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16.12.2019 | Vertriebslogistik | Im Fokus | Online-Artikel

Brexit im Vertrieb

verfasst von: Eva-Susanne Krah

3:30 Min. Lesedauer
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Die Zitterpartie um den britischen Brexit geht ins Finale. Nach dem Gewinn der Parlamentswahlen durch Boris Johnson ist der endgültige, geordnete Austritt Großbritanniens zum 31. Januar 2020 zumindest näher gerückt. Wo der Austritt den Vertrieb trifft und wo er profitieren kann.

Der endgültige Brexit kann mannigfaltige Auswirkungen in verschiedenen Vertriebs- und Handelsbereichen vor allem im Export deutscher Unternehmen haben. Besonders betroffen sind etwa der Kfz- und Maschinenbau-Sektor. In der Automobilindustrie etwa sind die Lieferketten zwischen Großbritannien und der Europäischen Union stark verflochten. Auch Einzelhändler im Konsumgüterbereich, die mit Vertrieb in Großbritannien tätig sind, darunter etwa Discounter wie Lidl, haben komplexe Lieferketten und Zulieferströme, die sie neu bewerten und umorganisieren müssen. Dennoch profitieren sie eher und setzen verstärkt auf Wachstum, mit einer Vielzahl neuer Filialen in Großbritannien. 

Empfehlung der Redaktion

2019 | OriginalPaper | Buchkapitel

Der Brexit und seine Folgen

Der Brexit stellt Großbritannien und die EU vor existenzielle Fragen. Er wird Großbritannien tiefgreifender und langfristiger verändern als der Zweite Weltkrieg. Er ist das Ergebnis einer weit in der Geschichte zurückreichenden Entfremdung.

Vor allem große Unternehmen wie Airbus oder Daimler sind durch den Absatz- und Produktionsstandort Großbritannien betroffen, von dem aus sie Waren über Deutschland auch in andere EU-Länder liefern. 

Großbritannien ist schlechter gestellt

"Aus ökonomischer Perspektive hätte ein Anstieg der Handelskosten zwischen dem Vereinigten Königreich und der Rest-EU grundsätzlich den Effekt, dass Preissignale verzerrt und so die komparative Spezialisierung zurückgedrängt würde" skizziert Wirtschaftsdienst-Autor André Wolf im Beitrag "Der Brexit aus EU-Perspektive" eine der Folgen des anstehenden britischen Austritts aus dem EU-Verbund. Er stellt jedoch fest, dass das Vereinigte Königreich mit Blick auf den Vertrieb in der schlechteren Ausgangsposition ist, "da ein größerer Anteil seines bisherigen Exportvolumens in die EU geht als umgekehrt. Innerhalb der Rest-EU variiert die Betroffenheit mit der Wirtschaftsstruktur", so Wolf. Mit einem Anteil von 6,2 Prozent an der Gesamtausfuhr befand sich Deutschland 2018 im Mittelfeld der EU-Länder, rechnet er vor. Bei den deutschen Direktinvestitionen belegen die Briten Platz zwei, wie Erhebungen der Agentur Germany Trade and Invest (GTAI) zeigen.

Folgen für Handelsvertretungen

Eckhard Döpfer, Hauptgeschäftsführer des Spitzenverbands für Vertriebsunternehmen in Deutschland, der Centralvereinigung Deutscher Wirtschaftsverbände für Handelsvermittlung und Vertrieb (CDH) e.V., hat im Beitrag "Die Folgen eines No Deals" (Sales Excellence-Ausgabe 10 | 2019, Seite 58) zentrale Hürden eines nicht geregelten Brexit umrissen. So drohten in diesem Fall Unternehmen beispielsweise

  • die Verteuerung der gelieferten Produkte durch Zollaufschläge,
  • das Fehlen des EU-Ursprungs als Handicap für den Vertrieb britischer Produkte auf deutschen und weiteren EU-Märkten,
  • Auswirkungen auf Produktion und Vertrieb von Waren durch den Wegfall der Grundfreiheiten, auch bei Vertriebsdienstleistungen
  • Schwierigkeiten bei der Beschäftigung von Außendienstmitarbeitern in Großbritannien oder Mitarbeitern eines EU-Herstellers in Zulieferbetrieben innerhalb des Vereinigten Königreichs. 

Speziell für das Handelsvertreter- und Vertriebsrecht sei es nach einem Brexit entscheidend, "ob Großbritannien dem Abkommen über den Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) in Zukunft beitreten wird". Denn aufgrund dieses Abkommens gelte auch die Handelsvertreterrichtlinie für die EWR-Mitgliedsstaaten, erläutert er in einem CDH-Beitrag zu den Brexit-Handicaps und möglichen Folgen für den Vertrieb. Eine zentrale Frage aus seiner Sicht ist, ober derzeit bestehende Vertriebsverträge zwischen in Deutschland ansässigen Handelsvertretern und Herstellern in Großbritannien und umgekehrt angesichts der Handelsbeschränkungen weiterhin bestehen werden.

Internationales E-Commerce-Geschäft: am besten expandieren

Die Konsequenzen des Brexit für den internationalen Online-Vertrieb sind ebenfalls bedeutsam. Großbritannien ist der größte E-Commerce-Markt in Europa und führend in der digitalen Wirtschaft, wie das Webportal "Webinterpret.de" feststellt. Eventuell könnten Geoblocking-Gesetze, also die regionale Sperrung bestimmter Internetinhalte, etwa im Online-Handel, Großbritannien künftig daran hindern, ein Low-Cost-Anbieter außerhalb der EU zu werden, prognostiziert der Online-Dienst. Zahlen von Statista aus einer Umfrage im September 2019 zufolge war die Hälfte der in Deutschland befragten Händler der Meinung, dass der Brexit einen Einfluss auf die Einkäufe in englischen Online-Shops oder auf Kunden und Käufer aus dem Vereinigten Königreich haben wird; unklar ist jedoch noch, welchen. 37 Prozent der Befragten rechneten damals aufgrund des Brexit mit einem Preisanstieg für Online-Shopper auf den Warenverkehr innerhalb und außerhalb des Vereinigten Königreichs. Auf Online-Händler kommt unter anderem eine Umstellung der Zölle je nach Art der Produkte zu. Diese variieren je nach Warenpreis, Transportkosten und möglichen Versicherungen, stellen die E-Commerce-Experten des Versandsoftware-Unternehmens Sendcloud fest. Sie rechnen jedoch damit, dass deutsche Online-Händler eher profitieren dürften. Da der Verkauf für britische Onlineshops innerhalb der EU nach einem Brexit erschwert wird, kann dies automatisch zu mehr Umsatz deutscher Webshop-Betreiber führen. 

Online-Händler sollten nicht den Kopf in den Sand stecken. Online-Anbieter wie Marktplatz-Verkäufer sollten ihr Geschäft eher international ausbauen und dabei auf automatisierte E-Commerce-Lösungen setzen, raten E-Commerce-Experten.

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