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09.09.2021 | Unternehmensgründung | Im Fokus | Onlineartikel

Gründerinnen trotzen der Pandemie

Autor:
Annette Speck
4:30 Min. Lesedauer

Im Jahr 2020 sank die Zahl der Firmengründungen um elf Prozent gegenüber 2019. Gründerinnen ließen sich im Gegensatz zu männlichen Gründern allerdings seltener von ihren Plänen abbringen – obwohl sie es bei Investoren viel schwerer haben.

Laut dem KfW-Gründungsmonitor 2021 wagten im vergangenen Jahr insgesamt 537.000 Menschen den Sprung in die Selbständigkeit; ein Rückgang um 68.000 gegenüber dem Vorjahr. Dass sich angesichts des Wirtschaftseinbruchs in der Corona-Krise weniger Menschen selbständig machten, erstaunt nicht. Jedoch blieb die Zahl der Gründerinnen mit 205.000 recht stabil (minus 10.000), während die Gründungen von Männern deutlich um 58.000 auf 332.000 sanken. Der Frauenanteil unter den Existenzgründungen stieg damit leicht auf 38 Prozent.

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Erfolgreiche Firmengründungen sind die unverzichtbare Grundlage für Wirtschaftswachstum. Umso wichtiger ist eine professionelle Vorbereitung, die schon bei der Entwicklung einer tragfähigen Geschäftsidee beginnt.

Nebenerwerbsgründerinnen sind besonders flexibel

Doch warum rückten gründungsinteressierte Frauen von ihren Plänen seltener ab als Männer? Schließlich wurden gerade selbständige Frauen – vor allem branchenbedingt – besonders stark von der Corona-Krise getroffen und hatten öfter und mit höheren Umsatzverlusten zu kämpfen. Eine mögliche Erklärung ist den KfW-Forschern zufolge der Umstand, dass sich die Gründerinnen in spe teilweise schneller auf die Krisenbedingungen eingestellt und ihr Geschäftsmodell entsprechend angepasst haben.

Bessere Gründungsaussichten für 2021

Jedoch könnte das Jahr 2021 wieder deutlich mehr Firmengründungen bringen.

Viele Gründungsplanerinnen und -planer wollten eigentlich bereits 2020 gründen – sie haben ihre Projekte aufgrund der Corona-Krise nur verschoben. Sie sind im Planungsprozess weit vorangeschritten und nah an der Umsetzung. Auch davon dürfte die diesjährige Gründungstätigkeit profitieren." Dr. Fritzi Köhler-Geib, Chefvolkswirtin der KfW.

Dabei scheint sich der Trend zu besonders kapitalintensiven Gründungen fortzusetzen, wie das aktuelle Startup-Barometer des Beratungsunternehmens EY nahelegt. Demnach hat sich der Gesamtwert der Investitionen in deutsche Startups im ersten Halbjahr 2021 auf 7,6 Milliarden Euro mehr als verdreifacht.

In 2020 wurden dem KfW-Gründungsmonitor zufolge allerdings über die Hälfte der Gründungen (55 Prozent) ausschließlich durch Eigenmittel der Gründenden finanziert. Denn für viele Gründende sind andere Finanzierungsmöglichkeiten keine Option, wobei fehlende Finanzmittel generell eine der größten Hürden für Gründungen sind.

Voll daneben

Vor allem Gründerinnen können ein Lied von der schwierigen Suche nach Geldgebern singen. Und das liegt auch daran, dass sich in Investorenzirkeln ganz überwiegend Männer tummeln. Die scheinen Frauen eine erfolgreiche Unternehmensgründung oftmals nicht zuzutrauen.

Wie sehr sie mit dieser Einstellung und ihrer einseitig männlichen Perspektive daneben liegen können, zeigte sich etwa im Frühjahr bei der Investorenrunde für Pinky Gloves: Diese von zwei jungen Männern erdachten Menstruationshandschuhe überzeugten im Frühjahr zwar die männlichen Investoren in der TV-Show “Höhle der Löwen“, bei der Zielgruppe fielen sie aber durch. Kritikerinnen geißelten die Plastikhandschuhe als nicht umweltfreundlich, zu teuer und die Menstruation als unhygienisch stigmatisierend. Der Investor sprang wieder ab und kurz darauf wurden die umstrittenen Handschuhe vom Markt genommen.

Weibliche Management-Erfahrung zählt wenig

Die Gründerinnen von Ooia, einem Startup, das unter anderem Periodenunterwäsche anbietet und 2019 in der Show leer ausging, profitierten hingegen vom Pinky-Gloves-Desaster. Sie hatten in den sozialen Netzwerken den Shitstorm durch ihre Kritik an dem Produkt befeuert und verzeichneten daraufhin deutlich mehr Aufmerksamkeit für ihr Unternehmen. Im Interview mit der Wirtschaftswoche bemängeln sie, dass Frauen Gründungskompetenz häufig abgesprochen werde, selbst wenn sie bereits Management-Erfahrung hätten.

Im Fall des voll im Trend liegenden Marktes für Menstruationsprodukte ist die reine Männerperspektive ein klares Manko. Männer hielten Menstruationsprodukte noch immer für einen Nischenmarkt, stellt etwa Julia Rittereiser, ebenfalls Gründerin eines Startups für Periodenunterwäsche, gegenüber dem Tagesspiegel fest. “In der überwiegend männlichen Investoren-Bubble werden deshalb innovative Lösungen für die Periode einfach nicht gesehen“, meint sie. Dabei sei die Periode “ein biologisches Abo“, weshalb es immer ein Bedürfnis nach guten Produkten dafür geben werde.

Boys Clubs verschenken Potenzial

Beispiele wie diese zeigen, dass mehr weibliche Perspektive und Kompetenz in punkto Kapitalgewährung für neue Firmen vonnöten ist – und das beileibe nicht nur für solche mit der Zielgruppe Frauen. Der Wirtschaft gehe weltweit ein großes Potenzial an Frauen-Power durch die Lappen, wenn das Venture Capital weiterhin den weißen, männlichen Startup-Gründer bevorzuge, erklärt auch Janina Mütze in ihrem Beitrag zu dem Buch “Digitalisierung als Chancengeber“. (Seite 49) Dabei hält sich das Risiko durchaus in Grenzen, denn Frauen gründen gründlicher und vorsichtiger: Meist zielten sie von Anfang an auf kleinere Unternehmen und setzten eher auf Profitabilität als auf Wachstum. Dazu passt, dass größere Kapitalaufnahmen bei Gründerinnen die Ausnahme sind. Laut dem Female Founders Monitor 2020 haben nur 5,2 Prozent der Frauenteams bereits eine Million Euro oder mehr erhalten. Bei den Männerteams sind es hingegen 27,8 Prozent. Im Investmentprozess wirke vor allem während des Pitchs ein “gender bias“, der die Chancen von Gründerinnen einschränke, so der Bericht.

Nicht zuletzt deshalb war im Juni 2021 wohl die Zeit reif für Encourage Ventures, ein neues Investorinnen-Netzwerk von 60 Top-Managerinnen und bekannten weiblichen Persönlichkeiten. Das Ziel: mehr Vielfalt in die Gründer:innen und Investor:innen-Landschaft zu bringen und Gründungen zu unterstützen, an denen mindestens eine Frau beteiligt ist. Dem Startup-Standort Deutschland kann das nur gut tun.

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