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Über dieses Buch

Der Band betrachtet am Beispiel des Lebensmittelmarkts die drei Teilkontexte Produktion, Marktentnahme und Konsum in ihren wechselseitigen Handlungsbezügen sowie die Rolle von Macht und Wissen für die Koordination von Warenketten. Die Autorinnen und Autoren aus Geographie, Soziologie, Wirtschaftswissenschaften sowie der Stadt- und Regionalplanung widmen sich verschiedenen sich ergänzenden Aspekten der Koordination der Warenkette und der beteiligten Akteure von der Produktion, über die Logistik bis hin zum Handel und Konsum. Die Beiträge zeigen den unmittelbaren Zusammenhang zwischen Wissen und Handlungen der Akteure sowie deren Wirkungen auf die räumliche Organisation und Ordnung der Warenkette. Hinsichtlich der Rolle von Wissen geben die Beiträge eine Vielzahl an pointierten Analysen zu Teilaspekten der Gesamtinteraktionszusammenhänge.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Interdependenz von Produktion, Markt und Konsum in Lebensmittelwarenketten

Einleitung
Zusammenfassung
In der Wirtschaftsgeographie und der Wirtschaftssoziologie sind Lebensmittel ein wichtiger Gegenstand wissenschaftlicher Analysen. Während die Wirtschaftsgeographie dabei eher die Wertschöpfungsketten und den Einzelhandel betrachtet, stellen in der Wirtschaftssoziologie Untersuchungen zu Ernährung und Konsum einen Arbeitsschwerpunkt dar. Durch zahlreiche Studien in beiden Disziplinen gibt es bereits einen vertieften Kenntnisstand zu unterschiedlichen Aspekten des Anbaus, der Logistik, des Vertriebs, des Kaufs und des Konsums von Lebensmitteln.
Elmar Kulke, Linda Hering, Julia Fülling, Nina Baur

Institutionelle Rahmenbedingungen und historische Entwicklung

Frontmatter

Die nationale Einbettung globaler Warenketten. Zum Einfluss nationaler Wirtschaftsakteure auf die Ausgestaltung des Lebensmittelmarktes

Zusammenfassung
Dieser Beitrag beschreibt die soziale Einbettung des deutschen Lebensmittelmarktes aus wirtschaftssoziologischer Perspektive. Ausgangspunkt ist ein heuristischer Rahmen, der drei konstitutive Marktelemente unterscheidet: die auf Märkten gehandelten Waren; die Nachfrager, Produzenten und Vertreiber dieser Waren, d. h. die Marktteilnehmer; sowie den zentralen Koordinationsmechanismus des Marktes, den Wettbewerb. Die konkrete institutionelle und kulturelle Einbettung dieser Marktelemente und ihre Effekte auf globale Warenketten werden anschließend genauer analysiert. Da sich diese Einbettungsstrukturen dynamisch wandeln, werden Verbraucherorganisationen und Unternehmensverbände sowie deren Machtverhältnisse analysiert, um die konkrete Ausgestaltung von Waren sowie die Markt- und Machtbeziehungen von Konsumenten, Produzenten und Retailern nachzuvollziehen. Abschließend wird diese wirtschaftssoziologische Analyse in Bezug auf den Warenkettenansatz diskutiert. Angeregt wird, den methodologischen Nationalismus der Wirtschaftssoziologie und den methodologischen Internationalismus des Warenkettenansatzes zu überwinden sowie beide Ansätze stärker zu verzahnen, um die nationale Einbettung von Märkten als auch die Gestaltung globaler Warenketten besser analysieren zu können.
Sebastian Nessel

Horizontal koordiniert oder vertikal getrieben?

Die Ordnung der deutschen Märkte für biologische Lebensmittel und ihr historischer Wandel
Zusammenfassung
Wie beeinflusst die Koordination landwirtschaftlicher Erzeuger die Struktur von Warenketten? Und wie beeinflusst die Einbettung in Warenketten die Koordination von landwirtschaftlichen Erzeugern auf Agrarmärkten? Der vorliegende Beitrag untersucht diese Fragestellungen mit einer Fallstudie über die historische Entwicklung der deutschen Märkte für biologische Lebensmittel von 1946 bis 2012 und zeigt, wie die Koordination von Landwirten in Wirtschaftsverbänden die Beziehungen in diesen Märkten und zu Märkten in vor- und nachgelagerten Stufen der Warenketten beeinflusst hat. Auf theoretischer Ebene zielt dieser Beitrag darauf ab, wirtschaftssoziologische und wirtschaftsgeografische Zugänge zu Märkten miteinander zu verknüpfen und für die Analyse von Handlungsstrategien landwirtschaftlicher Erzeuger nutzbar zu machen. Die Marktsoziologie untersucht die horizontale Koordination von Produzenten in einem Markt in Bezug auf die Frage, wie Produzenten einen direkten Preiswettbewerb vermeiden. Mit Agrarmärkten hat sie sich bisher noch kaum auseinandergesetzt. Die Wirtschaftsgeografie befasst sich hingegen mit der vertikalen Koordination zwischen verschiedenen Märkten entlang von Warenketten. Agrarmärkte werden vor allem aus der Perspektive ihrer Getriebenheit von Lebensmittelproduzenten und -händlern untersucht. Wie dieser Beitrag exemplarisch zeigt, ermöglicht eine Verbindung beider Ansätze ein umfassenderes Verständnis der Handlungsstrategien von landwirtschaftlichen Erzeugern auf Agrarmärkten.
Simon Dombrowski

Eine historisch-institutionalistische Perspektive auf den deutschen Lebensmitteleinzelhandel

Zusammenfassung
Dieser Aufsatz untersucht die Entwicklung des institutionellen Umfelds, das die Struktur des deutschen Lebensmitteleinzelhandels geprägt hat. In der institutionellen Domäne der Corporate Governance dominieren Einzelhändlergenossenschaften sowie verschiedene obskure Unternehmensformen. Stadt- und Raumplanung boten relativ kleinen Einzelhandelsgeschäften wie Supermärkten und Discountern seit den 1960er Jahren einen gewissen Schutz. Im Bereich der Berufsausbildung wurde etwa zur gleichen Zeit eine Lehre mit verkürzter Ausbildungszeit eingeführt. Der konservative deutsche Wohlfahrtsstaat unterstützt, dass Frauen nicht Vollzeit, sondern Teilzeit arbeiten, was im Einzelhandel sehr verbreitet ist. Im Bereich der Arbeitsbeziehungen sind Institutionen wie Gewerkschaften und Betriebsräte relativ schwach. Schließlich sind die Beziehungen zu den Lieferanten ausgesprochen konflikthaft und preisorientiert. Insgesamt unterscheiden sich die Institutionen des deutschen Einzelhandels deutlich von denen, die üblicherweise als für Deutschland und insbesondere für dessen industrielle Kernsektoren typisch gelten. Die Besonderheiten des deutschen Einzelhandels haben sich zudem nicht erst in den letzten Jahrzehnten herausgebildet. Sie wurzeln vielmehr häufig in der langen Tradition des deutschen Mittelstands. Entscheidende Weichenstellungen für ihre weitere Entwicklung fand dann während der Einzelhandelsrevolution in den 1960er Jahren statt.
Michael Wortmann

Wissen über Landreformen: Die Weltbank und die Widersprüche ihres Wissensregimes

Zusammenfassung
Dieser Beitrag argumentiert, dass internationale Organisationen wie etwa die Weltbank in Analysen globaler Wertschöpfungsketten oft übersehen werden, obwohl sie von grundlegender Bedeutung für die Wertketten der Lebensmittelbranche sind. Unter anderem beeinflusst allen voran die Weltbank solche Wertketten indem sie international Landreformprogramme verfolgt, mit denen sie die Regeln für die zahlreichsten Akteure in der Lebensmittelproduktion – die Kleinbauern – grundsätzlich beeinflusst. Der Beitrag geht konkret auf die Landreformen ein, wie sie von der Weltbank in den 1990ern und 2000ern befürwortet wurden, und untersucht dabei wie und welches Wissen über Landreform die Weltbank verbreitet, und wie sie mit den Widersprüchen, die von den Landreformen ausgelöst werden, umgeht. Es werden zwei solche Entwicklungen analysiert, und zwar die Zunahme der Subsistenzlandwirtschaft und das Aufkommen riesiger Agrarkonzerne in einigen der größten Länder Eurasiens: die Ukraine, Russland, Kasachstan, und die Türkei. Mittels einer Auswertung der Weltbank-Berichte über diese und andere Länder, argumentiert der Beitrag, dass die Weltbank die Konsequenzen ihrer Empfehlung zu Landreform herunterspielt und ein Wissen produziert, welches eine auf den ersten Blick unproblematische Hierarchisierung der Länder ermöglicht, die oben genannten Widersprüche aber letztendlich nicht erklären kann.
Mihai Varga

Produktionskontext

Frontmatter

Game Changer Handy?

Die Bedeutung von Informations- und Kommunikationstechnologien für die Einbindung afrikanischer Obst- und Gemüsebauern in internationale Wertschöpfungsketten
Zusammenfassung
Der vorliegende Beitrag zeigt am Beispiel unterschiedlicher Wertschöpfungsketten von frischem Obst und Gemüse in Kenia und Tansania, wie schon einfache Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT; IuK-Technologien) die Einbindung afrikanischer Kleinbauern in internationale Wertschöpfungsketten unterstützen können. Positive Wirkungen lassen sich insbesondere beim Zugang zu einfachem sowie komplexem spezifischen Wissen, bei Finanztransaktionen und beim Verhandeln mit Geschäftspartnern identifizieren. Gleichzeitig können aber auch Probleme auftreten, wie z. B. eine zunehmend quasi-verpflichtende Nutzung von IuK-Technologien als Voraussetzung für die Teilnahme an bestimmten Ketten. Generell zeigen die Ergebnisse, dass die Einsatzmöglichkeiten und Wirkungen von IuK-Technologien stark von der jeweiligen Form der Einbindung in die Wertschöpfungsketten abhängen.
Peter Dannenberg, Madlen Krone

Risiko Gülle – ein Abfallprodukt gefährdet das Globale Produktionsnetzwerk der intensiven Landwirtschaft

Zusammenfassung
Prozesse der Globalisierung haben zu einer Entfremdung der Konsument*innen von den Herstellungsbedingungen von Lebensmitteln geführt. Es findet eine Dissoziation des Produktes von den Informationen über seine Herstellung und deren Auswirkungen statt. Am Beispiel der intensiven Fleischproduktion und dem mit ihr verbundene Anfallen von Gülle und anderen Exkrementen diskutieren wir, wie die mit der (globalen) Organisation und den Bedingungen der Herstellung in einem Produktionsnetzwerk verbundenen Risiken mit Hilfe des Globale Produktionsnetzwerke-Ansatzes analysiert werden können. Als Fallbeispiel dient dabei der Nordwesten Deutschlands. Die Fallstudie veranschaulicht wie die Wahrnehmung unterschiedlicher Formen von Risiken durch die Akteur*innen auf ihrer Einbindung in die Region beruht. Zudem zeigt die Analyse, wie die starke Einbettung der regionalen Agrar- und Biogasindustrie es den Akteur*innen erlaubt hat, ihre Wertschöpfung und -aneignung erheblich zu erhöhen und zugleich wie sie durch die Ausübung kollektiver Macht auf lokaler und regionaler Ebene erfolgreich regulatorische Konsequenzen der Umweltrisiken beeinflussen können. Der empirische Teil des Beitrags basiert hauptsächlich auf qualitativen Interviews.
Martin Franz, Kim Philip Schumacher

Vom Lagenwein zum off-shore brand. Qualifizierung und Raumproduktion in globalen Produktionsnetzwerken

Zusammenfassung
Die Geographie hat sich in den letzten Jahrzehnten intensiv mit der Steuerung globaler Warenketten bzw. globaler Produktionsnetzwerke (GPN) beschäftigt. Am Beispiel der globalisierten Weinproduktion arbeitet der Beitrag Prozesse der Qualifizierung und Requalifizierung (Callon, Méadel, & Rabeharisoa, 2002) von Wein als zentrale Faktoren der Steuerung von GPN heraus. Empirisch wird dies deutlich durch einen Vergleich der Qualifizierungsstrategien von Tankwein und Premiumwein, von denen unterschiedliche Konsequenzen für die Steuerung und räumliche Organisation von GPN ausgehen. Dabei argumentieren wir, dass Tankwein bzw. die zu seiner Verbreitung notwendigen Flexitanks als eine disruptive Technologie betrachtet werden müssen, die zu einer tiefgreifenden Umstrukturierung der Weinwirtschaft führt und mit der erhebliche Konsequenzen für die globale Raumproduktion in der Branche verbunden sind.
Robert Pütz, Gerhard Rainer, Christian Steiner

Zur Komplementarität von Warenkette und Lieferkette

oder: wie die Banane in den Container kommt
Zusammenfassung
Wenn von ‚globalen Warenketten‘ die Rede ist, sind zwar immer die global verteilten Kontexte der Produktion, Vermarktung und Konsumption und die Wechselwirkungen zwischen diesen im Blick, selten aber die zwischen diesen Kontexten vermittelnden, für die sozial-räumliche Ausprägung der Warenkette zentralen Logistikprozesse. Im Zentrum des Beitrags stehen die Wechselbeziehungen zwischen Waren- und Lieferketten und deren dahinterstehende Eigenlogiken. Durch die inzwischen umfassende Containerisierung der Transportgüter haben sich Warenkette und Lieferkette heute weitgehend voneinander getrennt, wobei der Container als Black Box auf beiden Seiten hilft, Abstimmungsprozesse zu vereinfachen. Während die Lieferkettenakteure so die Transportprozesse ohne tiefere Kenntnisse der zu transportierenden Waren zu organisieren vermögen, können aus der Perspektive der Warenkette die Transportprozesse weitgehend ausgeblendet werden, und die Räume der Warenkette rücken zusammen. Am Beispiel der Re-Figuration der Warenkette im Bananenhandel verdeutlicht der Beitrag die Komplementarität des Wandels in beiden Sphären: War diese Warenkette lange Zeit durch vertikal integrierte Großkonzerne geprägt, ist hier seit den 1990er Jahren ein von europäischen Einzelhandelskonzernen dominiertes Geflecht vielfältiger, regional verteilter Akteure entstanden, für das die Trennung von Waren- und Lieferkette von zentraler Bedeutung ist.
Klaus-Peter Buss

Kontext der Marktentnahme

Frontmatter

Der „gute“ Lebensmittelmarkt

Raumwissen von Standortentwicklern und Betreibern von Supermärkten und Lebensmitteldiscountern
Zusammenfassung
Welche Wissensbestände und Vorstellungen werden von den Standortplanern und Betreibern von Lebensmittelmärkten in die Gestaltung von Lebensmittelmärkten eingebracht und mit den Kommunen (Verwaltung, Politik) verhandelt? Gegenstand dieses Beitrages sind die Dynamiken und Logiken von physischer Raumproduktion in Bezug auf Lebensmittelmärkte, insbesondere die Re-figuration von Mustermärkten oder Typenbauten im Lebensmitteleinzelhandel. Interviews mit Standortentwicklern, Expansionsleitern sowie Betreibern des Lebensmitteleinzelhandels werden für diesen Beitrag unter dem Aspekt des Raumwissens in einer Sekundäranalyse ausgewertet. Zudem werden diese gegenübergestellt mit aktuellen Entwicklungslinien in der Planung und Gestaltung von Lebensmittelmärkten. Fokussiert werden dabei die Planung und Gestaltung von Lebensmitteldiscountern und mittelgroßen Supermärkten, welche nicht nur gleiche gebäudemorphologische Eigenschaften haben, sondern als monofunktionale Stadtbausteine auch in ihrer Integration in das erweiterte Umfeld städtebaulich vergleichbare Auswirkungen haben. Im Gegensatz zu den 1990ern und 2000 Jahren werden bei heutigen Lebensmittelmärkten deutlicher als bisher durch die Einzelhandelsunternehmen die Vielfalt an möglichen Standorten von Lebensmittelmärkten und eine größere Bereitschaft für architektonische und städtebauliche Anpassungen an den Kontext kommuniziert. Es wird dennoch die Hypothese aufgestellt, dass die Re-Figuration der physischen Gestalt eines Lebensmittelmarktes vorwiegend lokal – in den Kommunen – verhandelt wird. Hier gibt es verschiedene Anlässe, Rahmenbedingungen und Treiber, die ggf. den Grad oder das Ausmaß der physischen Re-figuration beeinflussen.
Angela Million

Wenn der Supermarkt nicht genügt

Einkaufsorte und soziale Distinktion im Feld des fairen Handels
Abstract
Einkaufsorte spielen eine zentrale Rolle für das Funktionieren von Märkten und die Konsumpraxis. Auf Basis der soziologischen Feldtheorie geht dieser Beitrag deshalb der Frage nach, inwiefern der Besuch unterschiedlicher Einkaufsorte im Feld des fairen Handels mit Beurteilungsstandards, Wissensbeständen und sozialen Merkmalen der Konsumenten zusammenhängt. Zudem wird in vergleichender Perspektive untersucht, ob diese Zusammenhänge zwischen dem Kölner (Deutschland) und dem Zürcher (Schweiz) Marktkontext variieren. Multiple Korrespondenzanalysen belegen, dass der Kauf fair gehandelter Produkte in spezifischen Einkaufsorten mit den Dispositionen und sozialen Merkmalen der Konsumenten zusammenhängt. Konsumenten, die ausschließlich in Supermärkten oder Discountern fair gehandelte Lebensmittel kaufen, haben eine weniger stark ausgeprägte zivilgesellschaftliche Orientierung, eine stärkere marktwirtschaftliche Orientierung und ein kleineres Wissen zu fair gehandelten Produkten als Besucher spezialisierter Geschäfte. Diese Zusammenhänge sind im Zürcher Markt gesamthaft stärker ausgeprägt als im Kölner Markt. Damit verdeutlichen die Analysen die Homologie zwischen der Struktur des Feldes des fairen Handels auf der Angebotsseite und der Struktur des Konsums fair gehandelter Produkte im sozialen Raum, zeigen aber auch, dass Art und Ausmaß dieser Homologie zwischen Marktkontexten variieren.
Patrick Schenk

Versorgung mit frischen Lebensmitteln in ländlich geprägten Food Deserts am Beispiel von Schleswig-Holstein

Zusammenfassung
Seit Jahrzehnten dünnt die Nahversorgung nach Lebensmitteln nicht nur in Deutschland immer mehr aus. Einzelne Gemeinden oder größere Regionen besitzen zuweilen keinen einzigen Lebensmitteleinzelhandelsladen mehr. Es stellt sich die Frage, wie einzelne Bevölkerungsgruppen hiermit umgehen, die aktuelle Versorgung als Problem wahrnehmen und sich Einkaufsalternativen außerhalb ihrer Gemeinden zuwenden. Einstellungen und Verhaltensweisen von Kunden werden in der Untersuchung verknüpft mit Anpassungs- und Lernpotenzialen von Ladenbetreibern und Frischeproduzenten, die 2015 bis 2017 am Fallbeispiel des Bundeslandes Schleswig-Holstein empirisch erhoben wurden. Ziel ist es, sich der unterschiedlichen Aufgeschlossenheit von Kundengruppen für Nahversorgung bewusst zu machen und wie die Anbieterseite hierauf kundenspezifische Antworten finden kann.
Ulrich Jürgens

Verwendungskontext

Frontmatter

Zur Reproduktion der sozialen Sinnform „Mahlzeit“ in Zeiten des globalisierten Lebensmittelmarkts

Zusammenfassung
Essen und Trinken sind nicht nur physische Grundbedürfnisse des Menschen, sondern soziale Phänomene, insbesondere, wenn sie gemeinschaftlich in Form einer Mahlzeit geschehen. Mahlzeiten folgen stets sozialen Regeln, die Zugehörigkeit und Abgrenzung erzeugen. Ihre Ausgestaltung hat sich mit veränderten Haushaltsstrukturen, Familienkonstellationen und Erwerbstätigkeitsmustern gewandelt. Zudem sind die Gestaltungsmöglichkeiten der Ernährung durch den globalisierten Lebensmittelmarkt und das wachsende Angebot des Außer-Haus-Markts komplexer und vielseitiger geworden. Kaum beschränkte Gelegenheiten der Nahrungsaufnahme und ein breites Lebensmittelangebot treiben die Ausdifferenzierung der physischen und sozialen Funktionen des Essens voran. Mahlzeiten besitzen weiterhin einen starken sozialkommunikativen Charakter und tragen zur Konstruktion und Darstellung sozialer Rollen bei. Essen in Gemeinschaft folgt heute zunehmend symbolischer Repräsentationen. Diese Entwicklung zeigt sich auch in verschiedenen Ernährungstrends und -stilen. Die soziale Sinnform Mahlzeit hat sich zeitlich, räumlich und sachlich gewandelt. Die Mahlzeit löst sich dabei jedoch nicht auf, sondern reproduziert sich in veränderter Weise.
Jana Rückert-John, Sophia Reis

„(No) One-fits-all“ – Eine ernährungssoziologische Analyse zur Beeinflussung des Lebensmittelmarkts durch Millennials

Zusammenfassung
Der Beitrag liefert eine ernährungssoziologische Analyse des Phänomens, dass Konsumenten in Bezug auf ihre Vorstellung eines optimalen Lebensmittels gleichzeitig verschiedene, sich teilweise widersprechende Erwartungen artikulieren. Dies ist sowohl Effekt als auch gleichzeitig Motor einer komplexen Ernährungskultur der Ernährungskulturen und des Ernährungskulturkontakts. Aus diesen widersprüchlichen Erwartungen werden in der konkreten Ernährungspraxis auf unterschiedliche Art und Weise Synthesen gebildet, die ausdifferenzierte Lebensstile (mit-)konstruieren. Exemplarisch ausgeführt wird diese Ernährungspraxis anhand des Konsumentenverhaltens der sogenannten Millennials auf dem Lebensmittelmarkt und hier insbesondere mit Blick auf die Herausforderungen, wie diesem aus einem speziellen Zeitgeist heraus resultierenden Lebensstilmilieu, zeitgemäß von Lebensmittelproduzenten und Lebensmittelhändlern zu begegnen ist.
Daniel Kofahl, Benedikt Jahnke

Kehrseiten – Zwischen Verantwortung und Profitstreben

Frontmatter

Food Crime – Organisierte und organisationale Kriminalität in der Lebensmittelproduktion

Zusammenfassung
Was im Discountermarkt oder am Obst- und Gemüsestand oft verschleiert wird, ist Thema dieses Artikels. Er interessiert sich für die dunkle Seite des Lebensmittelhandels. Dabei stehen die gesellschaftlichen Formen im Mittelpunkt, die sich bei Erzeugung, Produktion und Handel unserer Lebensmittel etabliert haben. Sie basieren nicht selten auf der organisierten Kriminalität von Drogenkartellen, kriminellen Gangs oder der Mafia. Auch ansonsten legal operierende Unternehmen greifen bisweilen zu illegalen Mitteln. Dies ist keine organisierte, aber organisationale Kriminalität oder: Corporate Crime. Im Artikel werden beide Kriminalitätsformen als zentrale Formen von „food crime“ genauer untersucht und ihre Bedeutung am Beispiel von Avocados und Tomaten, sowie von Honig, Wurst oder Fisch dargestellt. Der Artikel konzentriert sich darauf, die Muster der Regelabweichungen im Bereich von „food crime“ zu identifizieren und zentrale Erklärungsfaktoren zu benennen. Dabei wird insbesondere das kollektive Kriminalitätsgeschehen hinter den Delikten herausgearbeitet und damit sowohl einen Beitrag zur Erklärung als auch mittelbar zur Bekämpfung von „food crime“ zu leisten versucht.
Markus Pohlmann

Waren, Wissen und „Raum“: Die Dunklen Seiten globaler Lieferketten im Lebensmittelhandel

Zusammenfassung
Im Geiste einer Welt-System-theoretischen inspirierten Kettenforschung, plädiert dieser Beitrag dafür sich stärker mit den Schattenseiten globaler Lieferketten im Lebensmitteleinzelhandel auseinanderzusetzen. Dies erfordert insbesondere eine stärkere Sensibilität gegenüber den Dimensionen Arbeit, Natur und Wert als zentrale Kristallisationspunkte globaler kapitalistischer Vergesellschaftung. Der Beitrag arbeitet zunächst heraus, wie der Zusammenhang zwischen Waren, Wissen und Wirtschaftsgeographien gedacht werden kann. Hier kommt eine kritische global-relationale Perspektive zum Tragen, die spezifische ethisch-normative Implikationen mit sich bringt. Abschließend werden drei ausgewählte dunkle Seiten globaler ökonomischer Verflechtungen beleuchtet: Lebensmittelmarktkrisen/-schocks und deren negative Folgen für regionale Ökonomien, der Einfluss von Finanzialisierungsprozessen auf Dynamiken der Preisbildung und Marktvolatilität in globalen Lebensmittellieferketten und die aus globalen Lieferketten resultierenden negativen Umwelteffekte.
Stefan Ouma

Was wissen wir über die ökologischen Wirkungen des privaten Konsums? Anmerkungen zum Stand der Forschung und den Problemen des „Fußabdruck-Denkens“

Zusammenfassung
Während zu Beginn der Umweltdiskussion die Industrie im Mittelpunkt der ökologischen Kritik stand, gelten inzwischen zunehmend auch die Konsumenten als zentrale Verursacher anthropogener Umweltbelastungen. Dies ist nicht selten mit der Annahme verbunden, dass die ökologischen Wirkungen des Konsums weitgehend erforscht und bekannt sind. Der Beitrag geht deshalb der Frage nach, welche diesbezüglichen Aussagen und Befunde als sicheres Wissen gelten können und in welchem Verhältnis die Wirkungen des Konsums zu denen der Produktion stehen. Dabei zeigt sich, dass Produktion und Konsum (bzw. deren Wirkungen) häufig miteinander vermengt und die Untersuchung von Kausalverhältnissen mit Verantwortungszuschreibungen und ökonomischen Annahmen vermischt werden. Dies gilt auch für die Berechnung von Emissionen und Fußabdrücken des Konsums, die – so die These – mehr über die Wirkungen der Produktion und über die ökologischen Voraussetzungen des Konsums als über dessen Wirkungen aussagen. Damit erweisen sich einige in der Literatur verbreitete Annahmen und Begrifflichkeiten ebenso wie damit verbundene Interpretationen und Schlussfolgerungen, die hier als Teil und Ausdruck eines spezifischen Fußabdrucks Denkens begriffen und zusammengefasst werden, als problematisch und teilweise irreführend. Schlüsselwörter: Konsum, Produktion, Umweltwirkungen, Konsumbasierte Fußabdrücke, Fußabdruck-Denken, Wertschöpfungsketten
Roland Bogun

Wie übernehmen Unternehmen Verantwortung in globalen Zulieferketten? Eine explorative Analyse der „Supply Chain Responsibility“ des schweizerischen Lebensmitteleinzelhandels

Zusammenfassung
Verantwortliche Produktions- und Konsummuster sind ein zentraler Bestandteil der Ziele für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen. Einzelhandelsunternehmen spielen bei der Erreichung dieses Zieles eine wichtige Rolle, da sie durch die Gestaltung ihrer Zulieferketten eine wichtige Schnittstelle zwischen Produktion und Konsum einnehmen und damit großen Einfluss auf eine nachhaltige globale Entwicklung haben. Aber wie übernehmen Lebensmitteleinzelhändler Verantwortung in ihren globalen Lieferketten vor dem Hintergrund der Komplexität transnationaler Produktionsnetzwerke? Zur Beantwortung dieser Frage leisten wir zwei Beiträge: Zunächst diskutieren wir den aktuellen Stand der interdisziplinären Forschung zur sogenannten Supply Chain Responsibility im Hinblick auf drei zentrale Konzepte: Global Value Chains, Full Producer Responsibility und Global Governance. Anschließend untersuchen wir mit einem qualitativen Forschungsdesign auf Basis der drei Konzepte, welche Verständnisse, Grenzen und Möglichkeiten der Verantwortungsübernahme aus Perspektive der Lebensmitteleinzelhändler, sowie beobachtender NGOs in Zulieferketten bestehen. Zu diesem Zweck führen wir Experteninterviews im Feld des schweizerischen Lebensmitteleinzelhandels, welches als führend im Bereich der Supply Chain Responsibility gilt. Unsere Analyse zeigt, dass Unternehmen im Sinne der Global Value Chain Literatur Upgrading-Prozesse entlang der Zulieferkette initiieren, die Ausweitung der Verantwortung auf das Gesamtsortiment anstreben und dies mit einem holistischen Verantwortungsanspruch verbinden. Entsprechend der Global Governance Literatur zeigt sich dabei eine nachgelagerte Rolle des Staates und eine durchaus große Bedeutung von Multi-Stakeholder Initiativen.
Sebastian Koos, Leonie Kattermann
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