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04.01.2022 | Verwaltungsmanagement | Im Fokus | Onlineartikel

Corona verschärft die digitale Spaltung in Deutschland

Autoren:
Alexander Ebert, Anja Schüür-Langkau
3:30 Min. Lesedauer

Trotz Homeschooling und Homeoffice: In der breiten Bevölkerung bleibt der Digitalisierungsschub aus. Die digitale Spaltung der Gesellschaft hat sich seit Corona verschärft. 

In der Pandemie haben viele Bundesbürgerinnen und -bürger die Vorteile der Digitalisierung schätzen gelernt. Doch längst nicht alle profitierten von den Errungenschaften der modernen Welt. Anhand bestimmter Persönlichkeitsmerkmale lässt sich eine zunehmende Spaltung der Gesellschaft festmachen.

Zu diesem Kernergebnis kommt die vergleichende Analyse der Bertelsmann-Stiftung mit dem Titel "Digital Souverän 2021: Aufbruch in die digitale Post-Coronawelt?" Die Studie wurde von April bis Mai 2021 unter 1.013 Personen telefonisch durchgeführt und gilt als repräsentativ. Ähnliche Vergleichsdaten wurden 2019 erhoben. Gefragt wurde unter anderem nach Internetnutzung, Kenntnissen im Bereich digitale Technologien sowie deren Einsatz in konkreten Lebensbereichen.

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Digitale Ungleichheiten und digitale Spaltung

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Digitale Technologien werden wichtiger 

Danach schätzten die Befragten digitale Technologien nach einem Jahr Corona höher ein als noch vor zwei Jahren (2019). Dies betreffe insbesondere behördliche Angelegenheiten und Finanzen (jeweils plus acht Prozent). Der Vergleich mit 2019 offenbare jedoch eine digitale Spaltung bei den Faktoren Alter, Bildungsgrad und Haushaltsnettoeinkommen: Für vier von zehn Befragten sei die Nutzung des Internets nun noch wichtiger. Jüngere Menschen und Frauen messen dem Internet mehr Bedeutung bei als Ältere und Männer. Je höher der Bildungsgrad, desto wichtiger das Internet, so die Studie.

Generation 60+ eher abgehängt

Während für die Jüngeren die Bedeutung des World Wide Webs aufgrund von Bildung oder Beruf zugenommen hat, sank das digitale Interesse der Generation der Über-60-Jährigen gemessen an der Vor-Corona-Zeit. 

Je älter, desto schlechter schätzen die Befragten auch die eigenen Kenntnisse im Bereich digitaler Technologien ein. Die Studienautoren folgern: "Der allgemein angenommene Digitalisierungsschub und ein damit einhergehender Bedeutungszuwachs der Internetnutzung zeigt sich somit für die Gruppe der über 60-Jährigen nicht."

Am stärksten gestiegen sei im Vergleich zu 2019 die selbstständige Suche nach Lösungen (plus acht  Prozent). Rund die Hälfte der Befragten nutzt nun selbstständig das Internet, um Antworten zu suchen und Probleme zu lösen. Dies bezieht sich vor allem auf die jüngere Bevölkerung unter 30 Jahre (70 Prozent) und die 30- bis 39-Jährigen (78 Prozent). Die Studie zeigt: Je höher das Alter, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, selbstständig nach Lösungen zu suchen.

Unterstützungsangebote sinnvoll

Dennoch wünscht sich rund die Hälfte Unterstützungsangebote, um digitale Kompetenzen zu erlernen. Mehr als die Hälfte würde Lernvideos oder Onlinekurse (58 Prozent) begrüßen, knapp die Hälfte Lernangebote außerhalb des Internets, wie beispielsweise Volkshochschulen und Bibliotheken (48 Prozent). 46 Prozent fänden die telefonische Hilfe sinnvoll, 42 Prozent Unterstützung direkt in der Wohnung.

Die Studie macht deutlich: Angebote für bestimmte Ziel- und Altersgruppen sowie individuelles Lernen werden wichtiger. Hier könnten Volkshochschulen, Stadtteilzentren und Bibliotheken gute Lernorte sein. Bei Jugendlichen sollten digitale Kompetenzen stärker im Lehrplan verankert werden.

Digitale Teilhabe stärken

Zu ähnlichen Empfehlungen kommt eine Analyse des Springer-Autors Norbert Kersting. In seinem Beitrag "Digitale Ungleichheiten und digitale Spaltung" untersuchte er die unterschiedlichen Ausgrenzungstendenzen und den Stand der digitalen Inklusion in den Gruppen Jugendliche, Senioren, Menschen mit Migrationshintergrund sowie Menschen mit Behinderungen (Seite 223 ff.) und schlägt Lösungen vor.

"Die Strategien zur Auflösung der digitalen Spaltung auf der infrastrukturellen Ebene (First Level Digital Divide auf der Makroebene) und auf der individuellen Ressourcenebene (Second Level Digital Divide auf der Mikroebene) sind vielfältig", schreibt Kersting auf Seite 227. Zunächst müsse die digitale Infrastruktur als Teil der Daseinsvorsorge anerkannt werden denn "digitale Bürgerrechte und digitale Souveränität können nur über das Recht auf gleiche Zugangsmöglichkeiten zu den digitalen Angeboten realisiert werden".

Zudem könne die Idee der "digitalen Gemeinschaftserlebnisse" aufgegriffen werden. Vereine könnten E-Sport anbieten, multikulturelle Computerclubs könnten sowohl zur Integration als auch zur Ausbildung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund beitragen. Um negativer Kommunikation im Netz entgegenzuwirken, schlägt der Autor die Entwicklung von Instrumenten der Bürgerbeteiligung, die Online-Partizipation und Face-to-face-Kommunikationen miteinander verbinden, vor. So könnten "besondere Medienkompetenzen vermittelt werden, die zu neuen Digital Skills, aber auch zu einem neuen medialen Habitus und zur Netiquette beitragen". 

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