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29.05.2024 | Verwaltungsmanagement | Kolumne | Online-Artikel

Bangen und hoffen

verfasst von: Petra van Laak

3 Min. Lesedauer

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Nirgends gibt es so viele Sprachblüten wie im öffentlichen Sektor. In ihrer monatlichen Kolumne blickt Agenturchefin Petra van Laak auf die Auswüchse – mit einem Augenzwinkern, aber immer konstruktiv.

Wer gärtnert, glaubt an die Zukunft. Diesen Satz habe ich in seiner ganzen Tragweite erst verstanden, seit ich einen Schrebergarten in einer dieser typischen Berliner Kolonien habe. Mein Glaube an die Zukunft kam jedoch ins Wanken, als ich von einem Bebauungsplanverfahren erfuhr. Samt Plan, auf dem der zu bebauende Teil des Koloniegeländes markiert ist. Meine Parzelle ist betroffen.

Was braucht der Mensch in solchen Situationen? Klarheit. Unser engagierter Schrebergarten-Vorstand schrieb ans Bezirksamt. Nach geraumer Zeit kam eine Antwort:

Nach der Auswertung der erneuten Beteiligung der Öffentlichkeit sowie der Behörden und sonstigen Träger öffentlicher Belange und einer eingeschränkten Beteiligung zu geringfügigen Planänderungen wird zurzeit der Bezirksamtsbeschluss zur Abwägung dieser Verfahrensschritte vorbereitet.“

Und? Was bedeutet das jetzt für uns?

Wer meine Kolumne regelmäßig liest, weiß: Wir alle müssen noch immer hart im Nehmen sein, was Verwaltungsdeutsch betrifft. Deshalb:

  • Wir überlesen gnädig den Nominalstil: Auswertung, Beteiligung, Abwägung.
  • Wir schlucken Satzmonster: 32 Wörter, ideal sind 15 Wörter pro Satz.
  • Wir sortieren tapfer die Akteure: Öffentlichkeit, Behörden, sonstige Träger, Bezirksamt.

Aber haben Sie verstanden, was der Satz wirklich bedeutet? Könnten Sie den Inhalt einem Schulkind erklären? Ich versuche es mal:

Es gibt einen Plan für das Gelände, auf dem Wohnungen gebaut werden sollen. Dieser Plan muss von verschiedenen Ämtern abgenommen werden. Wir sind noch nicht so weit.“

Und was jetzt?

Nach dem ersten Bandwurmsatz folgt noch ein weiterer Absatz:

Leider hat sich die Verfahrensbearbeitung aufgrund von komplexen Abwägungsentscheidungen und aufgrund anderer Prioritäten verzögert. Nach dem Abwägungsbeschluss erfolgt die Rechtsprüfung durch die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen (SenStadt). Wenn die Rechtsprüfung durch SenStadt ohne Beanstandungen bleibt, erfolgt das Festsetzungsverfahren spätestens bis Ende des Jahres durch einen BVV-Beschluss.“

Machen wir doch gleich wieder die Probe mit der Übersetzung fürs Schulkind:

Wir sind nicht so schnell vorangekommen wie gedacht. So sehen die nächsten Schritte aus:

  • Das Bezirksamt prüft genau, ob der Bebauungsplan richtig ist. Das nennt man Abwägungsbeschluss.
  • Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen (SenStadt) prüft die rechtliche Seite.
  • Die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) beschließt den Bebauungsplan. Das passiert spätestens bis Ende 2024.“

Die Kunst, sich in Geduld zu üben

Aufatmen kann ich jetzt trotzdem nicht. Natürlich kann es sein, dass die BVV den Plan ablehnt. Wenn sie ihn jedoch befürwortet, wissen wir Laubenpieper nicht, ob es dann ruckzuck oder gemächlich weitergeht. Bestimmt bekommen wir irgendwann wieder so ein schönes Schreiben, das ich gemeinsam mit Ihnen dechiffrieren werde.

Dass wir uns richtig verstehen: Ich bin dafür, mehr Wohnraum in Berlin zu schaffen. Notfalls auch auf Kosten meines Schrebergartens. Aber bitte, liebe Verwalterinnen und Verwalter: Schreibt verständlich, bleibt zugewandt, seid freundlich! Es sind Menschen mit Sorgen und lauter Fragen, die eure Schreiben lesen. Speist sie nicht mit kompliziertem, formelhaftem Amtsdeutsch ab.

Natürlich gärtnere ich weiter. Ich säe Rote Rüben, ich pflanze Süßkartoffeln, ich schneide die Rosen. Ich glaube an die Zukunft.

Sind Ihnen in letzter Zeit Sprachblüten aufgefallen? Schicken Sie sie gerne an die Autorin! Hier geht es zu Petra van Laaks Kontaktdaten.

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