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28.03.2019 | Vermögensverwaltung | Interview | Onlineartikel

"Asset-Management-Boutiquen werden an Bedeutung gewinnen"

Autor:
Angelika Breinich-Schilly
Interviewt wurde:
Dr. Wolfgang Leoni

ist Geschäftsführer der 2018 gegründeten HQ Asset Management (HQAM), die ein Portfoliomanagement für institutionelle Anleger anbietet. 

Wohin geht die Reise im Asset Management? Branchenexperte Wolfgang Leoni beleuchtet im Interview mit Springer Professional die Branche und ihre Zukunft.

Springer Professional: Warum sollten sich institutionelle Investoren für Sie entscheiden, statt einem anderen Wettbewerber zu vertrauen?

Dr. Wolfgang Leoni: Es gibt mehrere Gründe, die für HQAM sprechen. Zum einen haben wir klar definierte – und damit nachvollziehbare – Investmentprozesse, die auf quantitativen Verfahren basieren. Der Vorteil unseres Ansatzes ist, dass er emotionale Anlageentscheidungen vermeidet, denn die meisten Anlagefehler beruhen auf emotional bedingten Investmententscheidungen, was in der Behavioral Finance-Literatur sehr gut beschrieben wird. Zum anderen unterscheiden wir uns von Mitbewerbern vor allem dadurch, dass wir auf Basis unserer Research-Ergebnisse kundenindividuelle Portfolios beziehungsweise passgenaue Ertragsrisikoprofile konstruieren. Ein weiterer Vorteil unseres Investmentansatzes ist, dass wir sehr große Datenmengen in sehr kurzer Zeit verarbeiten können. Wir analysieren weltweit etwa 5.000 Aktien und bilden hieraus ein monatliches Ranking über deren Attraktivität. Diese Ergebnisse lassen sich in unterschiedliche Portfolios umsetzen. Etwa, indem wir uns eng an eine Benchmark anlehnen, wie den MSCI World, oder aber größere Abweichungen davon zulassen. Auch die Konstruktion eines marktneutralen Portfolios ist denkbar. Darüber hinaus kann auch die Anlageregion individuell festgelegt werden.

Seit Längerem haben wir ja turbulentere Aktienmärkte, die den meisten Vermögensverwaltern das Leben schwer machen. Wie schätzen Sie die Lage der Branche ein?

Die Branche wird sich noch stärker zwischen aktivem und passivem, also stark Index-orientiertem, Management polarisieren. Der Trend zum Passiv-Ansatz wird sich dabei allerdings fortsetzen, da das aktive Management deutlich mehr Aufwand verlangt, um den gewünschten Mehrwert zu schaffen. Auch unter Kostengesichtspunkten sind passive Investments nicht aufzuhalten, da die Märkte wahrscheinlich in Zukunft nicht mehr so viel Rendite abwerfen, wie das in den vergangenen 20 bis 30 Jahren der Fall war und deshalb Kostenaspekte zukünftig eine größere Rolle einnehmen werden.

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Was bedeutet das für das Asset Management?

Wer eng an einer Benchmark festhält, kann kaum noch die Kosten verdienen. Daher glaube ich, dass Asset-Management-Boutiquen an Bedeutung gewinnen, die spezielles Know-How besitzen und auf dieser Basis einen Mehrwert für den Anleger schaffen können. Das ist ein Vorteil gegenüber den großen Asset Managern, die zwar ein breites Angebot haben, das aber weniger in die Tiefe geht. Sie werden wahrscheinlich Marktanteile abgeben müssen.

Welche Absicherungsstrategien bieten Sie Ihren Investoren an?

Wir bieten ein sogenanntes prognosefreies Risiko-Overlay an, bei dem bestimmte Risikokennziffern nicht überschritten werden dürfen, sowie einen Ansatz, der eine kundenindividuelle Zielvolatilität beziehungsweise Zielrendite anstrebt. Ich gehe fest davon aus, dass solche Absicherungsstrategien in Zukunft verstärkt nachgefragt werden, da die Märkte künftig nicht mehr klaren Trends folgen werden wie in der Vergangenheit.

Da Sie aktuell noch in der Akquisephase sind, interessiert uns der Blick in die Zukunft. In welchen Märkten sehen Sie gute Chancen?

Die Aktienmärkte der Emerging Markets sind strategisch besonders interessant, wofür vor allem die im Vergleich zu den Industrienationen deutlich höheren Wirtschaftswachstumsraten, die Demografie und die zunehmende Urbanisierung in diesen Ländern sprechen. Wir haben vor, unseren Kunden eine entsprechende Portfoliostrategie anzubieten. Aber nicht nur langfristig und strategisch, sondern auch taktisch bieten die Emerging Markets derzeit einen günstigen Einstiegszeitpunkt.

Welche Probleme entstehen bei Investitionen in diesen Regionen?

Ob China, Mexiko oder Indien: Wer in Emerging Markets investiert, muss damit rechnen, dass die dortigen Aktienmärkte die Wachstumsdynamik dieser Länder nicht ausreichend widerspiegeln, da die Marktkapitalisierung vergleichsweise niedrig ist und die Struktur der jeweiligen Volkswirtschaft durch die gängigen Aktienindizes nicht besonders gut abgebildet wird.  Zudem führt die geringe Liquidität dazu, dass einzelne größere Käufe oder Verkäufe unmittelbar die Aktienkurse stark beeinflussen können. Wer sich an die gängigen Indizes anlehnt, partizipiert also nicht zwangsläufig in dem Ausmaß am Wachstum, wie es diesen Volkswirtschaften entspricht. Darüber hinaus entstehen bei Direktinvestitionen oft hohe Kosten aufgrund von Währungsrisiken oder anderen nicht absehbaren Hürden. Denn meist fehlt es an einer guten Governance-Struktur, also politischer Stabilität und Transparenz.

Wie sieht Ihr Rezept aus?

Wir schauen uns an, wie die Exporte entwickelter Märkte, wie etwa der USA, in den Emerging Markets aussehen. Das gibt uns einen relativ guten Überblick über die Branchenstrukturen im jeweiligen Schwellenland. Auf dieser Grundlage entscheiden wir, ob wir mehr Aktien von Automobil- oder mehr Papiere von Chemieunternehmen aus einem entwickelten Markt benötigen, um die Lage eines Landes, wie beispielsweise Mexiko, genauer abzubilden. Hinzu kommen noch weitere Größen, etwa Risikofaktoren einzelner Branchen oder Unternehmen in den unterschiedlichen Emerging Markets und ihre Korrelation zueinander. So entsteht eine Art Weltaktienportfolio aus Werten entwickelter Märkte, das einerseits die wirtschaftlichen Strukturen der Emerging Markets besser widergibt als die gängigen Aktienindizes, aber andererseits weniger politische sowie rechtliche Risiken hat und nicht so volatil und intransparent ist wie ein Portfolio, das direkt in Aktien der Schwellenländer investiert

Wie stark setzen Sie bei Ihrer Analyse auf technische Hilfen wie Algorithmen und Künstliche Intelligenz?

Mit unserem Ansatz beurteilen wir die Attraktivität von Asset-Klassen, also einzelnen Aktien- und Rentenmärkten, aber auch Einzeltitel. Die hierfür ausschlaggebenden ökonomischen Größen wie das Kurs-Gewinn-Verhältnis oder die Dividendenrendite identifizieren wir anhand empirischer Daten und schließen hieraus auf die mögliche künftige Entwicklung. Das ist natürlich eine vereinfachte Darstellung, beschreibt aber gut das Prinzip unserer Vorgehensweise. Bei uns arbeitet der Computer nicht autonom, sondern er "spuckt" am Ende ein Ergebnis aus, das auf einem Regelwerk basiert, das unsere Research-Spezialisten entwickelt haben. Eine verlässliche Datenbasis ohne Fehler und Lücken ist dabei von großer Bedeutung und wir beziehen deshalb Informationen von verschiedenen Anbietern und haben Algorithmen entwickelt, um deren Qualität zu überprüfen. Auch im nächsten Prozessschritt, der Portfoliokonstruktion, setzen wir auf mathematische Algorithmen und erstellen Portfoliostrukturen, die ertrags-risiko-optimiert sind.

Auf welche Aspekte legen Investoren noch Wert?

Wir pflegen einen ständigen Kontakt zum institutionellen Anleger. Das heißt, wir stehen fortlaufend im Gespräch über die Ausrichtung des Portfolios im Rahmen der Gesamtstrategie oder dem aktuellen Risikobudget. Das bedarf einer guten Kommunikation und ist daher im institutionellen Geschäft ein Faktor von sehr großer Bedeutung.

Auf welche Investoren gehen Sie in der Akquisephase zu?

Wir sprechen alle institutionellen Investoren an, also Versicherer, Pensionskassen, Versorgungskassen oder kirchliche Einrichtungen. Unsere Zielkunden sind die typischen Spezial-Fonds-Anleger am deutschen Markt.

Mehr zum Thema lesen Sie in der aktuellen Ausgabe von Bankmagazin.

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