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24.07.2020 | Unternehmenskredit | Infografik | Onlineartikel

Banken fürchten deutlichen Anstieg notleidender Kredite

Autor:
Angelika Breinich-Schilly
3:30 Min. Lesedauer

Die Risikomanager deutscher Kreditinstitute erwarten einen deutlichen Anstieg notleidender Kredite – quer durch alle Segmente. Das gilt laut einer aktuellen Befragung auch für Darlehen von an sich gesunden Mittelständlern.

"Sowohl bei Konsumenten- als auch bei Immobilienkrediten sowie Krediten kleiner und mittlerer Unternehmen (KMU) wird der Anstieg der NPL-Bestände zu beobachten sein", erläutert Jürgen Sonder, Präsident der Bundesvereinigung Kreditankauf und Servicing (BKS). Die Quoten von sogenannten Non-Performing Loans (NPL), auf deutsch notleidende Kredite, wird im Zuge der Corona-Krise auf Rekordstände klettern, fürchten die Risikomanager deutscher Kreditinstitute für das kommende Jahr laut aktuellem NPL-Barometer.

Alle Kreditsegmente sind betroffen

Bereits im Vorfeld der jährlich durchgeführten Befragung hatte der Verband eine Steigerung des Volumens notleidender Kredite von 33 auf rund 100 Milliarden Euro in Abhängigkeit von der wirtschaftlichen Entwicklung prognostiziert – und zwar in allen Kreditsegmenten:  

"Nach den Erwartungen der befragten Risikomanager ist davon auszugehen, dass die Bestände 2020 um circa ein Drittel steigen werden auf etwa 45 Milliarden Euro und dann noch einmal auf rund 60 Milliarden im Jahr 2021", erklärt Christoph Schalast, Professor für Mergers & Acquisitions, Wirtschaftsrecht und Europarecht an der Frankfurt School of Finance & Management sowie Vorsitzender des Beirats der BKS. Das sei schon fast eine Verdopplung in den nächsten zwei Jahren und damit eine "wirklich signifikante Veränderung".

Noch nie sei der Wert des NPL-Barometers, der die Erwartungshaltung der Marktteilnehmer widerspiegelt, für die erwartete Zunahme notleidender Kredite so hoch gewesen. Während im Vorjahr für 2020 keine merkliche Veränderung erwartet worden war, rechnen die Risikomanager für die kommenden zwölf Monate nun corona-bedingt mit einem stark wachsenden NPL-Markt.

Besonders schlechte Prognosen für KMU-Darlehen

Besonders trüb fallen laut NPL-Barometer die Prognosen der Risikomanager für Kredite an kleine und mittlere Unternehmen aus. 77 Prozent erwarten einen Anstieg der Bestände notleidender Kredite mit Quoten von im Mittel 2,90 Prozent im Jahr 2020 und 4,39 Prozent im Jahr 2021. Dass die Verkaufspreise sinken werden, glauben 48 Prozent, und 54 Prozent erwarten, dass sich der Anteil verkaufter oder in ein Servicing ausgelagerter Portfolios erhöhen wird.

Daher beschäftigt sich auch die Politik derzeit intensiv mit möglichen Hilfspaketen für diesen Sektor. So forderte die Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT) ein sogenanntes Winterschlaf-Verfahren für KMU. Dabei handelt es sich um ein Sonderinsolvenzverfahren, mit dem die Hürden für den Schritt in eine Insolvenz vorübergehend erleichtert werden sollen. Das MIT führt dazu aus:

Dafür soll es befristet bis 31. Dezember 2021 zwei Wege geben: Zum einen soll eine einstufige Eigenverwaltung (ohne Vorverfahren) beziehungsweise ein Direktzugang zu einem Schutzschirmverfahren eingeführt werden, wenn der Schuldner wegen drohender und corona-bedingter Insolvenz selbst einen Eröffnungsantrag gestellt hat. Damit könnten die Unternehmer unterstützt werden, die am Markt erfolgreich waren und dies nach überwiegender Einschätzung auch wieder werden können. Zum anderen soll der Schuldner in dem Sonderinsolvenzverfahren bis zu zwei Jahre nach der Insolvenz ein besonderes Wiederkaufsrecht bekommen unter Erhalt rechtsträgerbezogener Erlaubnisse und Genehmigungen, Patente und anderer Schutzrechte."

Abgewickelt werden müsse dies durch einen unabhängigen Insolvenzverwalter. In beiden Fällen soll nach erfolgreichem Wiederanfahren durch einen Besserungsschein den Gläubigern die Möglichkeit gegeben werden, mindestens einen Teil ihrer Forderungen bedient zu bekommen.

BKS geht von deutlicher Zunahme bei NPL-Verkäufen aus

"Die deutschen Banken stehen vor einem Problem, wenn zu viele Kredite notleidend werden", kommentiert der BKS-Präsident. "Dies wirkt sich direkt auf ihre Bilanz- und Risikokennzahlen aus, die Möglichkeit zur Vergabe neuer Kredite sinkt." Und das mitten in einer Phase, in der die Banken die Wirtschaft nach dem Willen der Politik ausreichend mit Geld versorgen sollen. Deshalb, so glaubt Sondern, werden Verkäufe notleidender Kredite auf dem Kapitalmarkt "deutlich an Bedeutung gewinnen". 

Verschiedene Bundesländer forderten deshalb bereits Konzepte für unterschiedliche NPL-Szenarien. Die Gründung einer Expertenrunde mit allen Beteiligten hinsichtlich der Erarbeitung von Stressszenarien und Lösungsmodellen sollte daher zügig in die Wege geleitet werden, lautet Sonders Forderung.

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