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24.11.2020 | Angewandte Geographie | Ausgabe 4/2020 Open Access

Standort 4/2020

Vom Elfenbeinturm auf die Straße und zurück – Kompass für ein solidarisches Quartier

Zeitschrift:
Standort > Ausgabe 4/2020
Autoren:
Maximilian Hellriegel, Sara Schmitt Pacífico

Kompass für ein solidarisches Quartier – wie aus Theorie Praxis werden kann

Raus aus dem Elfenbeinturm – rein in die Stadt! Der Neoliberalismus mit dem Mantra der Privatisierung und Individualisierung erschien viele Jahre als alternativloses Credo in städtischem Regierungshandeln (Swyngedouw 2013), was sich vielerorts in Stadtentwicklungsprojekten und Aufwertungsmaßnahmen niederschlägt, die sich vornehmlich privaten Kapitalinteressen unterordnen (Harvey 2013). Durch die sich zuspitzenden Konflikte um öffentliche Räume und Wohnraum in den urbanen Ballungsräumen erwuchs in der vergangenen Dekade eine stetig wachsende Bewegung stadtpolitischer Initiativen (Vogelpohl et al. 2017), die eine Reihe von Gegenentwürfen zum gesellschaftlichen Status quo mobilisieren konnten. Diese Strukturen einer solidarischen Stadtentwicklung stehen im Fokus des vorliegenden Beitrags, der auf den Ergebnissen einer gemeinsamen Masterarbeit der Autorin und des Autors fußt. Dabei steht die Frage im Vordergrund, welche Gegenentwürfe zu aktuell herrschenden Paradigmen in der Stadtentwicklung uns Wege hin zu einer solidarischen Praxis auf Quartiersebene zeigen. Dieser Frage möchten wir mit den Mitteln einer angewandten kritischen Geografie und in Form einer aktivistischen Forschung nachgehen. Im Fokus unserer Untersuchung stehen Ansätze, die sich den Tendenzen einer neoliberalen Stadtentwicklung mit konkreten Strategien und Instrumenten entgegensetzen und solidarische Wege beschreiten. Ziel ist es, stadtpolitische Transformationsprozesse wissenschaftlich zu verhandeln, dabei aktivistische Initiativen zu begleiten und gesellschaftliche Veränderungen in der Sphäre der kritischen Wissenschaft voranzutreiben. Wir nehmen diesen Beitrag zum Anlass, „neue Formen gesellschaftlicher Ermächtigung in den Nischen, Freiräumen und an den Rändern der kapitalistischen Gesellschaft“ aufzuspüren (Wright 2017, S. 415) und diese sichtbar zu machen.
Den theoretischen Zugang unserer Forschung liefert eine Auseinandersetzung mit dem Begriff der Utopie sowie dessen Bedeutung für angewandte Forschung. Methodisch versuchen, wir klassische Pfade akademischer Wissensproduktion zu verlassen, und widmen uns den Ansätzen aktivistischer Stadtforschung. Die Ergebnisse der Arbeit haben wir grafisch so aufgearbeitet, dass sie auch außeruniversitär nutzbar sind und gesellschaftliche Debatten um eine Stadt für Alle anstoßen. So ist der „Kompass für ein solidarisches Quartier“ in Form eines Faltblatts entstanden, der als konkretes Praxisbeispiel einer angewandten kritischen Geografie dient.

Kritik und dann? Utopien!

Der Fokus kritischer Wissenschaft liegt auf der Analyse gesellschaftlicher Kräfte- und Herrschaftsverhältnisse – positive Zukunftsbilder einer besseren Gesellschaft finden dort nur selten Platz. Mit unserem Beitrag möchten wir den Versuch starten, uns auf Zukunftsbilder zu konzentrieren und diese auf einen herrschaftskritischen Hintergrund zu zeichnen. Dabei hilft uns ein Blick auf die Denkfigur der Utopie.
Der von Ernst Bloch geprägte Begriff der konkreten Utopien ( 1985a) verweist auf die Bedeutung von Utopien für eine politische Praxis und auf damit entstehende Möglichkeitsräume für gesellschaftliche Transformationsprozesse. Diesen Ausführungen folgend, begreifen wir „die wesentliche Funktion, die dann Utopie hat, […] [als] eine Kritik am Vorhandenen“, mit einem gleichzeitigen Augenmerk auf darin verborgene Möglichkeiten und Hoffnungen (Bloch 1985b, S. 362). Es geht uns dabei um eine „Negation des Bestehenden, Intention auf Besseres, Konkretion von Möglichkeiten [und] Motivation von Aktivitäten“ (Neupert-Doppler 2015, S. 179–180). David Harvey ( 2000) knüpft an diese Arbeiten an, indem er in seinem Werk „Spaces of Hope“ den Ansatz der konkreten Utopien für Debatten in der kritischen Geografie aufbereitet. Er zeigt auf, dass utopisches Denken und Bewusstsein in konkreten räumlichen Möglichkeiten verankert sein kann – in sog. „spaces of hope“. Jene Orte haben die Fähigkeit, durch die in ihnen verankerten räumlichen Utopien den kapitalistischen Diskurs umzuschreiben (Harvey 2000, S. 17). Eric Olin Wright bezeichnet solche Räume als reale Utopien ( 2017). Dahinter steht der Gedanke, den gesellschaftlichen Status quo dadurch zu verändern, „dass in den Räumen und Rissen innerhalb kapitalistischer Wirtschaften emanzipatorische Alternativen aufgebaut werden und zugleich um die Verteidigung und Ausweitung dieser Räume“ gekämpft wird (Wright 2017, S. 11).
Die „Einheit von Hoffnung und Prozesskenntnis“ (Bloch 1985a, S. 727) – also die kritische Analyse des gesellschaftlichen Status quo bei gleichzeitiger Reflexion sich daraus ergebender Möglichkeitsräume – sehen wir als produktiven Ausgangspunkt für eine angewandte kritische Geografie.

Raus aus dem Elfenbeinturm

Wir vertreten den Standpunkt, dass eine angewandte kritische Geografie nicht nur klar Position zu gesellschaftlich bedeutsamen Themen beziehen sollte, sondern sich auch an Fragestellungen orientieren sollte, die für soziale Bewegungen eine hohe Relevanz haben. Akademische Wissensproduktion sollte für politische Initiativen nutzbar und zugänglich gemacht werden – ein Ansatz, der sich auch in der Entstehung dieses Beitrags und in unserer eigenen Position widerspiegelt. Wir haben diesen Beitrag als Stadtforscherin und Stadtforscher und als Aktivistin und Aktivist verfasst. (Stadt-)politisch aktiv waren wir zur Zeit der Entstehung der Arbeit in der Gruppe Eine Stadt für Alle! Wem gehört die ABG? in Frankfurt am Main, die wiederum Teil des bundesweiten Recht auf Stadt-Netzwerkes ist. Ziel war es, eine produktive Verbindung von politischer und wissenschaftlicher Arbeit zu schaffen, ohne dabei den kritischen Blick auf das eigene Handeln zu verlieren.

Aktivistisch forschen hat Methode

Anstatt Bewegungen und deren Funktionsweise wissenschaftlich zu erklären, versuchen wir mit unserem Praxisbeispiel einen Beitrag zu gesellschaftlichen Transformationsprozessen zu leisten (Halder 2017, S. 45). Dafür nutzen wir den Ansatz der aktivistischen Stadtforschung (Füllner 2016), welcher die Möglichkeit bietet, sich der „gesamten Bandbreite der Methoden der empirischen Sozialforschung“ bedienen zu können (Schipper 2018, S. 15). Die Ergebnisse unserer Forschung sollen nach Veröffentlichung im „Dienst sozialer Bewegungen und politischer Aktivist*innen“ stehen (Füllner 2016, S. 50). Nichtakademische Wissensproduktion von sozialen Bewegungen in Blogs, Broschüren, Flyern etc. erkennen wir im Sinne eines „wechselseitigen Lernprozesses“ als Expertise an (Schipper 2018, S. 15). Die von uns untersuchten Initiativen und deren Arbeitsfelder haben wir als reale Utopien definiert; ihr Wissen in gedruckter oder digitaler Form lieferte die Grundlage unseres Beitrags. Zusätzlich haben wir uns mit einzelnen Initiativen persönlich getroffen, um der Frage nachzugehen, wie ähnliche Projekte an anderen Orten vervielfältigt werden können. Gemeinsam haben wir versucht, problemzentriert an dem Kompass zu arbeiten, entscheidend war dafür die Offenlegung unserer Doppelrolle als Wissenschaftlerin und Wissenschaftler und Aktivistin und Aktivist.
Die unterschiedlichen Analysemethoden verfolgen alle das Ziel, gemeinsam mit Aktiven aus stadtpolitischen Gruppen und Initiativen „etwas zu verändern“ (Halder 2017, S. 38), sie mit unseren Erkenntnissen zu stärken (Füllner 2016, S. 91) und ihr Wissen in die akademische Wissensproduktion aufzunehmen.
In unserem Praxisbeispiel stellen wir reale Utopien, die uns Wege zum „Bau einer neuen Gesellschaft im Gehäuse der alten“ zeigen (Wright 2017, S. 442), in den Vordergrund. Die von uns herangezogenen Initiativen und Basisgruppen vertreten „radikaldemokratisch-egalitäre und emanzipatorische Ideale“ und vermitteln „gangbare Alternativen zu bestehenden Arrangements“ (Wright 2017, S. 222). Dabei haben wir den Fokus auf gegenwärtige Ansätze gelegt, die an einer anderen Art der Stadtentwicklung arbeiten und in unterschiedlichen Feldern für eine Stadt für Alle kämpfen.

Der utopische Raum – das Quartier als Space of Hope

Als Maßstabsebene für unser Praxisbeispiel haben wir das Quartier gewählt. Diese Perspektive ermöglicht es uns, Fragen, die für eine solidarische Stadtentwicklung von zentraler Bedeutung sind, zu behandeln. Denn ein Quartier kann als Abbild gesamtgesellschaftlicher Entwicklungen interpretiert (Schnur 2008, S. 30) und als räumliche Ebene zwischen Individuum und Gesellschaft gelesen werden (Vogelpohl 2008, S. 72). Um konkrete Ansatzpunkte für ein solidarisches Quartier herauszuarbeiten, haben wir 4 Handlungsfelder definiert, die für gesamtstädtische Prozesse und gesamtgesellschaftliche Entwicklung von Relevanz sind und sich von der Quartiersebene abstrahieren lassen. Die Themen Planen, Wohnen, Freiräume und urbanes Grün und Infrastrukturen bilden die 4 Handlungsfelder, die wir für die Entwicklung des Kompasses heranziehen.

Mit Utopien kritisch denken

Dem Ansatz von Utopien folgend, haben wir im ersten Arbeitsschritt in den 4 Feldern den Forschungsstand aus herrschaftskritischer Perspektive zusammengefasst. Aus dieser Übersicht werden vielschichtige Handlungsbedarfe für die Frage, wie eine solidarische Stadt aussehen kann, sichtbar. Basierend auf dieser Analyse, haben wir im zweiten Arbeitsschritt stadtpolitische Initiativen ausgewählt, die jene Bedarfe aufgreifen und im Sinne realer Utopien Gegenkonzepte entwickeln. Dabei haben wir uns mit etwa 25 Gruppen und Initiativen aus dem deutschsprachigen Raum auseinandergesetzt, darunter u. a. Stadt von Unten Berlin, die PlanBude Hamburg, das Solidarity Cities-Netzwerk, das Netzwerk Care Revolution oder die Poliklinik in Hamburg.
Was können wir von der Herangehensweise und Praxis dieser Beispiele lernen? Was ist übertragbar? Welche allgemeingültigen Prinzipien für ein solidarisches Quartier lassen sich ableiten? Basierend auf diesen Fragen, haben wir in den 4 Feldern wichtige Teilaspekte, die Wege hin zu einer gesellschaftlichen Emanzipation aufzeigen, herausgearbeitet und im „Kompass für ein solidarisches Quartier“ zusammenfassend dargestellt.

Ein Blick auf die herrschenden Verhältnisse und real-utopische Antworten

Die kapitalistische Urbanisierung neigt fortwährend dazu „die Stadt als soziales, politisches und lebenswertes Gemeingut zu zerstören“ (Harvey 2013, S. 148). Die katastrophalen Folgen dieser Zerstörung lassen sich in allen 4 beschriebenen Handlungsfeldern ablesen – sei es durch die Unterordnung von (Stadt‑)Planungsprozessen unter Kapitalverwertungsinteressen, die sich zuspitzende soziale Krise auf dem Wohnungsmarkt, die Kommerzialisierung öffentlicher Räume, die Zerstörung von Grünräumen oder die Auslagerung öffentlicher Infrastrukturen in den Privatsektor. Die Ergebnisse unseres ersten Analyseschrittes lassen Tendenzen erkennen, die wir im Rahmen des vorliegenden Beitrags nur stichwortartig unter Kommodifizierung, Privatisierung, Deregulierung und Individualisierung zusammenfassen können.
Die von uns ausgewählten realen Utopien setzen an diesen Aspekten an und stellen den beschriebenen Tendenzen alternative Praktiken, Entwürfe und Modelle entgegen. Die dafür herangezogenen Strategien sind je nach Themenfeld unterschiedlich, verfolgen aber gemeinsame, übergeordnete Ziele und lassen sich in den Begriffen wie Dekommodifizierung, Demokratisierung, Vergesellschaftung und Solidarität bündeln.
Solidarität beschreibt die Beziehung zwischen Menschen, die von kollektivem Handeln und gegenseitigem Helfen geprägt ist. Die alltägliche Praxis der ausgewählten realen Utopien zeigt, wie „solidarische Beziehungsweisen“ zwischen unterschiedlichen Akteuren eingegangen werden können (Adamczak 2017, S. 32). Sie sind von „utopischer Praxis“ und von „praktisch-utopischen Forderungen“ geprägt, die „eine bedürfnisorientierte, […] solidarische Beziehungsweise gegen die tauschwertorientierte, kapitalistische“ setzen (Adamczak 2017, 2018, S. 32–33). Das Knüpfen dieser Beziehungen beschreibt einen kleinteiligen Prozess, dessen einzelne Teile in ihrer Summe den Weg zu einer emanzipatorischen Gesellschaft ebnen können. Dekommodifizierung bezieht sich primär auf Güter, Dienstleistungen und Infrastrukturen, die „ganz oder teilweise den Marktlogiken“ entzogen und „aus Verwertungs- bzw. Kapitalkreisläufen“ herausgenommen werden (Schipper 2018, S. 1). Darin spielt Demokratisierung, als „radikal-reformistische Transformationsperspektive“ (Martin und Wissel 2018, S. 213) eine entscheidende Rolle, da dekommodifizierte Bereiche nicht allein dem Staat untergeordnet, sondern in Verwaltungs- und Organisationsformen übertragen werden sollen, in denen die Nutzerinnen und Nutzer über öffentliche Güter – von Gesundheit über Energie bis hin zu Infrastrukturen wie Wohnen und Mobilität – mitbestimmen können. Zivilgesellschaftliche Kräfte sollen diese Güter politisch steuern können. Betrachtet man das Zusammenwirken von Dekommodifizierung und Demokratisierung, resultiert dies in Prozessen der Vergesellschaftung. Damit werden zugleich Ziel und Prozess einer kollektiven Wiederaneignung von Gütern und Infrastrukturen, die sich durch die kapitalistische Wirtschaftsweise in Privatbesitz befinden und unter Verwertungszwang stehen, beschrieben.
Die 4 genannten Aspekte sind zentrale Bedingungen für die Verwirklichung realer Utopien und entscheidende Schritte in Richtung gesellschaftlicher Transformation. Die real-utopischen Beispiele füllen diese abstrakten Begriffe mit Leben. Ihre Praktiken zeigen uns, wie wir gemeinsam an einer Stadt für Alle arbeiten können und wie diese von allen Bewohnerinnen und Bewohnern gestaltet, produziert und genutzt werden kann.

Poliklinik Veddel – ein real-utopisches Beispiel

Anhand der Poliklinik Veddel in Hamburg möchten wir beispielhaft einzelne Antworten auf die Frage, wie städtische und soziale Infrastrukturen neu gedacht und demokratisch organisiert werden können, veranschaulichen. Die Poliklinik Veddel ist ein Gesundheits- und Stadtteilzentrum in Veddel. Die Hamburger Gruppe nutzt die seit 2004 bestehende Möglichkeit, ein sog. medizinisches Versorgungszentrum zu gründen, um lokal ein „Gesundheitssystem von unten“ aufzubauen und einen „Ort des Treffpunkts und Austausches, der Bildung und kulturellen Aktion für Menschen aus der Nachbarschaft“ zu schaffen (Poliklinik Veddel 2015, S. 14–15). Basierend auf der Analyse, dass „politische und soziale Faktoren wie Mietsteigerungen, geringes Einkommen, prekäre Beschäftigungsverhältnisse, Rassismus oder Altersarmut“ die Gesundheit beeinflussen, versucht die Initiative, die „Ökonomisierung des ambulanten Sektors aufzuhalten“ und stattdessen ein Solidarsystem aufzubauen (Poliklinik Veddel 2018). Dies geschieht durch „kontinuierliche Gemeinwesenarbeit in Form von Präventionsprojekten“, mit denen versucht wird, „Gesundheitsproblemen auch kollektiv zu begegnen“ (Poliklinik Veddel 2018). Dabei sollen einerseits Statusunterschiede innerhalb der Gesundheitsberufe abgebaut werden, und anderseits soll die Selbstbestimmung der Patientinnen und Patienten gestärkt werden. Mit einem „starken Fokus auf gesellschaftlich krankmachende Faktoren wie ungleiche Einkommen, Wohnverhältnisse, Rassismus, Umweltbedingungen und Bildung“ werden Gesundheit und Krankheit individuell und gesellschaftlich-kollektiv verhandelbar gemacht (Poliklinik Veddel 2018). Damit „soll der neoliberalen Erzählung von Eigenverantwortung, individuellen Risikofaktoren, und Verhaltensprävention begegnet werden“ (Poliklinik Veddel 2018).
Die Arbeit der Aktivistinnen und Aktivisten basiert auf einer umfassenden Sozialraumanalyse und dem engen Kontakt zu den Akteurinnen und Akteuren im Stadtteil. Entscheidend dabei sind ein breit angelegtes Verständnis von Gesundheit und die Analyse des Status quo im Gesundheitswesen. Den gilt es nach Meinung der Poliklinik, grundlegend zu verändern
mit einem Konzept, das sich den Herausforderungen unserer Zeit stellt, in dem das Postmigrantische als Stärke und nicht als Problem gesehen wird, in dem die krankmachenden Verhältnisse und nicht nur das individuelle Verhalten ins Blickfeld geraten, in dem gemeinsam über Berufsgrenzen und Rollenbilder hinweg nach kollektiven Lösungsstrategien gesucht wird, in dem eine Kultur der Teilhabe und des Willkommens eine Antwort auf Krankheit ist. (Poliklinik Veddel 2018)
Primäre Gesundheitsversorgung, Kollektivierung der gesundheitlichen Problemlage im Stadtteil und die Veränderung der Verhältnisse sind Wege, durch die an der Verbesserung der Stadtteilgesundheit gearbeitet wird. Es wird nicht nur klassische medizinische Versorgung angeboten, sondern auch Rechtsberatung, Bildungsarbeit und ein Pflegedienst.
Gemeinsam mit den Patientinnen und Patienten, Stadtteilbewohnerinnen und Stadtteilbewohnern und den Mitarbeitenden der Poliklinik wird an der Repolitisierung des Themas Gesundheit gearbeitet (Poliklinik Veddel 2015, S. 16), dabei sieht die Poliklinik ihre Aufgabe darin, die
Nutzer*innen der Poliklinik und die Bewohner*innen des Stadtteils in ihrem Recht auf gesellschaftliche Teilhabe und Mitgestaltung der Verhältnisse zu unterstützen und gemeinsam reale Utopien für eine Verbesserung der Lebensverhältnisse zu entwerfen, für deren Umsetzung zu kämpfen und sie einfach zu leben. (Poliklinik Veddel 2018)
Auf der Suche nach Grundrissen für ein solidarisches Quartier haben wir Projekte gefunden, die ihre konkrete Stadtteilarbeit mit strukturellen Fragen verbinden und so gesellschaftliche Transformation in Gang setzen. Die Poliklinik Veddel, von uns definiert als reale Utopie, zeigt wie auf lokaler Ebene „neue Formen der sozialmedizinischen, interdisziplinären Versorgung erprobt“ werden können (Rakowitz 2017, S. 4) und gleichzeitig an der „Demokratisierung des Gesundheitssystems“ als Ganzes gearbeitet werden kann (Rakowitz 2017, S. 36–37).
Die Initiative steht an dieser Stelle als ein Exempel für die vielen realen Utopien, die wir im Rahmen unserer Forschung aufgespürt und analysiert haben.

Kompass für ein solidarisches Quartier – das Praxisbeispiel

Der „Kompass für ein solidarisches Quartier“ stellt das praktische Beispiel der Umsetzung einer angewandten kritischen Geografie dar und gibt einen spielerisch-grafischen Überblick über die von uns identifizierten realen Utopien sowie deren politische Ansätze, Konzepte und Erfahrungen (Abb.  1). Im Sinne einer aktivistischen Stadtforschung haben wir die Forschungsergebnisse auf ein DIN-A1-großes Faltblatt so aufgearbeitet, dass diese auch für Menschen außerhalb eines akademischen Kontexts verständlich und nutzbar sein können. Der Kompass als Ganzes bildet Ansätze für ein positives Zukunftsbild einer Stadt für Alle ab und soll Initiativen, Projekte und soziale Bewegungen als aktivistisches Werkzeug in ihrer Arbeit unterstützen. Die vielen Beispiele regen außerdem zum Nachmachen, Weitermachen und Selbermachen an.
Soll der Ansatz einer angewandten kritischen Geografie ernst genommen werden, braucht es einen langen Atem: Nach der Forschung gilt es, die Ergebnisse für Aktivistinnen und Aktivisten aus der Universität in die Bewegung zu tragen. Notwendig dafür ist u. a. finanzielle Unterstützung. In unserem Fall hat die Rosa Luxemburg Stiftung Hessen den Druck von insgesamt 1000 Exemplaren des Faltblattes finanziert und es uns ermöglicht, unsere Ergebnisse bundesweit auf verschiedenen Foren und Treffen der Recht auf Stadt-Bewegung vorzustellen. Vor allem im Anschluss an die Arbeit ist es unserer Meinung nach von Bedeutung, von Forscherinnen und Forschern wieder zu Aktivistinnen und Aktivisten zu werden und Wissen, Erfahrungen und die uns entgegengebrachte Solidarität wieder in die Bewegung zurück zu tragen.
Der Kompass war Anlass für uns, z. B. in Frankfurt am Main eigene Veranstaltungen zum Thema zu organisieren, uns dort mit stadtpolitischen Gruppen zu vernetzen und gemeinsam über Handlungsoptionen zu diskutieren. Das Faltblatt wird immer dann zu einem Werkzeug, wenn es Debatten anstößt, Handlungsoptionen aufzeigt und zum Mit‑/Weitermachen motiviert.

Die Verhältnisse zum Tanzen bringen

Ziel unserer Arbeit war es, ein positives Bild für die Zukunft unserer Städte nachzuzeichnen, ohne dabei in naiv-utopische Visionen zu verfallen. Es gilt, herrschende Kräfteverhältnisse zu durchbrechen, den Glauben an Alternativlosigkeit abzulegen und gemeinsam an realen Utopien zu arbeiten. Wir wollen Wege zu einer Stadt für Alle aufzeigen, hegemoniale Denkblocken aufbrechen, die Verhältnisse zum Tanzen bringen und andere zum Mittanzen einladen (AG links-Netz 2013, S. 74; MEW 1 1976, S. 383). Das von uns skizzierte Faltblatt ist ein Weg für die Geografie, sich in (stadt)politische Diskussionen einzumischen und kritische Forschungsinhalte aus dem Elfenbeinturm der Akademie auf die Straßen und in die Stadtöffentlichkeit zu tragen.
Die in vielen Bereichen mobilisierten Alternativen einer solidarischen Stadtentwicklung von unten zeigen, dass auch in der Praxis fernab universitärer Arbeit ein kritischer Blick auf gesellschaftliche Entwicklungen dabei helfen kann, neue Wege zu gehen. Eine angewandte kritische Geografie ist unserer Meinung nach unverzichtbar, um soziale Innovationen aus Forschung und Gesellschaft in eine konkrete Praxis zu überführen und institutionell anzubinden. Dafür ist es wichtig, die Ressourcen und Freiräume, die Universitäten (noch) bieten, zu nutzen. Die Fusion von Aktivismus und Forschung ist eine Möglichkeit, im Rahmen des akademischen Arbeitens politische Haltung offen einzunehmen und zu kommunizieren und mit wissenschaftlicher Arbeit einen Beitrag zu gesellschaftlicher Transformation zu leisten (Halder 2017, S. 45).
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