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Veränderungen von Eisenobjekten während eines experimentellen Kremierungsexperiments

  • Open Access
  • 03.12.2025
  • Originalarbeit

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Zusammenfassung

In diesem Fachbeitrag wird die Verzunderung und Gefügeveränderung von Eisenobjekten während einer experimentellen Kremierung untersucht. Der Artikel beginnt mit einer Einführung in die historische Bedeutung von Brandbestattungen und der archäologischen Bedeutung von Eisenfunden in Gräberfeldern. Anschließend werden die experimentellen Durchführungen und Untersuchungsmethoden detailliert beschrieben, einschließlich der Herstellung von Nachbildungen von Harfenfibeln und Spiralkopfnadeln aus Eisendraht sowie der Platzierung dieser Objekte auf einem Scheiterhaufen. Die Temperaturen während der Kremierung wurden mit bis zu 1050°C gemessen, und die Gewichtsänderungen der Eisenteile vor und nach der Kremierung wurden dokumentiert. Die metallographische Präparation und Untersuchung der Schliffe erfolgte mittels Lichtmikroskopie, wobei verschiedene Gefügeveränderungen wie Rekristallisation und Entkohlung festgestellt wurden. Die Ergebnisse zeigen, dass die Zunderschichtdicken und Gefügeveränderungen stark von den lokalen Bedingungen während der Kremierung abhängen. Die Diskussion der Ergebnisse beleuchtet die komplexen Prozesse der Verzunderung, Entkohlung und Rekristallisation von Eisen und Stahl. Abschließend werden die Schlussfolgerungen gezogen, dass sowohl die Zunderschichtbildung als auch die Gefügeveränderungen von den Umgebungsbedingungen während der Kremierung abhängen. Dieser Artikel bietet einen tiefen Einblick in die metallographischen Veränderungen von Eisenobjekten während einer Kremierung und ist besonders relevant für Archäologen, Metallurgen und Restauratoren.
Die Originalversion dieses Beitrags wurde korrigiert. Susanne Strobl und Wolfgang Scheiblechner wurden nachträglich in die Autorenliste aufgenommen. Die korrekte Angaben sind wie folgt:
Roland Haubner1, Susanne Strobl1, Wolfgang Scheiblechner2
(1) Technische Universität Wien, Wien, Österreich
(2) Kunstschmied, Palfau, Österreich
Zu diesem Beitrag ist ein Erratum online unter https://doi.org/10.1007/s00501-025-01694-2 zu finden.

Hinweis des Verlags

Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.

1 Einleitung

Brandbestattungen sind bereits seit dem Neolithikum nachgewiesen, aber im Laufe der Zeit wechselten die Bestattungsriten immer wieder [1]. In Mitteleuropa war während der Urnenfelderzeit (1300–800 v. Chr.) die Brandbestattung die überwiegende Bestattungsform [2].
Da es im unteren Traisental in Niederösterreich eine hohe Dichte an archäologischen Stätten aus allen Epochen zu finden ist, gibt es auch viele Urnenbestattungen [3, 4].
Eines der größten Brandgräberfelder Österreichs (273 Gräber) liegt in der Nähe von Inzersdorf ob der Traisen, wo in den verschiedenen Gräbern zahlreiche Bronzegegenstände gefunden wurden [5]. Bei metallographischen Untersuchungen einzelner bronzener Gewandbesatzbleche („Buckelchen“) konnten verschiedene Gefüge der Bronze nachgewiesen werden. Neben Rekristallisation und Kornwachstum trat sogar Schmelzphase auf (Abb. 1). Diese Veränderungen können auf unterschiedliche Temperaturen während der Kremierung zurückgeführt werden [6].
Abb. 1
Buckelchen aus Inzersdorf ob der Traisen. ac geringe Wärmeeinwirkung während der Kremierung, df mittlere Wärmeeinwirkung, die eine Rekristallisation des Gefüges bewirkte, gi starke Wärmeeinwirkung, die zum Aufschmelzen der Bronze führte
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Ähnliche Gefügeveränderungen wurden auch bei Knöpfen aus einem hallstattzeitlichem Grabhügel mit Brandbestattung in Schandorf, Burgenland, nachgewiesen [7].
Im Rahmen von Veranstaltungen der experimentellen Archäologie wurden Kremierungsexperimente mit Schweinen durchgeführt [8, 9]. Untersuchungen an bronzenen Buckelchen aus diesen Kremierungen zeigten ebenfalls Gefügeveränderungen von Rekristallisation bis Aufschmelzen [10]. Um den Einfluss der Temperatur genauer abschätzen zu können, wurden Wärmebehandlungen, ähnlich dem Kremierungsablauf, in einem Laborofen simuliert [11]. Auch diese Versuche lieferten äquivalente Ergebnisse.
Bei Eisenfunden ist die Situation schwieriger, da neben dem bei der Kremierung entstehenden Zunder auch Rost aus der Lagerung im Boden vorliegt.
Bei Urnengräberfeldern der Hallstattzeit können in den Grabungsbefunden auch Eisenteile enthalten sein. Wichtige hallstattzeitliche Gräberfelder im Traisental sind Getzersdorf [12] und Statzendorf [13]. Bei der metallographischen Untersuchung von Eisenfunden aus Getzersdorf wurden komplexe Korrosionsschichten festgestellt, die durch eine Kombination von Verzunderung durch die Kremierung und wässriger Korrosion im Erdreich erklärt werden können (Abb. 2; [14]).
Abb. 2
Eisenfunde aus dem Gräberfeld Getzersdorf mit Schichten unterschiedlicher Fe-Korrosionsprodukte: ac Nadel oder Bügel einer Harfenfibel, df Nadelrast und Nadel einer Fibel. a, d LOM, bcef REM
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Dieser Beitrag untersucht die Verzunderung von Eisen während einer experimentellen Kremierung.

2 Experimentelle Durchführung und Untersuchungsmethoden

Die Nachbildungen der Harfenfibeln und der Spiralkopfnadel erfolgte aus einem Eisendraht mit 1,4 mm Durchmesser. Der Kohlenstoffgehalt war kleiner 0,1 Gew. %. Der Draht konnte relativ leicht zu den gewünschten Formen gebogen werden (Abb. 3a).
Abb. 3
a Aus Draht gebogene Harfenfibeln (A, B) und eine Spiralkopfnadel (C). b Messer aus einem alten Eisenblech gefertigt (D, E). a, b Teile nach der Fertigung, c, d Teile nach der Kremierung
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Die Messer wurden aus einem etwa 1,2 mm dicken Blech herausgeschnitten und gefeilt. Bei dem Blech handelte es sich um ein Stück aus dem 18. Jh., das Oxide und Schlackenzeilen enthielt. (Abb. 3b).
Für die experimentelle Kremierung wurde ein Scheiterhaufen errichtet, auf dem das geschmückte Schwein und die Metallgegenstände platziert wurden (Abb. 4). Harfenfibel A wurde neben dem Schweinekopf platziert (Abb. 4a). Harfenfibel B verband zwei Stoffstücke (Abb. 4b). Die Spiralkopfnadel C steckte in einer Gewandfalte (Abb. 4c). Messer D steckte im Schinken des Schweins (Abb. 4d). Messer E lag in einer Schale mit Nüssen, die neben dem Schweinerücken stand (Abb. 4e). In der Gesamtansicht (Abb. 4f) sind drei der fünf Eisenteile zu erkennen.
Abb. 4
Platzierung der Eisenteile auf dem Scheiterhaufen. a Harfenfibel A, b Harfenfibel B, c Spiralkopfnadel C, d Messer D, e Messer E, f Gesamtansicht
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Bilder der Kremierung sind in Abb. 5 zusammengestellt. Zur Zeit des Vollbrandes (Abb. 5b–d) wurden von der anwesenden Feuerwehr mittels Infrarotmessgerät Temperaturen bis zu 1050 °C gemessen. Messer D, im Schinken des Schweines, ist sehr lange zu sehen und auch Messer E in der Schale war leicht zu erkennen.
Abb. 5
Verschiedene Stadien der Kremierung. In ade ist Messer D zu sehen, in c Messer E
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Nach etwa 18 h wurden die verschiedenen Proben geborgen und ihre Fundorte protokolliert.
Die Fundstücke nach der Kremierung sind in Abb. 3c und 3d zu sehen. Die Gewichtsänderungen vor und nach der Kremierung sind in Tab. 1 zusammengefasst.
TABELLE 1
Gewichte der Eisenteile vor und nach der Kremierung
Probe
Beschreibung
Gewicht: vor
Nach Kremierung
A
Harfenfibel
3,47 g
3,54 g
B
Harfenfibel
3,54 g
3,64 g
C
Spiralkopfnadel
3,69 g
4,05 g
D
Griffangelmesser
11,34 g
11,55 g
E
Griffangelmesser
7,31 g
7,57 g
Für die metallographische Präparation wurde die Teile zuerst in Epoxidharz unter Vakuum kalteingebettet. Die gewünschten Schnitte wurden danach mit einer Trennmaschine durchgeführt. Ausgewählte Stücke wurden abermals in Epoxidharz kalteingebettet. Danach erfolgte eine übliche metallographische Präparation bis zu 1 µm Diamantsuspension durchgeführt. Für die Ätzung wurde eine 3 % Nital Lösung verwendet. Für eine Farbätzung mit Klemm 1 wurde eine OP‑S Politur angewendet, und es erfolgte auch eine Vorätzung mit 3 % Nital. Es muss aber angemerkt werden, dass die Klemm 1 Ätzung sehr inhomogen angriff und daher nicht an allen Proben brauchbare Ergebnisse lieferte. Die Untersuchung der Schliffe erfolgte mittels Lichtmikroskop (LOM).

3 Untersuchungsergebnisse

3.1 Harfenfibel A

Bei Harfenfibel A wurden zwei Schnitte angefertigt. Einmal durch die Spirale am Fibelfuß (Abb. 6a–c) und einmal durch die Spiralrolle am Fibelkopf (Abb. 6d–h).
Abb. 6
Harfenfibel A, poliert, LOM: ac Spirale am Fibelfuß, dh Spiralrolle am Fibelkopf
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Im polierten Zustand ist die Dicke der Zunderschicht leicht zu vermessen. Die Schichtdicke der Zunderschicht an der Spirale am Fibelfuß beträgt etwa 13 µm (Abb. 6b, c). Am Fibelkopf wurden jedoch an einer Seite der Spiralrolle 75 µm (Abb. 6e, f) und am anderen Ende 25 µm (Abb. 6g, h) gemessen.
Nach einer Ätzung mit 3 % Nital erkennt man verschiedene Gefüge, die durch den vorhandenen Zementit geprägt sind (Abb. 7). Der Draht besitzt eine feinkörnige ferritisch-perlitische Struktur mit einem geschätzten C‑Gehalt von 0,1 Gew. % (Abb. 7a–c). Die Ferritkorngröße beträgt etwa 10 µm und entsprechend fein verteilt liegt der Perlit vor (Abb. 7c). Im Randbreich des Drahtes beträgt die Korngröße bis 100 µm und Zementit ist kaum noch vorhanden. Im Längsschliff erkennt man im Zentrum des Drahtes eine Längsorientierung, die auf die Drahtherstellung zurückzuführen ist (Abb. 7d, e). Im Zentrum des Drahtes liegt wiederum ein feinkörniges Gefüge von und im Randbereich grobes Gefüge (Abb. 7f). Dies könnte auf Entkohlung und Rekristallisation zurückzuführen sein.
Abb. 7
Harfenfibel A, ad Fibelfuß, ei Spirale am Fibelkopf, adh 3 % Nital Ätzung, egi Klemm 1 Ätzung
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Im Bereich der Spiralrolle am Fibelkopf haben die Ferritkörner eine Größe von bis zu 50 µm und auch die Perlitbereiche erreichen eine Größe von 40 µm (Abb. 7i). Auch hier ist in den Randbereichen eine Abnahme an Perlit zu erkennen (Abb. 7g, h). Aufgrund einer höheren Temperatur, die auch zu einer dickeren Zunderschicht geführt hat, ist das gesamte Gefüge rekristallisiert. Laut Fe‑C Phasendiagramm müssten die Temperaturen über etwa 800 °C gelegen sein.

3.2 Harfenfibel B

Auch bei Harfenfibel B wurde ein Schnitt durch die Spirale am Fibelfuß (Abb. 8) und einer durch die Spiralrolle am Fibelkopf (Abb. 9) durchgeführt.
Abb. 8
Harfenfibel B, Spirale am Fibelfuß: ac poliert, df 3 % Nital Ätzung
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Abb. 9
Harfenfibel B, Spiralrolle am Fibelkopf. ac poliert, dh 3 % Nital Ätzung
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Bei der Spirale am Fibelfuß wurden Zunderschichtdicken von 20–25 µm gemessen (Abb. 8b, c).
Nach der Ätzung ist auffällig, dass es einen Streifen aus feinkörnigem Gefüge gibt, der quer durch die Mitte des Drahtquerschnitts verläuft (Abb. 8d). Beidseitig davon liegt ein sehr grobes Gefüge mit Korngrößen bis zu 200 µm vor (Abb. 8d). Im Zentrum des Drahtes beträgt die Ferritkorngröße etwa 10 µm und im Randbereich gibt es eine Vergröberung auf etwa 20 µm (Abb. 8e, f).
Im Bereich der Spiralrolle am Fibelkopf ist die Zunderschichtdicke mit etwa 30 µm vergleichbar mit dem Fibelfuß (Abb. 9a–c). Auch hier sind Zonen von feinem und rekristallisiertem, grobem Gefüge zu sehen (Abb. 9d–h). Ebenso ist ein Streifen aus feinem Ferritgefüge erkennbar, der entlang der Spiralachse ausgerichtet ist (Abb. 9e). Dies könnte auf eine inhomogene Entkohlung und Rekristallisation zurückzuführen sein.

3.3 Spiralkopfnadel C

Bei der Spiralkopfnadel C erfolgte ein Schnitt durch die Spirale am Kopf der Nadel (Abb. 10a–g) und einer parallel zur Nadel (Abb. 10h–j).
Abb. 10
Spiralkopfnadel C: ag Spirale am Nadelkopf, hj Nadel, adh poliert, eglj 3 % Nital Ätzung
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Im Bereich der Spirale am Kopf der Nadel wurden Zunderschichtdicken von 160–240 µm gemessen (Abb. 10b–d). An den Seitenflächen der Nadel ist die Zunderschichtdicken mit 300–350 µm relativ dick, hingegen betrug sie an der Stirnfläche nur 120 µm (Abb. 10h, i).
Da die Nadel anscheinend höheren Temperaturen ausgesetzt war, sind auch Entkohlung und Rekristallisation stärker ausgeprägt. Im Zentrum des Drahtes liegen die Korngrößen bei etwa 20–50 µm und am Rand werden bis zu 200 µm erreicht (Abb. 10e–g). Bedingt durch die Drahtherstellung, ist am Längsschliff der Nadel eine Längsausrichtung des Gefüges zu erkennen (Abb. 10i, j).

3.4 Griffangelmesser D

Messer D steckte während der Kremierung im Schinken des Schweins, und dieser Bereich ist durch anhaftenden Kohlenstoff schwarz gefärbt. Es wurden drei Schliffe angefertigt. Ein Schnitt war nahe der Griffangel. Dieser Bereich war während der Kremierung an Luft (Abb. 11). Ein weiterer Schnitt stammt aus dem Übergangsbereich, der teilweise im Schinken steckte (Abb. 12). Der dritte Schnitt wurde im schwarzen Bereich der Klinge durchgeführt, der im Schinken steckte (Abb. 13).
Abb. 11
Griffangelmesser D, an Luft exponiert: ac poliert, df 3 % Nital Ätzung
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Abb. 12
Griffangelmesser D, Übergang Luft zu Schinken Exponierung: ac poliert, df 3 % Nital Ätzung
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Abb. 13
Griffangelmesser D, im Schinken exponiert (schwarzer Belag): ac poliert, df 3 % Nital Ätzung
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In dem Bereich, der während der Kremierung an der Luft lag, wurden Zunderschichtdicken von 25–30 µm festgestellt (Abb. 11a–c). Im Übergangsbereich, wo die Messeroberfläche der Luft oder dem Schinken ausgesetzt war, reduzierte sich die Zunderschichtdicke auf 10–15 µm (Abb. 12a–c). An Oberflächen, die im Schinken steckten, wurde keine oder nur minimale Zunderbildung beobachtet (Abb. 13a–c). Einzelne etwas dickere Flecken von Zunder waren bereits vor der Kremierung an der Blechoberfläche.
Da das Gefüge des Ausgangsblechs viele Schlacken und Oxidzeilen enthielt und auch eine inhomogene Kohlenstoffverteilung vorlag, können Veränderungen während der Kremierung schwer nachvollzogen werden. In den Bereichen mit sehr groben Ferritkörnern von bis zu 200 µm Durchmesser sind Änderungen nicht feststellbar (Abb. 11f und 12e und 13e). In den feinkörnigeren Bereichen mit erhöhtem Perlitanteil sind schwache Änderungen zu erkennen. Die Menge an Perlit scheint in dem Bereich, der während der Kremierung Luft ausgesetzt war (Abb. 11e), etwas geringer zu sein als in Bereichen, die im Schinken steckten (Abb. 12f und 13e, f).

3.5 Griffangelmesser E

Messer E war in einer Keramikschale platziert und während der Kremierung an Luft zum Teil mit Kontakt mit Nüssen. Ein Schnitt erfolgte im Bereich der Griffangel (Abb. 14a–g) und einer etwa in der Mitte der Klinge (Abb. 14h–j).
Abb. 14
Griffangelmesser E in der Schale liegend: ag Griffangel, hj Messerklinge, adh poliert, eg 3 % Nital Ätzung, ij Klemm 1 Ätzung
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Bei der Griffangel wurden Zunderschichtdicken von 90–140 µm gemessen (Abb. 14a–d). Im Bereich der Klinge waren die Zunderschichtdicken 25–30 µm (Abb. 14h, i). Dies könnte mit dem Kontakt zu den Nüssen zusammenhängen.
Die beim Griffangelmesser D sichtbare Zone mit höherem Kohlenstoffgehalt (Abb. 12f und 13f) ist bei dieser Probe nicht zu sehen. (Abb. 14i, j). Dies könnte auf eine Entkohlung hindeuten, da das Messer während der Kremierung von Luft umgeben war.
Bemerkenswert ist der Korngrößengradient der Messerklinge, der besonders nach der Farbätzung deutlich erkennbar ist (Abb. 14i, j).

4 Diskussion der Ergebnisse

Bei der Kremierung von Eisen können die Phänomene Verzunderung, Entkohlung und Rekristallisation auftreten. Im Wesentlichen spielen dabei die Temperatur, die Temperaturverteilung und der Sauerstoffzutritt an die Eisenoberfläche eine Rolle.

4.1 Die Verzunderung des Eisens

Während einer Kremierung herrschen Bedingungen, die zu Hochtemperaturkorrosion führen. Bei Eisenobjekten bildet sich an der Oberfläche eine Zunderschicht bestehend aus den Eisenoxiden Fe2O3, Fe3O4 oder FeO [15, 16]. Das Wachstum der Zunderschichten wird durch die Diffusion von Sauerstoff beziehungsweise Eisenionen in der Zunderschicht bestimmt. Wichtige Parameter sind die Maximaltemperatur, der Temperaturverlauf und die Dauer der Kremierung. Höhere Temperaturen erhöhen die Diffusionsgeschwindigkeiten und dadurch das Dickenwachstum der Zunderschicht. Bei einer Verzunderung an Luft spielt die Sauerstoffkonzentration üblicherweise keine große Rolle, denn der Sauerstoffgehalt in Luft liegt bei etwa 21 Vol. %.
Im Falle der Kremierung kann der Sauerstoffgehalt lokal stark sinken, da dieser durch Verbrennung zu CO oder CO2 reagiert [17]. Welche Parameter letztendlich zu den entstandenen Zunderschichtdicken geführt haben kann nur gemutmaßt werden.
Da bei allen untersuchten Teilen eine helle, meist durchgehende Oxidschicht beobachtet wurde, kann man davon ausgehen, dass diese bei der Kremierung entstanden ist. Welches Oxid vorliegt, konnte im Rahmen unserer Untersuchungen nicht bestimmt werden.

4.2 Die Entkohlung und Rekristallisation von Stahl

Entkohlung von Stahl und Rekristallisation hängen eng mit der Chemie des Eisens zusammen und sind sehr komplex [18]. Bei der Entkohlung ist der Phasenübergang von Ferrit zu Austenit wichtig, da die Kohlenstoffdiffusion und die Kohlenstofflöslichkeit im Austenit höher ist als im Ferrit. Je nach Kohlenstoffgehalt liegt die Umwandlungstemperatur zwischen 728 und 911 °C [19].
Bei der Entkohlung spielt auch noch die Sauerstoffaktivität an der Oberfläche eine Rolle.
Kohlenstoffgehalt und Temperatur wirken sich auch auf das Rekristallisationsverhalten von Eisen aus, wobei höhere Temperaturen die Rekristallisation begünstigen [20].

4.3 Beobachtete Effekte an den kremierten Proben

Aus der großen Variabilität der Zunderschichtdicken (0 bis 350 µm) kann abgeleitet werden, dass die Oxidationsbedingungen bei den einzelnen Stücken sehr unterschiedlich waren.
Bei Harfenfibel A (Abb. 6) variierte die Zunderschicht zwischen den Enden der Spiralrolle (ca. 2 cm) von 75 µm zu 25 µm. Daraus kann geschlossen werden, dass der Sauerstoffzutritt an einer Seite gehemmt war. Ein starker Temperaturgradient zwischen den beiden Enden erscheint eher unwahrscheinlich. Bei Harfenfibel B und der Spiralkopfnadel war die Dicke der Zunderschicht gleichmäßig. Bei der Spiralkopfnadel waren die Temperatur während der Kremierung und der Sauerstoffzutritt aber hoch, da eine Zunderschichtdicke von bis zu 350 µm gemessen wurde.
Griffangelmesser D steckte im Schinken des Schweins, wodurch Unterschiede zwischen Luft und Fleisch vorliegen. Generell dürfte die Temperaturbelastung an der Oberseite des Schweines niedriger sein, da Frischluft von außen für etwas Abkühlung sorgt (Abb. 5d). An der Oberfläche, welche der Luft ausgesetzt war, wurden Zunderschichtdicken von 25–30 µm gemessen. Die Dicken reduzierten sich auf nahezu null bei Oberflächen, die im Schinken steckten. Beim Griffangelmesser E, das sich während der Kremierung in einer Schale befand, wurden Zunderschichtdicken von 90–140 µm gemessen, im Bereich der Griffangel und der Klinge aber nur 25–30 µm.
Bei der Entkohlung und Rekristallisation des Gefüges traten bei den Harfenfibeln interessante Phänomene auf. In Streifen, die durch den Mittelpunkt das Querschnitts verliefen, lag das weitgehend unveränderte Stahlgefüge vor (Abb. 8d und 9e). An beiden Seiten dieser Streifen war das Gefüge rekristallisiert und entkohlt.
Bei der Spiralkopfnadel C, die höheren Temperaturen ausgesetzt war, ist auch der Kern des Drahtes rekristallisiert, da sich auch die Perlitbereiche vergröbert haben (Abb. 10f).
Bei den Messern ist bezüglich der Änderungen im Eisengefüge keine eindeutige Aussage zu treffen, da bereits das Ausgangsgefüge durch Oxid- und Schlackeneinschlüsse sehr inhomogen war.

5 Schlussfolgerungen

Es konnte gezeigt werden, dass Schmuckstücke und Gebrauchsgegenstände, welche bei der Kremierung eine Temperaturbehandlung erfahren haben, sowohl eine Zunderschicht ausbilden als auch Veränderungen im Eisengefüge auftreten.
Je nach Umgebungsbedingungen entstanden auf den Eisenstücken Zunderschichtdicken von 0 bis 350 µm. Messbare Schichtdickenunterschiede traten auch auf eher kurzen Distanzen von 2 cm Abstand auf. Eisenoberflächen, die im Speck des Schweines steckten, bildeten keine Zunderschicht aus. Im Gefüge der Teile wurden Entkohlung und Rekristallisation festgestellt, wobei auch hier Schwankungen in den Resultaten auftraten.
Bei Vergleichen mit alten archäologischen Eisenteilen ist zu beachten, dass neben der Verzunderung auch wässrige Korrosion auftreten kann.

Danksagung

Unser Dank geht an Frau Michaela Fritzl vom Österreichischen Archäologischen Institut, der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, für die Planung und Durchführung des experimentellen Kremierungsversuchs in Asparn an der Zaya.

Interessenkonflikt

R. Haubner gibt an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Open Access Dieser Artikel wird unter der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz veröffentlicht, welche die Nutzung, Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und Wiedergabe in jeglichem Medium und Format erlaubt, sofern Sie den/die ursprünglichen Autor(en) und die Quelle ordnungsgemäß nennen, einen Link zur Creative Commons Lizenz beifügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden. Die in diesem Artikel enthaltenen Bilder und sonstiges Drittmaterial unterliegen ebenfalls der genannten Creative Commons Lizenz, sofern sich aus der Abbildungslegende nichts anderes ergibt. Sofern das betreffende Material nicht unter der genannten Creative Commons Lizenz steht und die betreffende Handlung nicht nach gesetzlichen Vorschriften erlaubt ist, ist für die oben aufgeführten Weiterverwendungen des Materials die Einwilligung des jeweiligen Rechteinhabers einzuholen. Weitere Details zur Lizenz entnehmen Sie bitte der Lizenzinformation auf http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de.

Hinweis des Verlags

Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.
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Titel
Veränderungen von Eisenobjekten während eines experimentellen Kremierungsexperiments
Verfasst von
Prof. Dr. Roland Haubner
Susanne Strobl
Wolfgang Scheiblechner
Publikationsdatum
03.12.2025
Verlag
Springer Vienna
Erschienen in
BHM Berg- und Hüttenmännische Monatshefte
Print ISSN: 0005-8912
Elektronische ISSN: 1613-7531
DOI
https://doi.org/10.1007/s00501-025-01688-0
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