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Mehr VC-Kapital sichert Europas Tech-Souveränität

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Europäische Start-ups haben großes Innovationspotenzial, doch fehlendes Wagniskapital bremst ihr Wachstum. Pensions- und Staatsfonds könnten die Finanzierungslücke schließen und für mehr technologische Souveränität sorgen.  

Mehr VC-Investitionen könnten europäische Start-ups entfesseln, so ein EU-Report. 


Europa verfügt über ein großes Innovationspotenzial, doch die Finanzierungslücke für wachstumsstarke Start-ups bleibt eklatant. Die Folge: Venture Capital (VC) kommt häufig aus dem Ausland - oft von Wagniskapitalgebern aus den USA. Damit wandert mittelfristig auch technisches Know-how ab.

USA und China bestimmen den Technologiewettlauf

Technologien wie Künstliche Intelligenz, Quantencomputing, Fusionsenergie und Raumfahrttechnologie sind nicht nur Innovationstreiber, sondern auch entscheidend für die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, Sicherheit und Unabhängigkeit von Staaten. Die Dominanz großer Technologieunternehmen aus den USA und China in diesen Bereichen setzt Europa unter Druck, eigene Kapazitäten aufzubauen und zu erweitern, um im globalen Wettrennen in diesen Technologien mithalten zu können", schreiben Jan Goetz und Milja Kalliosaari zum globalen Wettlauf um Hochtechnologie.

In diesen Bereichen bestimmen werde das Tempo des Technologiewettlaufs durch große Player aus den USA oder China bestimmt. Europa habe zwar "starke akademische Bemühungen, die mit Start-ups in der Frühphase gepaart sind". Doch es lasse multinationale Technologieunternehmen vermissen, die Innovation und kommerzielle Anwendung in diesen Sektoren vorantreiben.

Europa bietet starke akademische Forschung

"Europas Stärke in der akademischen Forschung und die Vielzahl an innovativen Start-ups bieten eine solide Basis, doch ohne das Rückgrat multinationaler Technologieunternehmen, die Forschung in marktfähige Produkte umwandeln, bleibt die kommerzielle Ausschöpfung europäischer Innovationen hinter ihren Möglichkeiten zurück", schreiben die Springer-Autoren. Die Herausforderung bestehe darin, diese frühen Entwicklungen in stabile, wachsende Unternehmen zu überführen, die auf dem globalen Markt konkurrieren können.

Während die USA und China ihre VC-Märkte in der Vergangenheit massiv ausgebaut haben, fehlt es in Europa an ausreichend Wagniskapital - trotz einiger Fortschritte bei den Deal-Aktivitäten und regulatorischen Initiativen. Dabei könnten institutionelle Anleger, vor allem Pensions- und Staatsfonds, in diesem Bereich eine Schlüsselrolle einnehmen und helfen, die Finanzierungslücke zu schließen. Zu diesem Ergebnis kommt der Ende November 2025 vorgestellte EU-Forschungsbericht "Untapped Opportunities for European Venture Capital: Pension Funds and Sovereign Wealth Funds", den Andreas Kuebart vom Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung (IRS) federführend begleitet hat.

Europäische VC-Investitionen rückläufig

Dem Report zufolge lag der EU-Anteil am globalen Venture-Capital-Markt 2024 bei nur zehn Prozent (2023: zwölf Prozent), während 53 Prozent des Marktes von US-Kapitalgebern und immer 18 Prozent von chinesischen VC-Gesellschaftern abgedeckt wurden. Die CV-Investitionen in der EU betrugen 2023 rund 40,7 Milliarden Euro. Das sind deutlich weniger als im Rekordjahr 2021 mit 64,5 Milliarden Euro. Im Vergleich: In den USA lag das Wagniskapital fast viermal so hoch. 2023 betrug die VC-Quote Europas gemessen am Bruttoinlandsprodukt 0,21 Prozent. In den USA lag sie bei 0,58 Prozent und in Großbritannien bei 0,69 Prozent. 

Weniger Unicorns, weniger VC-Fonds

Ähnlich sieht die Lage bei den sogenannten Unicorns aus: 2023 standen laut Analyse 73 europäische, als Einhörner bezeichnete Jungunternehmen, mit einer Bewertung von mindestens einer Milliarde US-Dollar, im Gesamtwert von 226 Milliarden Euro 574 Unicorns aus den USA gegenüber, die fast 1,97 Billionen Euro zusammenbringen. 

Deutliche Unterschiede zeigen sich auch bei den großen Fonds dies- und jenseits des großen Teichs. Zwischen 2015 und 2023 gab es in der EU nur elf Gesellschaften, die zusammen 13 Milliarden Euro finanzierten. In den USA mobilisierte das VC-Segment im Betrachtungszeitraum 228,4 Milliarden Euro. 

Pensionsfonds zögern bei Wagniskapital

Europäische Pensionsfonds verwalteten 2023 rund 2,7 Billionen Euro. Von diesem Kapital flossen 38 Prozent in Investmentfonds, 22 Prozent in Staatsanleihen, 18 Prozent in Aktien und zwölf Prozent in Unternehmensanleihen. Nicht mal ein Prozent investierten die Gesellschaften in Wagniskapital. 

Selbst in den Niederlanden, wo Pensionsfonds bereits stärker im VC-Bereich investieren, bleibt die Gesamtallokation in diesem Segment überschaubar. Zwischen 2016 und 2021 ermittelte die Studie insgesamt 220 Millionen Euro an Wagniskapital - das entspricht lediglich 0,012 Prozent des Gesamtvermögens niederländischer Pensionsfonds. Würden niederländische Versorgungskassen und deutsche - private wie betriebliche - Rentenversicherer, 20 Prozent ihrer Private-Equity-Allokation für Venture Capital bereitstellen, könnten sie potenziell jährliche Investitionen in Höhe von vier Milliarden Euro mobilisieren, rechnet der Report vor. 

"Wagniskapital ist langfristig profitabel"

Für ein besseres VC-Fundraising in Deutschland will unter anderem das Zukunftsfinanzierungsgesetz II sorgen. Es soll die Wagniskapitalquote erhöhen, indem Spezialfonds künftig unbegrenzt in diesem Bereich investieren dürfen. "Wagniskapital ist langfristig profitabel, und Pensionsfonds haben den nötigen langen Atem, um erfolgreich zu investieren", sagt IRS-Forscher und Finanzgeograf Kuebart. 

Insgesamt müsse die regulatorische Fragmentierung in Europa beseitigt werden. Nationale Unterschiede bei Steueranreizen und Anlagegrenzen für Rentenfonds erschweren grenzüberschreitende Investments. Während Länder wie Dänemark und die Niederlande keine spezifischen Limits kennen, sind VC-Investitionen in Polen oder Bulgarien komplett untersagt. Die Studie fordert daher eine Harmonisierung der Regeln, die Schaffung eines paneuropäischen Sekundärmarktes und den Ausbau von Fonds-durch-Fonds-Strukturen über den Europäischen Investitionsfonds. 

Internationale Staatsfonds mobilisieren

Auch sollte die EU internationale Staatsfonds verstärkt ansprechen und ihnen das Investment in europäische Wagniskapitalfonds erleichtern, fordert der Bericht. Stand 2023 verwalteten Staatsfonds (Sovereign Wealth Funds, SWF) gemeinsam Vermögenswerte von rund 12,7 Billionen US-Dollar. Zu den größten zählen der norwegische Government Pension Fund Global (1,34 Billionen US-Dollar), die China Investment Corporation (1,22 Billionen US-Dollar) und die Abu Dhabi Investment Authority (708,8 Milliarden US-Dollar). Besonders Staaten mit Öleinnahmen wie Saudi-Arabien verfügen über große Staatsfonds, die global investieren, führt der Report aus.

"Für die technologische Souveränität Europas ist es gut, wenn internationale Investoren sich an europäischen Wagniskapitalfonds beteiligen", so Kuebart. "Die Alternative ist, dass Investoren direkt in europäische Technologiefirmen investieren. Dabei üben sie mehr Kontrolle aus, als wenn sie den Umweg über Wagniskapital nehmen."

Europa muss seine Attraktivität sichtbarer machen

Hierzu müsse Europa allerdings seine Vorteile besser hervorheben, um sich für ausländische Geldgeber attraktiver zu machen, fordert Stephane Pesch, CEO of Luxembourg Private Equity und Venture Capital Association Luxembourg, im Bericht. Hierzu zählt er: 

  • Umweltschutz und soziale Nachhaltigkeit,
  • soziale Kohäsion, Inklusion und gerechtes Wirtschaftswachstum,
  • langfristige Wertschöpfung und nachhaltiges Wachstum,
  • ein dank Universitäten und Forschungszentren herausragender Deep-Tech-Sektor,
  • ethische und transparente Technologie mit Schwerpunkt auf Datenschutz,
  • soziale Sicherheit und Work-Life-Balance und
  • eine Kooperationskultur mit grenzüberschreitenden Partnerschaften.

"Wer in Europa investiert, setzt auf ein zukunftsorientiertes Ökosystem, in dem Verantwortung und Profitabilität Hand in Hand gehen", betont Pesch. 

Drei zentrale Hebel für mehr EU-Wagniskapital

Insgesamt nennt der Bericht drei zentrale Stellschrauben, um mehr Wagniskapital in Europa zu mobilisieren: 

  1. regulatorische Reformen zur Öffnung von Pensionsfonds für VC-Investments sowie die Einführung gemeinsamer EU-Standards,
  2. die Einrichtung paneuropäischer Dachfonds und sogenannter Mega-Round-Fonds wie einem Scaleup Europe Fund, um große Finanzierungsrunden zu stemmen, mit denen die Lücken zu internationalen Wettbewerbern geschlossen werden können, sowie
  3. gezielte Sektor-Fonds für Klima-, Deep-Tech-, und Biotech-Innovationen, die für internationale Staatsfonds attraktiv sind. 

Mit EU-weiter Kooperation zu globaler Marktführerschaft

Die Springer-Autoren Goetz und Kalliosaari wünschen sich außerdem europaweite Initiativen, um durch eine länderübergreifende Zusammenarbeit von Unternehmen und Regierungen zu fördern, aus denen dann ein globaler Marktführer entstehen kann. "Ein einzelnes Land in Europa hat oft nicht die Ressourcen oder den Markt, um ein Technologieunternehmen allein auf diese Stufe zu heben. Daher ist eine koordinierte europäische Anstrengung erforderlich", schreiben die beiden Experten und führen aus.

In den 1970er-Jahren schuf die Airbus-Initiative ein beispielloses Modell für länderübergreifende Zusammenarbeit in Europa, das nicht nur zu einem Weltführer in der Luftfahrtindustrie führte, sondern auch die Art und Weise, wie Europa auf dem globalen Markt konkurriert, nachhaltig veränderte. Heute, in einer Ära, in der technologische Überlegenheit zunehmend über den globalen Einfluss entscheidet, könnte eine ähnlich ambitionierte Initiative in hochmodernen Technologiefeldern Europas Position stärken."

Die EU nehme in diesem Prozess eine zentrale Rolle ein: Sie müsse "Rahmenbedingungen schaffen, die es Technologieunternehmen ermöglichen, innerhalb der Union zu skalieren und global zu expandieren". Auch hier ist die Harmonisierung regulatorischer Anforderungen ein zentraler Hebel. Hinzu kommt die Bereitstellung von Fördermitteln, Investitionen in Schlüsseltechnologien sowie "die Schaffung eines einheitlichen Marktes, der das Wachstum unterstützt und gleichzeitig die Mobilität von Talenten innerhalb Europas fördert".

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