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Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

1. Einleitung

Zusammenfassung
„Jede Wissenschaft“, schrieb James Clerk Maxwell, „besitzt ein Präzisionsinstrument, das als ihr materielles Symbol gelten kann, weil es einen Forscher dieser Wissenschaft in die Lage versetzt, seine Resultate in meßbarer Form auszudrücken. So gibt es in der Astronomie den Sextanten und die Armillarsphäre, in der Chemie die Balkenwaage und in der Wärmelehre das Thermometer. Möchte man die Zivilisation als Ganzes symbolisieren, so eignen sich dafür ein Metermaß, ein Satz Gewichte und eine Uhr1“. Damit erkennt Maxwell die zentrale Rolle der Technik in der menschlichen Entwicklung uneingeschränkt an, denn ein Metermaß, ein Gewichtssatz und eine Uhr sind sowohl Instrumente für die Technik als auch Produkte der Technik. Es ist das Ziel des vorliegenden Buches, diese Behauptung Maxwells zu illustrieren und zu bestätigen; gleichzeitig möchte es ein wenig Licht auf das Wesen der Technik und die Rahmenbedingungen des technischen Fortschritts werfen.
Donald Cardwell

2. Griechische Getriebe

Zusammenfassung
Die griechischen Stadtstaaten der antiken Welt — etwa seit dem 6. Jahrhundert vor Christus — waren geografisch sehr günstig auf Halbinseln und Inseln gelegen. Die umgebenden Meere verliehen einen gewissen Grad an Sicherheit vor Invasionen und boten den Griechen, die damals wie heute Seefahrer und Händler waren, gleichzeitig die Möglichkeit, mit den umliegenden großen Zivilisationen im Süden und Osten Handel zu treiben und von ihnen in mehr als nur in finanzieller Hinsicht zu profitieren. So beobachteten sie die Praxis verschiedener Rechtssysteme und schlössen, daß es ein Naturrecht gebe, dem alle Völker gehorchten. Konventionelle Gesetze waren dagegen solche, die nur in bestimmten Nationen und aufgrund besonderer Übereinkunft: galten. Sie lernten Mathematik von ihren Nachbarn, bevor sie eigene Beiträge leisteten, darunter als berühmtester Euklids Buch über die Geometrie. In diesem wurde die Geometrie systematisiert — d.h. die Kunst der Landvermesser (die, wie das Wort Geo-Metrie ja sagt, ganz praktisch Landstücke ausmaßen) wurde in eine abstrakte Wissenschaft: umgewandelt. Es ist dies das früheste Beispiel dafür, wie die Technik zur Grundlage für den wissenschaftlichen Fortschritt wird; ein Faktum, das leider nicht allgemein anerkannt ist.
Donald Cardwell

3. Neue Welten und die Informationsrevolution

Zusammenfassung
Die englischen Wassermühlen, von denen Wilhelm der Eroberer 1084 in seinem Domesday Book berichtet, versorgten eine Bevölkerung von rund 3 Millionen Menschen mit Energie. Wenn wir auch weder die durchschnittliche Leistung dieser Mühlen noch die Leistung, die in Form von Pferden oder Ochsen zur Verfügung stand, abschätzen können, so können wir doch vermuten, daß die verfügbaren Pferdestärken pro Einwohner relativ hoch waren. Die Wassermühlen blieben durch die industrielle Revolution hindurch bis ins erste Drittel des 19. Jahrhunderts in England die Hauptquelle mechanischer Energie. Ihre überragende historische Bedeutung geriet aber durch den dramatischen Erfolg der Dampfmaschine in den letzen 150 Jahren etwas in Vergessenheit.
Donald Cardwell

4. Die wissenschaftliche Revolution

Zusammenfassung
Die große Leistung des heiligen Thomas von Aquin bestand darin, daß er die aristotelische Philosophie mit den Lehren der katholischen Kirche aussöhnte. Für Protestanten wie Petrus Ramus (1515–1572) war dies ein Grund, die aristotelische Philosphie abzulehnen. Außerdem mußte die zunehmende Kenntnis über das Wissen der Alten zwangsläufig dazu fuhren, daß man sich der Überlegenheit des zeitgenössischen Faktenwissens und des enorm fortgeschrittenen Stands der zeitgenössischen Technik bewußt wurde. Die Artillerie des 16. Jahrhunderts hätte die Belagerung Trojas innerhalb weniger Wochen zu Ende gebracht! Auf einer anderen Ebene führte im mittelalterlichen Europa die Neubelebung des Römischen Rechts (das nie völlig erloschen war), früher oder später ganz natürlich zu der Idee des Fortschritts. Maine hat hervorgehoben, daß das Recht und eine vom Recht zusammengehaltene zivilisierte Gesellschaft von zwei Gefahren bedroht ist: Die eine ist das vorzeitige Erwachen der kritischen Intelligenz, wie im antiken Griechenland, die andere eine enge Identifikation mit der Religion. Letztere, schrieb er, habe „große Teile der menschlichen Rasse dauerhaft an Lebensformen und Lebensanschauungen gekettet, wie sie zu der Zeit üblich waren, als sie sich erstmals zu einer systematischen Form verfestigten“. Indem das Römische Recht weite Handlungs- und Erfahrungsfelder absteckte, die offenbar dem religiösen Gebot nicht unterworfen waren, und gleichzeitig dem einzelnen es ermöglichte, von den potentiellen Vorzügen einer monotheistischen Religion zu profitieren, kann die Neubelebung des Römischen Rechts durchaus das Wachstum der Wissenschaft und der Technik während der letzten vierhundert Jahre beschleunigt haben.
Donald Cardwell

5. Vernunft und Verbesserung

Zusammenfassung
Am Ende des 17. Jahrhunderts waren die aktivsten Zentren der technologischen Erneuerung in Westeuropa, d.h. in Frankreich und den Niederlanden, sowie etwas später in England und in Skandinavien zu finden. In den Jahren zwischen Galileis erster Veröffentlichung und dem Erscheinen von Newtons Principia ereigneten sich etliche Veränderungen, die radikale Auswirkungen auf den technologischen Prozeß hatten.
Donald Cardwell

6. Verwirklichter Fortschritt

Zusammenfassung
Newcomen-Maschinen waren in ganz gewöhnlichen Häusern aus Holz und Stein untergebracht. Was das anbetrifft, brauchte man keine weiter fortgeschrittene Technik als für die Paläste von Versailles und Blenheim. Man könnte ganz zurecht die Maschine selbst ein Bauwerk nennen, denn sie stellte mehr ein arbeitendes Gebäude als eine Maschine im heutigen Sinn dar. Unter diesem Gesichtspunkt war sie eine Art Mühle, und in der Tat brauchte man die meisten Fertigkeiten, die für eine Newcomen-Maschine erforderlich waren, ebenso zum Bau einer Wassermühle. Ein Patenteigner, ein Bergbauingenieur, ein Landvermesser oder ein Instrumentenbauer konnte die Maschine konstruieren; die örtlichen Maurer, Zimmerer, Mühlenbauer und Grobschmiede konnten sie bauen. Es war für England ein glücklicher Umstand, daß die vorhandenen Fertigkeiten den konstruktiven Anforderungen der Maschine genügten, und daß es eine ausreichende Menge an befähigten Handwerkern gab, so daß die Idee dieser Maschine tatsächlich realisierbar war.
Donald Cardwell

7. Die Geburt der Fabrik

Zusammenfassung
Mehrere unabhängige, objektive Kriterien belegen die Beschleunigung des Wandels und der Erneuerung während des 18. Jahrhunderts. Dazu gehören vor allem die zunehmende Komplexität der Textilfabriken, die steigende Produktion von Schwefelsäure sowie die Anzahl, die Leistung und die Vielfalt im Einsatz der Dampfmaschinen. Einer der besten Belege ist ferner die Veröffendichung der großen Encyclopédie…des sciences, des arts et des métiers von Denis Diderot und dem Mathematiker Jean d’Alembert. Man sagt, daß die Encyclopédie von Ephraim Chambers zweibändigem Werk Cyclopaedia inspiriert war, es handelte sich jedoch um ein viel größeres Werk mit 28 Bänden, das zwischen 1751 und 1778 veröffentlicht wurde.
Donald Cardwell

8. Autonome Technologie: Die Eigendynamik des Fortschritts

Zusammenfassung
Vom Mittelalter bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts waren die deutschen Länder führend in der Chemie und den „chemischen Künsten“, in der Metallurgie und im Bergbau. Danach bewegten sich die Zentren der technologischen Aktivitäten allmählich westwärts nach Frankreich, den Niederlanden, Skandinavien und England. Diese Entwicklung, die durch die Verheerungen des Dreißigjährigen Krieges zweifellos beschleunigt wurde, führte dazu, daß Deutschland in den einst ausgesprochen deutschen Wissenschaften und Technologien schließlich nur noch eine untergeordnete Rolle spielte. Die letzte große Idee, die vor der Wiederbelebung zu Beginn des 19. Jahrhunderts aus Deutschland kam, sollte eine ausgedehnte wissenschaftliche Debatte nach sich ziehen, die jedem Historiker geläufig ist, der sich mit der Chemie des 18. Jahrhunderts beschäftigt. Diese sogenannte Phlogiston- Theorie von JJ. Becher (1635–82) und G.E. Stahl (1660–1734) sollte die Vorgänge beim Verbrennen und Kalzinieren erklären. Nach dieser Theorie gab ein brennender Körper Phlogiston ab und hinterließ Asche oder Kalziumoxid. Umgekehrt bestand ein Metall aus Kalziumoxid plus Phlogiston und konnte folglich keine einfache Substanz, kein „Element“, sein. Die Phlogiston-Theorie entspricht ersichtlich der Erfahrung der Eisenschmelzer, daß das Verbrennen von Holzkohle (die offenbar reich an Phlogiston ist) zusammen mit Eisenerz (Eisen ohne Phlogiston) das Metall ergibt, indem das Phlogiston wieder hinzugefugt wird.
Donald Cardwell

9. Das napoleonische Europa

Zusammenfassung
Sowohl die Turbulenzen als auch der Idealismus der Französischen Revolution beherrschten Europa bis 1815 und überzogen den Kontinent mit der Gewalt und Brutalität langdauernder Kriege. Danach veränderte sich der Lauf der wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Entwicklung auf dem Kontinent, und das beeinflußte auch die technologische Entwicklung. Freilich ist es sehr schwierig, wenn nicht unmöglich, irgendeine bestimmte größere Veränderung direkt diesen Umwälzungen zuzuschreiben.
Donald Cardwell

10. Straßen, Schienen und eine neue Energiewirtschaft

Zusammenfassung
Von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis ungefähr zum ersten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts war die britische Textilindustrie eine der wichtigsten strategischen Industrien im Land, weil sie die industrielle Revolution in Gang setzte. Ihr rapides Wachstum trieb die Zulieferindustrie und die Hilfstechnologien bis an die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit, und ihre immer neuen Bedürfnisse regten Erfindungen in verwandten Bereichen der Technologie an. Das Hochbau-Ingenieurwesen, die Erzeugung und Übertragung von Energie, maschinelle Werkzeuge, die Gasbeleuchtung, die chemische Industrie und das Transportwesen — all das entwickelte sich unter dem Druck der Textilindustrie weiter. Der Transmissionsaufzug war der erste moderne Aufzug; er ergab sich als Nebenprodukt des Hochbaus, das durch die mehrstöckigen Textilfabriken mit eigener Energieversorgung möglich geworden war. Der spätere Fortschritt dieser Industrie selbst hatte weniger Auswirkungen. Von den Textilien konnte die Welt viel über die Vorteile der Organisation, der Mechanisierung, der Massenproduktion und des Marketings lernen. All das gehört zum Bereich des industriellen Managements. Der Grundgedanke des Jacquard-Webstuhls sollte viel später eine Anwendung auf einem völlig anderen Feld finden. Er war - neben der Einfuhrung des Differentialgetriebes — die Erfindung aus der Textilindustrie, die den weitestreichenden Einfluß ausübte.
Donald Cardwell

11. Die öffentliche Seite der Technologie: Kunstfertigkeit und Intelligenz

Zusammenfassung
Die Bildung des Zollvereins 1833 war ein großer Schritt zur Vereinigung der deutschen Länder. Ein weiterer, aber weniger sichtbarer Schritt auf dem Weg Deutschlands nach vorne war acht Jahre vorher von Wilhelm von Humboldt, dem preußischen Bildungsminister und Zwillingsbruder des berühmten Naturforschers Alexander von Humboldt, getan worden. Er hatte der Berufung Justus von Liebigs (1803–73) auf den Chemielehrstuhl der kleinen Universität von Gießen zugestimmt. Liebig war nicht nur ein brillanter Chemiker, sondern auch ein begeisternder Lehrer, und zwar weniger im didaktischen Sinn als in seiner Fähigkeit, in den Studenten die Liebe und das Verständnis für die wissenschaftliche Forschung zu wecken. Sein Ruf verbreitete sich so weit, daß bald Studenten aus ganz Europa und sogar aus den USA in sein Laboratorium strömten. Wenn auch anderes mitbeteiligt gewesen sein mag, so markiert doch diese glückliche Berufung den Beginn einer Neubelebung der deutschen Wissenschaft, die am Ende des Jahrhunderts führend in der Welt sein sollte. Die deutschen Beiträge zur frühen Entwicklung des Telegrafen zeigten an, daß eine lange Ruhepause zu Ende ging. Liebigs internationaler Ruf als Chemiker und Chemielehrer konnte das nur bestätigen. Seit der Renaissancezeit hatten berühmte Lehrer Schüler an die medizinischen Schulen Europas gelockt, die bekanntesten sind Fabricius, Boerhaave und Black. In Gießen schuf Liebig eine Schule der organischen Chemie, welche die erste moderne, internationale Forschungsschule war.
Donald Cardwell

12. Die Fortschrittsflut

Zusammenfassung
Obwohl sich der Glaube an den menschlichen Fortschritt in der Mitte des 19. Jahrhunderts auf seinem Höhepunkt befand, waren einig scheinbar wohlbegründete Hoffnungen bereits enttäuscht worden. Die Elektrizität stand auf der Schuldseite der Technik, denn sie hatte (vom Telegrafen abgesehen) den dramatischen Fortschritt nicht gebracht, den man nach den Entdeckungen von Faraday und den Erfindungen des Elektromagneten, des Magnetzünders und des Elektromotors hatte erwarten können. Dies um so mehr, als 1835 M.H. Jacobi betont hatte, daß es keinen Grund gab, weshalb ein gut konstruierter Elektromotor nicht nach dem Start bis zu unendUcher Geschwindigkeit beschleunigen sollte, sobald Unvollkommenheiten wie die Reibung, der Luftwiderstand und das, was wir heute „elektromotorische Gegenkraft“ nennen, ausgeschaltet waren. Unendliche Geschwindigkeit läßt aber an unendliche Leistung denkend1. Jacobi war ein Professor mit einem untadeligen akademischen Ruf, und sein Aufsatz wurde in Europa und in den USA mit großem Interesse gelesen.
Donald Cardwell

13. Drei innovative Jahrzehnte

Zusammenfassung
Sowohl in der öffentlichen Meinung als auch den wirtschaftlichen Tatsachen nach war der herausragende technologische Faktor während des größeren Teils des 19. Jahrhunderts die über alles triumphierende Dampfmaschine. Wenn man nach den populären Biografien Samuel Smiles und den Science-Fiction-Romanen Jules Vernes gehen darf, dann war sogar das Interesse an und die Zustimmung zu der Technik um die Mitte des 19. Jahrhunderts größer als jemals davor oder danach.
Donald Cardwell

14. Eine zweite industrielle Revolution

Zusammenfassung
Werner von Siemens, der mit seinen Brüdern Carl und Wilhelm die Elektrizitätsversorgungs-industrie in Deutschland, England und Rußland wesentlich voranbrachte, hatte auch mit der Verlegung der Telefonkabel für die Verbindung von England nach Indien zu tun. In seinen späteren Erinnerungen schrieb er darüber: „Als wir in den sechziger Jahren die Kabel verlegten, hatte ich bei meiner Zusammenarbeit mit den Engländern und Franzosen oft die schmerzliche Gelegenheit, mich von der geringen Wertschätzung zu überzeugen, welche die deutsche Nation bei anderen Völkern genoß“. Die erfolgreichen Kriege, die von Preußen im Zuge der nationalen Einigung gegen Dänemark, Österreich und schließlich Frankreich geführt wurden, verwandelten den internationalen Status Deutschlands: Aus einer lockeren Ansammlung kleiner Staaten, bewohnt von Professoren, Dichtern und Musikern, wurde eine ernstzunehmende und schlagkräftige Militärgroßmacht. Ein Wandel — oder besser noch eine Beschleunigung des Wandels — fand auch in Technik und Wissenschaft statt. Die gesellschaftlichen Institutionen für das, was wir heute „High Tech“ nennen, wurden in Deutschland geschaffen und arbeiteten mit konkurrenzloser Effizienz. Dabei wurden von Humboldts Universitäten stark erweitert und um staatliche Technikschulen, Polytechnikum genannt, ergänzt; die acht größten wurden 1899 in den Status technischer Universitäten erhoben und konnten dadurch akademische Grade vergeben. Aufmerksamere Beobachter als die Engländer und Franzosen, mit denen Siemens zu tun hatte, waren sich des Wandels in Deutschland bereits seit langem bewußt. So hatten die USA das deutsche Promotionssystem und den damit verbundenen Doktorgrad weit vor dem Ende des Jahrhunderts an ihren Universitäten eingeführt.
Donald Cardwell

15. Das Jahrhundert der Kriege

Zusammenfassung
Auf die Ausdehnung der großen Industriestädte, die im frühen 19. Jahrhundert so erschreckende soziale Probleme hervorgerufen hatte, folgte eine beschleunigte Anwendung der Technologie durch reformierte und neue städtische Behörden1 Manchester, die Schreckensstadt der industriellen Revolution, hatte ein ausgedehntes und wirksames Wasserversorgungsnetz geschaffen, das sein Wasser von den Penninen und aus dem Lake District, etwa 100 km im Norden, erhielt. Liverpool griff auf Wasservorräte in Nordwales zurück. Die Maßstäbe für den sogenannten „Gemeindesozialismus“ wurden jedoch, unter dem maßgeblichen Einfluß der Familie Chamberlain, von Birmingham gesetzt. Die örtlichen Geschäftsleute waren stolz darauf, daß ihre Stadt über einen effizienten Sanitätsdienst, Feuerwehr, Polizei, ein gut funktionierendes Transportwesen, über Schulen, Gaswerke, Wasser- und Elektrizitätsversorgung usw. verfugte. Glasgow erreichte zeitweise einen Rekord mit seinen Straßenbahnen: Man konnte fur einen halben Penny 22 km weit fahren. Es soll der billigste öffentliche Nahverkehr gewesen sein, den es jemals gegeben hat — und trotzdem machten die Glasgower Straßenbahnen noch Gewinn!
Donald Cardwell

16. Fallbeispiele

Zusammenfassung
Am Anfang des 20. Jahrhunderts hatten in der Physik zwei bemerkenswerte Fortschritte stattgefunden, die zusammen einer wissenschaftlichen Revolution gleichkamen. 1901 hatte der deutsche Physiker Max Planck (1858—1947) seine Quantentheorie veröffentlicht. Ihr Ziel war es, die Energieverteilung, die man in der Wärmestrahlung eines heißen „schwarzen“ Körpers1 beobachtete, mit der anerkannten Theorie in Einklang zu bringen, derzufolge die Energie mit kürzer werdenden Wellenlängen unbegrenzt anwachsen sollte. Die Experimente zeigten, daß die abgestrahlte Energiemenge stark von der theoretisch vorhergesagten abwich: Die abgestrahlte Energie erreicht je nach Temperatur bei einer bestimmten Wellenlänge ein Maximum (beträgt die Temperatur z.B. 2500 K, so liegt das Maximum bei einer Wellenlänge von 2 μm) und fällt zu noch kürzeren Wellenlängen hin wieder ab. Planck entdeckte eine Formel, welche die experimentellen Ergebnisse wiedergeben konnte. Diese Formel beruhte auf der von ihm aufgestellten „Quantenhypothese“, die besagt, daß Strahlungsenergie gewissermaßen nur in Paketen gestaffelt emittiert oder absorbiert werden kann, wobei die Größe der Pakete durch das Produkt aus der Frequenz und einer neuen Konstanten h — des Planckschen Wirkungsquantums — gegeben ist. Planck hielt diese Lösung des Problems zunächst nur für einen vorübergehenden Notbehelf, denn eine diskontinuierliche Energieaufnahme oder -abgabe widersprach dem bis dahin geltenden physikalischen Weltbild. Sie wurde aber in völligem Gegensatz zu Plancks Erwartung zu einem Hauptpfeiler der Physik des 20. Jahrhunderts, da sie auch viele andere wichtige Probleme zu lösen vermochte und in ihrer Vorhersagekraft zunehmend besser verstanden wurde.
Donald Cardwell

17. Großtechnologie — die Zukunft im Visier

Zusammenfassung
Im Rahmen des heutigen Wissens könnte man spekulieren, daß späteren Generationen die ersten Schritte zur Eroberung der interplanetaren Raumfahrt als die wichtigsten Ereignisse der gegenwärtigen Epoche erscheinen werden. Das sind Leistungen, die gleichrangig mit den Reisen da Gamas, Kolumbus’, Magellans und den anderen Seefahrern des großen Zeitalters der Entdeckungen sind.
Donald Cardwell

18. Technologie und der Einzelne: Kleine Technologie

Zusammenfassung
Die Wärmekraftmaschinen, die mit Dampf oder interner Verbrennung die Generatoren in großen oder kleinen Kraftwerken antreiben, sind so konzipiert, daß sie über einen möglichst großen Temperaturbereich arbeiten. Das verlangen nicht nur die Prinzipien Sadi Carnots, sondern es ergibt sich auch aus ganz praktischen Konstruktionserfordernissen. Das Gas oder den Dampf bis auf atmosphärische Temperaturen hinab zu expandieren, würde allerdings enorm große Zylinder erfordern. Als Kompromiß wird deshalb am unteren Ende des Temperaturbereichs eine gewisse Wärmeenergie geopfert, die durch Kondensation oder mit Hilfe von Kühlwasser nutzlos abgeführt wird. Weil ihre Temperatur so niedrig ist, hätte diese verlorene Wärme zur gesamten nutzbaren Leistung der Maschine nur noch wenig hinzugefügt; dennoch könnte sie für viele andere Zwecke immer noch gute Dienste leisten. Dies wurde schon früh im 19. Jahrhundert erkannt, als die Abwärme aus den Dampfmaschinen Cornwalls zum Vorheizen des Kesselwassers verwendet wurde, was eine deutliche Brennstoffeinsparung ermöglichte. Später im 19. Jahrhundert wurden die heißen Rauchgase, die aus den Schornsteinen entwichen, zum Antrieb luftbetriebener Stirlingmaschinen kleiner Leistung genutzt. Es gibt noch viele andere frühe Beispiele für die Nutzung der Abwärme. Die interessanteste ist vielleicht die, über die Lynn White berichtet: Es ist eine sehr alte Praxis, die im Kamin aufsteigende heiße Luft einen Bratspieß drehen zu lassen, so daß daran befestigtes Fleisch schön gleichmäßig von allen Seiten geröstet wird.
Donald Cardwell

19. Anmerkungen zu einer Philosophie der Technologie

Zusammenfassung
Das Wort „Technologie“ wurde im 17. Jahrhundert geprägt. Wie Bacon klar erkannt hatte, war die Technologie seither ein Instrument der wirtschaftlichen und politischen Macht der reichsten Nationen der Erde. Vor 1600 lag die technologische Führung, wie Bacon ebenfalls bewußt war, in Süddeutschland und Norditalien. Zwischen 1700 und 1900 waren die Staaten Westeuropas und die USA die Hauptexponenten der Technologie. Nach 1900, und ganz besonders seit 1945, haben Japan und die südostasiatischen Staaten begonnen, in Führung zu gehen — es genügt ein beiläufiger Blick in die Garage oder in die Wohnzimmer und Küchen eines modernen Haushalts, um das zu bestätigen.
Die lexikalischen Definitionen des Wortes Technologie als „das wissenschaftliche Studium der industriellen Prozesse“ oder „die Anwendung der Wissenschaft auf die Industrie“ sind nicht hinreichend. Sie lassen nur die Unsicherheit der Wissenschaftler, welche die Beiträge der Wissenschaft und der Technologie zum industriellen Fortschritt studiert haben, erkennen. Meint das Wort Wissenschaft hier die Mathematik, die Chemie, die Physik usw. oder bezieht es sich auf etwas Umfassenderes? Die erstgenannte Auslegung bezieht sich auf die häufig anzutreffende Identifikation der angewandten Chemie und Physik mit der Technologie und dem industriellen Fortschritt. Die zweite Auslegung ist weniger speziell und bedarf weiterer Untersuchungen.
Es ist aufschlußreich, mit den Gedanken Aristoteles’ zu beginnen. Als Begründer der biologischen Wissenschaft verlangte er, daß eine Aussage, wenn sie als befriedigende wissenschaftliche Erklärung gelten soll, vier Fragen beantworten muß: Was ist es?, Woraus besteht es?, Wer oder was hat es gemacht?, Was ist sein Zweck? Die Antworten auf diese vier Fragen werden gewöhnlich die „vier Ursachen“ genannt, nämlich die formale, die materielle, die Wirk- und die Zweckursache. Mit der letzten Frage behauptet Aristoteles, daß sich die Wissenschaft immer auch mit dem Zweck oder der Absicht eines Forschungsgegenstandes beschäftigen muß, d.h. daß das Ziel der Wissenschaft wesentlich auch ein teleologisches ist. Es kann gut sein, daß sich Aristoteles bis zu einem gewissen Grad auf seine Erfahrung und sein Verständnis von der Technik seiner Zeit bezieht, wenn er schreibt, daß Schiffe und Häuser, wenn sie natürlich entstünden anstatt vom Menschen gebaut zu werden, im wesentlichen nicht anders wären als sie tatsächlich sind. Die Zweckbestimmung und die Anpassung an bestimmte Absichten seien in der Welt der lebenden Dinge ebenso grundlegend wie in der Welt der Technik. Demgegenüber hat die Wissenschaft — zumindest die Naturwissenschaft — seit dem 17. Jahrhundert der Teleologie den Rücken gekehrt. Die Technologie kann das aber nicht tun. Es ist sicherlich kein Zufall, daß der sehr einfallsreiche Ingenieur W.J.M. Rankine ein klassischer Gelehrter war, und sein Aristotelianismus wird in dem Dualismus, den er mit der Unterscheidung zwischen aktueller und potentieller Energie vertrat, offenkundig. Dieser Dualismus wurde verschleiert, als Thomson und Tait das Wort „aktuell“ durch „kinetisch“ ersetzten, um es an den Aufbau ihres Buches anzupassen. Rankines entschieden positivistische Philosophie weist auf eine weitere Verwandtschaft mit Aristoteles hin, denn der notwendige Positivismus vieler Ingenieure ist ein ausdrückliches Kennzeichen der Technologie.
Die Betonung des Zwecks unterscheidet die Technologie von der Wissenschaft. Viele bedeutende Fortschritte, z.B. Daltons Atomtheorie, wurden von Wissenschaftlern bewirkt, deren ursprüngliche Ziele ganz verschieden waren von ihren tatsächlich erreichten Ergebnissen. Sie konnten gar nicht vorhersehen, was bei ihren Forschungen schließlich herauskam. Weil sich das so verhält, müssen Wissenschaftsplanung und gesellschaftliche Kontrolle der Wissenschaft (ob gut gemeint oder nicht) unfruchtbar bleiben. Andererseits arbeitet ein Technologe, ein Erfinder, immer auf ein bestimmtes Ziel hin, das ihm vor Augen schwebt. Man kann sich kaum vorstellen, wie ein Ingenieur, der sich daran macht, einen neuen Brückentyp oder eine revolutionäre Wärmekraftmaschine zu entwerfen, damit endet, daß er einen neuen Schiffstyp oder einen neuen Gefrierschrank produziert.
Dennoch sind, wie ich immer wieder betont habe, Wissenschaft und Technologie eng miteinander verbunden — so eng, daß manche Grenzlinien zwischen ihnen bis zum Verschwinden verschwimmen. Deshalb sollte man natürlicherweise erwarten, daß die Wissenschaftsphilosophie (ein seit dem letzten Jahrhundert anerkanntes Untersuchungsgebiet) ein Licht auch auf die Technologiephilosophie wirft. Erstaunlicherweise ist das aber nicht der Fall.
Die heutige Wissenschaftsphilosphie wird nach wie vor von zwei Schulen beherrscht: Der von Sir Karl Popper1, und die von Thomas C. Kuhn. Popper verwirft die induktive Methode Bacons, tritt stattdessen für ein hypothetisch-deduktives System ein und betont, daß ein Kennzeichen wirklicher wissenschaftlicher Theorien ist, „falsifizierbar“ zu sein, d.h. die prinzipielle Möglichkeit einer Widerlegung betrachtet er als Gültigkeitskriterium für jede wissenschaftliche Theorie. Es sei gerade die prinzipielle Widerlegbarkeit, die wissenschaftliche Aussagen von denen der Politiker, Marxisten, Psychoanalytiker und vieler anderer Philosophen unterscheidet, vor allem von denen der neuhegelianischen Schule. Er ist schwer vorstellbar, wie diese Wissenschaftsphilosophie Poppers auf die Technologie Anwendung finden kann, wo sich die Frage der Falsifizierbarkeit nicht stellt und wo das Gültigkeitskriterium ein rein pragmatisches ist, nämlich: Funktioniert es?
Poppers Sicht der Wissenschaft ist rein akademisch — er betrachtet nur die „reine“ Wissenschaft und schließt damit die Technologie von vornherein aus. Vertreter der Popperschen Schule würden freilich daran festhalten, daß die vom Markt bestimmte Technologie nicht in den Bereich der philosophischen Forschung fällt, aber das ist sehr unbefriedigend. Die Technologie als grundlegende menschliche Tätigkeit mit enormen Folgen darf aus der philosophischen Betrachtung nicht ausgeklammert werden, wenn sich die Philosophie nicht selbst auf eine untergeordnete und beschränkte Rolle bei dem Bemühen, die menschlichen Handlungen, Kenntnisse und Überzeugungen zu analysieren und zu verstehen, zurückziehen will.
Kuhns Philosophie entstand aus seiner Arbeit als Wissenschaftshistoriker. Er erkennt zwei Prozesse, die beim Fortschritt der Wissenschaft am Werk sind. Zum einen gibt es das, was er „normale Wissenschaft“ nennt: Das sind die Routineverfahren der täglichen Wissenschaftspraxis. Zum anderen gibt es revolutionäre Wissenschaft, nämlich wenn der stetige Fortgang der normalen Wissenschaft in eine Krise führt, die ein neues „Paradigma“ erforderlich macht, d.h. ein neues System gedanklicher Leitbilder und -vorstellungen, welches die früheren verdrängt. Ein Musterbeispiel für solche wissenschaftliche Revolutionen ist die neue Chemie, die Antoine Lavoisier im 18. Jahrhundert eingeführt hat. Kritiker der Kuhnschen Philosophie haben die Trennung zwischen normaler und revolutionärer Wissenschaft bestritten und entweder auf Popperscher Basis behauptet, daß alle gültige Wissenschaft revolutionär ist, oder darauf hingewiesen, daß es ja gar nicht klar sei, ob die Kuhnsche Trennung einfach die Anerkennung der Tatsache bedeute, daß sich in der Wissenschaft Phasen gleichmäßigen Fortschritts mit solchen dramatischen Wandels abwechseln, oder ob sie als fundamentale Theorie des wissenschaftlichen Fortschritts gemeint sei. Im Licht dieser und anderer Kritiken hat Kuhn seine Gedanken modifiziert. Er hat jedoch ohne Frage die Aufmerksamkeit auf ein wichtiges Kennzeichen des wissenschaftlichen Fortschritts gelenkt.
Donald Cardwell

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