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Über dieses Buch

Volkswirtschaftslehre ist eigentlich ein lebendiges Fach. Tagtäglich stehen Schlagzeilen in der Zeitung, die über Wirtschaftswachstum, Arbeitslosigkeit, Inflation, Währungs­ turbulenzen oder das Anwachsen der Sozialversicherungsbeiträge berichten. Wir ma­ chen uns um unser Einkommen Gedanken, planen unsere Altersvorsorge, kaufen, wo es halbwegs billig ist, und beobachten, wie wir im Ausland einmal mehr und einmal weni­ ger für unser Geld Urlaub machen können. Leider vermißt man diese Lebendigkeit in den meisten Lehrbüchern der Volkswirt­ schaftslehre. Zwar hat unsere Zunft gelernt, daß ein gutes Lehrbuch mit Beispielen an­ gereichert werden muß, soll es sich denn verkaufen, aber meist bleibt es bei einem Anhängsel an die Theorie. Dieses Buch geht den umgekehrten Weg: Fünfzehn Episo­ den, angefangen vom Mittelalter bis hin zur deutschen Einigung, werden zunächst ein­ mal dargestellt und erst dann mit den Kemkonzepten der Volkswirtschaftslehre erklärt. Auch dies geschieht in zwei Stufen: Zunächst folgt auf "den Fall" eine intuitive Inter­ pretation, und erst dann wird in einem Anhang zu jeder Fallstudie der ökonomische Hintergrund auch technisch dargestellt und die Fachbegriffe erklärt, die im Schlagwort­ verzeichnis gesammelt wurden. Die Fallstudien wenden sich daher nicht nur an Stu­ denten der Wirtschaftswissenschaften, sondern an alle, die am Wirtschaftsleben interessiert sind und Volkswirtschaftslehre realitätsnah erlernen wollen.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Einführung

Zusammenfassung
Die fünfzehn Fälle sind nach dem Schwierigkeitsgrad der dahinterstehenden ökonomischen Theorie geordnet. Der Schock der Pest im Mittelalter und die Veränderungen in den Konsumgewohnheiten der Haushalte im Nachkriegsdeutschland spiegeln elementare makro- und mikroökonomische Grundregeln wider, die ein Student im ersten Semester verstehen lernen sollte.
Axel Börsch-Supan, Reinhold Schnabel

Die Pest — ein Fall für Ökonomen?

Zusammenfassung
Im 14. Jahrhundert breitete sich über Europa die Beulenpest aus. Die Epidemie dezimierte die Bevölkerung in einem unvorstellbaren Ausmaß. Einige Länder beklagten einen Rückgang der Bevölkerung um mehr als ein Drittel.
Auch die ökonomischen Auswirkungen der Pest waren dramatisch. Angesichts der stark geschrumpften Bevölkerung lag ein beträchtlicher Teil des fruchtbaren Bodens brach. Entgegen allen damaligen Erwartungen kam es jedoch nicht zu einem Verfall der Getreidepreise. Zum weiteren Erstaunen genossen die Arbeiter, die die Epidemie überstanden hatten, einen starken Anstieg ihrer Löhne. Was aber des einen Freud, war des anderen Leid: Während die arbeitende Landbevölkerung einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebte, mußten die Landbesitzer starke Verluste in ihren Einnahmen aus Renten und Pachten hinnehmen.
Diese Fallstudie zeigt, wie sich diese dramatischen Veränderungen mit elementaren Konzepten der Volkswirtschaftslehre erklären lassen. Der Anstieg der Löhne und der Verfall der Bodenrenten läßt sich mit Hilfe der neoklassischen Theorie der Grenzproduktentlohnung erklären. Wegen des starken Bevölkerungsschwundes und der gesunkenen Zahl der Arbeiter stieg das Grenzprodukt und damit der Lohn der Arbeit: ein zusätzlicher Arbeiter half nun mehr, den Ertrag zu erhöhen, als früher, als bereits viele Arbeitnehmer vorhanden waren. Zudem wurden mit dem Rückgang der Bevölkerung nur noch die besseren Böden bewirtschaftet, was wiederum die Produktivität der Landwirtschaft erhöhte und damit die Löhne. Die Fallstudie zeigt, wie sich beide Erklärungen auseinanderhalten lassen.
Auch der Rückgang der Bodenrenten und -pachten war durch den Rückgang der Anzahl der Arbeitskräfte begründet, da ein zusätzlicher Hektar Land bei der reduzierten Anzahl der Landarbeiter nicht mehr den Mehrertrag erbringen konnte, der bei einer großen Arbeiterschaft möglich gewesen wäre. So sank das Grenzprodukt des zweiten Produktionsfaktors Land und damit auch sein Preis.
Ralf Rodepeter

Mit Vollgas in den Freizeitpark

Konsum in Deutschland
Zusammenfassung
Die Deutschen geben den größten Teil ihres verfügbaren Einkommens für den privaten Verbrauch aus. Wohnungs- und Nahrungsmittelausgaben haben den größten Anteil, zusammen machen sie fast die Hälfte der Konsumausgaben aus.
Die Zusammensetzung der Konsumausgaben hat sich seit den 50er Jahren stark geändert. Allein seit 1970 ist der Anteil für Nahrungsmittel um über 30% gesunken: Die Deutschen sind satt geworden. In der gleichen Zeit ist der Anteil für Verkehrsausgaben um fast 30% gestiegen: Das liegt im wesentlichen an den höheren Ausgaben für den Kauf und den Betrieb von Autos, der Deutschen (und auch der anderen reichen Nationen) liebstes Kind.
Die Fallstudie zeigt, daß die Veränderung der Konsumausgaben die ganze Fülle mikroökonomischer Verhaltensregeln widerspiegelt. Wir finden Einkommenseffekte, denn das reale verfügbare Einkommen der Haushalte ist in der Bundesrepublik fast stetig gestiegen. Gleichzeitig haben sich aber die Preise geändert. Freizeitgüter, Nahrungsmittel, elektrische und elektronische Güter sind billiger, Mieten, Energie und Verkehr sind teurer geworden. Einkommenseffekte werden daher von Preis- und Substitutionseffekten überlagert. Schließlich hat sich die Einkommensverteilung geändert, und die Zusammensetzung der Bevölkerung nach Alter und Haushaltstyp hat sich verschoben. Die Fallstudie zeigt daher auch auf, wie der in der mikroökonomischen Theorie viel gepriesene „repräsentative Konsument“ sich in der Realität hinter einer vielschichtigen Entwicklung gut versteckt.
Melanie Lührmann

Der Lohn- und Preisstopp unter Präsident Nixon

Zusammenfassung
Am 15. August 1971 wandte sich der Präsident der Vereinigten Staaten, Richard Nixon, in einer Fernsehansprache an die amerikanische Bevölkerung und stellte das Programm der New Economic Policy vor, die vor allem die Bekämpfung der Inflation und der Arbeitslosigkeit zum Ziel hatte. Zentraler Bestandteil eines ganzen Bündels wirtschaftspolitischer Maßnahmen war die Verhängung eines allgemeinen Lohn- und Preisstopps für die Dauer von 90 Tagen. Während die übrigen Maßnahmen des Wirtschaftsprogramms von der Öffentlichkeit erwartet worden waren, kam der Lohn- und Preisstopp überraschend. Dieser Überraschungseffekt war eine der wichtigsten Voraussetzung für den Erfolg des Lohn- und Preisstopps, denn ansonsten wäre mit massiven Ausweichhandlungen bereits im Vorfeld zu rechnen gewesen.
Dem Programm war zunächst Erfolg beschieden: Preise und Löhne blieben während des Zeitraums des Lohn- und Preisstopps im wesentlichen konstant. Schon kurz nach dessen Ende stiegen Preise und Löhne allerdings wieder deutlich an, obwohl einige der Preiskontrollen beibehalten wurden, so daß das Programm langfristig keine inflationsdämpfende Wirkung hatte.
Die Fallstudie zeigt, daß die Erwartungen steigender Löhne und Preise, die für die in den USA zu Beginn der siebziger Jahre herrschende Inflation verantwortlich waren, durch den Lohn- und Preisstopp nicht gebrochen wurden; die latente Inflation wurde nur aufgestaut. Wenn die makroökonomische Lage mit dem wirtschaftspolitischen Ziel der Preisstabilität nicht vereinbar ist, so wirkt auch eine administrativ verordnete Festschreibung von Löhnen und Preisen auf Dauer nicht glaubhaft, so daß sich die herrschenden Erwartungen nicht ändern. Außerdem führen wirtschaftspolitische Maßnahmen, die das freie Spiel von Angebot und Nachfrage außer Kraft setzen, zu ineffizienten Ausweichhandlungen und erfordern kostspielige Überwachungsmechanismen zu ihrer Durchsetzung, die mit weiteren Ineffizienzen verbunden sind.
Silke Januszewski, Christian Teubner

Vorsicht Falle: Investitionen in den neuen Bundesländern

Zusammenfassung
Als am 1. Juli 1990 der Vertrag über die deutsch-deutsche Wirtschafts-, Währungsund Sozialunion in Kraft trat, war der Erwartungsdruck ungeheuerlich. „Blühende Landschaften“ versprach der Bundeskanzler im folgenden Wahlkampf, nachdem auch die Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 in fast unglaublicher Geschwindigkeit vollzogen war.
Die Realität war jedoch ernüchternd. Schnell wurde realisiert, daß der Kapitalstock in Ostdeutschland weit unter den Schätzungen lag, die vor der Wende kursierten, und daß nach dem Zusammenbruch der traditionellen Absatzmärkte im Osten nur eine Umstellung auf höherwertige Produkte profitabel sein konnte.
Zentral für den Wiederaufbau Ost waren also die Investitionen. Diese Fallstudie versucht zu erklären, warum die Investitionen trotz niedriger Zinsen lange unter dem gewünschten (und bitter notwendigen) Niveau blieben. Sie zeigt ferner, wie der Staat durch eine breite Palette von Maßnahmen der Investitionstätigkeit der Unternehmen Auftrieb gab, ganz im Sinne einer ansonsten aus der Mode gekommenen keynesianischen Wirtschaftspolitik. Sie zeigt aber auch, wie schwierig die Stimulation von Investitionen ist, wenn die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen, in diesem Fall die Löhne und Preise, mit der Produktivität nicht übereinstimmen.
Alexander Ludwig, Dominique Giulini

Neues Geld für neue Länder!

Zusammenfassung
Im Zuge der deutschen Wiedervereinigung wurde recht schnell über eine Währungsunion als ersten Schritt einer ökonomischen Gemeinschaft nachgedacht. Beschlossen wurde dann im Staatsvertrag die Schaffung einer Währungs-, Wirtschaftsund Sozialunion zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR, die sogenannte deutsch-deutsche Währungsunion. Dies war keine Währungsunion im eigentlichen Sinne, sondern eine Ausdehnung des Währungsraumes der D-Mark. Als Konsequenz war seit dem 1. Juli 1990 die D-Mark alleiniges gesetzliches Zahlungsmittel in der (damals noch bestehenden) DDR. Die Zuständigkeit für die Geld- und Währungspolitik lag nun bei der Deutschen Bundesbank, die das Ziel verfolgte, ihre Politik der Preisniveaustabilität auch im Osten weiterzuführen.
Eine der ersten Aufgaben der Bundesbank war es, die ostdeutschen Haushalte mit dem „neuen“ Geld auszustatten. Hierzu mußte sie sich bemühen, die Geldnachfrage in den Neuen Bundesländern möglichst genau zu schätzen und das Angebot danach auszurichten. Die Schätzung der Geldnachfrage war jedoch mit vielen Problemen behaftet. Zum einen gab es kaum Daten, die für eine zuverlässige Schätzung hätten verwendet werden können. Zum anderen erfolgte mit der Währungsunion und der wirtschaftlichen Liberalisierung in der ehemaligen DDR ein Systemwechsel, durch den sich auch das Nachfrageverhalten änderte.
Diese Fallstudie stellt die Schwierigkeiten der Bundesbank bei der Bestimmung des optimalen Geldangebots dar. Angesichts der problematischen Datenlage und des Zeitdrucks kam es zu mehreren Fehleinschätzungen. Allerdings sieht man, daß viele Fehler manchmal besser sind als nur einer, denn diese können sich, wie im Fall der Währungsunion, gegenseitig ausgleichen.
Rainer Pfad, Silke Januszewski

BMW made in USA: Standort Deutschland in Gefahr?

Zusammenfassung
In den vergangenen Jahren sind die deutschen Direktinvestitionen im Ausland stetig angewachsen. Ein besonders spektakulärer Fall war im Jahr 1994 die Eröffnung des BMW-Werks in Spartanburg im US-Bundesstaat South Carolina. In der öffentlichen Diskussion werden Entscheidungen wie diese als Beleg für eine nachlassende Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland gesehen: Deutsche Unternehmen gehen dazu über, große Investitionsprojekte (wie den Bau neuer Produktionsstätten) nicht mehr im Inland zu tätigen und immer größere Teile der Produktion ins Ausland zu verlagern. Als Gründe für eine nachlassende Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands im internationalen Standortwettbewerb werden dabei vor allem die hohen Lohn- und Lohnnebenkosten sowie langwierige Planungsverfahren angeführt.
Eine genauere Analyse der Gründe für die Entscheidung von BMW, ein Werk in den USA zu errichten, zeigt aber, daß Kostenvorteile bei Bau und Betrieb des Werkes nur einer von vier zentralen Aspekten sind. Eine wichtige Rolle spielten auch marktstrategische Überlegungen, die Furcht vor Handelsbeschränkungen sowie die Absicherung gegen Wechselkursschwankungen. Entscheidungen wie diejenige von BMW sollten deshalb nicht pauschal und undifferenziert als Argumente in der Debatte um die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands verwendet werden.
Joachim Winter

Leben über die Verhältnisse?

Ölfunde und die Verschuldung Norwegens
Zusammenfassung
Anfang der siebziger Jahre begann die Förderung von Öl und Erdgas im norwegischen Teil der Nordsee zunächst sehr zögerlich. Doch nach der ersten Ölkrise im Jahre 1973, in der die Ölpreise sprunghaft angestiegen waren, wurde die Ölförde-rung in Norwegen massiv ausgedehnt. Zum einen wollte sich Norwegen von den schwankenden Ölpreisen unabhängig machen, die vor allem von den OPEC-Staaten bestimmt wurden. Zum anderen wollten das Land an dem — aufgrund des Preisanstiegs — immer lukrativeren Geschäft der Ölförderung teilhaben.
Die hohen Investitionen, die für den schnellen Aufbau der Ölindustrie erforderlich waren, konnten nicht ausschließlich durch die inländische Ersparnis, sondern mußten durch massive Kapitalimporte aus dem Ausland finanziert werden. Dies schlug sich über mehrere Jahre hinweg in einer stark negativen Leistungsbilanz nieder.
War es klug, daß sich Norwegen so dramatisch verschuldete? Lebte Norwegen über seine Verhältnisse? Die Geschichte hat Norwegen recht gegeben: Die Ölinvestitionen ermöglichten ein Wirtschaftswachstum, das mit deutlichen Steigerungen des Konsumniveaus relativ zu den anderen OECD-Staaten verbunden war. Mit Hilfe der hohen Erträge aus dem Ölgeschäft konnten auch die Auslandsschulden bald zurückgezahlt werden.
Grund für den makroökonomischen Erfolg war, daß das ausländische Kapital investiv verwandt wurde und so eine Steigerung des Bruttoinlandsprodukts in der Zukunft ermöglichte. In diesem Fall kann ein Leistungsbilanzdefizit also auch über einen längeren Zeitraum hinweg durchaus gerechtfertigt sein. Dies steht im Gegensatz zu einer langfristigen Verwendung ausländischer Kapitalimporte für rein konsumptive Zwecke, wie es in vielen Entwicklungsländern der Fall war. Norwegen ist daher ein gutes Beispiel für eine gelungene intertemporale Substitution auf makroökonomischer Ebene.
Isabel Gödde, Birgit Hackl

Doppelter Lohn für halbe Arbeit?

Die Einführung des „Five-Dollar Day“ bei Ford
Zusammenfassung
Am Morgen des 5. Januar 1914 kündigte der Automobilhersteller Henry Ford vor der Detroiter Lokalpresse an, daß er den Lohn eines Arbeiters von 2,34 US-Dollar auf 5 US-Dollar pro Tag erhöhen und gleichzeitig die Arbeitszeit von neun auf acht Stunden am Tag beschränken werde. Dieses „Five-Dollar Day Program“, geknüpft an bestimmte Bedingungen wie eine sechsmonatige Betriebszugehörigkeit, ein Mindestalter von zweiundzwanzig Jahren und eine „ordentliche Lebensführung“, machte Henry Ford über Nacht zum bekanntesten Unternehmer Amerikas und kam einer Revolution auf dem Arbeitsmarkt gleich.
Die von Ford gezahlten Löhne waren um so bemerkenswerter, als bei Einführung des Programms in der Region Detroit eine Rezession herrschte und die Arbeitslosenzahlen stark gestiegen waren: Es gab einen Überschuß an Arbeitskräften, und Ford hatte zu diesem Zeitpunkt keine Probleme, Arbeitskräfte anzuwerben, so daß nach der klassischen ökonomischen Theorie der erhöhte Wettbewerb unter den Arbeitnehmern eher zu einer Lohnsenkung hätte führen müssen. Die höheren Löhne waren auch nicht erforderlich, um besser qualifizierte Arbeitskräfte anzuziehen, da es gerade bei Ford aufgrund der Fließbandarbeit und den damit verbundenen einfachen Tätigkeiten keinen Bedarf für Fachkräfte gab.
Diese Fallstudie zeigt, daß die Einführung des „Five-Dollar Day“ trotzdem durchaus ökonomisch rational war. Sie bescherte der Ford Motor Company nicht nur Arbeitsfrieden und hohe Produktivität, sondern auch hohe Gewinne. Die Vereinbarkeit von hohen Gewinnen mit großzügigen Löhnen ist Kern moderner Arbeitsmarkttheorien, z.B. der Effienzlohntheorie, die hier am Beispiel der Lohnpolitik Henry Fords verdeutlicht wird.
Udo Schneider

Wie sich eine Tabaksteuerreform in Rauch auflöst

Zusammenfassung
Im März 1992 wurden in Deutschland im Rahmen einer Tabaksteuerreform die Steuersätze deutlich angehoben, um das Steueraufkommen zu erhöhen. Als erste Reaktion kam es zu drastischen Absatzeinbrüchen auf dem Zigarettenmarkt. Viele Raucher wechselten vom Zigarettenkonsum zu Selbstgedrehten, der Tabakschmuggel blühte weiter auf, und der Absatz von Billigzigaretten expandierte. Die Tabakindustrie umging die Steuererhöhung elegant durch die Entwicklung der Rolls, die durch Zusammenstecken von Zigarette und Filter zur normalen Zigarette werden, steuerlich aber weit weniger belastet waren. Die Rolls erlebten einen Boom, der erst mit der Korrektur des Steuersatzes im Oktober 1992 sein plötzliches Ende fand. Diese Marktinnovation verhinderte weitreichende Umsatzeinbußen. Der Tabakindustrie bescherte sie somit Umsätze, die von der erhöhten Steuerbelastung nicht beeinträchtigt wurden.
Der Verlierer dieser Steuerreform war der Staat. Durch die unerwarteten und nicht einkalkulierten Reaktionen von Konsumenten und Anbietern verfehlten die Steuerplaner ihr Ziel. Die Steuererhöhung entwickelte sich vor allem in der Anfangsperiode zum fiskalischen Flop: Anstelle der erwarteten Mehreinnahmen sank das Tabaksteueraufkommen. Das ursprüngliche Niveau des Steueraufkommens wurde erst 1994 wieder erreicht.
Die Tabaksteuer bildet ein gutes Beispiel für Anreizwirkungen der Besteuerung. Sie kann relativ isoliert in einem einzelnen Markt beobachtet werden und illustriert interessante Substitutionsprozesse in Folge von Preisänderungen. Die Fallstudie zeigt deutlich den Einfluß von Steuern und Steuergestaltung auf das Verhalten von Haushalten und Unternehmen. Unternehmen, die die Reaktionen von Haushalten anhand von Elastizitätenschätzungen antizipieren, konnten sich durch die Entwicklung neuer Produkte wie der Rolls und durch Einsatz psychologischer Produktstrategien wie dem Verringern des Inhaltes von Verpackungen an die veränderte Besteuerung anpassen und Steuersatzdifferenzen gewinnmaximierend ausnutzen. Das Tabaksteuerfiasko 1992 legt daher nahe, im Vorfeld einer Steueränderung genaue Marktanalysen durchzuführen und mögliche Anpassungsreaktionen schon vorher zu berücksichtigen.
Melanie Lührmann

Licht am Ende des Eurotunnels?

Zusammenfassung
Der Eurotunnel machte durch ständige Verzögerungen, kleine wie große Pannen und andauernde Finanzierungsschwierigkeiten immer wieder Schlagzeilen — sowohl während der Bauzeit als auch in den ersten Jahren des Betriebs. Derartige Probleme sind typisch für große Infrastrukturprojekte, die besondere Kosten- und Erlösrisiken bergen. Der Fall des Eurotunnels ist besonders interessant, weil dieses Projekt von vornherein ausschließlich privat finanziert wurde. Eine privatwirtschaftliche Finanzierung ist derzeit auch für eine Reihe anderer Infrastrukturprojekte im Gespräch, etwa die Magnetschnellbahn Transrapid, einige neue Autobahnstrecken oder die geplanten Eisenbahntunnel durch die Alpen, deren Kosten diejenigen des Kanaltunnels noch überschreiten werden.
Traditionell wurden große Infrastrukturprojekte, insbesondere im Bereich des Verkehrs, staatlich finanziert. In diesem Fall erfolgt die Entscheidung für oder gegen den Bau auf Basis einer plan wirtschaftlichen Kosten-Nutzen-Analyse: Die gesamten durch das Projekt verursachten Kosten werden dem erwarteten volkswirtschaftlichen Nutzen gegenübergestellt. Im Fall einer privatwirtschaftlichen Finanzierung wird die Bauentscheidung (und damit auch eine Kosten-Nutzen-Analyse) dem Markt überlassen. Wenn die erwarteten Erlöse die erwarteten Baukosten überschreiten und ex ante eine dem Risiko angemessene Verzinsung des eingesetzten Kapitals ermöglichen, werden sich private Investoren finden, die das Projekt finanzieren. Als problematisch erweist sich dabei jedoch die Prognose von Kosten und Erlösen, so daß die Renditeerwartungen der Investoren sich ex post nicht immer erfüllen. Der Eurotunnel ist dafür ein drastisches Beispiel: Der Kurs der Eurotunnel-Aktie ist nach der anfänglichen Euphorie mit jeder neuen negativen Schlagzeile gesunken. Erste Dividendenzahlungen sind noch nicht absehbar, und wiederholte Umschuldungsaktionen verwässerten den Anteil der Erstaktionäre immer weiter. Inzwischen ist aber Licht am Ende des Eurotunnels zu sehen: Im ersten Halbjahr 1997 deckten seine Betriebseinnahmen des Kanaltunnels zum ersten Mal dessen laufende Kosten.
Joachim Winter

Frische Luft für Los Angeles

Die Einführung von Umweltzertifikaten
Zusammenfassung
Südkalifornien verfügt über eine der schlechtesten Luftqualitäten der Vereinigten Staaten: Starker Sommersmog und saurer Regen sind Alltagserscheinungen, so daß deutliche Verminderungen der Schadstoffemissionen notwendig sind. Am 1. Januar 1994 trat in Südkalifornien für große Schadstoffemittenten ein Umweltlizenzprogramm mit dem Namen RECLAIM (Regional Clean Air Incentives Market) in Kraft. Es ersetzte die bisherige starre staatliche Auflagenpolitik durch einen Marktmechanismus. Die Unternehmen wurden mit verbrieften Emissionsrechten ausgestattet, die frei handelbar sind.
Ziel von RECLAIM ist es, die gleiche Umweltqualität wie bei einer Auflagenpolitik zu geringeren gesamtwirtschaftlichen Kosten zu erreichen. Die Grundidee ist, daß Unternehmen abwägen können zwischen den Kosten der Vermeidung von Emissionen (Investitionen in Umwelttechnologie) und den Kosten der Emission von Schadstoffen (Marktwert der Zertifikate). Durch den Zertifikatemarkt bildet sich ein Preis für das „Gut“ Umweltverschmutzung. Dies bewirkt, daß Umweltinvestitionen dort getätigt werden, wo sie den größten Effekt haben. Erste Erfahrungen mit RECLAIM zeigen, daß der Zertifikathandel vor allem für große Unternehmen zu erheblichen Kosteneinsparungen führen kann. Gleichzeitig wird durch die Beschränkung der Gesamtzahl der Zertifikate das Ziel der Minderung von Emissionen erreicht. Langfristig lassen Prognosen eine Halbierung der Kosten im Bereich des Umweltschutzes für Unternehmen und Staat erwarten.
Die Fallstudie zeigt, wie die mikroökonomische Theorie der externen Effekte und der öffentlichen Güter in der Praxis angewendet wird. Da weltweit bisher kaum Erfahrungen mit einem Umweltzertifikatmarkt existieren, ergaben sich viele Fragen, die quasi-experimentell gelöst werden mußten: Wie viele Zertifikate sollte jede Firma am Anfang bekommen? Zu welchem Preis sollten die Zertifikate ausgegeben werden? Wie können lokale Konzentrationen von Schadstoffen an einem Standort (hot spots) vermieden werden? Welche Regeln sollen für den Handel mit Zertifikaten gelten?
Melanie Lührmann

Markt- oder Staatsversagen?

Regulierung und Deregulierung der deutschen Bahnen
Zusammenfassung
Nachdem die Bundesbahn den Staat im Laufe der Jahre mit steigender Tendenz über 300 Milliarden DM an Zuschüssen und Subventionen gekostet hatte, wurde mit der Bahnreform Anfang Januar 1994 ein wichtiger Schritt auf dem Wege zur Beendigung eines staatlichen Monopols unternommen, das seit 1920 ununterbrochen Bestand gehabt hatte. Dieser Schritt kennzeichnet eine grundlegende Abkehr von der Überzeugung, im Verkehrssektor würden die Marktprozesse nicht zu den erwünschten Ergebnissen führen.
Die Sonderstellung der Eisenbahnen ist ehemals mit Gemeinwohlpflichten, der Gefahr ruinöser Konkurrenz und der Unterversorgung in einem natürlichen Monopol begründet worden. Traditionell wurde eine Lösung der hiermit verbundenen Effizienzverluste in einer staatlichen Regulierung des gesamten Verkehrsmarktes gesehen: Die Bundesbahn wurde als staatlicher Monopolbetrieb geführt, und zusätzlich beschränkten zahlreiche Regelungen den Wettbewerb zwischen den verschiedenen Verkehrsträgern. Die Versorgung mit Verkehrsleistungen wurde behördlich festgelegt, und die entstehenden Verluste wurden durch eine staatliche Subventionierung ausgeglichen. Diese faktische Kostendeckungsgarantie schaltete die Anreize zum effizienten Betrieb aus und trieb die Kosten in die Höhe. Die betrieblichen Ineffizienzen waren zuletzt so groß, daß nicht einmal die Personalkosten gedeckt wurden. Die behördliche Struktur verhinderte zudem eine klare Kundenorientierung als Dienstleister. Die Bahn war trotz aller Protektion immer weniger der zunehmenden Konkurrenz durch Straßen- und Luftverkehr gewachsen, hat dramatisch an Marktanteilen verloren und untragbare Defizite verursacht.
Die Bahnreform soll diese Probleme durch Privatisierung und Deregulierung lösen. Die privatwirtschaftliche Organisation verbunden mit unternehmerischer Freiheit in der Gestaltung von Preisen und Streckenangebot soll die Konkurrenzfähigkeit der Bahn erhöhen. Die Bereitstellung des Schienennetzes (die Ursache des natürlichen Monopols) wurde von der eigentlichen Verkehrsleistung organisatorisch getrennt. Damit wird die Möglichkeit einer Konkurrenz im Betrieb eröffnet. Außerdem wurde die Belastung der Bahn durch struktur- und sozialpolitische Aufgaben abgeschafft. Sind öffentliche Körperschaften an der Aufrechterhaltung von unrentablen Strecken interessiert, müssen sie für die entstehenden Betriebsverluste aufkommen.
Konrad Zoz, Jens Köke

Beggar Thy Neighbour

Die Währungspolitik Italiens in den 70er Jahren
Zusammenfassung
Italien durchlebte in den siebziger Jahren eine unaufhaltsame Talfahrt der Lira, nachdem 1973 das seit 1944 bestehende Weltwährungssystem von Bretton Woods zusammengebrochen und der Versuch der EG-Länder gescheitert war, untereinander einen eigenen Wechselkursverbund, die sogenannte Währungsschlange, aufrechtzuerhalten. Nur wenig später wurde die Weltwirtschaft durch die erste Ölkrise erschüttert. Gleichzeitig war diese Phase flexibler Wechselkurse in Italien gekennzeichnet durch eine Explosion der Staatsdefizite, eine zunehmende Deckung dieser Defizite über Geldmengenausweitungen und zweistellige Preissteigerungsraten, die die Realzinsen über Jahre hinweg negativ werden ließen. Dies verstärkte die Kapitalflucht aus Italien, der die Regierung durch Kapitalverkehrskontrollen entgegenzuwirken trachtete.
Von den anderen europäischen Ländern mußte sich Italien damals den Vorwurf gefallen lassen, es hätte die Abwertung als Mittel zur Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit und damit zur „Verbesserung“ seiner Leistungsbilanz nutzen wollen. Diese Fallstudie zeigt, wie problematisch eine solche Politik der kompetitiven Abwertung sein kann. Am Beispiel Italiens in den siebziger Jahren sieht man, daß Abwertungen nicht unbedingt die Wettbewerbsfähigkeit erhöhen, wenn sie von hohen Inflationsraten begleitet werden. Es wird deutlich, wie stark der Erfolg einer Abwertung von den politischen und institutionellen Rahmenbedingungen wie der Stellung der Zentralbank, der Macht der Gewerkschaften und der politischen Stabilität eines Landes abhängt. In Italien begünstigten die Indexierung der Löhne und die Abhängigkeit der Zentralbank das Entstehen einer Inflationsspirale, die einen Großteil der positiven Effekte der Abwertung auf die Wettbewerbsfähigkeit Italiens wieder zunichte machte. Insgesamt waren daher die Auswirkungen der Abwertung auf die italienische Wettbewerbsfähigkeit eher gering, der Schaden an der makroökonomischen Stabilität aber groß.
Isabel Gödde

Die EWS-Krise 1992/93

Die Bundesbank im Zielkonflikt
Zusammenfassung
Das 1979 gegründete europäische Währungssystem (EWS) hatte bis zur Unterzeichnung des Maastrichter Vertrags im Dezember 1991 recht spannungsfrei funktioniert, so daß die Hoffnung berechtigt schien, daß man die dort vereinbarte Europäische Währungsunion (EWU) plangemäß realisieren könne. Die Einbeziehung des portugiesischen Escudo in den Wechselkursverbünd im April 1992 verstärkten diese Hoffnung.
Stattdessen geriet das EWS jedoch im September 1992 in eine massive Krise, die im August 1993 mit der faktischen Aufgabe des Wechselkursverbundes endete. Als Folge der EWS-Krise wurde die D-Mark gegenüber den europäischen Währungen sowohl nominal als auch real deutlich aufgewertet. Damit setzte sich der Aufwertungstrend der D-Mark, den sie seit der deutschen Wiedervereinigung 1990 schon gegenüber den nichteuropäischen Währungen (insbesondere dem US-Dollar) erfahren hatte, auch innereuropäisch durch.
Die Fallstudie zeigt, wie ein massiver realer Schock in einem Land, in diesem Fall die Wiedervereinigung in Deutschland, ein System fester Wechselkurse zum Einsturz bringen kann. Der Versuch, einen solchen Schock ohne ein Realignment der Wechselkurse zu überstehen, ist zum Scheitern verurteilt. Die Fallstudie zeigt ferner, daß die Zentralbanken in einem Wechselkursverbund einem geldpolitisch brisanten Zielkonflikt unterliegen: Sie können nicht gleichzeitig das Preisniveau und die Wechselkurse stabil halten, wenn sich das reale Gleichgewicht verschoben hat.
Matthias Rapp, Melanie Lührmann

Der Ölschock

Die deutsche Wirtschaftspolitik in der Krise
Zusammenfassung
Im Herbst des Jahres 1973 beschloß die Organisation Erdölexportierender Länder (OECD) einen Lieferboykott der westlichen Industrieländer. Damit nahm die erste tiefgreifende Rezession der Nachkriegszeit — die Ölkrise — ihren Anfang. Diese Fallstudie zeigt am Beispiel der Bundesrepublik Deutschland auf, wie im Gefolge der Ölkrise nicht nur die Ölpreise dramatisch anstiegen, sondern auch die Inflation einen neuen Schub erhielt; gleichzeitig begann die Arbeitslosigkeit stetig anzusteigen. Dieses gemeinsame Auftreten von Inflation und Arbeitslosigkeit stellte ein Novum dar.
Die Ölkrise markiert aber auch in der langfristigen Entwicklung der Ökonomie einen Wendepunkt: In der Bundesrepublik Deutschland erreichten die Wachstumsraten des Sozialprodukts nach Überwindung der Rezession nie wieder die hohen Werte der Zeit vor der Ölkrise. Die Arbeitslosigkeit, die vor der Krise unbekannt gewesen war, bildete sich seitdem nie wieder auf das alte Niveau zurück. Statt dessen strebt die Arbeitslosigkeit seither mit jeder neuen Rezession einem neuen Höchststand zu.
Einen zweiten Schwerpunkt dieser Fallstudie bilden die Reaktionen der wirtschaftspolitischen Akteure. Das gleichzeitige Auftreten von Inflation und Arbeitslosigkeit verbunden mit dem Fehlschlag der nachfrageorientierten Globalsteuerung in der Bekämpfung der Krise verunsicherte die Wirtschaftspolitik und leitete weltweit einen grundlegenden Paradigmen Wechsel ein. Wirtschaftspolitiker aller Couleur mußten die Untauglichkeit von Nachfragestimulierung bei Vorliegen eines angebotsseitigen Schocks erkennen. In der Bundesrepublik dokumentiert sich dieser Paradigmenwechsel vor allem in der Geldpolitik der Bundesbank, die nunmehr seit zwanzig Jahren eine erfolgreich Politik betreibt, die sich konsequent an dem Ziel der Geldwertstabilität orientiert und auf expansive Impulse verzichtet. In vielen westlichen Industriestaaten setzte sich zudem eine angebotsorientierte Wirtschaftspolitik durch, die als eine Reaktion auf die Wachstumsschwäche im Gefolge der Ölkrise gesehen werden kann.
Isabel Gödde

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