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28.08.2019 | Unternehmenskultur | Interview | Onlineartikel

"Im Unternehmenskontext ist Ästhetik ein Führungsinstrument"

Autor:
Andrea Amerland
Interviewt wurde:
Matthias Franck

ist Gründer der Denkfabrik und Unternehmensberatung Contor Franck.

Unternehmen brauchen ein ästhetisches Gesamtkonzept, ist sich Berater Matthias Franck sicher. Nur so werden Werte und Kultur sichtbar sowie die Kreativität gefördert - mit direkten ökonomischen Auswirkungen.

springerprofessional.de: Die Unternehmensführung befindet sich im Wandel. Was ist für Sie die wichtigste Veränderung?

Matthias Franck: Dass der Mensch mit seiner individuellen Persönlichkeit und seinem eigenen Willen wieder in das Zentrum rückt und dadurch Arbeit neu definiert werden muss. Der Mitarbeiter wird als ernst zu nehmender Stakeholder wahrgenommen und nicht mehr als Objekt in einer Controlling-Liste, worin er als Kostenfaktor geführt wird. Mit zunehmender Digitalisierung und Automatisierung, nimmt der Stellenwert von kreativer und damit selbständiger Arbeit zu, denn kein Algorithmus kann Kreativität hervorbringen. So erhöht sich der Wert menschlicher Arbeit und muss taktisch sowie strategisch in der Führung von Unternehmen eingebunden werden. 

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Was meinen Sie damit, wenn Sie Ästhetik in die Unternehmensführung integrieren wollen?

Ästhetik beschreibt eine sinnliche Wahrnehmung mit wertender Beurteilung. Im Unternehmenskontext ist Ästhetik ein Führungsinstrument, weil 70 bis 80 Prozent des Erfolgs von Emotionen und Sympathie abhängen. Mit der Entwicklung einer unternehmensspezifischen Ästhetik wird die angestrebte Kultur sichtbar. In diesen Entwicklungsprozess sollten die Mitarbeiter unbedingt mit einbezogen werden. 

Wieso ist es wichtig, die Mitarbeiter einzubinden?

Eine Frage für die Analyse lautet: Haben alle Unternehmensbereiche dasselbe Verständnis von der ästhetischen Leitlinie oder gibt es eine Kluft zwischen Management und Mitarbeitern? Die Förderung von Identifikation kann nicht anders gelingen. Gute Führung muss zwar nicht neu erfunden werden, sie ist allerdings häufig Controlling-Maßnahmen zum Opfer gefallen. Ein überzeugend ästhetisches und in die Unternehmensführung integriertes Gesamtkonzept trägt dazu bei, dass Mitarbeiter bei der Differenzierung des Unternehmens mitwirken und Kunden ein Unternehmen bevorzugen, das attraktivere Assoziationen transportiert – beides mit direkten ökonomischen Auswirkungen. Zusammen mit all den vorgenannten positiven Aspekten, die sich aus der Beschäftigung mit Ästhetik ergeben, entwickelt sich auch gleichzeitig besseres Führen.

Was bewirkt es, Ästhetik in die Führung zu integrieren?

Dadurch formt sich ein Rahmen um sämtliche Managementprozesse und generiert damit die emotionale Rendite. Werden ästhetische Themen auf allen Ebenen implementiert, fördert dies vernetztes Denken, einen konstruktiven Umgang mit Komplexität und ermöglicht einen mehrdimensionalen Blick, der die Gesamtheit erfasst: über den einzelnen Arbeitsplatz, über den Unternehmensbereich hinaus. Co-kreative Teams können sich bilden und insgesamt wird kreatives Denken und Handeln gefördert, weil Erkenntnisse gewonnen, der Status quo hinterfragt wird. Wechselwirkungen können nicht mehr ausgeblendet werden. Ästhetik bedeutet, Orientierung zu geben und damit Vertrauen zu schaffen. Durch ein ästhetisches Gesamtkonzept erhalten Unternehmenswerte einen unverwechselbaren Ausdruck. Damit entwickelt sich ein neuer Kern in der Unternehmensführung: die emotionale Bindung der Stake- und Shareholder durch das Gestalten höherer Motivationen und größerer Identifikationen in einer neuen ästhetischen Dimension.

Welche Rolle spielt es dabei, bei der Arbeit Sinn zu stiften?

Durch die Veränderungen in der Arbeitswelt stehen Arbeitsbedingungen, -zeiten, -orte und -ergebnisse auf dem Prüfstand. Neben der extrinsischen Motivation, rückt zunehmend die intrinsische Motivation in den Fokus und damit auch die Frage nach dem Sinn der Arbeit. Der Sinn oder besser die Bedeutung eines Unternehmens muss jedoch vorhanden sein; Sinn lässt sich nicht einfach erfinden. Dominic Veken vom Zukunftsinstitut sagte einmal passend: "Nur wenn wir den Sinn eines Unternehmens kennen und er uns bei der Arbeit bewusst ist, haben wir das Gefühl, Teil von etwas Großem zu sein und unsere Zeit in etwas zu investieren, für das es sich lohnt zu streiten, zu kämpfen, sich anzustrengen." Besser kann man das nicht auf den Punkt bringen. Die Rolle der Sinnstiftung gewinnt immer mehr an Bedeutung, denn sie ist unmittelbar mit dem Thema Loyalität verbunden.

Was können Arbeitgeber in Zeiten des Fachkräftemangels noch tun, um hoch qualifizierte Arbeitnehmer an das Unternehmen zu binden?

Eine sehr weitreichende Frage, bei der ich in meiner Antwort nur einige Aspekte anreißen kann. Bereits seit der Jahrtausendwende, wurde in Fachartikeln auf den Fachkräftemangel hingewiesen und Maßnahmen dagegen vorgestellt: Arbeitgeberattraktivität als Ergebnis des Employer Branding wird demnach immer wichtiger. Es reicht nicht mehr, nach außen ein Blendfeuerwerk zu zünden. In Zeiten digitaler Vernetzung kommt es darauf an, dass auch die internen Strukturen, die jeweilige Kultur und die Werte einer Überprüfung standhalten. 

Wie erreichen Unternehmen das?

Hierfür müssen die folgenden Fragen positiv beantwortet werden können: Gibt es Mitarbeiterbefragungen, die positive Auswirkungen für die Mitarbeiter haben? Gibt es eine Personalabteilung, die für die Beschäftigten da ist und nicht nur dazu missbraucht wird, Entscheidungen des Managements zu verkaufen? Gibt es Entwicklungsmöglichkeiten, bei denen die Qualifikation im Mittelpunkt stehen? Wie groß sind Gestaltungsfreiräume, um mit Kompetenzen und Fähigkeiten den Erfolg des eigenen Verantwortungsbereichs und damit den des Unternehmens insgesamt zu beeinflussen? Sind die Entlohnungsgrundsätze gerecht ausgestaltet? Wird die individuelle Work-Life-Balance berücksichtigt? Werden ältere Mitarbeitende ob ihrer Erfahrung geschätzt? Gibt es gelebte, ernst gemeinte Kundenorientierung? Eine positive Fehlerkultur? Werden diese Fragen positiv beantwortet, vermitteln sie Wertschätzung und hohe Identifikation, wobei Vertrauen und ein Gemeinschaftsgefühl entstehen, die zu nachhaltiger Bindung führen. Darüber hinaus: Sind die Bindungsinstrumente mit einem ästhetischen Gesamtkonzept verknüpft, entsteht für die Arbeitgebermarke eine positive Botschaft.

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