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Über dieses Buch

Kunst wird gesehen, gehört, geschmeckt, gerochen und gespürt. Sie wird im Zusammenspiel mit den Sinnen empfunden, erfahren und erlebt. Wie Kunst von wem wahrgenommen wird, ist – so die soziologische These – stets eingebettet in praktisches, inkorporiertes und theoretisches Wissen, das durch kognitive, sinnliche, leibliche und ästhetische Begegnungen mit Kunst zugleich irritiert, nach seinen Grenzen und – noch grundsätzlicher – nach den Grenzen bestehender Gewissheiten befragt werden kann. Wahrnehmen von, durch und mit Kunst wird so auch als soziale Praxis relevant. Mit diesemZugang gehen Fragen danach einher, wie das Sehen, Hören, Schmecken, Riechen, Fühlen, dessen Eindrücken wir uns kaum entziehen können, sozialen Prägungen unterworfen und durch Machtverhältnisse geformt ist, wie aber auch durch das Soziale Interaktionen ermöglicht und Praktiken organisiert werden. Im vorliegenden Band kommen eine Bandbreite an soziologischen, philosophischen, geistes- und kulturwissenschaftlichen Beiträgen zu Wort, die sich explizit den sozialen Aspekten des Wahrnehmens von Kunst in facettenreichen Dimensionen und Aspekten widmen. Der Band eruiert so, wie das Zusammenspiel von Künsten und Sinnen als soziale Praxis aus ganz unterschiedlichen Perspektiven und Schwerpunktsetzungen in den Blick geraten kann: Er fragt, wie sich das Wahrnehmen von Materialien und Dingen, Oberflächen und Räumen, Tönen und Atmosphären durch verschiedene Akteure empirisch wie theoretisch als soziale Praxis in den Blick nehmen lässt.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Wahrnehmen als soziale Praxis – Soziologische Perspektiven auf Wahrnehmen

Zusammenfassung
Der Beitrag versteht sich als einleitendes Kapitel in den Band „Wahrnehmen als soziale Praxis. Künste und Sinne im Zusammenspiel“ und öffnet die Thematik im Hinblick auf verschiedene Ansätze und Positionen, die sich im Rahmen der Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften dem Wahrnehmen zuwenden. Dabei werden besonders solche Positionen reflektiert, die kunstsoziologische und kunstwissenschaftliche Diskurse bereichert haben beziehungsweise bereichern können. Diskutiert wird Wahrnehmen 1) in seiner Verortung zwischen Sinnhaftigkeit und Sinnlichkeit, 2) mit Blick auf die beiden Aspekte Materialität und Körperlichkeit sowie 3) in Bezug auf Perspektiven, die das Wahrnehmbare – das Materielle – eher essentialistisch fassen sowie Perspektiven, die die Situiertheit des Wahrnehmbaren, der Wahrnehmenden und des Wahrnehmens in seinen Vollzügen betonen. In dieser Weise nimmt sich der Beitrag zum Ziel mit einem öffnenden Gestus Wahrnehmen für die Kunstsoziologie und darüber hinaus als soziale Praxis zur Disposition zu stellen, wobei wir der Offenheit halber einen weiten Praxisbegriff zugrunde legen und somit ein Spektrum an Zugängen einbeziehen.
Nina Tessa Zahner, Christiane Schürkmann

Theoretische Optiken: Zugänge zum und Perspektiven auf Wahrnehmen

Frontmatter

Sehen als performative Praxis

Zusammenfassung
Im Mittelpunkt des Beitrags steht das Sehen als performative Praxis. Genau wie das Sprechen ist auch das Sehen eine Tätigkeit, in und durch deren Vollzug Wahrnehmungswelten erschlossen werden. Das heißt, Sehen erschöpft sich nicht im Wiedererkennen einer vorgefundenen Wirklichkeit. Eine strikte Trennung von Subjekt und Objekt erscheint von daher künstlich und irreführend. Mittels der Begriffe Praxis und Performativität kann die Verflechtung und Interrelation zwischen konstruktivistischen und repräsentationalistischen Facetten des Wahrnehmens besser beschrieben werden. Die Deutung des Sehens als performative Praxis trägt damit zur Überwindung falscher Gegensätze von Sensualismus und Mentalismus sowie Realismus und Konstruktivismus bei und macht deutlich, auf welche Weise Sicht und Einsicht einander wechselseitig bedingen.
Eva Schürmann

Es ist schwer zu wissen, was das Wahrnehmen alles macht

Zusammenfassung
Ausgangspunkt dieses Beitrags ist die Auslegung des Wahrnehmens als soziale Praxis. Wahrnehmen ist erstens in einer intrinsischen Weise mit weiteren Praktiken, Artefakten und Diskursen und zweitens in einer regulativen Weise mit Kompetenzregimen, Strukturierungs- und Organisationsprozessen sowie Machtkonstellationen verschränkt. Diese Verschränkung wird anhand folgender Dimensionen analysiert: der begrifflichen, diskurstheoretischen, wissenstheoretischen, methodologischen und politischen Dimension von Wahrnehmungsakten.
Tasos Zembylas

Das Spiel mit der Wahrnehmung und der Wahrnehmbarkeit zeitgenössischer politischer Kunst. Theoretische und empirische Herausforderungen für die Systemtheorie

Zusammenfassung
Zeitgenössische politische Kunst fordert den systemtheoretischen Kunstbegriff theoretisch wie empirisch heraus. Denn der Grad an Fremdreferenz, der von dieser Kunst prozessiert wird, scheint die Grenzen der Kunst nach Luhmann zu überfordern. Aktionen, wie sie vom Zentrum für Politische Schönheit initiiert werden, agieren an der künstlerischen Grenze zur Politik. Gerade in Bezug auf die Funktion, die die Kunst für das Wahrnehmen erfüllt, lohnt sich jedoch ein zweiter Blick. Denn bei genauerem Hinsehen kann gezeigt werden, dass derartige politische Kunst (ebenso wie hochkulturelle Kunst) ein Spiel mit der Wahrnehmung der psychischen Systeme treibt. Sie lässt ganz im Luhmann’schen Sinne Welt in der Welt erscheinen. Die alternative Welt, die dabei eröffnet wird, unterscheidet sich zugleich jedoch von anderen Kunst- und Wahrnehmungswelten. Politische Kunst irritiert anders. Dieser Beitrag hat daher das Ziel, zu zeigen, dass auch eine systemtheoretische Perspektive auf das Wahrnehmen als soziale Praxis einen Mehrwert bietet, insbesondere wenn der Fokus dabei auf zeitgenössische politische Kunst gerichtet ist, die die Systemtheorie bislang nicht zu fassen weiß.
Gina Jacobs

Musikalische Wahrnehmung – ein gesellschaftsverändernder Prozess? Helmut Lachenmanns Konzept musikalischen Hörens im Lichte von Rezeptionstheorie und Musiksoziologie.

Zusammenfassung
Ausgehend von der Denkfigur, dass musikalische Wahrnehmung die Hörenden zu gesellschaftskritischem Denken anrege, werden die musikästhetischen Schriften des Komponisten Helmut Lachenmann einer diskursanalytisch orientierten Untersuchung unterzogen. Lachenmann geht davon aus, dass eine „Verweigerung des Gewohnten“ in der Musik zu einem veränderten Hören führe, das eine kritische Reflexion nicht nur des Hörens selbst, sondern auch der gesellschaftlichen Wirklichkeit zur Folge habe. Vor dem Hintergrund rezeptionstheoretischer Konzepte wird im Anschluss der Frage nachgegangen, auf welchen „Hörer“ sich Lachenmann in seinen Aussagen zur musikalischen Wahrnehmung konkret bezieht. Als Alternative zu einem werkbasierten Zugang wird schließlich auf das Konzept der affordance eingegangen, das Tia DeNora für die Musiksoziologie fruchtbar gemacht hat und das reale Hörer*innen als musikkulturell Handelnde in den Vordergrund stellt.
Lena Dražić

Historische Blicke: Diskurse und Wandlungsprozesse

Frontmatter

Geschmackserziehung im „Kitschzeitalter“. Zur Formierung der Sinne im 19. Jahrhundert

Zusammenfassung
Der Beitrag untersucht Ästhetisierungsprozesse im 19. Jahrhundert und fokussiert dabei vor allem auf Kunstgewerbevereine, christliche Kunstvereine sowie Altertumsvereine. Diese Vereine – so die These – haben die Popularisierung des ästhetischen Blicks und ästhetischer Urteilskompetenz über das Feld der Kunst hinaus entscheidend mit vorangebracht. Um dies zu plausibilisieren, werden Selbstverständnis und Arbeitsweisen der Vereine vorgestellt und diskutiert. Auf diese Weise leistet der Beitrag eine wichtige Ergänzung zu vorliegenden Ansätzen, die mit Blick auf den Prozess der Ästhetisierung allein die Vorbildwirkung von Künstler- und Bohemezirkeln in Rechnung stellen und deren Reichweite dabei überschätzen.
Uta Karstein

Das Publikum als Ort der Auseinandersetzung um legitime Formen des Kunst- und Weltwahrnehmens

Zusammenfassung
Das Kunst- oder Kulturpublikum ist traditionell ein wichtiger Ort der Auseinandersetzung um die Legitimität verschiedener Wahrnehmungs- und Wissensformen. In ihm überlagern sich bis heute ästhetische mit gesellschaftlichen und politischen Diskursen. Das Publikum erweist sich so als zutiefst von historischen Begriffen geprägtes soziale Phänomen, in dem spezifische Wissensordnungen und Weltdeutungen scheinbar unbemerkt sozial wirksam werden. Der Beitrag hat sich zum Ziel gesetzt, die harte Fassade dieser Begriffe aufzubrechen. Er setzt mit einer genealogischen Betrachtung der historisch bedeutsamen Positionen zum Begriffsfeld des Publikums ein und macht vor diesem Hintegrund die normativen Implikationen der bis heute in der Publikumsforschung als Referenzpunkt populären  Publikumsstudien Pierre Bourdieus sichtbar. Zum Abschluss plädiert der Beitrag dafür eine feldtheoretisch informierte Version der Bourdieu‘schen Ästhetik des Sozialen für die Publikumsforschung fruchtbar zu machen und zeigt deren Leistungskraft auf.
Nina Tessa Zahner

Avantgarde oder Pop – Sinnliche Wahrnehmung und diskursive Verortung der Praxis der Neuen Deutschen Welle zwischen Kunst und Kommerz

Zusammenfassung
Der Beitrag nimmt Praktiken des Wahrnehmens auf dem schmalen Grad der Genese kunstvoller und kommerzieller Musik in den Blick und fragt, wann das Erzeugnis von Künstler*innen im Zusammenspiel der wahrnehmenden Sinne Kunst ist. Die Antwort wird aus einem Begleitforschungsprojekt zu einer Ausstellung über die Neue Deutsche Welle im Osthausmuseum der Stadt Hagen extrahiert. Aus dem empirischen Material werden Praxisformen des Wahrnehmens als Bedingungsformen von Populärkultur als Kunst herausgearbeitet. Neben avantgardistischen geraten verstärkt populärkulturelle Praktiken der Affizierung und deren physisch-materielle Praxisdimensionen in den Fokus und erhellen die fluide Grenzregion zwischen Kunst und Pop. Um dem künstlerischen Potential der Popmusikpraxis von Bands wie Extrabreit, Ideal aber auch Nena auf die Spur zu kommen, wird in praxistheoretischer Perspektive auf der Folie der Arbeiten von Reckwitz (2015), Liegl (2015) oder Seyfert (2012) insbesondere nach dem Stellenwert des Affektiven im Rahmen der spezifischen Vollzugspraxis gefragt und die These verfolgt, die Kunst begründende kritisch soziale Praxis offenen Ausgangs, liege insbesondere in der Affektivität popmusikalischer Praxis.
Franka Schäfer

Von „Eventschuppen“ und anderen Dingen: Wahrnehmung als soziale Praxis in kritisch-reziptiven Medienkulturen

Zusammenfassung
Massenmedien prägen die soziale Wahrnehmung und zeigen sich als Motoren der gesellschaftlichen Transformation. Vor diesem Hintergrund wird in dem Beitrag exemplarisch die Debatte um den Intendantenwechsel an der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz im Frühjahr 2015 behandelt. Die politische Theorie von Ernesto Laclau und Chantal Mouffe in Verbindung mit kultur- und mediensoziologischen Perspektiven bildet dabei den theoretischen Rahmen, von dem ausgehend die empirische Analyse in den Blick genommen werden kann: Wie wird der Konflikt in der deutschen Kulturpublizistik wahrgenommen und medial inszeniert? Dabei stellt sich sowohl die Frage, auf welche Art und Weise die Heterogenität der Kulturen im Spannungsverhältnis zwischen bürgerlichen und populären Künsten gegenwärtig verhandelt wird als auch welche Vorstellungen von Kultur im öffentlichen Diskurs existieren und sich konflikthaft gegenüberstehen.
Simone Jung

Der visuelle Wahrnehmungsapparat in der medialisierten Welt

Zusammenfassung
Menschen sehen mit ihren Augen, aber vor Jahrhunderten sahen sie anders als wir es heute tun. Helmut Plessners Anthropologie der Sinne bietet eine Grundlage, diesen Wandel am überlieferten Bildmaterial empirisch zu ermitteln. Der Sinnesapparat verändert sich, wie bereits Karl Marx bemerkte, durch die technisch-industrielle Umwelt. Im visuellen Wahrnehmungsapparat bildete sich eine soziophysiogische Filterfunktion, die dazu dient, sich auf die zunehmende Fülle von Angeboten für die Schaulust einzustellen. Diese Entwicklung bringt sowohl Verlust als auch Gewinn mit sich. Zum einen wird das Sehen oberflächlicher, was allerdings nicht im Sinne von Seichtigkeit, sondern von summarischem Wahrnehmen zu verstehen ist. Zum anderen gibt es auch Gewinne, weil Bild-Techniken die visuelle Erfahrung erweitern.
Lutz Hieber

Empirische Perspektiven: Die Praxis des Wahrnehmens beforschen

Frontmatter

Wir nehmen mehr wahr, als sich uns zeigt. Zur Ethnografie künstlerischer Praxis

Zusammenfassung
Künstlerische und ethnografische Praxis privilegieren beide in unterschiedlicher Weise das Wahrnehmen als Zugang zu ihrem Gegenstand: Während die Ethnografie an der Produktion von Wissen und Erkenntnis über ihr Feld mittels Beobachtung und Teilnahme interessiert ist, geht es in der Kunst um die Hervorbringung künstlerischer Arbeiten beziehungsweise Werke, die ihre Wirkungen entfalten. Mit einer phänomenologisch orientierten ethnografischen Perspektive auf die Entwicklung von Werken im Bereich der bildenden Kunst schlägt der Beitrag vor, nicht allein das feldspezifische Wissen von Künstler*innen, sondern zudem deren Praxis des Wahrnehmens ins Zentrum des Erkenntnisinteresses zu rücken. Angeschlossen wird dieses Vorgehen an die Phänomenologie Maurice Merleau-Pontys, mit der sich das leiblich situierte Wahrnehmen auf die Kopräsenz der Ethnografin im Feld übertragen lässt. Aus dieser Perspektive zeigt sich künstlerische Praxis als eine, die den Bereich des Möglichen im Wahrnehmen und speziell Sehen zu erschließen vermag – ein Bereich, der auch für die Ethnografie selbst im Gang durch das Wahrnehmen dieser Praxis zugänglich(er) wird.
Christiane Schürkmann

Ästhetischer Sinn – Konjunktives Verstehen – Praktische Reflexionen

Bildungstheoretische und kunstphilosophische Perspektiven auf gemeinschaftliche Herstellungsprozesse ästhetischen Sinns von Kindern
Zusammenfassung
Im Rahmen des Beitrags werden Auszüge aus einer Dissertationsstudie vorgestellt, die als Grundlagenforschung in der qualitativ-rekonstruktiven Kindheitsforschung und im Schnittfeld von phänomenologischen und wissenssoziologischen Perspektiven verortet ist. Hierzu werden videographisch erhobene Szenen präsentiert und rekonstruiert. In diesem Beitrag werden ausgewählte Aspekte neu miteinander verbunden und eine spezifische Perspektive eingenommen. Dabei wird folgenden Fragen nachgegangen: Wie kann ästhetischer Sinn gemeinschaftlich hergestellt, intersubjektiv nachvollzogen und mitgeteilt werden? Fokussiert wird dabei nicht nur auf die Bedeutung eines konjunktiven Verstehens sowie mimetischer Prozesse, sondern auch auf praktische Reflexionen und die Bildungsbedeutsamkeit eines gemeinschaftlichen Herstellens ästhetischen Sinns.
Kathrin Borg-Tiburcy

Auf den Spuren von Seh-Modi beim Kunstbetrachten

Zusammenfassung
Sehgewohnheiten und Blickbewegungen sind beim Kunstbetrachten essentiell und es scheint naheliegend, dass das Kunst-Sehen verschiedene Modi annehmen kann. Der Beitrag fokussiert dabei auf Annahmen zu einem kognitiven bzw. meditativen Seh-Modus. Ausgangspunkt dieser explorativen Studie sind theoretische Texte, die Aussagen zu Sehgewohnheiten beinhalten. Sie werden mit Eye-Tracking- und Befragungsdaten, die in Japan und Österreich erhoben wurden, in Beziehung gesetzt. Die Ergebnisse der vorgestellten Studie zeigen, dass beide Gruppen je nach Bild zwischen den Seh-Modi wechselten und sich die Blickbewegungen auch innerhalb des kognitiven Seh-Modus aufgrund der kulturellen Varianzen hinsichtlich einer Vertrautheit mit bestimmten Darstellungskonventionen unterscheiden, es dabei jedoch stark auf die jeweils betrachteten bzw. gezeigten Kunstwerke ankommt.
Hanna Brinkmann

Materialität der Wahrnehmung – Einblicke in die kuratorische Praxis

Zusammenfassung
Mit einer ethnografischen Perspektive untersucht der Aufsatz Kunstwahrnehmung im Feld kuratorischer Praxis. Im Besonderen wird danach gefragt, wie Kunstobjekte in Zusammenarbeit von Künstler*innen, Kurator*innen und Mitarbeiter*innen inszeniert werden und welche Praktiken der Wahrnehmung sich im Zuge dieser Arbeit an den Kunstobjekten zeigen. Kunstwahrnehmung wird auch auf Seiten der Rezipient*innen über die Materialität der Ausstellung untersucht. In soziologisch-ethnografischen Analysen wird gezeigt, wie sich Kurator*innen und Künstler*innen in multimodalen Wahrnehmungsweisen den künstlerischen Arbeiten sinnlich annähern, wie in diesen Annäherungsweisen eine professionelle Kunstwahrnehmung beobachtbar wird und wie durch Gesten des Zeigens Situationen geteilter Wahrnehmung geschaffen werden. Schließlich wird mit Blick auf die Materialität des Zeigens sichtbar, wie mittels Ausstellungsarchitekturen den Betrachter*innen Wahrnehmungsweisen materiell vermittelt werden. Formuliert wird eine praxeologische Perspektive mittels derer Kunstwahrnehmung – jenseits ästhetischer Kompetenz – als räumlich und materiell organisierte Wahrnehmung konturiert wird.
Lisa Anders

Zwischen Ritual, Engagement und Frustration. Soziale Praktiken auf Großausstellungen

Zusammenfassung
Der Beitrag untersucht Wahrnehmen als Form der sozialen Praxis im Rahmen performativer Werksituationen. Die Befragung der Praxis erfolgte aus ethnografischer Perspektive über den methodischen Ansatz der teilnehmenden Beobachtung. Im Zentrum stehen zwei von der chilenischen Künstlerin Cecilia Vicuña als Pendants konzipierte und anlässlich der documenta 14 sowohl in Athen als auch Kassel zur Aufführung gebrachte Ritual-Performances. Der Schwerpunkt der komparativen Gegenüberstellung liegt dabei auf den rezeptiven Praktiken ihrer Teilnehmer*innen, wodurch zugleich Differenzen der Aktivitäts-, Interaktions- und Handlungsformen sichtbar gemacht werden können. Abschließend werden die Ergebnisse resümiert und in einem Ausblick das Potenzial solcher Arbeiten im Hinblick auf ästhetische Erfahrungsprozesse diskutiert.
Jasmin Kolkwitz

Being in Spitzbergen: Teilnehmende Wahrnehmung und Erkenntnisgewinn in einem künstlerischen Forschungsprojekt

Zusammenfassung
Bisher ist in der künstlerischen Forschung wenig über Ansätze oder Methoden reflektiert worden. Im Beitrag stelle ich deshalb die ‚teilnehmende technische Beobachtung‘ ins Zentrum, die im künstlerisch-forschenden Projekt „Computersignale“ zum Einsatz kam. Wie das Forschungsteam um den Künstler Hannes Rickli aufgrund seiner Wahl einer bestimmten methodischen Vorgehensweise ästhetische Erfahrung herstellen würde, suche ich in der Rolle einer outsider within zu beschreiben. Ich verfolge dazu einen praxeologischen Ansatz und gehe gleichfalls ethnographisch vor. Die Gruppe ließ mich dafür in ihr Labor ein und ermöglichte es mir, verschiedenen Aspekten ihrer außergewöhnliche Belauerung der Unterwasserbeobachtungsstation RemOS1vertieft nachzugehen. Die Vorgehensweise der Künstler*innengruppe enthielt und ermöglichte Erfahrungen, die über das reine Beobachten hinausgehen und mit multisensorischen und multimedialen Wahrnehmungsmöglichkeiten technischer Gemengelagen zu tun haben. Sie brachte eine ästhetische Erfahrung hervor, die mit anderen Menschen geteilt und damit auf sinnlicher Ebene nachvollziehbar gemacht werden konnte. Die Praxis der Forschungsgruppe tat und ermöglichte, so postuliere ich, teilnehmende Wahrnehmung.
Priska Gisler
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