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Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Einleitung

Einleitung

Zusammenfassung
Mit dem von Max Kaase und Hans-Dieter Klingemann herausgegebenen Sammelband „Wahlen und politisches System. Analysen aus Anlass der Bundestagswahl 1980“ wurde die lange Serie der „Blauen Bände“ eröffnet, die mittlerweile aus der deutschen Wahlforschung kaum noch wegzudenken ist. In ihrer Einführung in den Band nahmen die Herausgeber die von Max Kaase im Vorläuferband zu den Blauen Bänden (Kaase 1977) gezogene Bilanz auf und konstatierten eine „positive Entwicklung der Wahlsoziologief[, die] nicht zuletzt durch eine bessere theoretische Durchdringung, eine größere historische Tiefe der Datenbasis und die breitere Zugänglichkeit der Primärdaten... bedingt gewesen sei“ (Kaase/Klingemann 1983: 7). Aus ihrer Bewertung des Entwicklungsstandes der empirischen Wahlforschung leiteten sie die Folgerung ab, „dass angesichts des — selbst in den Sozialwissenschaflten — beachtlichen Wissensstandes mit großen Durchbrüchen in der Regel nicht mehr gerechnet werden kann. Vielmehr dürfte nunmehr eine Forschungsphase erreicht sein, in der die Gesichtspunkte der systematischen Überprüfung und Verfeinerung bereits vorhandener Erkenntnisse sowie der Verbesserung der Forschungsmethodologien zunehmend an Bedeutung gewinnen werden“ (Kaase/Klingemann 1983: 7f.).
Jürgen W. Falter, Oscar W. Gabriel, Bernhard Weßels

Analyse der Bundestagswahl 2002

Frontmatter

Zweite Runde für Rot-Grün: Die Bundestagswahl vom 22. September 2002

Zusammenfassung
Rot-Grün wurde wiedergewählt, aber es war eng. Die SPD lag 6027 Stimmen vor der CDU/CSU, die Koalition aus SPD und Grünen 577567 Stimmen vor den Oppositionsparteien Union und FDP, die PDS scheiterte an der 5-Prozent-Hürde, erreichte 4 Prozent und bekam lediglich zwei Direktmandate in Berlin. 18 weitere Parteien kamen auf zusammen 3 Prozent der gesamten Zweitstimmen: Die stärkste unter ihnen war die Schill-Partei mit 0.8 Prozent (400467 Stimmen) gefolgt von den Republikanern mit 0.6 Prozent (280 671 Stimmen).
Bernhard Kornelius, Annette Mayer, Dieter Roth, Yvonne Schroth, Andrea Wolf

Die Relevanz von Themenorientierungen für das Wählerverhalten bei der Bundestagswahl 2002

Zusammenfassung
In den letzten beiden Jahrzehnten hat sich in der empirischen Wahlforschung zunehmend die Auffassung durchgesetzt, dass das individuelle Wahlverhalten nicht mehr vorrangig durch die Zugehörigkeit zu bestimmten gesellschaftlichen Gruppen geprägt ist. Unterschiedliche individuelle Kalküle und situationsgebundene Sichtweisen haben demnach deutlich an Einfluss gewonnen (vgl. Dalton, Flanagan und Alt 1985; Hennig und Lohde-Reiff 2002; Pappi 2002; Schmitt 2001; Weßels 2000). Bei der sozialpsychologischen Erklärung des Wählerverhaltens ist daher davon auszugehen, dass die langfristige affektive Bindung an eine politische Partei für die Wahlentscheidung an Bedeutung verloren hat, während neben Kandidatenvor allem auch Issueorientierungen als kurzfristig wirksame Faktoren wichtiger geworden sind.
Volker Kunz, S. Isabell Thaidigsmann

Schröder gegen Stoiber: Wahrnehmung, Verarbeitung und Wirkung der Fernsehdebatten im Bundestagswahlkampf 2002

Zusammenfassung
Die beiden Fernsehdebatten zwischen Gerhard Schröder und Edmund Stoiber im Vorfeld der Bundestagswahl 2002 waren, das belegen sowohl das Zuschauer- als auch das Medieninteresse, das Ereignis des zurückliegenden Wahlkampfes. Schon früh im Wahljahr stand fest, dass es zu direkten Aufeinandertreffen des Kanzlers mit seinem (Haupt-) Herausforderer vor laufenden Kameras kommen würde. In der Folge war das Thema nicht mehr von der Wahlkampf-Agenda wegzudenken, ganz im Gegenteil: Je näher der Wahltag rückte, desto dominierender wurde es (Brettschneider 2002). Gegen Ende schien es fast so, als seien die entscheidenden Fragen des Wahlkampfs weniger jene nach der Zukunft der sozialen Sicherungssysteme, nach Möglichkeiten zur Senkung der Arbeitslosigkeit oder nach einem möglichen Einsatz der Bundeswehr im Irak, sondern jene nach dem Abschneiden der beiden Kontrahenten in den von den Medien schnell zu „Duellen“ hochstilisierten Fernsehdebatten (zur Kritik an den Fernsehduellen vgl. z. B. Donsbach 2002).
Jürgen Maier, Thorsten Faas

Bundestagswahlkampf 2002 — Zwischen strategischem Kalkül und der Inszenierung des Zufalls

Zusammenfassung
Nach der im Nachhinein weithin mystifizierten „Erfolgsgeschichte„ der hochprofessionell wirkenden SPD-Kampagne im Wahljahr 1998 (vgl. von Webel 1999; Holtz-Bacha 2003a) waren die Erwartungen seitens der politischen Protagonisten, der journalistischen Beobachter, aber auch der Wahlkampfforschung an den Bundestagswahlkampf 2002 so hoch wie selten zuvor: Allerorts wurde damit gerechnet, dass sich die Parteien in struktureller, strategischer, personeller wie inhaltlicher Hinsicht in noch umfassenderem Maße als zuvor den Regeln und Gesetzen der „Mediendemokratie„ unterwerfen würden (vgl. Wolf 2002: 22; Bruns 2003: 97). Das hieße u. a. ein „Mehr„ an Personalisierung und Polarisierung, aber auch ein „Mehr„ an symbolisch aufgeladenen Inszenierungen in den und für die Massenmedien. Gewährleistung für einen derart „modernen„, zeit- und mediengerechten Wahlkampf sollten nicht zuletzt, dem Modell der 1998er Kampa folgend, eine Hand voll hoch professionalisierter, kandidatentreuer, medien- und wahlkampferfahrener Imageberater (Spindoctors) leisten, denen die Parteien ihr strategisches Kommunikationsmanagement während des Wahlkampfes anvertrauten (vgl. Tenscher 2003a).
Jens Tenscher

Wählerwanderung: Das Modell von Infratest dimap

Zusammenfassung
Zu den Wesensmerkmalen demokratischer Wahlen gehört, dass sich Wähler frei für eine Partei (oder einen Kandidaten) entscheiden können, was naturgemäß die Möglichkeit einschließt, von einer Wahl zur nächsten die Partei zu wechseln. Waren die Wähler früher stark an eine Partei gebunden, machen sie heute zunehmend bei Bundestags-, aber vor allem bei Landtagswahlen von der Möglichkeit Gebrauch, die Partei zu wechseln. Als Folge davon gestaltet sich die Bilanz der Parteien von Wahl zu Wahl immer sprunghafter und es häufen sich Regierungswechsel mit zum Teil „erdrutschartigen“ Veränderungen der Parteianteile. Angesichts dieser Entwicklung ist nicht nur die Frage nach dem „Warum“ (die Wähler ihre Wahlpräferenz von einer Wahl zur anderen ändern) drängender geworden, auch das „Woher“ oder „Wohin“ (diese Wechselwähler kommen bzw. gehen) steht stärker denn je im Mittelpunkt des Interesses von Politik, Medien und Öffentlichkeit.
Richard Hilmer, Michael Kunert

Medieneinflüsse auf das Wahlverhalten

Zusammenfassung
Die Spindoctors, d. h. die Wahlkampfmanager und Imageberater, sind von ihr überzeugt: der Macht der Massenmedien, Wahlausgänge entscheidend mitzubestimmen. Bei dem Versuch, die jeweiligen Parteianhänger zu mobilisieren und die Unentschlossenen zu gewinnen, setzen sie vor allem auf das Fernsehen und die Printmedien. Deren Berichterstattung soll durch ein professionelles Themen- und Ereignismanagement, durch das Kreieren von medientauglichen Events und durch die Produktion zitierfähiger Soundbites, also kurzer Statements für die Abendnachrichten und die Titelseiten, in die gewünschten Bahnen gelenkt werden. Auch das Image- und das Impressionsmanagement sind zentrale Bestandteile einer modernen Kampagne. Dies sind Versuche, die Images von Kandidaten oder Parteien bzw. die Eindrücke, die Menschen vom wahlrelevanten Geschehen haben, via Massenmedien zu beeinflussen.
Frank Brettschneider, Markus Rettich

Politik und Wahlen im Längsschnitt

Frontmatter

“Round up the usual suspects”: Die Bedeutung klassischer Bestimmungsfaktoren der Wahlentscheidung bei den Bundestagswahlen 1994 bis 2002

Zusammenfassung
Nachdem die Wahl 1990 den Regierungsparteien erwartungsgemäß den Sieg mit einer komfortablen Mehrheit beschert hatte, brachten die folgenden Bundestagswahlen im vereinten Deutschland sehr unterschiedliche und zum Teil erstaunliche Ergebnisse. 1994 wurde die christlich-liberale Koalition unter Helmut Kohl mit denkbar knapper Mehrheit bestätigt. 1998 wählten die Bürger erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik eine Regierung ab und eine rot-grüne Koalition ins Amt. Vier Jahre später gelang es SPD und Bündnis 90/Die Grünen in einem fulminanten Endspurt, sich wieder die Mehrheit der Mandate im Bundestag zu sichern (vgl. etwa Ernmert, Jung und Roth 1998; Jung und Roth 1998; Niedermayer 2003).
Charlotte Kellermann, Hans Rattinger

Kandidatenorientierungen und Wahlverhalten bei den Bundestagswahlen 1994–2002

Zusammenfassung
„Sind des Kanzlers Haare gefärbt oder sind sie es nicht?“ Die Emphase, mit der sich im Rahmen des Bundestagswahlkampfes 2002 vor allem der Boulevardjournalismus diesem Thema widmete, schien einmal mehr die Tendenz zur Personalisierung der Medienberichterstattung zu unterstreichen. Nicht allein der triviale Gegenstand dieser Debatte, sondern auch die von Gerhard Schröder selbst vorgenommene Zuspitzung der Wahlentscheidung auf die simple Formel „Ich oder er“ oder Edmund Stoibers Positionierung als kompetenter Problemlöser unter dem Slogan „Handeln statt Reden“ ließen den Wahlkampf als medial inszenierten Wettstreit zwischen dem amtierenden Bundeskanzler und seinem Herausforderer erscheinen. Die Wähler wurden Zeugen eines Schauspiels, in dem öffentlich über die Ähnlichkeit von Krawattenmustern diskutiert wurde und neben den Kandidaten auch Ehefrauen und — im Falle Stoibers — selbst Kinder und Enkelkinder zum Wahlkampfeinsatz antraten, um das Kandidatenimage möglichst positiv zu gestalten. Ihren Höhepunkt fanden die von den Parteien gewählten Wahlkampfstrategien und die während des gesamten Wahlkampfes auf die Spitzenkandidaten der beiden großen Volksparteien zentrierte Berichterstattung der Massenmedien in den so genannten „TV-Duellen“ Schröder gegen Stoiber (vgl. z.B. Maurer und Reinemann 2003). Parteien und Medien wirkten bei der Fokussierung der öffentlichen Aufmerksamkeit auf die Spitzenkandidaten offenbar nahtlos zusammen.
Oscar W. Gabriel, Katja Neller

“Goodbye Lenin?” Bundes- und Landtagswahlen seit 1990: Eine Ost-West-Perspektive

Zusammenfassung
Als am 3. Oktober 1990 die neu gegründeten Länder der Bundesrepublik beitraten, glaubten viele politische Beobachter trotz des sehr guten Abschneidens der Union bei der letzten Volkskammerwahl, dass sich nun die politischen Gewichte zugunsten der Sozialdemokratie verschieben würden (vgl. für das Folgende Arzheimer und Falter 2002: 27–28). Für diese Vermutung sprachen neben der Sozialstruktur der neuen Länder politische Traditionen, die in Teilen des Beitrittsgebietes bis ins Kaiserreich zurückreichten (Schmitt 1997: 425–426), und die Erwartung, dass das sozialistische Regime die Präferenzen und Wertorientierungen der Menschen nachhaltig im Sinne einer „linken“ Politik geprägt haben müsse.
Kai Arzheimer, Jürgen W. Falter

Partei- und Koalitionspräferenzen der Wähler bei den Bundestagswahlen 1998 und 2002

Zusammenfassung
Bei Bundestagswahlen kann der Wähler oder die Wählerin einer starren Parteiliste die Zweitstimme und den Wahlkreiskandidaten einer Partei die Erststimme geben. Hat die Wählerin eine starke Präferenz für eine bestimmte Partei, kann sie diese offenbaren, indem sie für die Kandidatin und die Liste dieser Partei stimmt. In Zweiparteiensystemen hätte ein derartiger Akt der expressiven Präferenzoffenbarung insofern auch instrumentelle Bedeutung, da damit direkt die Wahrscheinlichkeit für eine Regierung dieser Partei, wenn auch nur minimal, erhöht wird. Dies ist in Mehrparteiensystemen anders, besonders, wenn vor der Wahl die Koalitionslage noch relativ unklar ist. Eine instrumentelle Bedeutung bekommt die Wahlentscheidung hier nur, wenn der Wähler sich bewusst zwischen verschiedenen Koalitionen entscheidet und dabei unter Umständen seine Stimme nicht unbedingt der Partei gibt, die er am meisten bevorzugt. Die Umstände werden in erster Linie vom Wahlrecht festgelegt. So macht es für den Anhänger einer rot-grünen Bundesregierung in Deutschland Sinn, seine Erststimme einem Sozialdemokraten und seine Zweitstimme den Grünen zu geben.
Franz U. Pappi, Thomas Gschwend

Grundsatzfragen der Wahlsoziologie

Frontmatter

Wertorientierungen und Parteipräferenz

Zusammenfassung
Der Ausgang der Bundestagswahl 2002 war für viele eine Überraschung. Die Ergebnisse der vorangegangenen Landtagswahlen zeigten ebenso wie die ein halbes Jahr vor der Bundestagswahl veröffentlichten Umfrageergebnisse, dass mit einem Wahlsieg der Unionsparteien zu rechnen war. Stattdessen konnte sich die SPD mit einigen Verlusten behaupten, während die Grünen deutliche Stimmengewinne verbuchen konnten.
Martin Elff

War es dieses Mal nicht die Ökonomie? Der Einfluss von Sachfragenorientierungen auf die Wählerentscheidung bei der Bundestagswahl 2002

Zusammenfassung
Aufgrund von sozialstrukturellen Wandlungsprozessen hat die Bedeutung von längerfristigen Faktoren für die Wählerentscheidung ab- und jene von kurzfristigen Faktoren zugenommen. Auf diesen Sachverhalt haben die Parteieliten unter anderem mit einer „Modernisierung von Wahlkämpfen“ (Niedermayer 2003) reagiert, indem die massenmediale Kommunikation mit den Wählern unter Betonung kurzfristiger Ereignisse und Probleme sowie Personalisierungsstrategien an Bedeutung gewonnen haben. Sollten diese in der Wahlforschung weitgehend akzeptierten Annahmen zutreffen, müsste sich das auch im signifikanten Stellenwert von Themen und Personen in der Wählerentscheidung bei der Bundestagswahl 2002 widerspiegeln.
Dieter Fuchs, Robert Rohrschneider

Haben die beiden TV-Duelle im Vorfeld der Bundestagswahl 2002 den Wahlausgang beeinflusst? Eine Mehrebenenanalyse auf der Grundlage eines 11-Wellen-Kurzfristpanels

Zusammenfassung
Die beiden TV-Duelle des amtierenden Bundeskanzlers Gerhard Schröder und seines Herausforderers Edmund Stoiber im Vorfeld der Bundestagswahl 2002 waren ein Novum in der Geschichte deutscher Bundestagswahlkämpfe. Dementsprechend existieren für Deutschland bis dato keine empirischen Befunde über die Effekte solcher Fernsehdebatten der Kanzlerkandidaten auf das Wahlverhalten der Bürgerinnen und Bürger. Es lassen sich bestenfalls einige wenige empirische Analysen finden, die sich mit den so genannten Elefantenrunden beschäftigen, die erstmals im Vorfeld der Bundestagswahl 1972 stattfanden (Baker und Norpoth 1981; Baker, Norpoth und Schönbach 1981; Norpoth und Baker 1983; Schrott 1990). Diese Elefantenrunden sind mit den TV-Duellen aber nur bedingt zu vergleichen: In ihrem Rahmen trafen die Parteivorsitzenden aller im Deutschen Bundestag vertretenen Parteien aufeinander, nicht nur die Kanzlerkandidaten der beiden großen Volksparteien. Vor diesem Hintergrand geht der vorliegende Beitrag der Forschungsfrage nach, ob die beiden TV-Duelle das Wahlverhalten der Bürgerinnen und Bürger und damit auch den Wahlausgang der Bundestagswahl 2002 beeinflusst haben.
Markus Klein, Manuela Pötschke

Mit Rot-Grün ins Schwarze getroffen: Prognosemodell besteht Feuertaufe

Zusammenfassung
Was amerikanischen Wählern recht ist, kann den deutschen nur billig sein: ihre Entscheidungen am Wahltag von einem theoretisch begründeten Modell vorhersagen zu lassen. Allzu lange ist die Wahlprognostik den Umfrageinstituten überlassen geblieben. Die Medien füttern den unersättlichen Appetit der Wählerschaft mit Umfrageergebnissen, die 2002 fast täglich den letzten Stand des Wettrennens der Parteien um die Wählergunst lieferten. Wo bleibt da die sozialwissenschaftliche Wahlforschung? Hat sie keine Theorien, Modelle oder Hypothesen anzubieten, die zu Prognosen von Wahlen taugen?
Helmut Norpoth, Thomas Gschwend

Missing Links? Zur Position von Persönlichkeitsfaktoren in Ansätzen zur Erklärung von Wahlverhalten

Zusammenfassung
Die empirische Wahlforschung hat im Laufe der Zeit mehrere Modelle und Theorien zur Erklärung von Wählerverhalten entwickelt. Sie unterscheiden sich deutlich in den verwendeten Erklärgrößen und Argumentationsmustern. Betrachtet man etwa die beiden in der bundesdeutschen Forschung traditionell besonders einflussreichen Ansätze, den Cleavage- und den Ann-Arbor-Ansatz, wird dies rasch klar: Der sozialpsychologisch orientierte Ann-Arbor-Ansatz greift auf politische Einstellungen zur Erklärung von Wahlverhalten zurück, während der Cleavage-Ansatz im Kern auf die Zugehörigkeit zu sozialen Großgruppen rekurriert. Gleichwohl sind sich diese Ansätze darin einig, Persönlichkeitsfaktoren als praktisch irrelevant für die Erklärung von Wahlverhalten zu betrachten und daher bei der Modellbildung nicht explizit zu berücksichtigen (s. etwa Berelson, Lazarsfeld und McPhee 1954: 191–192; Campbell et al. 1960: 506).
Harald Schoen, Siegfried Schumann

Personen oder Inhalte? Politikvermittlung in deutschen Wahlkämpfen

Zusammenfassung
Die Debatte um die Personalisierung von Wahlkämpfen scheint mit jedem neuen Wahlkampf einen weiteren Höhepunkt zu erreichen; in der Bundesrepublik haben vor allem die beiden TV-Duelle zwischen Bundeskanzler Gerhard Schröder und seinem Herausforderer, dem bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber, diese Debatte weiter zugespitzt. „Der oder ich?“ Diese Frage stellte Stoiber in einer Wahlkampfrede anlässlich des Wahlkampfauftaktes der Union.1
Andrea Römmele

Zur Funktion und Bedeutung der Parteibindung für den modernen Wähler

Zusammenfassung
Die Beziehungen zwischen Wählern und Parteien befinden sich in einem tiefgreifenden Wandel. Mit dem Begriff des so genannten partisan dealignment wird zum Ausdruck gebracht, dass sich die Bindungen der Wähler zu den politischen Parteien in den letzten Jahrzehnten abgeschwächt haben und weiter abschwächen (Dalton, Beck und Flanagan 1984: 14). Abbildung 1 dokumentiert für die letzten vier Jahrzehnte den Anteil der Personen in den westdeutschen Bundesländern, die sich an eine politische Partei gebunden sehen. Über den gesamten Zeitraum hinweg ist ein insgesamt kontinuierlicher Rückgang des Anteils der an eine Partei gebundenen Wahlberechtigten zu beobachten. Während die Gruppe der Ungebundenen noch Anfang der sechziger Jahre nicht mehr als knapp 5 Prozent ausmachte, betrachtete sich im Jahre 2002 ein Drittel der Wahlberechtigten als politisch unabhängig.
Dieter Ohr, Markus Quandt, Hermann Dülmer

Die Bombe tickt weiter: Das immer noch existierende Problem der Überhangmandate und mögliche Lösungen

Zusammenfassung
Der 22. September 2002 bescherte den Deutschen die ohne Zweifel spannendste Wahlnacht in der Geschichte der Republik. Ein Kopf-an-Kopf-Rennen der großen Parteien CDU/CSU und SPD zeichnete sich schon nach den ersten Prognosen um 18 Uhr ab und erstreckte sich weit in den Abend hinein, bis sich schließlich eine Patt-Situation zwischen den großen Parteien herausstellte. Nachdem klar war, dass die PDS sowohl an der 5-Prozent-Hürde als auch an der Grundmandatsklausel gescheitert war und damit nur mit den zwei errungenen Direktmandaten ins Parlament einziehen würde, entschied sich die Wahl schließlich durch die Ergebnisse der kleinen Parteien FDP und Bündnis 90/Die Grünen, die als jeweilige Koalitionspartner von CDU/CSU bzw. SPD in Frage kamen. Hier lag von Anfang an die Partei der Grünen vor der FDP, sodass sich am Schluss eine knappe Mehrheit für eine Koalition von Rot-Grün ergab. Der knappe Vorsprung von Rot-Grün gegenüber Schwarz-Gelb erhöhte sich um drei weitere Mandate, da die SPD insgesamt vier Überhangmandate erringen konnte, die CDU jedoch nur eines. Die Überhangmandate gaben damit den Ausschlag, wer die größte Fraktion im Bundestag stellt und somit das Amt des Bundestagspräsidenten erhält. Lange Zeit sah es in dieser Wahlnacht sogar danach aus, als ob die Überhangmandate selbst den Ausgang der Wahl bestimmen könnten, indem sie der rot-grünen Koalition überhaupt erst zu einer Mehrheit verhelfen würden.
Joachim Behnke

Politisches Wissen und Wahlen

Zusammenfassung
Befunde der Wahl- und Einstellungsforschung haben zur Entwicklung der so genannten realistischen Theorien der Demokratie beigetragen, die — anders als normative Partizipationstheorien der Demokratie — nicht von dem politisch bestens informierten und allseits für das Gemeinwohl oder zumindest für das eigene Wohl engagierten Bürger ausgehen. Vielmehr zeigte sich kontinuierlich und in vielen Nationen, dass nur eine Minderheit die Merkmale des politisch kenntnisreichen und aktiven Citoyen aufweist, während die Mehrheit der Politik nur einen kleinen Raum im eigenen Leben einräumt, ihr nur begrenzte Aufmerksamkeit widmet, nur über mäßiges politisches Wissen verfugt und — außer in Form des Wählens — nur selten versucht, aktiv auf die Politik Einfluss zu nehmen (zu Partizipationstheorien im Überblick s. Pateman 1970; Garding 1978; Behr 1999; zum Interesse s. Berelson, Lazarsfeld und McPhee 1954; Converse 1975; van Deth 2000).
Bettina Westle

Internationale Trends und internationaler Vergleich

Frontmatter

Erwartete Knappheit oder Mobilisierung: Was führt zu hoher Abstimmungsbeteiligung? Empirische Ergebnisse für die Schweiz, 1981–1999

Zusammenfassung
Seit Downs (1957) seinen ökonomischen Ansatz zur Erklärung des Wählerverhaltens vorgestellt hat, ist die Frage, ob die erwartete Knappheit Auswirkungen auf die Beteiligung an Wahlen (und Abstimmungen) hat, Gegenstand vieler theoretischer wie empirischer Untersuchungen. Für die Bundesrepublik Deutschland konnte in einer Reihe von Untersuchungen für die Zeit seit 1983 gezeigt werden, dass — unter bestimmten Umständen — die Beteiligung bei den Bundestagswahlen in jenen Wahlkreisen — ceteris paribus — signifikant höher ist, in denen ein knapper Ausgang bezüglich der Erststimmen und damit bezüglich der direkten Vertretung des Wahlkreises in Bonn bzw. Berlin zu erwarten ist (Kirchgässner 1990; Kirchgässner und Schimmelpfennig 1992; Kirchgässner und Meyer zu Himmern 1997; Feld und Kirchgässner 2001). Zu den „Umständen“ gehört, dass die Wählerinnen und Wähler Erwartungen darüber bilden können, ob die Entscheidung in einem Wahlkreis knapp wird oder nicht. Ganz allgemein dürfte nach den heute vorliegenden empirischen Arbeiten kaum mehr zu bestreiten sein, dass dieser „Knappheitseffekt“ zwar nicht immer, aber doch bei vielen Wahlen auftritt.1
Gebhard Kirchgässner, Tobias Schulz

Politische Parteien, Links-Rechts-Orientierungen und die Wahlentscheidung in Deutschland und Frankreich

Zusammenfassung
Politischen Parteien, aktuelle politische Sachfragen und die zur Wahl stehenden Kandidaten sind die zentralen Größen für die Wahlentscheidung der Bürger (Campbell et al. 1960).1 Es war allerdings noch nie ganz einfach, die relative Bedeutung dieser Faktoren für die jeweilige Wahlentscheidung zu bestimmen. Probleme bei der Messung der Parteiidentifikation außerhalb der Vereinigten Staaten von Amerika haben dies früh gezeigt (Budge, Crewe und Farlie 1976). Dabei sind die Parteien noch ein vergleichsweise einfacher Fall. Hier weiß man zumindest, woran man ist. Bei politischen Sachfragen ist dies etwas komplizierter. Weder stehen ihr Erscheinungsbild noch ihre Wirkungsweise außer Frage.2 Hinzu kommt, dass sie sich zumeist zwischen Wahlen — und erst recht zwischen Wahlsystemen — unterscheiden. Die Messprobleme werden weniger, wenn man auf ideologische Grundüberzeugungen ausweicht. Technisch gesprochen handelt es sich dabei um latente Variablen, welche die Einstellungen zu konkreten politischen Sachfragen mit bestimmen.
Hermann Schmitt

Die Erdrutschwahlen 2002 in Österreich

Zusammenfassung
Das Ausmaß der Wählerbewegungen und Wählerströme bei der Nationalratswahl 2002 überraschte selbst erfahrene Beobachter des österreichischen Wahlgeschehens. Nicht minder bemerkenswert waren auch die Umstände, die zu dieser vorverlegten Nationalratswahl gerührt hatten. Die nach der Nationalratswahl 1999 und dem Scheitern der Verhandlungen über eine Fortsetzung der seit 1987 regierenden Großen Koalition zwischen der Sozialdemokratischen Partei Österreichs (SPÖ) und der Österreichischen Volkspartei (ÖVP) im Februar 2000 angelobte Koalitionsregierung zwischen ÖVP und der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) sorgte in Teilen der österreichischen wie der europäischen politischen Öffentlichkeit bei ihrem Start für erhebliche Irritationen. Diese führten u. a. zu einem Sanktionsbeschluss der 14 EU-Staaten und folglich zur europapolitischen Isolierung der neu gebildeten Bundesregierung, die erst im Herbst 2000 durch die Rücknahme der verhängten Sanktionen beendet wurde. Bereits die Konstruktion dieser Koalitionsregierung enthielt für österreichische Verhältnisse neuartige Komponenten. Es waren dies der Umstand der Regierungsbeteiligung der rechtspopulistischen FPÖ; die Tatsache, dass erstmals seit 1966 wieder die ÖVP den Bundeskanzler in einer Koalitionsregierung stellte; wie der Wechsel der seit 1970 als stimmenstärkste Kanzlerpartei regierenden SPÖ in die Oppositionsrolle. Die Reaktion der Mehrheit der österreichischen Staatsbürger (und zwar nicht nur der Anhänger der Regierungsparteien) auf die politische Wende fiel vergleichsweise moderat aus.
Fritz Plasser, Peter A. Ulram

Wahlbeteiligung in Deutschland und bei europäischen Nachbarn

Zusammenfassung
Wahlbeteiligung gilt als wichtiger Gradmesser für das Funktionieren von Demokratien. Allerdings ist umstritten, ob eine niedrige Wahlbeteiligung auf Unzufriedenheit oder Zufriedenheit der Bürger schließen lässt. Das Niveau der Wahlbeteiligung allein lässt keine klaren Aussagen zu. Unstrittig ist hingegen die Beurteilung sich ändernder Wahlbeteiligung. Eine sinkende Wahlbeteiligung in einem sich ansonsten nicht in einer besonderen Situation befindenden politischen System wird gemeinhin als Problem angesehen (vgl. Kaase/Bauer-Kaase 1998: 86), weil davon ausgegangen wird, dass hierin ein Verlust an Bindungswirkung und Attraktivität des politischen Systems und seiner Akteure zu sehen ist. Deutschland bildet in dieser Hinsicht keine Ausnahme. Dem nach den Bundestagswahlen 1983 einsetzenden, bis 1994 anhaltenden Trend des Niedergangs der Wahlbeteiligung wurde große öffentliche und wissenschaftliche Aufmerksamkeit geschenkt (Falter/Schumann 1993; Eilfort 1994; Klingemann/ Lass 1995; Kaase/Bauer-Kaase 1998; Gabriel/Völkl 2004). Der Trend scheint mit den Bundestagswahlen 1998 zwar gebrochen, aber das Niveau etwa 10 Prozentpunkte niedriger zu liegen als bei der Bundestagswahl 1983.
Kees Aarts, Bernhard Weßels

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