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16.07.2020 | Unternehmenskredit | Interview | Onlineartikel

"Gefragt sind Finanzierungshilfen mit Risikoübernahme"

Autoren:
Stefanie Hüthig, Angelika Breinich-Schilly
4:30 Min. Lesedauer
Interviewt wurde:
Alfred Wagner

Alfred Wagner leitet seit 2018 die Abteilung Förderkredite der LfA Förderbank Bayern.

Seit Beginn der Corona-Krise kämpfen deutsche Unternehmen mit Liquiditätsproblemen. Alfred Wagner, Leiter der Abteilung Förderkredite der LfA Förderbank Bayern, fasst die Inanspruchnahme von Finanzierungshilfen im Freistaat in vorläufige Zahlen.

springerprofessional.de: Wie hat die Corona-Pandemie den Finanzierungsbedarf Ihrer Kunden, der Unternehmen in Bayern, verändert?

Alfred Wagner: In normalen Zeiten stehen Investitionen im Vordergrund, die wir in den Bereichen Gründung, Wachstum, Innovation sowie Energie und Umwelt mit zinsgünstigen Darlehen finanzieren. Nach Beginn der Corona-Krise hingegen ist eine schnelle und zuverlässige Liquiditätssicherung in den Fokus gerückt. Hierbei geht es beispielsweise um die Überbrückung von Einnahmeausfällen, die Finanzierung von Betriebsmitteln, von Mieten oder Pachtzahlungen oder die Unterstützung bei der Weiterbeschäftigung von Mitarbeitern, nicht zuletzt im Hinblick auf das erwartete Wiederanlaufen der Wirtschaft.

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Wo drückt die Unternehmen der Schuh am stärksten?

Die hohen Liquiditätsbedarfe in den Betrieben sind vor allem durch die Unterbrechung von Liefer- und Absatzketten, Auftragsrückgänge, die Folgen von Produktionsstops oder gar zeitweise vollständige Betriebsschließungen entstanden. Es kommt deshalb besonders darauf an, die in finanzielle Schwierigkeiten geratenen Betriebe schnell und wirksam zu unterstützen. Besonders wichtig sind eine zügige und verlässliche Kreditbearbeitung und Zusage. Wir haben deshalb unsere Finanzierungshilfen für bayerische Unternehmen in der Corona-Krise deutlich erweitert und das Förderverfahren erheblich beschleunigt.

Sie bieten Corona-bedingt derzeit unter anderem einen Schnellkredit, einen Corona-Schutzschirm-Kredit und erweiterte Bürgschaften und Haftungsfreistellungen an. Welche Art von Krisen-Unterstützung fragen die bayerischen Unternehmen am stärksten nach?

Besonders stark nachgefragt werden derzeit alle unsere Finanzierungshilfen mit Risikoübernahme durch Haftungsfreistellungen oder Bürgschaften. Durch die Übernahme des Kreditrisikos erleichtern wir den Hausbanken – über die die Programme der LfA beantragt und ausbezahlt werden – die Kreditzusage gegenüber den Unternehmen erheblich. Kleinunternehmen mit bis zu 10 Mitarbeitern können für Investitionen und Betriebsmittel unseren Schnellkredit beantragen. Der Kredit ist mit einer 100-prozentigen Risikoübernahme durch den Freistaat Bayern ausgestattet, es erfolgt keine Risikoprüfung durch die Hausbank. Beim Schnellkredit haben wir, gemeinsam mit unseren Partnerbanken, zudem erstmals eine automatisierte Kreditzusage eingeführt, um den Bearbeitungsprozess so schnell wie möglich zu gestalten. Der Darlehenshöchstbetrag beträgt hier bis zu 100.000 Euro.

Wie hoch geht der Kreditrahmen für andere Unternehmen?

Für Unternehmen der gewerblichen Wirtschaft mit einem Jahresumsatz bis einschließlich 500 Millionen Euro und freiberuflich Tätige steht der Corona-Schutzschirm-Kredit mit einer 90-prozentigen Risikoentlastung für die Hausbanken und besonders günstigen Endkreditnehmerzinsen zur Verfügung. Hier kann die Darlehenshöhe bis zu 30 Millionen Euro betragen. Für langfristige Konsolidierung und Umschuldung stehen außerdem der Universalkredit und der Akutkredit zur Verfügung.

Wie viele Förderanträge über welches Fördervolumen gingen seit Krisenbeginn in Ihrem Hause ein? Und wie vielen Kunden konnten Sie weiterhelfen?

Bis Mitte Juli wurden in den Sonderprogrammen Schnellkredit und Corona-Schutzschirm-Kredit sowie in den optimierten Programmen Universalkredit und Akutkredit insgesamt über 4.500 Anträge gestellt, der beantragte Kreditbetrag beträgt dabei mehr als 740 Millionen Euro. Bei den Tilgungsaussetzungen für bestehende Programmkredite liegen etwa 4.800 Anträge im Gesamtvolumen von rund 70 Millionen Euro vor. Für die Übernahme von Bürgschaften, einschließlich Staatsbürgschaften, wurden über 90 Anträge mit einem Bürgschaftsbetrag von mehr als 620 Millionen Euro gestellt. Das gesamte Fördervolumen unserer Corona-Hilfsprogramme beläuft sich damit bisher auf über 1,4 Milliarden Euro. Das große Interesse zeigt sich zudem an rund 7.000 durchgeführten Informationsgesprächen der Förderberatung und über 240 vertieften Beratungen unserer Task Force.

Welche Kunden fragen besonders häufig Krisenhilfe bei Ihnen an?

Die Nachfrage geht querbeet durch die mittelständische bayerische Wirtschaft: vom Maschinenbauer, über den Einzelhandel und Dienstleistungsunternehmen bis hin zum Gaststätten- und Tourismusbereich. Wir stellen fest, dass von dieser Krise Unternehmen aller Größenordnungen und fast alle Wirtschaftsbereiche betroffen sind.

Über welche Kanäle wollten die Unternehmen seit Krisenbeginn verstärkt beraten werden?

Die Beratungsmöglichkeit per Telefon wird sehr stark genutzt. Daneben informieren wir Interessenten auch in Online-Videokonferenzen.

Hat sich die Wahl des Beratungskanals mit den Lockerungen verändert?

Nein, die Unternehmen brauchen schnell und verlässlich Auskunft über die passende Hilfe und die Beantragung. Das klappt auch ohne persönlichen Kontakt gut. Und gleichzeitig wird der Gesundheitsschutz für alle Beteiligten gewährleistet.

Wann reicht eine standardisierte Beratung aus, womöglich rein online, und wann ist eine individuelle Beratung sinnvoll?

Als erste Orientierungshilfe sind automatisierte Tools auf jeden Fall hilfreich. Der LfA-Förderwegweiser auf unserer Website zum Beispiel führt in 5 Klicks zum passenden Förderkredit. Oder man kann sich auch spätabends noch den Erklärfilm zum Schnellkredit anschauen. Wenn aber etwa ein Nicht-Banker Verständnisfragen zu Kreditkonditionen hat, Zweifel bei den Zugangsvoraussetzungen bestehen oder Beratung zur Gesprächsvorbereitung mit der Hausbank benötigt wird, ist die individuelle Beratung zu empfehlen. Das Gespräch mit einem Experten schafft hier die nötige Klarheit für den weiteren Weg.

Unabhängig von Corona, welche Förderprogramme treffen derzeit am meisten einen Nerv?

Zu den Themen Betriebsnachfolge und Gründung erhalten wir viele Anfragen. Trotz Krise wollen Unternehmerinnen und Unternehmer also auch aktiv in die Zukunft ihrer Firmen investieren.

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