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Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Der Kampf um Aufhebung oder Reform der Universitäten

Frontmatter

Erstes Kapitel. Die Aufhebungstendenzen

Der Berufsbildungsgedanke seit der Mitte des 17. Jahrhunderts
Zusammenfassung
Je mehr in der neueren Geschichte der weltliche Staat an Boden gegenüber der überweltlichen Autorität der Kirche gewann, desto mehr mußten sich alle Lebensgebiete zunehmend verweltlichen. Dies müssen wir voraussetzen, wenn wir den im zweiten Drittel des 18. Jahrhunderts anhebenden Kampf gegen die Universitäten verstehen wollen. Die allgemeine Wendung in der Stimmung der Menschen führte von der Spekulation zur Bewältigung dessen, was unmittelbar nottat. Vor allem sah sich das durch den Dreißigjährigen Krieg schwer verwüstete Preußen vor die Notwendigkeit gestellt, seine wirtschaftliche Integrität vom kleinsten auf wiederherzustellen. Diese Beschäftigung mit den Aufgaben des Alltags wurde zudem kräftig gefördert durch den Baconschen Humanismus, der alles Wissen in die Beherrschung von Naturkräften umzusetzen suchte, und durch den Reformationsgeist, der einen handfesten Sinn für Wirklichkeit erweckt hatte. Es ist nur zu natürlich, daß dieser neue realistische Geist sich auch in der Idee der Bildung auswirken mußte. Der Idealtyp des Gelehrten wurde immer mehr verdrängt durch den des aktiven, berufstätigen Menschen, der unmittelbar an der Beförderung der menschlichen Glückseligkeit arbeitet. „Es beweist die große Bedeutung der wirtschaftlichen Tendenzen in dem Geistesleben der damaligen Zeit, daß sich Männer, deren eigentliches Geschäft im Gebrauche der Feder und des Wortes bestand, mit dem Handwerk und den Gegenständen der Industrie befaßten und sie zum Teil selbst zu erlernen suchten.
René König

Zweites Kapitel. Auf dem Wege zur Reform

Das neue Bildungsideal an den deutschen Universitäten seit der Mitte des 18. Jahrhunderts
Zusammenfassung
Versanken bisher die meisten Wissenschaften im Stofflichen, ohne es zu einer klaren Systematik zu bringen, so blieb auch das Bildungsideal geknüpft an die systemlose, rein gedächtnismäßige Tradition des Wissens, ohne die Bedeutung der Ausbildung eines aktiven Urteilsvermögens für die Erziehung zu erkennen. Erst durch die von Descartes unternommene philosophische Begründung der Wissenschaft sollte hierin eine Änderung eintreten. Vor allem war die neue Erziehungsmethode gebunden an die Mathematik, deren Bedeutung für das philosophische Denken Descartes nach Platon neu entdeckt hatte. Diese Eignung lag aber nicht mehr — wie bisher — im Stofflichen, sondern vielmehr im Formalen begründet. Ganz allgemein sollten Kraft und Gewandtheit des Denkens und die Aufmerksamkeit durch Beschäftigung mit der Mathematik geschult werden. Lange währte es, bis mit der neuen Wissenschaftsauffassung sich in Deutschland auch die neue Erziehungsmethode durchsetzte, waren doch selbst die deutschen Cartesianer so sehr in der vom Stoffwahn besessenen Zeitströmung befangen, daß sich das formale Moment in der Erziehung nur langsam Bahn brechen konnte. Erst Christian Wolff hob die ordnende, urteilsbildende Bedeutung der Mathematik hervor und hatte mit seiner Lehre sogleich einen ungeheuren Erfolg.
René König

Drittes Kapitel. Der erste Reformversuch durch Julius von Massow

Zusammenfassung
Nichts entsteht in der Geschichte wie aus einem Guß. Selbst die Revolutionen und plötzlichen Kehrpunkte im Schicksal der Völker sind lange in ihrem Schoß angelegt, bis ein — meist ziemlich äußerlicher — Anlaß sie zur Entfaltung bringt. So war auch das Reformwerk Stein-Hardenbergs, das Preußen von Grund auf neuschaffen sollte, lange schon angelegt in der Geschichte, ehe der verlorene Krieg und Preußens Selbsterhaltung seine Ausführung zu einer Notwendigkeit machten. Es ist, als ob in den handelnden Männern ein toter Punkt überwunden werden müßte, bis das Rad der Zeit plötzlich aus unregelmäßiger Bewegung in gleichmäßiges Rollen gerät und die Geschichte in ein neues Stadium tritt.
René König

Die Universität im System der freien Selbsttätigkeit (Fichte)

Frontmatter

Erstes Kapitel. Die Entfaltung der neuen Philosophie und der Gedanke der Reform

Zusammenfassung
Der Fichtesche Organisationsplan für die Berliner Universität erwächst ganz und gar aus dem Geiste der Philosophie. In dieser Tatsache kommt die oft bemerkte innige Einheit von Philosophie und Handlungsbereitschaft zum Ausdruck, die die preußische Reformperiode charakterisiert. Die politischen Reformer schöpften den Antrieb und die Maximen ihres Handelns aus dem Geiste der Philosophie, während bei den Philosophen selber die Philosophie praktisch wurde und dazu drängte, sich in realen Lebensgestaltungen auszuwirken. Getragen wird diese Einheit von Idee und Handlungsbereitschaft von der neuen Philosophie, die in Kant und Fichte ihren ersten Höhepunkt erklimmt, und als deren Resultat sich uns die tiefinnere Durchdringung des gesamten Lebens durch den Geist darstellen wird.
René König

Zweites Kapitel. Fichtes Berliner Universitätsplan

Zusammenfassung
Gingen alle bisherigen Pläne zur Universitätsreform von der Wirklichkeit der Universität aus, so nimmt Fichte seinen Ausgang von der Idee. Damit ist nicht gesagt, daß die Wirklichkeit einfach übersehen würde; vielmehr wird ein ganz neues Verhältnis zwischen Idee und Wirklichkeit gesetzt: die Wirklichkeit hat sich nach der Idee zu richten. „Die allgemeinen Merkmale der Gründlichkeit eines Planes, der sich nicht bescheiden vermag, ein bloßer schöner Traum zu seyn, sondern der auf wirkliche und alsbaldige Ausführung Anspruch macht, sind diese: daß er zuvörderst nicht etwa die wirkliche Welt liegen lasse und für sich seinen Weg fortzugehen begehre, sondern daß er durchaus auf sie Rücksicht nehme, wiewohl allerdings nicht in der Voraussetzung, daß sie bleiben solle, wie sie ist, sondern daß sie werden solle, und daß im Fortgange nicht Er sich ihr, sondern Sie sich ihm bequeme“17. Wirklichkeit ist also nicht mehr etwas Vorge-fundenes, Hinzunehmendes, sondern ein erst zukünftig (in unendlicher Annäherung) zu Verwirklichendes, ständige Aufforderung, unendliche Aufgabe. Dies ist der bezeichnende Wirklichkeitsbegriff der Reformperiode, der allerdings von dem der Aufklärung um eine Welt geschieden ist. Wer jemals diesen in einer sittlichen Dynamik begründeten Wirklichkeitsbegriff verstanden hat, wird vor dem trivialen Urteil bewahrt sein, daß Fichtes Plan „nur“ ein Traum, „nur“ ein Ideal sei, dem „leider“ die wirklichen Verhältnisse entgegenständen. Verhältnisse der gegenwärtigen Wirklichkeit sind überhaupt nur insofern wirklich, als sie sich vor dem Ideal beugen lassen, als sie erfaßt werden von jener rastlosen Tätigkeit der absoluten Vernunft, die auch den letzten Bestandteil des Daseins zu sich hinaufzieht. Auch die Wirklichkeit hat ihre Idee, und diese ist unendliche Tätigkeit.
René König

Drittes Kapitel. Die neue Problematik

Zusammenfassung
Mit einer leidenschaftlichen Bewegung ohnegleichen ist die Universität ganz und gar in den universalen Zusammenhang des Gesamtgeistes hineingerissen worden. Alles an ihr bekommt jetzt seine notwendige Bestimmtheit aus dem Wesen der Vernunft; die Universität ist gleichsam die lebendig gewordene Vernunft, und nichts ist zufällig an ihr.
René König

Wissenschaftsbildung und Staat Die Tragödie der deutschen Universität

Frontmatter

Erstes Kapitel. Die Grundlagen zur Lösung des Problems von Wissenschaftsbildung und Staat bei Schelling

Zusammenfassung
In gerundeter Abgeschlossenheit und Selbstherrlichkeit steht das Bild der deutschen Universität vor uns, das uns als Norm und Richtmaß der Gegenwart dienen soll. Bis in die kleinsten Einzelheiten der Organisation ließe sich dies Bild ausarbeiten, so den trivialen Einwand übertönend, daß wir es hier mit einem „bloßen“ Ideal zu tun haben, das unhandlich und unausführbar vor den Forderungen der „Wirklichkeit“ jeden Wert verliert. Das Wesen jedes Ideals ist es ja gerade, ewig unwirklich zu sein, solange die Wirklichkeit nicht im Ganzen selbst zum Ideal erhöht wird; dann aber haben wir es nicht mehr mit unlebendig-vorfindbarer Gemeinwirklichkeit zu tun, sondern mit der ständigen Anspannung eines wachen Geistes, das Dasein in Natur und Kultur bis in seine letzten Ausläufer hinein gestalthaft zu meistern. Immer bleibt es das Wesen des Ideals, den Menschen aufzurufen, loszureißen vom blinden Gleichmaß des herrschaftslosen Alltags zur Höhe der Idee, in der allein Erfüllung ist. Die Zukunft gehört jener Universität, die in den Tiefen ihrer Gesamtorganisation getragen wird von diesem gewissenaufrüttelnden, vom stumpfen Sein zum selbstbewußten Sollen forttreibenden Strome. Unlösbar dem Kerne deutscher Universität eingewachsen ist der Aufschwung zur Idee; ewig bezeichnend für ihr Wesen die Unabhängigkeit von den Einflüsterungen einer „faulen Vernunft“, die ihre eigene Trägheit zu verhüllen strebt, indem sie die Abkehr von der Gemeinwirklichkeit als blasses Wahnbild verleumdet. In der Not aller Trägen findet deutsche Universität ihr unverrückbares Ziel.
René König

Zweites Kapitel. Wilhelm von Humboldts Reform des höheren Bildungswesens und ihre innere Unvollkommenheit

Zusammenfassung
Als Wilhelm von Humboldt — dessen Name in Verbindung mit der neuzugründenden Universität Berlin zuerst in einem Schreiben F. A. Wolfs an Beyme vom 19. September 1807 aufgetaucht war47 — auf Wunsch Steins an die Spitze der Sektion für öffentlichen Unterricht im Innenministerium berufen wurde, hatte er in Erziehungsfragen nicht viel mehr als eine rein praktische Erfahrung48. Zunächst bewies er auch nur wenig Interesse für das ihm zugedachte Amt, wenn auch sein Sträuben in erster Linie wohl mehr mit seiner Vorliebe für sein bisheriges Wirkungsfeld in Rom und mit seiner Unzufriedenheit über bestimmte Fragen der allgemeinen Verwaltungsorganisation zusammenhängt. Immerhin versuchte er das ihm durch königliches Reskript übertragene Amt abzulehnen (17. Januar 1809), flehte auch den König persönlich an, ihn auf seinen Gesandtenposten bei der päpstlichen Kurie zurückkehren zu lassen. Schließlich gab er jedoch auf das Drängen der Freunde, die im Weigerungsfalle Humboldts den unbeliebten Beyme auf diesen für die Zukunft der Bildungsorganisation so wichtigen Posten kommen sahen, und auf den unnachgiebigen Willen des Königs hin nach49. Als er durch Kabinettsordre vom 20. Februar 1809 in seiner Ernennung zum Chef der Unterrichtssektion bestätigt wurde, war er schon in das Studium der Akten, die ihm seine Vorgänger (vor allem von Massow und Beyme) hinterlassen hatten, vertieft und versuchte ein erstes Bild von seiner Aufgabe zu gewinnen50.
René König

Drittes Kapitel. Die unvollkommenen Verhältnisse von Wissenschaftsbildung und Staat und das verfehlte Ziel

Zusammenfassung
Wahrheitsgründung und Staatenbau sind in der Wurzel vereint. Die Universität erhält ihre gesamte Lebenssubstanz aus der gegründeten Wahrheit. Folglich ist auch ihre Existenz gebunden an die notwendige Erfüllung einer sinnvollen Beziehung zum staatlichen Sein. Die Einsicht in diese Notwendigkeit leitete sich für uns folgerichtig her aus der Entwicklung des deutschen Idealismus. Die Tragödie aber der deutschen Universität liegt darin beschlossen, daß ihr tatsächlicher Gründer andere Wege wandelte als ihre Gründer in der Idee. Erschien jenem in der Idee keineswegs die wurzelhafte Einheit von Wahrheitsgründung und Staatenbau, so täuschte er dennoch mit seinem Handeln als Staatsmann die vollzogene Vereinigung beider Mächte vor und schaffte damit recht eigentlich ein faules Verhältnis zwischen ihnen. Ein faules Verhältnis, weil aus ihm das Bewußtsein dessen, was not tat, ausgeschlossen war. Wenn aber die Idee der Wahrheit höchste Bewußtseinsanspannung voraussetzt, so ist auch der Staat als höchste Erscheinungsform der Wahrheit in der sittlichen Welt der Kultur ein Geschöpf des gespannten Bewußtseins. Letzte Bewußtheit aber wird gefordert für den, der handelnd die Regionen der Wahrheit und des Staates vereint. Es genügt also nicht, tatsächlich die Universität mit dem Staatsleben zu vereinen, vielmehr verlangt die eigentümliche Gewichtigkeit des Verhältnisses, daß es mit Klarheit geschaut und ausdrücklich gemacht werde. Darin liegt seine Vollkommenheit. Unvollkommen müssen dementsprechend alle die Verhältnisse zwischen beiden Partnern genannt werden, in denen weder Ausdrücklichkeit noch Klarheit waltet.
René König

Zum Beschluss

Zusammenfassung
Obwohl nun anscheinend die Gedankenentwicklung zum guten Ende geführt ist, wird die tragische Situation, in der die neue Universität zum Leben kam, in nichts gemildert. Denn all diese Gedanken wurden keine Wirklichkeit, und der günstige Moment zu ihrer Durchführung, als Staat und Bildung in der Tat aufeinander zu strebten, war zudem schnell und unwiederbringlich verstrichen. Hatte das neue Preußen ursprünglich wirkliches Verständnis für die Bedürfnisse der Nation nach einer höheren Bildung, so fanden sich die heimkehrenden Freiheitskrieger grimmig enttäuscht. Schon während des Krieges mußten sie mit Erbitterung spüren, welche Kluft die absolute Freiheitsauffassung des Volkes von der ihrer Regierung trennte, und diese Kluft vertiefte sich unter dem Einfluß der Reaktion immer mehr. Geistig und politisch war die Nation zur Freiheit erwacht, sie ließ sich durch noch so ausgeklügelte Polizeimaßnahmen nicht mehr einschläfern. Und je gewalttätiger der Kampf des Staates gegen die Bildung wurde, desto unmöglicher mußte es werden, Staat und Bildungsorganisation auf der Ebene des Geistes zur versöhnenden Einheit zu bringen. Immer unmöglicher auch darum, weil die Gegner in der Hitze des Kampfes die Voraussetzung, unter der allein ihre wurzelhafte und echte Vereinigung möglich gewesen wäre, völlig aus den Augen verloren.
René König

Backmatter

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