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Über dieses Buch

​Der Band bündelt Analysen führender Wahlforscherinnen und Wahlforscher sowie Politikwissenschaftlerinnen und Politikwissenschaftler aus Deutschland zur Bundestagswahl 2017 und bietet somit ein wichtiges Nachschlagewerk für Studierende und Lehrende aus den Fachgebieten der Politik- und Sozialwissenschaften sowie für Parteienforscherinnen und Parteienforscher. Der Band ist die Fortsetzung der sogenannten „Blauen Bände“, die seit ihrem Start 1980 umfassend und systematisch Analysen zu allen Bundestagswahlen und zu international relevanten Ergebnissen der Wahlforschung präsentieren.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Analyse der Bundestagswahl 2017

Frontmatter

Die Bundestagswahl 2017 – Mehr vom Selben?

Zusammenfassung
Seit der vorgezogenen Bundestagswahl 2005 weisen die Bundestagswahlen jeweils Besonderheiten aus, die sie aus der Geschichte der Wahlen der Bundesrepublik hervorheben. Das atypische Wahlergebnis führte 2005 zu einer Großen Koalition – die erste im vereinigten Deutschland und die erste seit mehr als 35 Jahren (Gabriel et al. 2009, S. 11).
Bernhard Weßels, Harald Schoen

Parteiidentifikation, Kognitive Mobilisierung und die Wahlentscheidung bei der Bundestagswahl 2017

Zusammenfassung
Dieser Beitrag untersucht, welche Rolle eine langfristige Parteibindung für die Wahlentscheidung bei der letzten Bundestagswahl 2017 spielte. Insofern wird in diesem Beitrag zunächst „Wahlberichterstattung“ betrieben, indem eine der wesentlichen Erklärungsgrößen in der empirischen Wahlforschung auf ihre Relevanz in der Gegenwart hin geprüft wird.
Dieter Ohr, Robert Stelzle

„Denn Schuld daran ist nur die SPD“?* Wirtschaftslage und Wahlerfolg bei der Bundestagswahl 2017

Zusammenfassung
Vor der Bundestagswahl 2017 war die wirtschaftliche und finanzielle Lage Deutschlands, gemessen mit zahlreichen ökonomischen Indikatoren, objektiv beurteilt gut. Die Wirtschaftsleistung auf Basis des Bruttoinlandsprodukts (BIP) wuchs im Vergleich zum Vorjahr um 1,9 Prozentpunkte (Bundesministerium für Wirtschaft und Energie. 2017. Ausgewählte Daten zur wirtschaftlichen Lage. Oktober 2017, Berlin.: 1). Die Arbeitslosigkeit erreichte mit 5,5 % den niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung 1990.
Markus Steinbrecher

Regionalvertretungswechsel von links nach rechts? Die Wahl der Alternative für Deutschland und der Linkspartei in Ost-West-Perspektive

Zusammenfassung
Nach der Bundestagswahl 2017 machte der Tagesspiegel einen neuen „Trend zum Regionalen“ aus. (https://​www.​tagesspiegel.​de/​politik/​parteien-in-deutschland-ein-trend-zum-regionalen/​20792814.​html) Die Zeit identifizierte die Linke, die „einstige Volkspartei der Ostdeutschen“, als Mitschuldige für den Aufstieg der AfD in den neuen Ländern, (https://​www.​zeit.​de/​2018/​19/​ostdeutschland-linke-afd-aufstieg) und die Huffington Post verzeichnet lapidar, dass „Rechtsextreme vielen Ostdeutschen ein neues Wir-Gefühl verschafft“ hätten und die AfD „zu einer echten Regionalpartei geworden [sei], die ein Lebensgefühl“ vertrete.
Kai Arzheimer

Die Wahlbeteiligung der Deutschen mit Migrationshintergrund – Befunde der Immigrant German Election Study (IMGES)

Zusammenfassung
Die Teilnahme an Wahlen stellt den bedeutendsten und oftmals auch einzigen Akt der politischen Beteiligung der Bürger/-innen in westlichen Demokratien dar (Brady et al. 1995). Viele Studien zeigen jedoch, dass nicht alle sozialen Gruppen in gleichem Ausmaß an Wahlen teilnehmen (Schäfer et al. 2016; Gallego 2010). Dies ist problematisch: Je geringer die politische Involvierung von bestimmten Gruppen ist, desto weniger Anreize bestehen für politische Akteure, die Anliegen dieser Gruppen zu berücksichtigen – und je weniger sich Gruppenmitglieder politisch vertreten fühlen, desto weniger werden sie sich an Wahlen beteiligen. Ein solcher Teufelskreis kann die Legitimität des politischen Systems bedrohen (Dalton 2008). Sozial gleichverteilte Partizipationsraten sind dabei besonders in multikulturellen Gesellschaften von hoher Wichtigkeit, da eine ungleiche Wahlbeteiligung zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen ein erhebliches gesellschaftliches Konfliktpotenzial darstellt.
Sabrina J. Mayer, Achim Goerres, Dennis C. Spies

Koalitionspräferenzen und Wahlentscheidungen

Zusammenfassung
Wie schon bei der Bundestagswahl 2013 stellte sich die Lage in Hinblick auf mögliche Mehrheitskoalitionen nach der Bundestagswahl 2017 kompliziert dar. Auch wenn die FDP als designierter Koalitionspartner der größten Bundestagsfraktion, CDU/CSU, nun wieder den Einzug in den Bundestag erreicht hatte, konnte von einer Rückkehr zur Überschaubarkeit der Koalitionslandschaft, wie man sie von der Zeit vor der Bundestagwahl 2005 kannte, keine Rede sein.
Evelyn Bytzek

Es fährt ein Zug nach Nirgendwo. Martin Schulz, Angela Merkel und die Bundestagswahl 2017

Zusammenfassung
Als Martin Schulz beim außerordentlichen SPD-Bundesparteitag in Berlin am 19. März 2017 mit 100 % der Delegiertenstimmen zum Parteivorsitzenden und Kanzlerkandidaten gewählt wurde und der „Schulz-Zug“ damit richtig Fahrt aufnahm, hätte sich wohl niemand vorstellen können, dass dieser Zug Martin Schulz binnen Jahresfrist aufs politische Abstellgleis führen würde. In der Tat dürften Tiefe und Geschwindigkeit des politischen Falls selbst für sozialdemokratische Verhältnisse beispiellos sein. Betrachtet man Sigmar Gabriels Ankündigung vom 24. Januar 2017, zugunsten Schulz’ auf Parteivorsitz und Kanzlerkandidatur verzichten zu wollen, als Ausgangspunkt der Entwicklung und Martin Schulz’ Erklärung vom 9. Februar 2018, doch nicht als Außenmister ins Kabinett Merkel IV eintreten zu wollen, als ihren Schlusspunkt, so dauerte es gerade 382 Tage, bis sich Martin Schulz in der öffentlichen Wahrnehmung vom Heilsbringer der Sozialdemokratie zu einem Paria der bundesdeutschen Politik gewandelt hatte.
Ulrich Rosar, Lena Masch, Frederik Springer, Markus Klein

Wie frei und fair war die Bundestagswahl 2017? Elektorale Integrität aus Sicht der Bürgerinnen und Bürger

Zusammenfassung
Wahlen bilden den institutionellen Kern der repräsentativen Demokratie. Als reine Techniken, um Personen für Führungsämter zu bestimmen, sind sie jedoch nicht a priori demokratisch. Die Beschreibung „demokratisch“ verdienen sie nur, wenn sie kompetitiv, also durch effektiven Wettbewerb gekennzeichnet sind.
Rüdiger Schmitt-Beck, Thorsten Faas

Themensetzung, Bevölkerungsstruktur und Stimmenpotenziale

Zusammenfassung
Die Bundestagswahl 2017 ist ein anschauliches Beispiel für den Konflikt politischer Parteien um die Kontrolle der Themenagenda. So setzte die CDU auf Familienförderung, die SPD auf soziale Gerechtigkeit, die AfD auf Migrationspolitik, die FDP auf eine Bildungsreform, die Linke auf Arbeitsmarktpolitik und Bündnis 90/Die Grünen (B90/Grüne) auf Klimaschutz, um nur einige Beispiele zu nennen. Gleichzeitig provozierten einige Themen, so insbesondere die Asylfrage oder die Steuerpolitik, höchst konträre Positionen in den Wahlprogrammen aller Parteien. Insgesamt betrachtet war 2017 ein Wahljahr relativ klar abgegrenzter Themenprofile.
Till Weber

Allgemeine Verunsicherung – Auswirkung unklarer Positionen zum Thema „Migration“ auf das Wahlverhalten bei der Bundestagswahl 2017

Zusammenfassung
Das Thema Migration war vor und während des Wahlkampfes 2017 ein zentrales Thema und schlägt nach wie vor im politischen wie gesellschaftlichen Leben hohe Wellen. Nachdem im Spätsommer 2015 Deutschland eine Welle an Geflüchteten erreichte – worauf Angela Merkel humanitär mit einer „Wir-schaffen-das“-Politik reagierte – ist das Thema aus den Medien und den politischen Diskussionen nicht mehr wegzudenken. Diskutiert wird insbesondere, wie einerseits die Politik angemessen mit der Welle an Geflüchteten umgehen soll und andererseits welche gesellschaftlichen Konsequenzen sich daraus ergeben. Ziel des Artikels ist es zu untersuchen, welchen Einfluss die Meinungen und Einstellungen der Wähler/innen zum Thema Migration auf das Wahlverhalten haben. Es wird erstens davon ausgegangen, dass die Verortung der Parteien bei migrationsbezogenen Sachfragen nicht nur hinsichtlich ihrer parteilichen Positionierung, sondern auch ihrer parteiinternen Streuung variieren, was auf eine weitgehende Verunsicherung auf Wähler/innenseite hindeutet. Zweitens wird davon ausgegangen, dass bei der Bundestagswahl 2017 die Diskrepanzen zwischen der parteilichen und der eigenen Verortung in migrationspolitischen Fragen besonders starken Einfluss auf die Wahlentscheidung haben.
Ina Bieber, Manuela S. Blumenberg

Analysen aus Anlass der Bundestagswahl 2017

Frontmatter

Die Schätzung von Wählerwanderungen zwischen den Bundestagswahlen 2013–2017 mithilfe von Online-Paneldaten und Aggregatdaten in Hybridmodellen

Zussammenfassung
Die elektorale Volatilität zwischen den Bundestagswahlen (BTW) 2013 und 2017 ist die höchste seit 1953 (vgl. Emanuele 2015). Gerade bei so außergewöhnlichen Dynamiken, die zudem zu strukturellen Veränderungen von Parteiensystemen führen – wie in diesem Falle zum Neueintritt der rechten Partei Alternative für Deutschland (AfD) in den Bundestag –, stellt sich drängend die Frage nach den zugrunde liegenden Wählerwanderungen auf der Ebene von Individuen. Diese sind nicht aus den Prozentpunktdifferenzen der Parteienverluste und -gewinne abzulesen, auch nicht auf noch so feiner territorialer Gliederungsebene. Daher müssen entweder surveybasierte Verfahren zum Einsatz kommen oder Schätzverfahren, die von speziellen Annahmen abhängen und auf aggregierten Wahlergebnissen basieren. Die wissenschaftliche Grundlagenforschung zur validen Bestimmung entsprechender Übergangsmatrizen war, auch international, immer schon erstaunlich dünn gesät.
Paul W. Thurner, Fiona Kunz, Andrea Miclut, Ingrid Mauerer, André Klima, Helmut Küchenhoff

Die Vergrößerung des Bundestags bei der Bundestagswahl 2017: Ursachen, normative Bewertungen und mögliche Abhilfen

Zusammenfassung
Die Bundestagswahl 2017 kann als eine Wahl betrachtet werden, die in mehrfacher Hinsicht eine bedeutende Zäsur bedeutet. Die hervorstechenden Merkmale des Wahlergebnisses sind zum einen ein inhaltlich-substanzielles und zum anderen ein formal-technisches, die allerdings eng miteinander verwoben sind.
Joachim Behnke

Populismus ohne host ideology? Sachfrageneinstellungen, populistische Akteure und Parteipräferenzen bei der Bundestagswahl 2017

Zusammenfassung
Dass sich der Parteienwettbewerb um politische Sachfragen dreht, ist ein zentrales Merkmal demokratischer Wahlen in repräsentativen Demokratien: Welche Parteien bieten welche politischen Positionen an und betonen welche Probleme oder Errungenschaften in ihren Wahlprogrammen sowie während des Wahlkampfes? Die BürgerInnen, unterschiedlich in ihren politischen Präferenzen und ihrer subjektiven Wahrnehmung politischer Probleme, vergleichen die politischen Angebote und entscheiden sich für das Angebot, das ihren eigenen Vorstellungen am nächsten kommt. Interessanterweise existiert in einem der produktivsten Forschungszweige der (vergleichenden) politischen Soziologie der letzten Jahre – in der Forschung zu den Hintergründen der Wahl populistischer Parteien – mit Blick auf die Sachfragenorientierung des Wählens eine Lücke: Angesichts des Erfolgs populistischer Parteien fragt die Forschung vermehrt nach individuellen Ursachen der Wahl solcher Parteien. Ein zentrales Argument zielt auf populistische Einstellungen: BürgerInnen mit einer stärkeren populistischen Einstellung unterstützen mit größerer Wahrscheinlichkeit eine populistische Partei.
Aiko Wagner

Kosmopolitisches und parochiales Freizeit- und Urlaubsverhalten und ihr Einfluss auf Kandidatensympathie und Wahlabsicht im Kontext der Bundestagswahl 2017

Zusammenfassung
Eine Fülle von Studien hat sich in den letzten Jahrzehnten mit der zurückgehenden Erklärungskraft der Zugehörigkeit von Bürgern zu bestimmten sozialen Gruppen für das individuelle Wahlverhalten in westeuropäischen Demokratien beschäftigt. Während die empirische Evidenz dieser Studien weitgehend gemischt ausfällt, bleibt festzuhalten, dass der wirtschaftliche und gesellschaftliche Wandel zu einem teils deutlichen Rückgang der über den cleavage-Ansatz definierten Kerngruppen von traditionellen Anhängern der Christ- und Sozialdemokraten – in Deutschland Katholiken mit hoher Kirchenbindung bzw. gewerkschaftsnahe (Industrie-)Arbeiter – an der Gesamtbevölkerung geführt hat. Ein immer größer werdender Teil der Wählerschaft ist damit parteiungebundener geworden, was nicht nur eine höhere Fluktuation in den Stimmenanteilen der Parteien wahrscheinlicher macht, sondern auch den Erfolg neuer Parteien bei Wahlen begünstigen kann. In diesem Beitrag wird – mit Rückgriff auf jüngere Studien zur Wahl- und Einstellungsforschung, die sich insbesondere mit den Determinanten der Wahl Obamas und Trumps beschäftigen – der Frage nachgegangen, inwiefern Indikatoren, die vordergründig unpolitische, die Freizeitaktivität von Bürgern widerspiegelnde Faktoren einen Beitrag dazu leisten können, die Wahlabsicht gegenüber etablierten oder neuen Parteien besser zu erklären.
Marc Debus

Ökonomisches Risiko und die elektorale Anziehungskraft der AfD

Zusammenfassung
Mit dem Einzug der Alternative für Deutschland (AfD) in den deutschen Bundestag hat auch die Debatte über die soziostrukturelle Zusammensetzung ihrer Wählerschaft Einzug in die sozialwissenschaftliche Untersuchung der Partei genommen. Jüngste Befunde zeigen, dass der relative Anteil an „Modernisierungsverlieren“ unter den Wählern der AfD auffallend hoch ist. Jedoch bleibt bei diesen zumeist deskriptiven Befunden unklar, ob sich die überdurchschnittliche AfD-Wahl unter prekarisierten Wählergruppen auf deren ökonomische Unsicherheit oder auf stabile, strukturelle Unterschiede in politischen Einstellungsmustern erklären lässt. Auf Grundlage von Quer- und Längsschnittskomponenten der German Longitudinal Election Study untersuche ich in diesem Kapitel (1) in welchem Ausmaß ökonomische Prekarität sich über Einstellungsmuster in Stimmen für die AfD überträgt, (2) wie stabil oder volatil diese Einstellungsmuster sind sowie (3) ob sich relevante Einstellungen systematisch in Reaktion auf Erfahrungen ökonomischer Deprivation oder Gefährdung verändern. Die Analysen leisten einen wichtigen Beitrag zum tieferen Verständnis der soziostrukturellen Zusammensetzung der AfD-Wählerschaft und nehmen sich der Frage an, ob kurz- und mittelfristige Veränderungen in individuellen ökonomischen Verhältnissen ursächlich den elektoralen Zulauf der AfD erklären können.
Denis Cohen

Die wahrgenommene Entwicklung der sozialen Gerechtigkeit und Wahlentscheidungen bei der Bundestagswahl 2017

Zusammenfassung
Nach der Theorie des ökonomischen Wählens treffen Wählerinnen und Wähler ihre Wahlentscheidung auf der Basis von Einschätzungen der wirtschaftlichen Lage. Wird die gesamtwirtschaftliche Entwicklung als gut bewertet, werden Regierungsparteien gewählt, von einer schlechten Bewertung profitieren Oppositionsparteien – so die häufig, auch für den deutschen, bestätigte Amtsinhaberhypothese. Aus der Makroperspektive scheint diese Amtsinhaberhypothese für die Bundestagswahl 2017 jedoch nicht zuzutreffen. In dem Beitrag sollen drei Fragen untersucht werden: 1. Welche Sachfragen stehen im Mittelpunkt der Wahlentscheidung bei der Bundestagswahl 2017 und welche Rolle spielt neben der Sozial- und Flüchtlingspolitik insbesondere auch die Beurteilung der ökonomischen Lage? 2. In welchem Ausmaß ist die Wahlentscheidung an Sachfragen orientiert? 3. Gibt es nach wie vor systematische Unterschiede in den Sachfragenorientierungen zwischen West- und Ostdeutschland, die das Vorliegen zweier Elektorate indizieren? Die empirischen Analysen basieren auf dem Nachwahl-Querschnitt, der im Rahmen der GLES 2017 erhoben worden ist.
Nils D. Steiner

Parteiidentifikation und politische Kompetenz – Heuristik statt oder gepaart mit Wissen?

Zusammenfassung
Die Identifikation mit einer Partei gilt (im Rahmen des Michigan-Modells) als stärkste Determinante der individuellen Wahlentscheidung. Gleichzeitig wird sie häufig als Heuristik betrachtet, die es den Wahlberechtigten ersparen kann, sich intensiv mit Politik, mit politischen Fakten und Standpunkten auseinanderzusetzen, um zu einer individuell angemessenen Wahlentscheidung zu kommen. Dabei ist allerdings das Verhältnis zwischen Parteiidentifikation und politischen Kenntnisse offen: Stehen beide Konstrukte in Konkurrenz miteinander oder gehen sie miteinander einher? Mit anderen Worten: Kennen sich Personen, die eine Parteiidentifikation entwickelt haben, besser oder schlechter mit politischen Standpunkten und dem politischen Personal der Parteien aus? Betreffen bessere Kenntnisse evtl. nur „ihre“ Partei, während die anderen eher ignoriert werden? Und – vor dem Hintergrund des Rückgangs der Parteiidentifikation in der Bevölkerung: Kann Faktenwissen langfristige Parteibindungen funktional für eine passende Wahlentscheidung ersetzen?
Bettina Westle

Nicht repräsentiert und trotzdem dabei? Rezeption und Verarbeitung des TV-Duells durch Anhängerinnen und Anhänger nicht vertretener Parteien am Beispiel der AfD und der Linken

Zusammenfassung
Seit 15 Jahren findet in der „heißen Phase“ des Bundestagswahlkampfes ein TV-­‐Duell zwischen den Spitzenkandidaten der beiden aussichtsreichsten Parteien, bislang CDU und SPD, statt. Trotz andauernder Diskussionen, ob die Konfrontation zweier Kandidaten zum deutschen Parteiensystem passt, halten die Sender daran fest. Das TV-­‐Duell ist das Hauptevent, zusätzlich wird eine ‚Elefantenrunde‘ oder ein Fünfkampf gesendet, in denen auch die Spitzenkandidaten der kleineren Parteien vertreten sind. Die Anhänger der kleineren Parteien dürfen im eigentlichen TV-­‐Duell jedoch nur bedingt auf die Repräsentation ihrer politischen Präferenzen hoffen. Dennoch gilt die Debatte als das Großereignis im Wahlkampf und wird regelmäßig von Millionen Zuschauern rezipiert. Aus Anlass der Bundestagswahl 2017 stellen wir uns die Fragen, welche Motive die Anhänger nicht vertretener Parteien haben, sich das TV-­‐Duell dennoch anzusehen, wie sie gegebenenfalls einstellungsdissonante Informationen verarbeiten und welche Auswirkungen dies auf ihre bestehenden Einstellungen hat.
Lea C. Gorski, Michaela Maier

Sind positive oder negative Botschaften der Schlüssel zum Erfolg? Eine Analyse zur Wirkung von Kandidatenstrategien im TV-Duell 2017

Zusammenfassung
Negative Kampagnenstrategien gelten gemeinhin als besonders effektiv, da aus psychologischer Sicht einiges dafürspricht, dass negative Kampagnenbotschaften eine stärkere Wirkung entfalten als positive Strategien (z. B. Rozin & Royzman 2001). Da Wähler negative campaigning allerdings wenig schätzen (Lipsitz et al. 2005), birgt eine solche Strategie aber auch immer das Risiko, dass der Angreifer seinen eigenen Rückhalt in der Wählerschaft beschädigt („backlash effect“; z.B. Roese & Sande 1993). Aus empirischer Sicht ist allerdings völlig unklar, welche Kampagnenstrategie wirksamer ist. So etwa zeigen einige für Wahlwerbesendungen durchgeführte Meta-Analysen ein unklares Bild (z. B. Allen & Burrell 2002; Lau et al. 1999; Lau, Sigelman & Rovner 2007). Diese grundsätzliche Überlegung, welche Kampagnenstrategie gewählt werden soll, stellt sich auch im Vorfeld von TV-Duellen. Während es bereits eine Vielzahl von Studien gibt, die untersuchen, welche Faktoren zur Wahl einer eher positiven bzw. negativen Kampagnenstrategie führen (für Deutschland vgl. z. B. Maier & Jansen 2017), ist die Wirkung dieser Strategien in TV-Duellen vor allem aufgrund der erheblichen methodischen Probleme (vgl. ausführlich Maier 2013; Maier & Faas 2015), die sich in diesem Zusammenhang stellen, aber praktisch nicht erforscht.
Jürgen Maier, Jennifer Bast

Die Nutzung sozialer Medien durch Kandidaten im Bundestagswahlkampf 2017

Zusammenfassung
Soziale Medien haben in den vergangenen Jahren erheblich an Einfluss in der politischen Kommunikation gewonnen. Deshalb wenden sich auch Politiker in Deutschland Plattformen wie Facebook und Twitter zu, um Wähler zu erreichen. Die akademischen Studien zum deutschen Fall beschränken sich allerdings bis auf wenige Ausnahmen auf die Online-Aktivitäten und Netzwerke von Politikern, ohne einen (über deren Parteizugehörigkeit hinausgehenden) systematischen Konnex mit bekannten Bestimmungsfaktoren für Kampagnenaktivitäten aus der „Offline-Welt“ herzustellen (z. B. Lietz et al. 2014; Nuernbergk/Conrad 2016). Zudem dienten als Datengrundlage lediglich kleinere Samples von Accounts der Bundesparteien bzw. der Spitzenkandidaten oder selbstselektierte Teilnehmende an Kandidatenbefragungen (z. B. Quinlan et al. 2018). Der vorliegende Beitrag untersucht die Nutzung der beiden Online-Netzwerke mit der höchsten Relevanz in der politischen Kommunikation – Facebook und Twitter – durch sämtliche Kandidaten der großen deutschen Parteien für die Bundestagswahl 2017. Wir berücksichtigen als erklärende Variablen individuelle Charakteristika (z. B. Alter, Geschlecht), strukturelle Variablen (z. B. Wahlkreischarakteristika, Ost/West) und politische Einflussfaktoren (z. B. Parteizugehörigkeit, Platzierung auf Parteiliste, Direkt- vs. Listenkandidat).
Sebastian Stier, Jürgen Maier, Corinna Oschatz

Unsicherheiten der Wählerinnen und Wähler bei der Wahrnehmung des Politikangebots der Parteien. Beschreibung für die Bundestagswahl 2017 und Modellierung als Teil der Wahlfunktion

Zusammenfassung
Wähler und Wählerinnen unterscheiden sich in der Sicherheit ihres politischen Urteils. Unterschiedlich sichere Urteile über Parteipositionen auf vorgegebenen Issue- und Ideologie-Skalen haben nach der Entscheidungstheorie unter Risiko Folgen für die Wahlentscheidung nach der Policy- oder ideologischen Nähe zu den Parteien. So wird eine risikoaverse Wählerin von zwei Parteien, die sie als gleich nahe zu ihrer Idealposition wahrnimmt, die Partei wählen, über deren Position sie sich ein sichereres Urteil zutraut. Wir stellen ein innovatives Verfahren zur Messung der themenbezogenen Wählerunsicherheiten beim Urteil über Parteipositionen vor und wenden es auf die Links-Rechts-Skala und die sozioökonomische, Umweltschutz- und Migrationsfragen des Vorwahlquerschnitts der GLES 2017 an.
Franz Urban Pappi, Thomas Bräuninger

Das Verhältnis zwischen CDU und CSU, dissonante Bürgerurteile und Wahlverhalten bei der Bundestagswahl 2017

Zusammenfassung
„Als die Kanzlerin am Freitag in die Parteitagshalle im Münchner Messegelände einzog, blieben viele Delegierte demonstrativ sitzen – und der Beifall fiel äußerst bescheiden aus. Ein Mann hielt zwei Zettel hoch, mit dem Schriftzug ‚Merkel raus‘“ (Lohse und Schäffer Lohse, Eckart, und Albert Schäffer. 2015. Schläge aus München härten ab. Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 20. November 2015.). Dieser Bericht von Angela Merkels Auftritt auf dem CSU-Parteitag 2015 beschreibt eindrücklich, wie sehr in jenem Herbst die Meinungsverschiedenheiten in der Flüchtlingspolitik das Verhältnis zwischen CDU und CSU strapazierten.
Harald Schoen, Maria Pesthy

Internationale Trends

Frontmatter

Total Victory: The 2018 Hungarian Elections in Terms of Economy, Migration and Media

Zusammenfassung
The Orbán government won the 2018 national election with a landslide: it received 48 percent of the votes and—due to the disproportional electoral system and the fragmented opposition—68 percent of the seats in the Hungarian parliament. Thereby, Fidesz achieved its third consecutive supermajority after 2010 and 2014. This success is unparalleled in Europe.
Dániel Róna, Zsolt Enyedi

Die Nationalratswahl 2017 unter besonderer Berücksichtigung der Silberstein-Affäre

Zusammenfassung
Die Nationalratswahl 2017 endete in einem Rechtsruck der österreichischen Politik: Die Neue Volkspartei unter Sebastian Kurz und die rechtspopulistische FPÖ gewannen, während die Sozialdemokraten sich nur durch das noch desolatere Abschneiden der Grünen in Folge der Abspaltung der Liste Pilz stabilisieren konnten. Nach der Wahl begaben sich Journalisten und politische Beobachter auf Ursachensuche für das relativ schwache Abschneiden des linken Lagers. Eine besondere Rolle spielte dabei die Frage, inwiefern die Enthüllungen um den für Negativkampagnen bekannten Politikberater Tal Silberstein in der Schlussphase des Wahlkampfs der SPÖ und ihrem Spitzenkandidaten Christian Kern geschadet haben könnten. Oder war der Wahlsieg der rechten Parteien doch vorrangig der sogenannten europäischen Flüchtlingskrise und dem damit einhergehenden Bedeutungsgewinn des Immigrationsthemas geschuldet? Vor diesem Hintergrund untersucht der vorliegende Beitrag, in welchem Ausmaß das Wahlergebnis der Nationalratswahl durch lang- und kurzfristige Entwicklungen geprägt war. Zu diesem Zweck verwenden wir Daten der AUTNES Online Panel Study 2017 sowie Inhaltsanalyse-Daten der Presseberichterstattung während des Wahlkampfs. Die Analysen werden zeigen, inwiefern das Ergebnis der Nationalratswahl durch langfristige Trends sowie das Wahlkampfgeschehen geprägt war. Insgesamt bietet der Beitrag einen Überblick zur Nationalratswahl 2017 und trägt zur Debatte über die Rolle von Lang- und Kurzfristdeterminanten des Wählens bei.
Nicolai Berk, Jakob-Moritz Eberl, Julia Partheymüller
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