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Über dieses Buch

Die neueren Informations- und Kommunikationstechnologien zeichnen sich durch immer stärker vernetzte, dezentrale Strukturen aus. Zugleich wird Vernetzung im Sinne dezentral und flexibel organisierter Systeme auch eine immer bedeutsamere Metapher für gesellschaftliche Organisationsprozesse. In diesem Band, der sowohl sozial- als auch technikwissenschaftliche Perspektiven umfasst, wird den Verbindungen zwischen technischen und sozialen Netzwerkkonzepten nachgegangen und deren wechselseitige Beeinflussung untersucht.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Einleitung: Zur Analyse sozialer und technischer Vernetzung

Einleitung: Zur Analyse sozialer und technischer Vernetzung

Zusammenfassung
Die Facebook-Revolution?: Es gab und gibt Bestrebungen seitens diverser Regierungen, die unter anderem von sozialen Online-Netzwerken getragene Dynamik von Protestbewegungen nicht nur durch die üblichen Mittel der Zensur zu unterbinden. In den späten 2000er Jahren kam es an unterschiedlichen Orten und wiederholt zu gezielten Störungen und Abschaltungen von Internetdiensten und/oder mobilen Telekommunikationsnetzwerken. Sowohl die Verbreitung von Protestaufrufen als auch die Koordination zwischen den Protestierenden sollte somit zum Erliegen gebracht werden. Inwieweit solche Versuche den Ausgang der Ereignisse entscheidend beeinflussen können, lässt sich nur schwer abschätzen. Bereits die Unterdrückung der Proteste nach den Wahlen im Iran im Sommer 2009 erfolgte unter Einsatz begrenzter, aber recht gezielter Maßnahmen dieser Art. Anfang 2011 reagierte das ägyptische Regime unter anderem mit einer bis dahin weltweit einmaligen Totalabschaltung des Internet – welche zwar eine erschwerte Berichterstattung und massive wirtschaftliche Schäden für internetbasierte Geschäfte und Dienstleistungen im Lande zur Folge hatte, den Fortgang der Revolution aber nicht aufhalten konnte. Die Ägyptische Revolution hat unter Hinweis auf die Rolle sozialer Online-Netzwerke in der Mobilisierung der AktivistInnen den Beinamen „die Facebook-Revolution“ erhalten. Nach den Unruhen in Teilen Englands im Sommer 2011 wurde von offizieller Seite die Forderung in den Raum gestellt, zukünftig in ähnlichen Situationen das Blackberry-Netzwerk zeitweise abzuschalten, da der in Großbritannien ausgesprochen populäre BlackBerry-Messenger-Dienst (BBM) von den Aufständischen als Hauptmedium für die Koordination ihrer Angriffe und Plünderungen genutzt wurde.
Hajo Greif, Matthias Werner

Paradigmen der Vernetzung

Frontmatter

Vom System zum Netzwerk: Perspektiven eines Paradigmenwechsels in den Sozialwissenschaften

Zusammenfassung
Gegen Ende der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts beginnen Netzwerk-Theorien (Latour, Castells) in den Sozialwissenschaften die bislang dominierenden System-Theorien (Luhmann, Ropohl) abzulösen. Das hat weitreichende Folgen. Insbesondere bedeutet diese Verschiebung einen Einspruch gegen wichtige sozialwissenschaftliche Theorietraditionen, Traditionen etwa, die seit Max Weber soziales Handeln an den subjektiven Sinn und an konkrete Individuen binden bzw. in der Nachfolge Émile Durkheims Soziales nur durch Soziales zu erklären suchen (Weber 1922; Durkheim 1984). So rechnet zum Beispiel die Systemtheorie Niklas Luhmanns, in der Tradition Durkheims stehend, Objekte und Sachverhalte der Natur sowie technische Artefakte zur externen Umwelt des Sozialsystems. Luhmanns Systemtheorie ist eine Differenztheorie (1984, 115 f). Weil „Gesellschaft“ das zentrale Objekt soziologischen Erkenntnisstrebens ist und „Gesellschaft“ sich Luhmann zufolge aus dem konstituiert, was kommunikativ erreichbar ist, operiert seine Systemtheorie folgerichtig mit der Leitdifferenz von kommunikativ erreichbar vs. nicht erreichbar. Sachverhalte wie Technik, die jenseits der Kommunikation liegen, entziehen sich dann zwangsläufig soziologischem Zugriff. Sie sind kein genuiner Erkenntnisgegenstand der Soziologie: außersozial. Sie gehören zur Umwelt der Gesellschaft. Für Luhmann besteht das wesentliche Merkmal der modernen Gesellschaft in der funktionalen Ausdifferenzierung sozialer Subsysteme. Gemeint ist damit, dass Teilsysteme wie Wirtschaft, Wissenschaft, Massenmedien etc. je spezifische Funktionen für die gesellschaftliche Reproduktion erbringen. Jedes Teilsystem operiert nach einer von den anderen Teilsystemen unabhängigen Logik, die bestimmten, in binären Codes formulierten Leitdifferenzen folgt: zahlen vs. nicht zahlen, wahr vs. falsch, neu vs. nicht neu etc. Jedes gesellschaftliche Subsystem verarbeitet Informationen entsprechend seiner binär codierten Leitdifferenz. Dabei greift es auf symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien zurück, wie etwa Geld, Wahrheit, Neuigkeit, und bedient sich, um seine Effizienz zu steigern, der Technik. Die einzelnen Funktionssysteme tun das in je spezifischer Weise: die Wirtschaft zur Steigerung von Umsätzen, die Wissenschaft zur effizienteren Wahrheitsfindung bzw. Wissensproduktion, die Massenmedien zur schnelleren Verbreitung von Informationen. Auch für Jürgen Habermas, der, im Gegensatz zu Luhmann, den Systembegriff in kritischer Distanz verwendet, ist die Unterscheidung von System und, wie er es nennt, Lebenswelt, von instrumentellem und kommunikativem Handeln zentral (Habermas 1981).
Arno Bammé, Wilhelm Berger, Ernst Kotzmann

Soziale Vernetzung: Einheit und Widerspruch

Zusammenfassung
Die folgenden Überlegungen sind von der aktuellen Vernetzungsdiskussion inspiriert, vor allem von der Popularität dieses vermeintlich neuen Paradigmas. Unter Berücksichtigung der aktuellen Debatte in den Sozialwissenschaften soll geklärt werden, woher der Begriff des „Netzwerks“ stammt und welche – zumeist wissenschaftstheoretischen – Schwierigkeiten hier bestehen. Besonders im Hinblick auf die soziologischen Theorie- und Modellentwicklungen ist zwar eine große Vielfalt von Zugängen festzustellen, es erscheint uns gerade deshalb aber sinnvoll, auch auf die Defizite in diesen Theorieentwicklungen hinzuweisen. Ein Blick in die Geschichte des Netzwerkbegriffs kann dabei helfen und eine Orientierung für den modernen Netzwerkdiskurs schaffen. Hervorgehoben wird dabei ein oft vernachlässigter sozialwissenschaftlicher Aspekt, der zwar in vielen Modellen bereits einbezogen wird, aber auf eine oft noch sehr reduzierte Art und Weise. Unsere Betrachtungen erfolgen primär aus der Perspektive der Gruppen- und Organisationsdynamik, vor deren Hintergrund wir an dieser Stelle versuchen wollen, weiterführende Aspekte anzubieten.
Willibald Erlacher, Barbara Lesjak

Akteure, Netzwerke und ihre Theorien

Frontmatter

Das Soziale im Kontext digitaler Netzwerke: Auf den Spuren von Bruno Latour

Zusammenfassung
Als ich vor einiger Zeit während einer kommunalen Bauverhandlung einen der anwesenden Herren fragte, ob er der juristische Vertreter des Magistrats sei, antwortete dieser: „Ich bin die Behörde". Diese Antwort irritierte mich zunächst, stand ich doch einer einzelnen Person gegenüber. Doch sie gewann Sinn, als ich sie später aus der Perspektive der von Bruno Latour entwickelten Akteur-Netzwerk-Theorie betrachtete. Für Latour handeln nicht nur einzelne menschliche Wesen; er unterscheidet zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Akteuren, die, miteinander verbunden, Handlungspotential entfalten (Degele und Simms 2004, 265). Dieses Handlungspotential ist nicht mehr einzelnen Akteuren zuzurechnen, sondern einem Handlungskollektiv. Solche Handlungskollektive können zum Beispiel Organisationen wie eine städtische Behörde und Regierungen sein, aber auch der Ozean, Muscheln und Fischer und, was in diesem Beitrag von Interesse ist, MenschMaschine-Verbindungen. Latour verwirft die strikten Unterscheidungen zwischen Mensch, Natur und Technik (ebd., 259).
Christina Schachtner

Medien als soziotechnische Arrangements: Zur Verbindung von Medien- und Technikforschung

Zusammenfassung
Es ist mittlerweile zu einem Allgemeinplatz nicht nur medien- und kommunikationswissenschaftlicher Argumentation geworden, dass die letzten 20 Jahre von einem Medienwandel begleitet wurden. Internet und Mobiltelepho- nie, Digitalfernsehen und GPS-Navigation, Pizza bestellende Kühlschränke und MP3-Player, User-Generated Content und Wikipedia: Neue Medien gibt es in Mengen und vielfältigen Formen. Dennoch tut sich die Medien- und Kommunikationsforschung schwer damit zu bestimmen, welcher Art dieser Medienwandel ist, was an den neuen Medien sie eigentlich zu etwas Neuem gegenüber alten Medien wie Zeitung, Fernsehen, Radio und Kino macht. Auf der einen Seite scheinen die Stärkung der Rolle der Rezipienten bei der Auswahl, aber auch bei der Produktion und Zusammenstellung von Medieninhalten, eine stärkere Vermischung unterschiedlicher medialer Formen (Bild, Text, Sprache, Ton) sowie eine größere Zersplitterung in unterschiedliche Zielgruppen und Teilpublika für einen Großteil der neuen Medien charakteristisch zu sein: An die Stelle der großen Medienangebote tritt eine Differenzierung vieler unterschiedlicher Varianten. Auf der anderen Seite stehen Vereinheitlichungen, sowohl auf der Ebene der Inhalte als auch der Rezeptionsformen: Radioprogramme, Fernsehsendungen und Blogein- träge werden mittels Digitaltechnologie am selben Gerät konsumiert, Filme nehmen visuelle Elemente von Videospielen auf und das Zappen von Sender zu Sender versorgt den Zuschauer mit verschiedenen Versionen des gleichen Programmformats. Es ist diese paradoxe Simultanität von Differenzierung und Konvergenz, welche der Medienforschung Schwierigkeiten bereitet.
Jan-Hendrik Passoth, Matthias Wieser

Vernetzte Umwelten

Frontmatter

A Common Language for a Networked Society?

Abstract
The Call for Papers for the Symposium Vernetzung als soziales und technisches Paradigma stipulates the optimistic view that self-organized, „networked“ systems are to become a preferred choice over centrally organized, hierarchical systems. This assumption seems justified by some developments originating from contemporary computing technologies, particularly by the success of meta-heuristics for asymptotically solving NP-complete search problems. Genetic algorithms or ant colony systems (De Jong 2006; Dorigo and Stützle 2004; Kennedy et al. 2001; Bonabeau et al. 1999; Lin and Lee 1996) are suitable for solving optimization problems that cannot be solved exactly by a deterministic algorithm. But communicating simple agents can find a very good approximate solution. The power of agents cooperating in some network seems also justified by Milgram’s letter forwarding experiment (Travers and Milgram 1969). A recent study by Jon Kleinberg analysing link-data from the Internet provides further evidence in this direction (2008).
Roland T. Mittermeir, Junichi Azuma

Vernetzungskonzepte in der Verwaltungsmodernisierung: E-Government und die informationelle Organisation der Verwaltungen

Zusammenfassung
Der Einsatz vernetzter Informations- und Kommunikationstechnologien prägt – unter der Bezeichnung „Electronic Government“ (E-Government) – seit nun bereits mehr als zehn Jahren die Debatten über die Modernisierung öffentlicher Verwaltungen. Dies umfasst sowohl die Neugestaltung der Außenbeziehungen der Verwaltung durch die Einführung von Internetangeboten als auch – wenn auch zunächst deutlich weniger beachtet – die internen Prozesse und Strukturen staatlicher Leistungserstellung, Planung und Entscheidung. Im Kontext breiter angelegter Verwaltungsreformkonzepte etablieren sich in der E-Government-Verwaltung so, nicht zuletzt auch in ihrem Inneren, neue Strukturen, Prozesse und Praktiken, die sowohl die Art und Weise, wie Staat und Verwaltung sich selbst und ihre Umwelt wahrnehmen, als auch das Verhältnis von Staat bzw. Verwaltung und Bürgern verändern.
Matthias Werner

Risikowahrnehmung und Nutzungsverhalten in Computer Supported Social Networks am Beispiel studiVZ

Zusammenfassung
Die Durchdringung des Alltags mit modernen Computertechnologien wie zum Beispiel Sozialen Netzwerken, Onlinestores oder Kundenkarten führt zu einem massiven Anstieg der erfassten und verarbeiteten persönlichen Daten. Die sich daraus ergebenden, mannigfaltigen Risiken hinsichtlich der Privatsphäre führen zu der Frage, warum betroffene Personen oft recht sorglos mit ihren Daten umgehen und warum es zu einer verzerrten Wahrnehmung hinsichtlich möglicher Eingriffe in die Privatsphäre und zu einem schwach ausgeprägten Risikobewusstsein kommt.
Andreas Sackl

Intelligente Umwelten

Frontmatter

Spielregeln im intelligenten Wohnumfeld

Zusammenfassung
Die rasante Verbreitung von Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) hat unter anderem dazu beigetragen, dass auch bei bisher nicht, infizierten’ Teilen der Bevölkerung das Grundbedürfnis der sozialen Vernetzung mittels elektronischer Werkzeuge zum Ausbruch kam. Die Möglichkeit der Virtualisierung, getrieben durch die steigende Verfügbarkeit technischer Infrastrukturen, wie zum Beispiel drahtloser Netze, und Entwicklungen des Web 2.0 wie Twitter, Facebook und Konsorten finden ihren bisherigen Höhepunkt in der Verschmelzung von Mobilität, Kommunikation und Vernetzung in Gestalt des iPhone als prominentestem Repräsentanten der neuen Interaktionskultur. Die technische Vernetzung hat die Basis dafür geschaffen, soziale Vernetzung auch über bisher unüberwindliche räumliche und zeitliche Distanzen zu ermöglichen (global village). Netzwerkbildung wird als strukturbildende Kulturtechnik der Gegenwart betrachtet. Die Schaffung von intelligenten Umgebungen kann als eines der Fundamente gesehen werden, auf deren Basis „nahezu unlimitierter Zugriff zu Information (Daten) und anderen Personen“ ermöglicht wird (Kardorff 2006, 8). Lichtleiter, drahtlose Netzwerke und satellitengestützte Infrastruktur sind mittlerweile so selbstverständlich, dass deren Absenz bzw. Fehlfunktion immer weniger toleriert wird. Die bedrohliche Kehrseite der technischen Vernetzung – die Vision des Big Brother – ist im freien Feld (Ortungsmöglichkeit durch Funkzellen), im Umgang mit Behörden (Rasterfahndung, E-Card) oder im privaten Konsum (Rabattkarten, Kundenprogramme), aber auch angesichts zunehmender Meldungen über Datenmissbrauch bei Facebook & Co. schon weitgehend akzeptierte Realität.
Gerhard Leitner, Rudolf Melcher, Martin Hitz

Wie denkt eine intelligente Umwelt? Modelle adaptiven Verhaltens in der Ambient Intelligence

Zusammenfassung
Die Frage, wie eine intelligente Umwelt denkt – und nicht was sie denkt – richtet sich an die impliziten und explizite Modelle, die, häufig unter dem Stichwort „Selbstorganisation", auf unterschiedlichen Ebenen in die Gestaltung von Ambient-Intelligence-Systemen (fortan AmI) eingehen. Insofern handelt dieser Beitrag weniger vom Denken der Maschinen als von den Gedanken hinter ihrer Gestaltung, die sie zum Erbringen von im Sinne der Absichten ihrer Gestalter und Nutzer intelligenten Leistungen befähigen sollen. Die gängigen Themen der philosophischen Debatten um das Forschungsprogramm der Künstlichen Intelligenz (KI) bilden dementsprechend nur eine Facette eines komplexeren Bildes, das die Computerwissenschaften und ihre realweltlichen Anwendungen bis heute prägt, aber erst etliche Jahre nach dem Ende der klassischen KI (wieder) in seiner Gänze zur Geltung kommt.
Hajo Greif

Backmatter

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