Wenn Innovationen Angst machen
- 25.03.2026
- Verkaufspsychologie
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Neue Technologien gelten als Wachstumstreiber. Doch ausgerechnet im Vertrieb stoßen sie oft auf Widerstand. Aktuelle Studien zeigen: Der entscheidende Faktor ist nicht das Produkt, sondern die Haltung der Menschen, die es verkaufen.
Der Vertrieb muss sich neu ausrichten, um innovationsstark zu bleiben und neue Produkte selbstbewusst zu verkaufen.
TommL | istockphoto
Unternehmen investieren massiv in Zukunftstechnologien – von KI-gestützten Plattformen bis hin zu völlig neuen industriellen Lösungen. Doch viele dieser radikalen Innovationen scheitern, bevor sie überhaupt eine echte Chance am Markt bekommen. Der Grund liegt dabei häufig innerhalb der Organisation selbst. Ausgerechnet im Vertrieb blockieren Zweifel selbst gute neue Produkte.
Eine aktuelle Studie der European School of Management and Technology (ESMT) Berlin liefert dafür nun eine überraschend klare Erklärung. Wie die Studienautoren anhand von 69 Tiefeninterviews sowie zwei groß angelegten Umfragen unter insgesamt knapp 400 Industrievertriebsmitarbeitern zeigen, vermeiden es viele Vertriebler bewusst, radikale Innovationen aktiv zu verkaufen aus Angst, sich vor Kunden zu blamieren.
Angst vor Inkompetenz
Radikale Innovationen verlangen oftmals ein Umdenken. Sie
- richten sich an neue Kundengruppen,
- basieren auf unbekannten Technologien oder
- bringen völlig neue Geschäftsmodelle mit sich.
Für den Vertrieb bedeutet das, an der Schnittstelle zu den Kunden auch einmal die eigene Komfortzone in der Verkaufstechnik zu verlassen. Genau an dieser Stelle kommt es zu Unsicherheiten. Vertriebler fürchten zum Beispiel, nicht kompetent genug zu sein, um Fragen zum neuartigen Produkt beantworten und Produktversprechen einhalten zu können, so Erkenntnisse aus der Studie.
Bianca Schmitz, Lecturer und Director of Knowledge Transfer am Bringing Technology to Market Center der ESMT, sagt dazu:
Für viele Vertriebsprofis ist das eine starke emotionale Barriere. Erfolg beim Verkauf radikaler Innovationen hängt weniger davon ab, jedes technische Detail zu beherrschen, als vielmehr davon, ein Umfeld zu schaffen, in dem Neugier und Zusammenarbeit an die Stelle von Perfektionismus treten."
Vertrieb agiert mit Bremse
Die Folge ist, dass selbst technologisch überzeugende Produkte intern ausgebremst werden
Besonders ausgeprägt ist dieses Zögern zum Beispiel bei Mitarbeitern
- mit hohen Selbstansprüchen,
- geringer Veränderungsbereitschaft oder
- wenig Erfahrung im Umgang mit Unsicherheit.
Paradox ist zudem, dass gerade Top-Performer oft besonders stark betroffen sind.
Einfluss von Mitarbeitern
Dass psychologische Faktoren über den Erfolg neuer Technologien entscheiden, zeigt eine weitere aktuelle Studie aus dem Jahr 2026: Die Untersuchung "Psychological Safety as the Key to AI Adoption" eines Autorenteams der Cornell University analysiert anhand von Datensätzen mit mehreren hundert Beschäftigten in technologiegetriebenen Unternehmen, wie stark das Arbeitsumfeld die Nutzung neuer Tools beeinflusst. Das Ergebnis: Psychologische Sicherheit ist einer der wichtigsten Treiber für die Einführung von Innovationen.
Demnach nutzen Mitarbeiter neue Technologien deutlich häufiger, wenn sie keine Angst vor Fehlern oder negativer Bewertung haben. Umgekehrt führen Unsicherheit und soziale Risiken dazu, dass selbst vielversprechende Lösungen im Alltag kaum eingesetzt werden. Damit bestätigt die Studie die Ergebnisse der ESMT-Forschung auf einer breiteren Ebene: Nicht nur im Vertrieb, sondern organisationsweit gilt, dass Innovation oft an Angst scheitern, nicht aber an der Technik oder deren Erfolgsaussichten mit entsprechenden Innovationsprodukten im Markt.
Kundenbedürfnisse sind entscheidend
Hinzu kommt die Reaktion der Kundenseite als entscheidender Faktor. Die Studie "How Innovation Drives Customer Complaints“, ebenfalls veröffentlicht durch die Cornell University, hat auf der Grundlage mehrerer tausend ausgewerteter Kundeninteraktionen und Beschwerdedaten untersucht, wie Verbraucher auf neue Technologien reagieren. Je radikaler die Innovation, desto höher die Wahrscheinlichkeit negativer Kundenreaktionen, lautet das verblüffende Ergebnis.
Insbesondere bei produktbezogenen Innovationen, also dann, wenn sich das Nutzungserlebnis direkt verändert, entstehen der Studie zufolge Unsicherheit, Skepsis und teils sogar Ablehnung. Neue Technologien lösen folglich nicht nur Neugier aus, sondern auch das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren oder überfordert zu sein. Damit verschärft sich das Problem im Vertrieb zusätzlich: Verkäufer müssen nicht nur eigene Unsicherheiten überwinden, sondern auch mit emotionalen Reaktionen auf Kundenseite rechnen und umgehen lernen.
Zwischen Kostendruck und Marketing
Dass viele Innovationen trotz hoher Investitionen stagnieren, passt zu einem weiteren Befund aus der aktuellen Wirtschaftsforschung. Die "European Growth Study 2026" der Unternehmensberatung Simon-Kucher & Partners, durchgeführt unter 1.236 Top-Entscheidern aus 13 europäischen Ländern, zeigt: Zwar sind viele Firmen optimistisch gestimmt, setzen jedoch weiterhin primär auf Kostensenkung.
Erfolgreiche Unternehmen heben sich allerdings vor allem dadurch von der Konkurrenz ab, dass sie gezielt in Vertrieb und Kommerzialisierung von Innovationsproduktzen investieren. Während enorme Summen in die Entwicklung neuer Produkte fließen, wird der entscheidende letzte Schritt, ihre erfolgreiche Vermarktung, häufig unterschätzt. Eine gefährliche Diskrepanz.
Produkte sind nicht alles
Olaf Plötner, Professor of Management Practice und Direktor des BTM Center an der ESMT, betont passend dazu:
Unternehmen können nicht erwarten, dass radikale Innovationen erfolgreich sind, wenn sie ihre Vertriebsteams ausschließlich zu Produktmerkmalen schulen. Entscheidend ist der Aufbau verlässlicher Beratungs- und Unterstützungssysteme, die Förderung von Anpassungsfähigkeit und Veränderungsbereitschaft sowie ein neues Rollenverständnis im Vertrieb."
Man müsse weg von einzelnen Produktexperten, hin zu kollaborativen Problemlösern, die in enger Zusammenarbeit mit Spezialisten stehen, so Plötner weiter. "Das bedeutet auch: Vertrieb muss neu gedacht werden, weniger als Bühne für perfekte Antworten, sondern als Raum für gemeinsame Lösungsfindung.