Skip to main content
main-content

Über dieses Buch

Jeden Tag erreichen uns Bilder, Fotos und Videos über Konflikte und Krisen, die unsere Vorstellung und unser (vermeintliches) Wissen über Weltpolitik prägen. Die sprichwörtliche „Macht der Bilder“ und die Bedeutung von Visualität sind unter den Bedingungen moderner, globalisierter Kommunikation unzweifelhaft gestiegen. Die Flut an visuellen Daten stellt die Politikwissenschaft allgemein und insbesondere die Disziplin der Internationalen Beziehungen jedoch vor grundlegende theoretische, methodologische und forschungspraktische Herausforderungen. Die Beiträge des Sammelbandes adressieren diese Herausforderungen aus unterschiedlichen Perspektiven und bieten Leser*innen Einblicke in die Theorie und Praxis der Analyse von Visualität und Weltpolitik.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Visualität und Internationale Beziehungen

Zusammenfassung
Bilder und Dokumentationen menschlichen Leids, seien es Massaker, Hunger, Vertreibung oder die Zerstörung ganzer Dörfer und Städte sind wiederkehrende Begleiterscheinungen von Bürgerkriegen und internationalen Gewaltkonflikten. Diese Tatsache wurde zumindest in Teilen der Disziplin der Internationalen Beziehungen (IB) schon vor vielen Jahren anerkannt (Campbell 2003b, 2007; Hoskins und O’Loughlin 2010; Kennedy 2008). Visuelle Repräsentationen prägen nicht nur die kollektiv geteilten Vorstellungen von Krieg und dessen Folgen, sondern vermitteln oftmals darüber hinausweisende, politisch und normativ aufgeladene Narrative über Täter und Opfer eines Konflikts.
Axel Heck, Gabi Schlag

Weltanschauungen. Visual Culture, Macht und Gegenmacht in den globalen Nord-Süd-Beziehungen

Zusammenfassung
Bilder prägen unser Wissen über Weltpolitik, unsere politische Meinung und Identitäten. Eine Perspektive des Zeigens, des Sehens und Gesehenwerdens kann die Analyse von Machtverhältnissen und Ideologievermittlung in der internationalen Politik erweitern. Der Beitrag stellt Ansätze aus dem Forschungsfeld der Visual Culture zum politischen Charakter von Alltagsbildern sowie dominanter und widerständiger globaler Bildkommunikation vor. Konkrete Anknüpfungspunkte für die IB bieten zwei Beispiele visueller Repräsentation aus den globalen Nord-Süd-Beziehungen (Spendenwerbung und Kartografie), die ungleiche Machtbeziehungen widerspiegeln und reproduzieren, aber auch für Neuerfindung und Widerstand gegen neo-koloniale Repräsentationspolitiken genutzt werden können.
Lisa Bogerts

Un-/Sichtbare Folter. Streit um Normen ‚made in Hollywood‘

Zusammenfassung
Dieser Beitrag setzt sich mit der Darstellung von Folter in dem Film Zero Dark Thirty (2012; R: Kathryn Bigelow) auseinander. Ausgangspunkt meiner Überlegung ist die Annahme, dass sich die Umstrittenheit von Normen nicht nur in ‚klassisch‘ politischen Texten wie etwa Präsident*innenreden, Regierungsverordnungen, Geheimdienstberichten oder Parlamentsdebatten beobachten lässt, sondern auch gesellschaftlich und kulturell manifestiert. Diese gesellschaftlich-kulturellen Orte des Streits um Normen finden wir in populären Medien wie etwa fiktionalen und dokumentarischen Filmen, Romanen, Autobiographien oder Comics. In diesem Beitrag möchte ich deshalb zeigen, dass ein Blick auf Populärkultur eine Möglichkeit bietet, besser zu verstehen, unter welchen Bedingungen selbst etablierte Normen wie das absolute Folterverbot in die Krise geraten. Hierbei geht es vor allem um die Frage, wie Folter in Zero Dark Thirty ausgeführt, gezeigt und somit gegenüber dem Publikum sichtbar gemacht wird. Der Film spiegelt nicht nur die Debatte über die Normalisierung und Legalisierung erweiterter Verhörmethoden im GWOT wieder, sondern ermöglicht den Zuschauer*innen einen Blick hinter die Kulissen. Weil der Film den Anspruch erhebt, auf Tatsachenberichten zu beruhen, prägt er unweigerlich das öffentliche Bild über die Notwendigkeit und Effektivität von Foltermethoden.
Gabi Schlag

Umstrittene Legitimität. Das Internationale Straftribunal für Ex-Jugoslawien (ICTY) als „Stimme der Menschheit“ und als „politisches Gericht“

Zusammenfassung
Internationale Straftribunale agieren in einem globalen Kontext einer zunehmenden Politisierung von internationalen Organisationen. Daraus folgt, dass sie – ähnlich wie andere internationale Organisationen – durch eigene Anstrengungen permanent um die Legitimation durch verschiedene Adressatengruppen werben müssen. Auch Gerichtshöfe, die durch Verträge von Staaten oder durch UN-Resolutionen entstanden sind und eigentlich vor allem durch ihre Gerichtsurteile – idealerweise die Implementation der universell geteilten Norm eines Endes der Straflosigkeit – für sich sprechen möchten, sehen sich inzwischen gezwungen, ihrerseits Legitimitätspolitik zu betreiben.
Der vorliegende Beitrag untersucht am Beispiel des Internationalen Straftribunals für Ex-Jugoslawien (ICTY), wie der Gerichtshof seine Legitimation durch unterschiedliche globale und lokale Adressaten mit visuell-sprachlichen Selbstdarstellungen zu fördern versucht (Selbstlegitimation/Outreach), und inwieweit diese normativen Selbstbeschreibungen in der lokalen Medienberichterstattung über Strafprozesse bestätigt, verhandelt oder abgelehnt werden. Der ICTY inszeniert sich als überparteiliche „Stimme der Menschheit“, die den Opfern der Jugoslawien-Kriegen zu ihrem Recht verhelfen möchte, hochrangige Täter bestraft und historische Wahrheiten etabliert. Wie wird dieses Legitimationsnarrativ des justice being done von unterschiedlichen Adressatenkreisen aufgenommen? Diese Frage wird exemplarisch anhand des im März 2016 verkündeten Urteils über einen der prominentesten Angeklagten des ICTY, den früheren bosnischen Serbenführer Radovan Karadžić, untersucht. Das untersuchte Material umfasst selbst produzierte Dokumentarfilme des ICTY und Abendnachrichten bosnischer und serbischer TV-Sender. Scharfe Kritik am ICTY stellt diesen als illegitimes „politisches“ Tribunal dar, das vor allem Serben anprangere und unfaire Urteile verhänge.
Der Beitrag schließt konzeptionell an Arbeiten an, die sich der empirischen Erforschung von „Legitimationsgeschehen“ im Kontext internationaler Institutionen widmen. Die Legitimität einer Ordnung oder einer Institution ist nicht einfach gegeben, sondern muss durch diskursive Prozesse permanent hergestellt werden. Solche Legitimationsdiskurse sind multimodal, d. h. sie rekurrieren u. a. auf sprachliche und visuelle Modi. Institutionen der internationalen Strafjustiz greifen in besonderem Maße auf Bildmaterial zurück, um ihre Arbeit zu legitimieren: im Gerichtssaal, um visuelle Beweise von Verbrechen zu zeigen; außerhalb des Gerichtssaals, um die Kernbotschaft des justice being done zu untermauern, auch unter Rückgriff auf Pathos und fragwürdige Stereotypisierungen von Opferbildern. Anhand von zwei ausgewählten ikonischen Bildern aus dem Bosnien-Krieg (welche die Opfer Ramo Osmanović und Fikret Alić zeigen), die sowohl in ICTY-Dokumentarfilmen als auch bosnischen Medien wiederholt verwendet wurden, wird exemplarisch aufgezeigt, wie Bedeutung im Kontext von Kriegsverbrechen hergestellt wird.
Anna Geis, Katarina Ristić

Kriegsspiele. Video-Games und Weltpolitik

Zusammenfassung
Dieser Beitrag richtet den Blick auf Videospiele, um die (welt-)politischen Dimensionen dieses gesellschaftlich weit verbreiteten Mediums auszuloten. Der Schwerpunkt der Betrachtung liegt vor allem auf der Frage, welches politikwissenschaftliche Erkenntnispotential in einer analytischen Auseinandersetzung mit Videospielen liegt, die Kriege und internationale Gewaltkonflikte thematisieren. Zudem wird diskutiert, wie Videospiele theoretisiert und methodisch geleitet untersucht werden können. Dies wird insbesondere dann wichtig, wenn die Forscher*innen keine Gaming-Experten sind und folglich auch nicht über eine ausgeprägte Spielpraxis oder die erforderlichen Fingerfertigkeiten verfügen.
Zunächst verlangt die politikwissenschaftliche Betrachtung des Untersuchungsgegenstands eine Erläuterung. Sicherlich erscheint nicht allen Leser*innen direkt einleuchtend, weshalb diesem Medium ein eigener Beitrag gewidmet ist – die Vorbehalte gegenüber Videospielen sind nicht nur in der breiteren Gesellschaft sehr groß, sondern auch und gerade in der Wissenschaft, handelt es sich doch in erster Linie um Produkte der Unterhaltungsindustrie. Zudem werden insbesondere reaktionssensible Videospiele gerne auch als „E-Sport“ betrieben, was sich zu einem beträchtlichen internationalen Markt entwickelt hat. Die politische Dimension in Videospielen muss daher zunächst einmal freigelegt werden, wobei auch die Skepsis hinsichtlich der Erforschung von Videospielen einer Erörterung bedarf.
Politisch relevant sind kulturelle Erzeugnisse wie Videospiele, Filme, Bücher, Theaterstücke etc. unter anderem auch, da durch die Re-mediatisierung und mediale Verankerung von Ereignissen kollektiv geteilte und sinnstiften de Erinnerungsnarrative geprägt und stabilisiert, aber auch hinterfragt und gegebenenfalls umgeschrieben werden können. Die Erkenntnisse über die erinnerungskulturelle- und politische Dimension von Videospielen lassen sich etwa für die Friedens- und Konfliktforschung nutzen, wenn es um Fragen nach der Repräsentation und Aufarbeitung von Kriegserfahrungen und kollektiver Traumata geht.
Axel Heck

ISIS und die Inszenierung von Kulturgüterzerstörung für ein globales Publikum

Zusammenfassung
In diesem Beitrag analysieren wir Bilder und Videos von Kulturgüterzerstörung durch ISIS. Wir argumentieren, dass ISIS’ Bildsprache erst dadurch als Konfliktstrategie erfolgreich wird, dass sie sich einen globalen Kulturdiskurs aneignet und Reaktionen mächtiger Sprecher*innen antizipiert. Wir stellen zwei Inszenierungen von Kulturgüterzerstörung einander gegenüber und zeigen Unterschiede in der Visualisierungsstrategie sowie in den angezielten Diskursen auf und problematisieren diese im Hinblick auf den Zusammenhang zwischen Kultur, Sicherheit und Gewalthierarchien.
Hanna Pfeifer, Christoph Günther

Europas Blick auf die Erde. EU Copernicus und die visuelle Versicherheitlichung von Umwelt

Zusammenfassung
Der Beitrag untersucht die Rolle visueller Technologien und Artefakte in der Versicherheitlichung von Umweltproblemen. Am Beispiel des Europäischen Erdbeobachtungsprogramms EU Copernicus zeigt der Beitrag, dass visuelle Technologien – wie Satellitenfernerkundung – Umweltprobleme sichtbar und damit politisch bearbeitbar machen. Gleichzeitig beeinflusst die Art und Weise der visuellen Darstellung von Umweltproblemen die Möglichkeiten ihrer politischen Bearbeitung. Methodisch zeigt der Beitrag, wie die audio-visuelle Analyse von Videomaterial für die Untersuchung von Sicherheitsdiskursen fruchtbar gemacht werden kann.
Delf Rothe

Bilder des Friedens? Die metaphorische Visualisierung von Frieden im Film

Zusammenfassung
Der Beitrag formuliert eine interpretative Methode der Visuelle Metaphernanalyse (VMA). Er argumentiert, dass Metaphern die Lücke zwischen Text und visuellen Repräsentation füllen, in dem sie als linguistisches Mittel verstanden werden können welches von Natur aus Text kognitiv visualisiert. Metaphern sind Bilder. Bezugnehmend auf Erkenntnisse der kognitiven Linguistik stellt dieses Kapitel die ‚Visuelle Metaphernanalyse‘ als eine Methode zur Untersuchung eines Prozesses doppelter Visualisierung in Filmen vor. Auf der ersten Ebene beinhaltet dies die Veranschaulichung von Phänomenen im Film selbst – die Bilder, die wir auf dem Bildschirm sehen. Dies kann verglichen werden mit dem, was in der Literatur als metaphorischer Ausdruck bezeichnet wird. Auf der zweiten Ebene umfasst dies die Visualisierung des zugrundeliegenden metaphorischen Themas selbst. Diese konzeptionellen Metaphern sind nicht notwendigerweise eindeutig, aber wichtig, um das in der Erzählung des Films offengelegte Narrativ zu verstehen. Um die vorgeschlagene Methode zu illustrieren untersucht das Kapitel Metaphern für Frieden in dem Spielfilm Mango Dreams, der eine Geschichte des Überwindens schmerzlicher Erinnerungen an Trennung und Leid infolge der Teilung Indiens und Pakistans erzählt. Hierbei werden drei fundamentale Friedensmetaphern identifiziert, welche das Phänomen konzeptuell als HEIMAT, REISE und BRÜCKE bezeichnen. Die Analyse zeigt, dass im Gegensatz zu dem größten Teil der Forschung über Visualisierungen von Frieden, welche sich überwiegend auf die Darstellung von negativem Frieden fokussiert, eine ganzheitlichere Konzeptualisierung von Frieden im Film durch das Einbeziehen von visuellen Metaphern möglich ist.
Stephan Engelkamp, Kristina Roepstorff, Alexander Spencer

Was zieht junge Menschen in die Bundeswehr? Eine Gender-Analyse der YouTube-Serie „Die Rekruten“

Zusammenfassung
Dieser Beitrag untersucht die diskursive Konstruktion militarisierter Maskulinität(en) in der von der Bundeswehr produzierten Webserie „Die Rekruten“ (DR). Insbesondere konzentriert er sich auf einen bestimmten Aspekt im Zusammenhang von Militärdienst und Nachwuchsgewinnung: was zieht junge Menschen in die Bundeswehr? In diesem Sinne fragt der Beitrag, welche Formen militarisierter Maskulinität(en) in DR produziert werden und wie dies zur Legitimität und Attraktivität der Bundeswehr als Arbeitgeber beiträgt. Der Beitrag argumentiert, dass die Konstruktion von Maskulinität(en) in DR nicht uniform, sondern ambivalent ist. Er versucht zu zeigen, dass diese ambivalente und gemäßigte Artikulation von militärischer Maskulinität es erst möglich macht, dass eine breite Gruppe von Subjekten sich mit der Bundeswehr bzw. dem Soldatentum identifizieren kann. Der Beitrag geht wie folgt vor: nach der Einleitung (Abschnitt 1) wird DR in der (überwiegend feministischen) Literatur zu Militarisierung, militarisierten Maskulinität(en) und militärischer Personalanwerbung (2) verortet. Hierbei konzentriert er sich insbesondere auf die Rolle, die Genderkonstruktionen bei der Anwerbung von Rekrut*innen im Besonderen und der Legitimierung von Streitkräften im Allgemeinen spielen. Darauf folgend stellt der Beitrag knapp methodologische Überlegungen vor (3), gefolgt von der empirischen Analyse (4). Der Schlussteil (5) fasst die Ergebnisse zusammen und diskutiert die Implikationen der Ergebnisse für die Forschung.
Frank A. Stengel, David Shim

Sehen als Praxis. Visuelle Strategien der Kritik und die Ausstellung „Terror Incognitus“

Zusammenfassung
Sichtbarkeit wird gegenwartig als nutzliche analytische Kategorie in den Internationalen Beziehungen (IB) entdeckt. Im Feld der Critical Security Studies zeigte sich, dass moderne Herrschaftstechniken im Kontext des War on Terror im Spannungsfeld zwischen Sichtbarkeit vs. Unsichtbarkeit ausgefuhrt werden und anhand von visuellen Artefakten und Praktiken auch analysiert werden konnen. Allerdings verdeutlichte die Transformation des War on Terror hin zu einer unsichtbaren Form eines globalen Uberwachungsregimes die Schwierigkeit offentlicher Kritik, da die sichtbare Angriffsflache verloren ging. In diesem Beitrag argumentiere ich am Beispiel der Ausstellung „Terror Incognitus“ von Edmund Clark, dass es insbesondere der Konzeptkunst gelingen kann, den versteckten War on Terror sowohl in einer aufklarerischen Tradition sichtbar zu machen als auch seine Einbettung in unserem Alltag spurbar werden zu lassen. Dabei schlage ich erstens einen praxistheoretischen Zugang vor, der die getrennten Spharen von Politik und Kunst uberwindet und anhand der Ausstellung zeigt, dass „Sehen als Praxis“ eine aktive und emanzipatorische Wirkung entfalten kann. Zweitens zeige ich den methodischen Mehrwert von Bildanalysen anhand einiger exemplarischer Bilder Clarks, in denen menschenleere Orte die Imagination des Betrachters aktivieren und das unbehagliche Gefuhl erzeugen, seit geraumer Zeit stiller Zeuge eines inhumanen politischen Unternehmens zu sein. Drittens wird bei Terror Incognitus im Anschluss an Uberlegungen der Akteur-Netzwerk-Theorie deutlich, dass sich kunstlerische Strategien der Kritik mit Recherche und Wissenschaft verbinden und erst die vielfaltigen Übersetzungen die materielle Logistik eines geheimnisumwobenen Krieges für den Betrachter vorstellbar werden lässt.
Frank Gadinger

Die Praxis der visuellen Analyse. Ein Dialog

Das Netzwerk
Zusammenfassung
Axel Heck: Visualität ist für mich in Anschluss an Mirzoeff (Mirzoeff 2011) eine autoritative Praxis des Zeigens und Sehens. Das ist politisch extrem relevant, da durch Visualität diskursive Macht ausgeübt wird. Visualität kann die Möglichkeitsbedingungen für politisches Handeln prägen.
Axel Heck
Weitere Informationen

Premium Partner

    Bildnachweise