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28.11.2012 | Unternehmensstrategie | Interview | Onlineartikel

"Manche Chefs ersticken die Begeisterung im Keime"

Autor:
Andreas Nölting

Visionen stellen die Spielregeln einer Branche auf den Kopf. Sie sind gesellschaftsverändernd, herausfordernd und inspirieren die nächste Generation. Viele Unternehmensführer finden allerdings keinen rechten Zugang zu solch epochalen Anstößen, meint die Autorin und Beraterin Jutta Menzenbach im Interview.

Springer für Professionals: Frau Menzenbach, wie sind Sie als Personalberaterin auf das Thema Unternehmensvisionen gekommen?

Jutta Menzenbach: In der Suche und Auswahl von Führungskräften beschäftige ich mich seit jeher mit spezifischen Eigenschaften, Fähigkeiten und Fertigkeiten, die zur Bewältigung von Aufgaben und Herausforderungen erforderlich sind. Jede Führungskraft, die an die Spitze des Unternehmens aufsteigt, vollzieht interessanterweise nochmals eine tiefgreifende berufliche Veränderung. Es ist nicht einfach die Fortsetzung der bisherigen Tätigkeit auf höherer Ebene. Nein, was hier erfolgt, ist etwas ganz spezifisch Neues. An Stelle einer klar umrissenen betrieblichen Aufgabe tritt eine viel weniger präzise gesellschaftspolitische Mission. Zu der Verantwortung kommt die Pflicht, das Unternehmen als ein umfassenderes System zu verstehen. Es ist nicht leicht, ein Unternehmen in den heutigen unberechenbaren Zeiten vorausschauend und beweglich zu steuern. Eine visionäre Unternehmensführung könnte die Antwort darauf sein.

Wie wichtig ist der Vorstandschef für das Thema Visionen?

Ein Unternehmensführer sollte visionäres Denken unterstützen und fördern, indem er günstige Bedingungen dafür schafft. Visionäres Denken bedeutet abstraktes Denken. Es ist frei und losgelöst von Gesetzmäßigkeiten und Routine. Neue Sichtweisen entstehen durch das unorthodoxe Zusammenfügen von Informationen und Elementen. Diese Art zu arbeiten kann man nicht anordnen, wohl aber behindern oder verhindern. Es gibt CEO’s, die die Begeisterung ihrer Mitarbeiter im Keime ersticken.

Warum sind Visionen für Unternehmen so wichtig?

Die Zielsetzung eines Unternehmens ist es Gewinne zu erwirtschaften und sich im Wettbewerb zu behaupten. Wer heute ein Unternehmen führen will, ist aufgefordert, sich früh abzeichnende Entwicklungen wahrzunehmen. Damit meine ich nicht, die simple Fortschreibung aktueller Gegebenheiten in die Zukunft. Meine Erfahrung ist, dass Unternehmen sich häufig auf eine reine strategische Planung beschränken. Strategien folgen meist zu einfachen Denkmodellen. Selten startet die Analyse mit der Fragestellung: Wie könnte es sein? Werner von Siemens etwa hat sich gefragt, warum Nachrichten von Europa nach Amerika eine Schiffreise machen müssen.

Warum findet das Thema in Konzernen oder der Betriebswirtschaft so wenig Beachtung?

Das Wort Vision ist nicht positiv belegt. Es gibt ja Vergleiche mit religiösen Visionen oder das berühmte Bonmot des Altkanzlers Helmut Schmidt, wer Visionen habe, solle zum Arzt gehen. Ohne Visionen aber existiert kein gesellschaftlicher Fortschritt. Visionen stellen die Spielregeln einer Branche auf den Kopf. Sie sind gesellschaftsverändernd, herausfordernd und inspirieren die nächste Generation. Damit meine ich weniger marginale Produktverbesserungen,  sondern wirklich bahnbrechende Neuerungen. Veränderungen, die neue Märkte schaffen. Viele Unternehmensführer wagen diesen Schritt nicht, oder sie finden keinen rechten Zugang zu solch epochalen Anstößen.

Zahlen sich Visionen in guten Zahlen aus?

Absolut! Schauen Sie sich die Wertsteigerung die Apple Aktie seit 2007 an. Doch allein das Vorhandensein einer Vision begründet noch keinen Erfolg. Es ist stets kritisch zu hinterfragen, ob die Vision tragfähig und vor allem realisierbar ist. Mit unausgegorenen Visionen sind schon viele wirtschaftliche Schäden angerichtet worden. Es kommt wirklich darauf an, im Realisierungsprozess immer wieder die Entwicklung der Marktgegebenheiten flexibel und zutreffend einzuschätzen. Dann kann sich die Vision - siehe Apple - in exzellenten betriebswirtschaftlichen Ergebnissen auszahlen.

Lesen Sie auch: Warum Visionen für Unternehmen so wichtig sind

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