Zum Inhalt

Verlassene Orte im digitalen Zeitalter

Räumliche Wurzeln der Unzufriedenheit und die Rolle des Internets bei der Inklusion

  • 2025
  • Buch
insite
SUCHEN

Über dieses Buch

Dieses Buch untersucht die räumlichen und kontextuellen Faktoren hinter persönlichen Empfindungen wie Ärger, der Frustration und dem Gefühl der Vernachlässigung von Bürgerinnen und Bürgern sowie die Rolle digitaler Plattformen in politisch marginalisierten Gebieten. Es verlagert den Fokus von der Geografie des Wahlverhaltens hin zur Geografie der Unzufriedenheit und bietet eine neue Perspektive auf digitale Ungleichheiten. Die Studie beleuchtet die Komplexität „zurückgelassener“ Orte und erkennt an, dass Muster des Niedergangs in Industrieländern sich von denen in Entwicklungsländern unterscheiden, wo politische und kulturelle Dynamiken eine zentrale Rolle spielen.

Anhand der Region Valparaíso in Chile als Fallstudie wendet das Buch seinen Analyseansatz auf einen Kontext mit einem starken Parteiensystem, robusten Institutionen und hoher Internetdurchdringung an. Die jüngste politische Krise in Chile, geprägt von weit verbreiteter Unzufriedenheit, macht diese Analyse besonders relevant. Valparaíso, das sowohl Sitz des Nationalkongresses als auch ein zentraler Schauplatz des sozialen Aufstands von 2019 ist, dient als Mikrokosmos für das Verständnis der räumlichen Dimensionen politischer Unzufriedenheit in digital vernetzten Gesellschaften.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter
Kapitel 1. Einführung
Zusammenfassung
Dieses Buch leistet einen konzeptionellen und methodischen Beitrag zum Verständnis zweier zentraler Phänomene: der kontextuellen und räumlichen Faktoren, die den Ärger, die Frustration und das Gefühl des Verlassenseins der Bürgerinnen und Bürger erklären, sowie der Rolle digitaler Plattformen bei der Einbindung politisch marginalisierter Regionen. Ziel ist es, von der Geografie des Wählens zur Geografie der Unzufriedenheit überzugehen und digitale Ungleichheiten durch die Integration des territorialen Kontexts neu zu interpretieren. Die Studie steht vor erheblichen Herausforderungen, insbesondere bei der Analyse „abgehängter“ Regionen. Während die Verläufe von Niedergang und Deindustrialisierung für entwickelte Länder gelten, lassen sich diese Entwicklungen nicht zwangsläufig auf andere Kontexte übertragen. In Entwicklungsländern ist das Gefühl des Verlassenseins auf andere politische und kulturelle Phänomene zurückzuführen. Dieses Buch befasst sich mit diesen Komplexitäten und berücksichtigt dabei die Grenzen und Möglichkeiten für weitere Forschung. Im Fokus steht die Region Valparaíso in Chile, auf die das vorgeschlagene Framework und die Methodik angewendet werden. Chile bietet mit seinem ausgeprägten Parteiensystem, seinen soliden Institutionen und seiner hohen Internetdurchdringung, die das zivilgesellschaftliche Engagement beeinflusst haben, einen spannenden Untersuchungsrahmen. In jüngerer Zeit sah sich Chile mit einer tiefgreifenden politischen Krise konfrontiert, die von weitverbreiteter Unzufriedenheit und einem wahrgenommenen Mangel an Repräsentativität geprägt war. Die verwendeten Daten beziehen sich speziell auf Valparaíso, das einerseits nationale Realitäten widerspiegelt, andererseits aber auch besondere Merkmale aufweist, beispielsweise der Sitz des Nationalkongresses und das Zentrum der sozialen Unruhen von 2019 zu sein.
Pedro Fierro, Patricio Aroca, Patricio Navia
Kapitel 2. Theoretischer Rahmen
Zusammenfassung
In diesem Kapitel wird die entscheidende Rolle territorialer Kontexte bei der Ausprägung moderner politischer Gefühle von Ohnmacht und Frustration untersucht. Während Unzufriedenheit häufig anhand individueller Faktoren analysiert wird, hebt die jüngere Forschung den tiefgreifenden Einfluss geografischer und kontextueller Faktoren hervor. Aufbauend auf Konzepten wie Katherine J. Cramers „rural consciousness“ (ländliches Bewusstsein) und dem Ansatz der „Geografie der Unzufriedenheit“ wird untersucht, wie territoriale Marginalisierung und historische wirtschaftliche Entwicklungen politische Haltungen und Verhaltensweisen prägen, illustriert durch Fallstudien aus Lateinamerika, Europa und den USA. Wir plädieren für einen Perspektivwechsel von der „Geografie des Wählens“ hin zu einer „Geografie der Unzufriedenheit“ und betonen die Notwendigkeit, Dimensionen der Haltung zu berücksichtigen, die in traditionellen Analysen häufig vernachlässigt werden. Dabei wird anhand von Protesten in Lateinamerika, beispielsweise die Demonstrationen in Chile 2019, aufgezeigt, wie unerfüllte Erwartungen und das Gefühl der Vernachlässigung politischen Groll schüren. Im Gegensatz zu Europa und den USA, wo Unzufriedenheit häufig in populistische Narrative mündet, verdeutlicht die lateinamerikanische Erfahrung vielfältige Ausdrucksformen von Unzufriedenheit, darunter Proteste und Wahlverzicht. Darüber hinaus werden in diesem Kapitel Instrumente zur Verfügung gestellt, um das demokratisierende Potenzial digitaler Plattformen insbesondere für marginalisierte Gruppen zu erfassen. Durch die Integration territorialer und digitaler Dimensionen bietet diese Arbeit einen multidisziplinären Rahmen zur Analyse politischer Entfremdung und liefert Impulse zur Bewältigung demokratischer Herausforderungen in unterschiedlichen Kontexten.
Pedro Fierro, Patricio Aroca, Patricio Navia
Kapitel 3. Methodischer Ansatz
Zusammenfassung
Dieses Kapitel stellt eine Methode vor, die drei politische Haltungen beinhaltet, die häufig mit Verdrossenheit in Verbindung gebracht werden: interne politische Wirksamkeit, externe politische Wirksamkeit und politisches Interesse. Deren Wechselwirkungen untersuchen wir mittels Daten zur Nutzung sozialer Medien für bürgerschaftliches Engagement sowie zum verwendeten Gerätetyp für den Internetzugang. Darüber hinaus integrieren wir ein zeitgemäßes Messgröße, die politische Wirksamkeit im Internet, die speziell für den digitalen Raum entwickelt wurde, um zu bewerten, ob digitale Plattformen Personen stärken können, die in politischen Diskussionen typischerweise benachteiligt sind. Um diese Ziele zu erreichen, haben wir Umfragedaten der chilenischen Non-Profit-Organisation P!ensa Foundation analysiert, die zwischen 2017 und 2023 in 11.574 persönlichen Gesprächen erhoben wurden. Mithilfe von Cronbachs Alpha validierten wir Faktoren im Zusammenhang mit politischen Einstellungen und der Nutzung sozialer Medien, wobei wir zwischen bürgerschaftlicher Nutzung (politisch und informativ) und sonstiger Nutzung (soziale Interaktion und Unterhaltung) unterschieden. Zur Untersuchung dieser Faktoren und ihrer Wechselwirkungen wurde das Strukturgleichungsmodell (SEM) verwendet. Während die meisten Studien individuelle oder institutionelle Aspekte betonen, hebt die jüngere Literatur zur „Geografie der Unzufriedenheit“ territoriale Disparitäten hervor. In dieser Studie wird bürgerschaftliches Engagement erneut untersucht, indem territoriale Verläufe und Erfahrungen über Regionen, Städte oder Stadtviertel hinweg integriert werden.
Pedro Fierro, Patricio Aroca, Patricio Navia
Kapitel 4. Ergebnisse und Diskussion
Zusammenfassung
In diesem Kapitel beleuchten wir die vielfältigen Dimensionen der digitalen Kluft, die Auswirkungen territorialer Dynamiken und die Entstehung politischen Unmuts. Erste Ergebnisse deuten darauf hin, dass digitale Ungleichheiten die politische Selbstwirksamkeit im Internet nachhaltig prägen. Diese neue Einstellung bewertet, ob die digitale Welt politische Systeme zugänglicher macht, und argumentiert, dass sie eine neue Perspektive auf die demokratisierende Rolle des Internets eröffnet. Bemerkenswert ist die Bedeutung territorialer Faktoren: Diejenigen, die weiter von politischen Zentren entfernt sind, fühlen sich in öffentlichen Angelegenheiten weniger kompetent, durch das Internet stärker befähigt. Anschließend untersuchen wir die Geografie des Unmuts und konzentrieren uns auf Gefühle wie Verlassenheit, Frustration und Ressentiment. Aus der Perspektive der externen Wirksamkeit, verstanden als Wahrnehmung der Reaktionsfähigkeit des Systems, gewinnen wir Einblicke in das Empfinden von politischer Vernachlässigung, insbesondere in „Orten, die keine Rolle spielen“. Unsere empirischen Ergebnisse zeigen, dass Regionen mit einem niedrigeren Bildungsniveau der Haushaltsvorstände ein geringeres Vertrauen in die Reaktionsfähigkeit des politischen Systems aufweisen. Interessanterweise zeigen sich individuelle sozioökonomische Faktoren in einer kontraintuitiven Weise, was die Notwendigkeit eines ganzheitlichen, räumlichen Ansatzes zur Untersuchung von Unzufriedenheit unterstreicht. Abschließend geben wir erste Einblicke in die Untersuchung politischer Frustration und Ressentiments. Insgesamt bietet dieses Kapitel ein differenziertes Verständnis dafür, wie digitale Kluft, territoriale Disparitäten und emotionale Politik bei politischem Verhalten zusammenwirken.
Pedro Fierro, Patricio Aroca, Patricio Navia
Kapitel 5. Fazit
Zusammenfassung
Dieses Buch untersucht die komplexen Zusammenhänge zwischen räumlichen Ungleichheiten, politischer Unzufriedenheit und der potenziellen Rolle des Internets bei der Einbindung von Bewohnerinnen und Bewohnern politisch marginalisierter Gebiete. Am Beispiel der chilenischen Region Valparaíso bieten wir einen theoretischen und methodischen Rahmen, um den Ärger, die Frustration und das Gefühl des Verlassenseins der Bürgerinnen und Bürger zu verstehen. Unsere Studie zeigt, dass Unzufriedenheit nicht ausschließlich auf Entbehrung und Armut zurückzuführen ist, sondern auch auf schlechte Beziehungen zum öffentlichen Dienst und auf anhaltende Marginalisierung, was zu Gewalt und weiterer Isolation führt. Zur Analyse dieser Phänomene nutzten wir einen Umfragedatensatz und Strukturgleichungsmodelle, wobei sowohl der territoriale Kontext als auch die zeitliche Dimension berücksichtigt wurden. Trotz ihres bedeutenden Beitrags stößt unsere Arbeit auf Einschränkungen, beispielsweise die Verallgemeinerung der Maße externer Wirksamkeit und der Querschnittscharakter unserer Daten. Zukünftige Forschung sollte diese Lücken schließen, indem spezifischere Beziehungen zu verschiedenen Verwaltungsebenen untersucht und Längsschnittdaten verwendet werden. Die Diskussion hebt die zyklische Natur von Vernachlässigung und deren Folgen in Chile hervor, wo gesellschaftliche Unruhen zur Zerstörung von Infrastrukturen in marginalisierten Gebieten führten. Die Rolle des Internets bei der Bewältigung dieser Probleme ist komplex und erfordert die Berücksichtigung digitaler Benachteiligung sowie von Herausforderungen wie Desinformation und Polarisierung. Unsere Ergebnisse unterstreichen die Notwendigkeit eines umfassenden Ansatzes zur Integration marginalisierter Gemeinschaften in den politischen Prozess.
Pedro Fierro, Patricio Aroca, Patricio Navia
Backmatter
Titel
Verlassene Orte im digitalen Zeitalter
Verfasst von
Pedro Fierro
Patricio Aroca
Patricio Navia
Copyright-Jahr
2025
Electronic ISBN
978-3-032-07488-1
Print ISBN
978-3-032-07487-4
DOI
https://doi.org/10.1007/978-3-032-07488-1

Die PDF-Dateien dieses Buches wurden gemäß dem PDF/UA-1-Standard erstellt, um die Barrierefreiheit zu verbessern. Dazu gehören Bildschirmlesegeräte, beschriebene nicht-textuelle Inhalte (Bilder, Grafiken), Lesezeichen für eine einfache Navigation, tastaturfreundliche Links und Formulare sowie durchsuchbarer und auswählbarer Text. Wir sind uns der Bedeutung von Barrierefreiheit bewusst und freuen uns über Anfragen zur Barrierefreiheit unserer Produkte. Bei Fragen oder Bedarf an Barrierefreiheit kontaktieren Sie uns bitte unter accessibilitysupport@springernature.com.