sich zwischen 1996 und 2018 von 38 auf 21,3 Prozent. 

Die globale Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 hat den Abwärtstrend bei den Unternehmenssteuersätzen in den Folgejahren verlangsamt, aber die Abgaben sanken dennoch weiter. Auch in Deutschland fiel der Unternehmenssteuersatz in den Jahren 1999 bis 2011 von 52,3 auf 29,4 Prozent. Das ist ein Minus von 43,8 Prozent. Damit fiel der Rückgang kräftiger aus als im EU-Durchschnitt (minus 33,5 Prozent). Seitdem ist der Steuersatz in Deutschland jedes Jahr leicht gestiegen. Dabei gehen die alljährlichen Steuerüberschüsse in die Milliarden.

Jahr

 Höhe Steuerüberschüsse in Deutschland

2014

9,5 Milliarden

2015

19,4 Milliarden

2016

25,7 Milliarden

2017

38,0 Milliarden

2018

13 Milliarden

Quelle: Research, Schippke Wirtschaftsberatung AG
 

Deutschland international nicht wettbewerbsfähig

Was die Besteuerung von Unternehmen angeht, ist Deutschland schlicht international nicht wettbewerbsfähig. Auf der Rangliste des "Internationalen Index der Steuerwettbewerbsfähigkeit 2020", der vom Prometheus-Institut in Berlin herausgegeben wird und alle OECD-Länder - außer die Neuzugänge Kolumbien und Costa Rica - einbezieht, landet die Bundesrepublik auf Platz 15. Deutlich bessere Bedingungen finden Firmen demnach in Ländern wie Estland, Lettland, Neuseeland, der Schweiz, Luxemburg, Litauen und Schweden. 

Estland verfügt aus Unternehmersicht über das beste Steuersystem der OECD, wie die Experten vom Prometheus-Institut herausarbeiten. Vier Merkmale sind entscheidend für das gute Abschneiden: Die Körperschaftsteuer in Höhe von 20 Prozent wird nur auf ausgeschüttete Gewinne erhoben. Für persönliche Einkommen erfolgt die Besteuerung pauschal mit 20 Prozent, was jedoch nicht für persönliche Dividendenerträge gilt. Zudem muss die Grundsteuer nur für den Wert des Grundstücks berappt werden, andere Werte bleiben außen vor. Das Steuersystem befreit zudem mit wenigen Einschränkungen die durch inländische Unternehmen im Ausland erzeugten Gewinne von den nationalen Steuern. 

Deutschland ist im Vergleich dazu bestenfalls Mittelmaß. Im Bereich der Körperschaftssteuer schafft es die Bundesrepublik auf den 29. Rang, knapp vor Südkorea oder Japan. Am ehesten punkten kann der deutsche Fiskus noch mit internationalen Steuervorschriften (Rang sieben) und der derzeit noch geringen Vermögenssteuer (Rang elf).

Vermögensbesteuerung europaweit kein Erfolgsmodell

Eine Vermögenssteuer, wie sie sowohl SPD als auch Grüne im Wahlkampf gefordert hatten, würde Immobilien und Unternehmenswerte voll erfassen und pauschal mit einem Prozent pro Jahr besteuern und zwar ab einem Nettovermögen von zwei Millionen Euro. Durch die Corona-Krise oder aus anderen Gründen angeschlagenen Unternehmen ginge sie schmerzlich an die Substanz. Eine Vermögensbesteuerung wirkt unmittelbar krisenverschärfend, weil sie den Unternehmen dringend benötigte Liquidität entzieht.

Besonders betroffen von der Vermögenssteuer wären die familien- und eigentümergeführten Firmen aus dem Mittelstand, die ihr Vermögen in der Regel langfristig in das Unternehmen investiert haben. Es steckt in Maschinen, Patenten oder Betriebsgrundstücken. 
Auch in anderen Ländern hat sich gezeigt, dass die Vermögenssteuer kein Erfolgsrezept ist: Die Mehrzahl der EU- und OECD-Staaten hat nie eine erhoben oder sie wieder abgeschafft. Lediglich in fünf europäischen Staaten, nämlich in Frankreich, Luxemburg, Norwegen, Spanien und der Schweiz, wird sie erhoben. Frankreich hat die Vermögensteuer 2018 zu einer reinen Immobiliensteuer reduziert. Das hatte zum Ziel, nur noch den Immobilienbesitz, der nicht einer wirtschaftlichen Tätigkeit dient, zu besteuern.

Deutschland ist bereits ein Hochsteuerland für Unternehmer. Eine Vermögenssteuer käme als zusätzliche Belastung on top und würde die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts erheblich verringern. Noch häufiger als heute würden Investitionsentscheidungen gegen Deutschland getroffen. Das wiederum gefährdet Arbeits- und Ausbildungsplätze. 

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