Updating Roland Barthes’ Mythologies
Positionen aus Design, Architektur und Kunst
- 2025
- Buch
- 1. Auflage
- Herausgegeben von
- Hans Leo Höger
- Buchreihe
- Design Meanings
- Verlag
- MIM Edizioni srl
Über dieses Buch
In Anlehnung an Roland Barthes’ Mythologies von 1957 widmet sich dieses Buch dem Vorhaben, fast sieben Jahrzehnte nach Erscheinen des berühmten Klassikers heutige Mythen des Alltags zu benennen und näher zu erkunden. Diese ‚Aktualisierung’ aus Sicht des 21. Jahrhunderts geschieht – wie damals bei Barthes selbst – in Form kurzer, pointierter Texte zu Alltagsphänomenen der Gegenwart. Die mehr als 30 Autorinnen aus dem In- und Ausland konzentrieren sich dabei auf Themen und Fragestellungen, die den Bereichen Design, Architektur, Kunst und Umwelt zugeordnet sind oder für diese in besonderer Weise relevant erscheinen: Gestalterinnen und Gestalter sind zum einen die Urheberinnen der versammelten Beiträge. Zum anderen zählen Interessierte an Fragen des Designs, der Kunst und generell der Umweltgestaltung – darunter insbesondere Studierende – zur vorrangigen Zielgruppe dieses Projekts.
Inhaltsverzeichnis
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Frontmatter
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Handwerk
Theresia Anwander, Kerstin Stöver, Ute Thomas, Grit WeberZusammenfassungMaterie bewegen. Material formen, verformen; Material verschmelzen, verknüpfen und verweben. Dinge zusammenbringen, zusammensetzen, vernieten, verschweißen, verschrauben. Auch Dinge auseinandertreiben, zerteilen, zerreißen, zersägen. Werkzeuge! Technik! Dabei genau sein, das Köpfchen einsetzen, den Blick fokussieren. Maß nehmen, Augenmaß beweisen. Energie lenken und durch die Körperkraft und das Geschick der Hände Dinge machen. Etwas herstellen. Vor allem: etwas Materielles, etwas von stofflicher Dauer. -
Enzo Mari
Enrico BaleriZusammenfassungEnzo Mari (1932-2020) war ein Mensch mit vielen Facetten, ein unermüdlicher Gesprächspartner, ohne Scheu vor Herausforderungen und Anfechtungen, ein formidabler Dialektiker, der über Politik räsonierte und über die Vorspiegelungen unaufrichtiger Warenästhetik. Gelegentlich ließ er Erwiderungen zu, konnte aber auch aufbrausend werden… – so habe ich ihn erlebt und gekannt seit 1966, als ich seine ersten Objekte entdeckte für das damals noch junge und unkonventionelle Unternehmen Danese, seine Gestalt-Strukturen, seine ersten Märchen- und dreidimensionalen Puzzletiere. Mari war aber auch ein Mann der Selbstgespräche, der kanonischen Meditationen, der scharfen Reflexionen über Form, Funktion, Technologie, Stille. Kurzum, er verkörperte so etwas die „Summe” all dessen, was mit Fug und Recht Design genannt werden kann! -
Sprache im Alltag: Alles Gut?
Anna BerkenbuschZusammenfassungIm Café bei mir um die Ecke nimmt eine junge Frau die Bestellung eines Gastes auf. Sie lächelt und antwortet mehrfach hintereinander mit gerne. Dieses Wörtchen, das Freundlichkeit und Dienstfertigkeit ausdrücken soll, ist in den letzten Jahren im Service sehr gebräuchlich geworden (nicht auf dem Bürgeramt!). Gerne. Sehr gerne. Obwohl diese sprachliche Zugewandtheit erfreulich ist, schmälert die stetige Wiederholung innerhalb eines kurzen Dialogs manchmal die Glaubwürdigkeit des Begriffs. -
Bargeldlose Freiheit?
Annette BertschZusammenfassungKürzlich war ich mit meinem Mann in der Nähe der Berliner Neuen Nationalgalerie ein schönes, helles Bier trinken. Die Sonne schien, wir fühlten uns rundum wohl und wollten uns, nach einigen Ausstellungsbesuchen, entspannen. Die Überraschung kam dann, als ich die Rechnung im Lokal mit einem Geldschein begleichen wollte. „Wir nehmen kein Bargeld. Zahlung nur mit Karte.” Zum Glück hatte mein Mann eine Karte dabei, und wir mussten nicht den Abwasch übernehmen. Das hat mir gar nicht gefallen. Ich hänge am Bargeld und würde es sehr vermissen, wenn es vollkommen abgeschafft würde. Immer häufiger aber hört man die Forderung danach – das sei schneller, nachhaltiger und sicherer. -
Die Trinkwasserflasche
Sigrid BürstmayrZusammenfassungWiederverwendbare Trinkflaschen sind zum alltäglichen Gegenstand einiger Kulturen geworden. In mehreren Anläufen ist sie nun auch als Zeichen von umweltbewusstem Handeln salonfähig. Wir erinnern uns an die Glasflasche in Styropor und Stoffbeutel mit Trageschnur gepackt, als Vorreiter der 90er-Jahre. Die wiederbefüllbare Trinkflasche ist als Alternative zur Einwegflasche zu sehen und gilt im Allgemeinen als umweltfreundlich, ressourcenschonend und gesund. Das Einsatzgebiet von wiederverwendbaren Trinkflaschen ist breit gefächert – sie ist in der Schule, im Beruf und z.B. auch auf Shoppingtour mit dabei. Outdoor ist sie beim Sport, bei Wanderungen und auf Reisen im Einsatz. Einerseits Alltagsgegenstand, andererseits Lifestyleprodukt, gehört sie neben Schlüssel, Geldtasche und Smartphone zur Grundausstattung vieler Personen, ohne die man nicht mehr außer Haus geht. -
Historisches
(in der Betrachtung und Vermittlung von Grafikdesign) Gianluca CamilliniZusammenfassungDie visuelle Kommunikation und die ihr zugeordneten Arbeitsbereiche sind relativ junge Fächer, deren Berufe – wie Grafik-, Type- und Webdesign – sich in den letzten Jahrzehnten herausgebildet haben und aufgrund technologischer sowie kultureller Veränderungen ständig neu definiert und weiterentwickelt werden. Es versteht sich von selbst, dass dieser Prozess sich auch in seiner historischen Betrachtung und der Vermittlung in Lehre und Forschung niederschlägt – angefangen bei einzelnen Vorträgen zum Thema bis hin zu strukturierten Kursen und Vorlesungen, die von Wissenschaftlern und Designern angeboten werden.1 Die Referenzliteratur zu diesem Thema ist allerdings eher veraltet, dürftig und umfasst nicht mehr als ein paar Dutzend Titel. Hinzu kommt, dass die Art und Weise, wie Historisches angegangen und erzählt wird, in ihrer Verbreitung durch Texte und Studiengänge ebenso unterschiedlich ist wie die kritischen Fragen, die dabei jeweils ausgewählt und behandelt werden. -
Vignellis Plan
Giorgio CamuffoZusammenfassungEin Mythos ist wie eine Katze, er hat viele Leben. Er verschwindet, taucht unter, versteckt sich, und kommt auf einmal wieder übermächtig zurück, selbst wenn man ihn gar nicht gerufen hat. Mythen vermögen stärker zu sein als der Wille eines Grafikers, man kann sich ihrer Magie mitunter kaum entziehen. Mir jedenfalls erging es so. Als ich mit diesem Text begann, dachte ich unweigerlich an einen mir eng ans Herz gewachsenen Mythos – ein Objekt, das ich im Grunde fast als mein eigenes betrachte, obwohl es zur Geschichte des Designs und der internationalen visuellen Kultur gehört. Ein Objekt, das für viele das stärkste Manifest einer Idee moderner internationaler Gestaltung darstellt. Ein Meisterwerk in der Geschichte des Grafikdesigns. -
Algorithmen
Andrea FacchettiZusammenfassungZwischen dem 18. und 19. Jahrhundert waren die bedeutendsten Höfe und Salons Europas und der Vereinigten Staaten Schauplatz für ein wahres Wunderwerk der Wissenschaft: den sog. Türken, einen Automaten, der Schach spielen konnte. Er wurde 1770 von Wolfgang von Kempelen gebaut, um Maria Theresia von Österreich zu beeindrucken, und bereiste 84 Jahre lang den alten und den neuen Kontinent, wobei er fast jede Partie gewann – auch gegen Angehörige von Königshäusern und Staatsoberhäupter. Der Türke reiste und spielte bis 1854, als er einem Brand zum Opfer fiel, der das Museum, in dem er aufbewahrt wurde, zerstörte. Zu diesem Zeitpunkt lüftete der Sohn des letzten Besitzers des Geräts das Geheimnis. Der Türke war gar kein Automat: Im Inneren war genug Platz für einen Menschen – einen Schachmeister – der die Maschine steuerte. -
Demokratie Braucht Design
Thomas A. GeislerZusammenfassungUm gleich mit einem Mythos aufzuräumen: in diesem Beitrag geht es nicht um ein schwedisches Möbelhaus, das sich mit dem Slogan „Demokratisches Design“ im 20. Jahrhundert und folgend ein Imperium aufgebaut und die Mechanismen der Globalisierung bestens zu nutzen gewusst hat. Die Vision von Gründer Ingvar Kamprad, leistbares Wohnen für alle zu ermöglichen, mag dabei durchaus als gesellschaftlich ambitioniert und insbesondere für seine Kriegs- und Nachkriegsgeneration im Wiederaufbau als opportun erschienen sein. Keine Frage, für viele ermöglicht auch heute das preiswerte und attraktive Angebot einen Wohn- und Lebensstil, für den es sonst ein viel größeres Budget bräuchte. -
Streaming
Claudia GelatiZusammenfassungAm Abend des 4. Dezember 1877 testete Thomas A. Edison zum ersten Mal seinen Phonographen und nahm das Kinderlied Mary had a little lamb auf. Es war die erste Tonaufnahme der Geschichte und, ohne es zu wissen, der Beginn der Musikaufnahme. Aber erst mit dem Aufkommen von Vinylplatten nach dem Zweiten Weltkrieg hielt die Musik endgültig Einzug in die Haushalte und wurde zu einem für jedermann zugänglichen Konsumgut. Ein anderes Ereignis, das die Art und Weise, wie wir Musik konsumieren, für immer verändert hat, war die Einführung des iTunes Music Store im Jahr 2003, des ersten digitalen Musikladens, in dem man einzelne Titel für 0,99 Cent kaufen konnte. Steve Jobs, der nur zwei Jahre zuvor mit der Einführung des iPod den Mythos von den „tausend Songs in der Tasche” geschaffen hatte, bot damit die einzige Alternative zu file sharing und illegalen Downloads und revolutionierte erneut das Musikgeschäft. -
Der Mythos des Luxus im Wandel der Zeit
(oder: Warum ich an Zen-Buddhismus, die göttliche Diva & die Energie des Punkrocks glaube) Gesine GoldZusammenfassungRoland Barthes hat mich seit meinem Studium an der Folkwang Universität der Künste durch sein Buch Die helle Kammer fasziniert. Sein Essay über die Fotografie hat all meine vorherigen Denkansichten verändert und mich gelehrt, mich dem Prozesshaften zu widmen. Im Jahr 1989, zu Beginn meines Studiums – als ich durch die allerersten experimentellen Fotogramme des Bauhauses eintauchte in die Welt der Fotografie – war sein Buch eine wahre Offenbarung für mich. Seine feinsinnige, tiefe, poetische, psychologische und somit analytische Sichtweise auf das System der Dinge der Welt inspiriert wohl jeden, der sich umfassend mit Themen der Designtheorie auseinandersetzt, den Dingen auf den Grund gehen möchte. -
Eine Reise ins Metaversum
Markus HanzerZusammenfassungDas Erdenken und Erbauen alternativer Welten hat nicht nur eine lange Tradition, sondern ist dem menschlichen Denken grundsätzlich eigen. Ständig träumen wir von Alternativen, die uns Hoffnung und Energie geben. Schon die Vergänglichkeit des Lebens hat uns veranlasst, über unser Ende hinaus zu denken und unsere Fantasie beschäftigt. Aber auch der Wunsch, die Begrenztheiten des Alltags zu überwinden, hat uns dazu verführt, uns sagenund märchenhafte Welten auszumalen und mediale Items und Räume zu schaffen, die uns in unserer Bereitschaft auszubrechen und zu flüchten unterstützen – aber uns auch helfen, den Reichtum der Möglichkeiten zu erproben und zu erforschen. -
Superlative
(und warum es Sinn macht, sich Alternativen zuzuwenden) Hans Leo HögerZusammenfassungSuperlative – also Höchstleistungen, Rekorde, vermeintlich unüberbietbare Einzigartigkeiten – hat es immer gegeben, in der Menschheitsgeschichte ebenso wie in der Natur. Der Mensch allerdings hat sich dabei – mit Kontinuität, Gier und Rücksichtslosigkeit – das Primat der Alleinstellung erobert. Seit Beginn des dritten Jahrtausends wird die Ära, in der wir aktuell leben, Anthropozän genannt, um zum Ausdruck zu bringen, wie absolut die menschliche Präsenz, Herrschaft und Besitzergreifung auf unserem Planeten geworden ist.2 Die dafür verantwortlichen Ursachen sind, ebenso wie die Auswirkungen, multifaktoriell: Die Industrielle Revolution und die mit ihr immer stärker und globaler sich entwickelnden Formen wirtschaftlicher Systeme, die auf konstante Gewinnmaximierung und grenzenloses Wachstum3 ausgerichtet sind, haben konzertiert zu einem Höchststand dessen geführt, mit welcher Massivität Menschen in die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde eingreifen. -
Das Wahre Heldentum der Behinderung
Oliver KartakZusammenfassungAls behinderter Mensch muss ich mich ständig mit den vielen Mythen und falschen Vorstellungen auseinandersetzen, die die Menschen über meine Behinderung haben. Diese Mythen sind in das Gefüge unserer Kultur eingewoben, prägen unsere Sichtweise von Behinderung und schaffen ein bestimmtes „Heldenbild“ davon, was es bedeutet, behindert zu sein. -
Ein Wallach Namens Mustang
Andreas KoopZusammenfassungOmnipräsent, dominant, geliebt, gehasst, Quelle und Ziel vieler Sehnsüchte – das Auto ist schon eine Art »Grundmythos« aus dem (ähnlich dem des Fliegens) fundamentalen menschlichen Wunsch, mobil zu sein. Also von hier nach dort zu kommen, ohne Anstrengung, eben: auto mobil zu sein, sich selbst zu bewegen bzw. bewegt zu werden (beim modernen Menschen mittlerweile durchaus im Sockel der Maslowschen Bedürfnispyramide angesiedelt). Von Maslow zu Darwin: Im Kampf des Überlebens auch weit vorne platziert, eine Art Prädator der Straße, darunter dann (im schlimmsten Fall tatsächlich) Fahrradfahrer- und Fußgänger*innen – als Beifang. Beim Auto gilt ohnehin wie bei den Schiffen – so die Empirie von Autobahn bis Parkplatz – das Recht des Stärkeren. -
Landschaft
(ohne Betrachtung) Eva LeitolfZusammenfassungBetrachter*innen von Landschaft existieren nicht mehr. Caspar David Friedrichs Wanderer ist nicht mehr zu verorten, und Ansel Adams’ Fotografien einer erhabenen amerikanischen Wildnis wirken wie aus der Zeit gefallen. -
Chat Gpt: Trans-Post-Morethan-Human
Über künftige Mythen werden nicht nur wir selbst bestimmen Stefano MaffeiZusammenfassungDieser Text ist ein Experiment. Er geht von einer klaren Aussage aus: Die Mythen der Zukunft werden – in einer zunehmend von künstlichen Programmen geprägten Gesellschaft – nicht mehr allein von Menschen wie Ihnen und mir bestimmt werden. Die Zuständigkeiten werden zwischen Menschen und Nicht-Menschen aufgeteilt sein. Das bedeutet, dass wir den Gedanken ad acta legen müssen, nach wie vor jene Protagonisten des Universums zu sein, die über die symbolische, ikonische, narrative Dimension eines Objekts, einer Situation, eines Ortes, einer Person – und damit über die Frage, ob diese „das Zeug zum Mythos haben“ – entscheiden. Diese neue Situation knüpft an Barthes selbst an und an die Erfahrung des Oulipo1: eine literarische Maschine, die man als intelligent bezeichnen könnte (ChatGPT), gespeist durch Millionen von Gesprächen. Eine superweises Wesen oder ein idiotischer Gelehrter – sie schreiben jedenfalls diesen Artikel für mich, mit mir, gemeinsam mit all jenen, die sie gefüttert haben. Ein Divertissement, das uns zum Nachdenken anregt.
- Titel
- Updating Roland Barthes’ Mythologies
- Herausgegeben von
-
Hans Leo Höger
- Copyright-Jahr
- 2025
- Verlag
- MIM Edizioni srl
- Electronic ISBN
- 978-88-6977-533-8
- DOI
- https://doi.org/10.65272/978-88-6977-533-8
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