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Über dieses Buch

Die Frage, inwiefern Erziehung auf die Arbeitswelt vorbereitet und vorbereiten soll, ist eine die seit der frühen Industrialisierung diskutiert wird. Denn im Unterschied zur traditionellen Ökonomie des Hauses, die auf Reproduktion der Arbeitskraft und Nachwuchsrekrutierung durch eng begrenztes familiäres Zur-Verfügung-Stellen von Ressourcen setzte, begibt sich seit dem industrialisierten 19. Jahrhundert die Mehrzahl junger Menschen in organisierte Bildungsprozesse und anschließend auf den Arbeitsmarkt, wo sie ihre Fähigkeiten feilb- ten müssen. Im Verlaufe des 20. Jahrhunderts hat sich ein System etabliert, das in der Form des Berufs und der beruflichen Bildung eine breite Akzeptanz gewann. Denn der Beruf als Ausbildungsberuf sicherte nicht nur die Allokation in der Arbeitswelt, sondern war auch Garant dafür, dass Qualifikationen in ausreichendem Maße zur Verfügung standen. Als solide Qualifikationsbasis, die darüber hinaus ein gewisses Maß an allgemeiner Bildung vermittelt, sollte der Beruf einerseits gesellschaftliche Integration gewährleisten und an- rerseits die individuelle Lernbereitschaft und Flexibilität erhöhen. Die aktuelle Kritik am Beruf nimmt Katrin Kraus zum Ausgangspunkt, nochmals grundlegend das Verhältnis zwischen Bildung und Arbeitswelt zu thematisieren. Indem sie hier auf ein Konzept des Erwerbs Bezug nimmt, öffnet sie den Blick dafür, dass der Beruf als Bildungsweg nur eine Möglichkeit ist, sich auf Arbeit einzulassen, obwohl sich die Berufsförmigkeit der Arbeit und darauf fokussierter Bildungsmaßnahmen im deutschen Kontext insoweit verfestigt hat, dass Alternativen diesbezüglich kaum mehr in den Blick gerieten.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

1. Einleitung

Auszug
Seit mehreren Jahren wird eine intensive Debatte über einen grundlegenden Wandel der Erwerbsarbeit geführt. Dabei geht es auch darum, in welcher Form die individuelle Befähigung für Erwerbstätigkeit gesellschaftlich wie pädagogisch sinnvoll gestaltet werden kann. Die Frage, ob damit ein Übergang vom „Beruf“ zur „Employability“ eingeläutet ist, spitzt die aktuelle Auseinandersetzung in pointierter Weise zu.

2. Arbeit, Erwerb und Pädagogik

Auszug
Es gibt traditionell vielfältige Verbindungen zwischen Arbeit auf der einen Seite und Erziehung auf der anderen Seite: Erziehung durch Arbeit und Erziehung zur Arbeit (vgl. Gonon 2004a) sowie Erziehung als Arbeit. Die Relation, die in dieser Abhandlung im Mittelpunkt steht, ist die „Erziehung zur Arbeit“, denn diesen Aspekt thematisieren sowohl Employability wie das Berufskonzept. Die Bezugnahme der Pädagogik auf die Arbeitswelt ist in Deutschland im Wesentlichen über das Berufskonzept gestaltet. Bevor „Employability“ und „Beruf“ in den folgenden Kapiteln analysiert werden, soll hier zunächst in einer Auseinandersetzung mit dem Begriff und den Formen der „Arbeit“ Klarheit darüber gewonnen werden, wie dieses ‘Gegenüber der Pädagogik’ genauer zu bestimmen ist.

3. „Employability“ — Ansatz, Diskurs und Kontexte

Auszug
Mit dem Stichwort „Employability“ ist ein aktueller Diskurs angesprochen, der sich seit einigen Jahren vor allem in politischen, arbeitsmarktbezogenen und personalwirtschaftlichen Diskussionen etabliert hat. „Employability“ bezieht sich auf die Möglichkeit, einer entlohnten Beschäftigung nachzugehen. Der Begriff betont dabei in erster Linie die individuelle Seite dieser Möglichkeit, d.h. die vom Individuum einzubringenden Voraussetzungen, die sich auf verschiedene Aspekte, wie Qualifikationen, Flexibilität oder die Möglichkeit zur Mobilität, erstrecken können. Zur Bezeichnung dieser individuellen Fähigkeiten und Bereitschaften hat sich im Deutschen neben der Übersetzung mit „Beschäftigungsfähigkeit“ vor allem die englische Variante „Employability“ durchgesetzt, beide Begriffe werden synonym verwendet.

4. Das Berufskonzept — Entwicklung, Kritik, Stand und Perspektiven

Auszug
Mit dem “Beruf steht hier ein Konzept im Blickpunkt, das über die Berufsbildung im engeren Sinne hinaus Bedeutung hat. Seine Etablierung als ‘Kern’ des so genannten Dualen Systems der Ausbildung, in dem bis heute der überwiegende Teil eines Altersjahrgangs in Deutschland eine Berufs-Ausbildung absolviert, nimmt ihren Ausgangspunkt in mittelalterlichen Handwerkstraditionen, wurde aber auch von anderen Wirtschaftsbereichen und mit der Einführung der Berufsschule am Beginn des 20. Jahrhunderts auch als Feld staatlichen Handelns aufgegriffen. Mit dem Beruf ist einerseits die fachliche Qualifizierung verbunden, er ist aber andererseits auch ein Bestandteil der Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung der Bundesrepublik. Beim Berufskonzept handelt es sich darüber hinaus um einen ‘Traditionsbestand’ der deutschen Pädagogik, die an der Transformation der mittelalterlichen Lehre zur modernen „Berufsbildung“ erheblichen Anteil hatte.

5. Der Ansatz des Erwerbsschemas

Auszug
Der Ausgangspunkt für die folgenden konzeptionellen Überlegungen zum Erwerbsschema als gemeinsamem Bezugspunkt von Pädagogik, Individuum und Erwerbssphäre sind insbesondere die Diskussionen um neue Produktions- und Arbeitsformen und die damit einhergehenden Veränderungen der Anforderungen an die Beschäftigten. Diese Diskussionen um neue Formen (abhängiger) Beschäftigung haben auch eine pädagogische Dimension: Zum einen entstehen durch neue Arbeitsformen neue Qualifizierungsbedarfe in fachlicher und überfachlicher Hinsicht. Zum anderen zeigen sowohl historische Forschungen zur Industrialisierung wie auch Ergebnisse verschiedener aktueller Studien zu neuen Arbeitsformen, dass die damit jeweils verbundenen Anpassungsleistungen über die üblichen Formen der Qualifizierung hinausgehen und auch eine persönliche Dimension sowie den Lebenszusammenhang außerhalb des Arbeitsplatzes mit einbeziehen (vgl. u.a. Raeder/Grote 2000, Lehmkuhl 2002, Pongratz/Voß 2003, Hochschild 2002 und 2003, Kratzer 2003). Diese Untersuchungen verdeutlichen, dass die spezifische Orientierung der Menschen an Erwerbsarbeit eine wichtige Grundvoraussetzung für die Sicherung des Lebensunterhalts innerhalb der jeweils bestehenden Form der gesellschaftlichen Arbeitsorganisation ist. Im Ansatz des Erwerbsschemas wird dies daher als eine von insgesamt drei Dimensionen berücksichtigt: Neben der Fachlichkeit und den überfachlichen Kompetenzen ist in diesem Ansatz strukturell auch die Dimension der Erwerbsorientierung als Teilaspekt der individuellen Voraussetzung für Erwerbsarbeit einbezogen.

6. Schlussfolgerungen — „Vom Beruf zur Employ ability?“

Auszug
Ausgangspunkt für die Fragestellung — „Vom Beruf zur Employability?“ — war die Beoachtung, dass sich vor dem Hintergrund ökonomischer und gesellschaftlicher Veränderungen sowohl eine deutliche Kritik am Berufskonzept als auch ein Diskurs über Employability entwickelt hat. „Employability“ und “Beruf sind beide darauf ausgerichtet, die Anforderungen von Erwerbsarbeit an die Individuen zu konzeptionalisieren und damit auch einen Bezugspunkt für Pädagogik darzustellen. Daraus ergibt sich ein Spannungsverhältnis zwischen beiden, das die Frage ihres Verhältnisses zueinander aufwirft. Um diese Frage zu diskutieren, erfolgte im zweiten Kapitel zunächst eine Auseinandersetzung mit dem Arbeits- und dem Erwerbsbegriff, der Entwicklung von Arbeitsorganisation, der Berufspädagogik sowie einer im Allgemeinen auf die Voraussetzungen für Erwerbsarbeit bezogenen Pädagogik. Dabei wurde der Begriff einer „Pädagogik des Erwerbs“ bzw. einer „erwerbsorientierten Pädagogik“ vorgeschlagen, mit dem zusammenfassend die verschiedenen pädagogischen Formen bezeichnet werden können, die sich auf die Befähigung zur Erwerbsarbeit beziehen. Das Berufskonzept stellt damit eine spezifische, historisch entwickelte Form des Bezugs der Pädagogik auf Erwerbsarbeit dar, deren Bedeutung sich aus den jeweiligen Kontextbedingungen ergibt. Aufbauend auf den Überlegungen zur „Pädagogik des Erwerbs“ wurde der Ansatz des Erwerbsschemas entwickelt, der mit seinen drei Dimensionen (Fachlichkeit, überfachliche Kompetenz und Erwerbsorientierung) eine strukturelle Beschreibung des gemeinsamen Bezugspunkts von Pädagogik, Individuum und Erwerbssphäre darstellt. In der Bezugnahme unterschiedlicher Akteure auf das Erwerbsschema ist zwischen der Konstruktionsebene, auf der die inhaltlich konkrete Gestaltung stattfindet, und der Rezeptionsebene, d.h. einer je spezifischen Bezugnahme und Interpretation, zu unterscheiden.

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