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Über dieses Buch

Ist Vergessen ein psychisch gesunder oder ein krankhafter Prozess?

Fest steht, es gibt kein normales Leben ohne Vergessen und kein normales Leben ohne Erinnerung. Diese Dichotomie steht im Zentrum des Buches und wird aus ganz unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet – unter anderem aus individualpsychologischer, neurowissenschaftlicher, sozialer und kultureller Sicht.

Dieses Fachbuch beleuchtet und analysiert den Nutzen und die Risiken eines Alltagsphänomens. Leicht verständlich eröffnet sich dem Leser ein integrativer Zugang zu einer zentralen kognitiven Erscheinung menschlichen (und tierischen) Lebens.

Das Buch zu lesen erfordert über weite Teile keine speziellen Vorkenntnisse, ist aber dennoch hochgradig wissenschaftlich fundiert. Kulturspezifische Aspekte des Vergessens im europäischen wie außereuropäischen Raum werden ebenso erfasst wie zelluläre, systemische, genetische und epigenetische Grundlagen, die die Hirnforschung gerade in neuerer Zeit zunehmend intensiv diskutiert.

Damit bietet es einen einmaligen Inhalt für den interessierten Laien wie für den Experten.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Das Phänomen des Vergessens im Kontext der Zeit

Frontmatter

1. Die Vielfalt der Möglichkeiten des Vergessens

Zusammenfassung
In diesem Kapitel werden sowohl altbekanntes, weil seit vielen Jahrhunderten weitergegebenes Wissen über Vorgänge des Vergessens als auch neuere Erkenntnisse aus Kultur- und Naturwissenschaft zusammengetragen, um den Möglichkeitsraum für die Betrachtung des Phänomens zu erweitern, aus dem in den nachfolgenden Kapiteln geschöpft wird. Die Vielfalt denkbarer Betrachtungsweisen des Vergessens ist beachtlich. Je nachdem, ob man in stabilen oder dynamisch sich verändernden Kenngrößen zu denken gewohnt ist, ob die Gesamtheit dessen, was zu vergessen möglich ist, als Ganzes oder als in Schichten aufgebaut gedacht ist oder ob man den Vorgang physiologisch und damit als feinkörnig fragmentiert auffasst, ändert sich auch die Betrachtungsweise des Vergessens.
Monika Pritzel, Hans J. Markowitsch

2. Zum Begriff der Zeit: Explizit oder implizit, objektiv oder subjektiv?

Zusammenfassung
In diesem Kapitel wird gezeigt, dass eine Vielfalt an Zeitkonzepten unterschiedliche Vorstellungen über das Vergessen mitbedingt. So stehen z. B. experimentalpsychologisch ausgerichtete Denkweisen, die Vergessen letztlich als eine – dem „Zahn der Zeit“ geschuldete – Störungsanfälligkeit eines Systems betrachten, jenen gegenüber, die sich an der evolutionären Erkenntnistheorie orientieren und entsprechend eine an der Überlebenswahrscheinlichkeit orientierte Kosten-Nutzen-Relation im Vordergrund sehen. Hinzu kommen phänomenologisch orientierte Ansätze, die Vergessen unter dem Aspekt eines unterschiedlichen Nachwirkens diverser sog. unabgegoltener Ereignisse aus der Vergangenheit bis in die Gegenwart hinein in Rechnung stellen. Vergessen kann so gesehen zu einem Systemerfordernis zur zukunftstauglichen Auswahl aus dem Angebot gegenwärtiger Ereignisse werden und zu einer ständigen Anpassung des Systems an sich ändernde Bedingungen in der Lage beitragen.
Monika Pritzel, Hans J. Markowitsch

Vergessen in den Neurowissenschaften

Frontmatter

3. Vergessen im klinisch-neurowissenschaftlichen Bereich

Zusammenfassung
Im klinisch-neurowissenschaftlichen Bereich wird Vergessen meist mit Amnesie gleichgesetzt, wobei der Terminus „Amnesie“ vielfältige Bedeutung haben kann: Er kann sowohl den vollständigen Verlust der eigenen Erinnerung meinen („retrograde Amnesie“) als auch das Fehlen von Erinnerung an bestimmte Ereignisse, bestimmte Lebensepochen, bestimmtes Material etc. als auch die Unfähigkeit, sich neues Material bleibend anzueignen (anterograde Amnesie). Entsprechend vielfältig sind die mit Amnesien verbundenen Störungsbilder: großflächige Hirnschäden, die zu Demenzen führen, distinkte Hirnschäden, die mit anterograden (und teilweise auch mit retrograden) Amnesien verbunden sind, und funktionelle oder dissoziative Amnesien, die teilweise reversibel sind und deswegen auch als mnestisches Blockadesyndrom bezeichnet werden. Gerade dieser letzte – psychogene – Bereich ist schon seit Sigmund Freud mit vergessensnahen Phänomenen wie Verdrängen, Täuschen, Fehlerinnerungen haben oder Nicht-vergessen-Können verbunden. Alle diese Phänomene werden – auch anhand von Beispielsfällen und eigenen Daten – diskutiert.
Monika Pritzel, Hans J. Markowitsch

Kulturelle, soziale und geschichtliche Bezüge

Frontmatter

4. Erinnerung trotz kollektiven Vergessens: Vom „eigentlich“ unmöglichen Fortleben gemeinschaftlicher Erinnerungen an die kosmogene Welt der „Dreamtime“ bei Nachfahren von Ureinwohnern im heutigen Australien

Zusammenfassung
Einer aus der (Sozial-)Anthropologie abgeleiteten Grundannahme über die Bedeutung der „Traumzeit“ entsprechend, wird in diesem Kapitel das komplexe Gebilde der gelebten „Traumzeit“ zunächst auf einige gemeinschaftsstiftende und überlebenssichernde Funktionen reduziert, um aus den „Erinnerungsstrategien“ auch Phänomene des Vergessens abzuleiten. Dabei ist der „Traumzeit“ als Umschreibung einer schon „immer dagewesenen natürlichen Ordnung“ u. a. auch deshalb Langlebigkeit beschieden, weil das Gedächtnis weitgehend vom Faktor der „Zeit“ – also der Frage, wann etwas geschah – entlastet wurde. Hinzu kommt, dass sich die Ordnungsprinzipien, gemäß derer Informationen gewichtet, gebündelt und weitergegeben wurden, im Laufe der letzten beiden Jahrhunderte stark verändert haben. Es wäre somit recht ungewöhnlich, übte diese, wenn auch nur allmählich voranschreitende und hier lediglich an ausgewählten Beispielen dokumentierte Veränderung keine Rückwirkung auf die Rekonstruktion der „Traumzeit“ aus.
Monika Pritzel, Hans J. Markowitsch

5. Vergessen in konfliktreichen Schnittbereichen kollektiven Erinnerns am Beispiel mittelalterlichen Weistums

Zusammenfassung
Am Beispiel des Weistums, das man sich als mündlich tradierte Weitergabe eines sehr komplexen, verschiedene Widersprüche in sich tragenden Überlieferungsgeschehens vorstellen kann, soll Vergessen als eine Vermischung von Individual- und Kollektivgedächtnis hinsichtlich des öffentlich Akzeptierten einerseits und des persönlich Erlebten andererseits dargestellt werden. Denn jedem Weisungsritual wohnt eine Fülle von gedächtnisverfälschenden und unterdrückenden Komponenten inne, die, beabsichtigt oder nicht, eine mögliche Rekonstruktion der Realität erschweren: Es wird gedroht und verschwiegen, Erinnerung werden erzwungen, Vergessen „verboten“ und nicht zuletzt die physikalisch messbare Zeit zwischen Gegenwart und einem Ereignis in der Vergangenheit nach Belieben gestreckt oder gestaucht. Die daraus resultierenden von einer Generation zur nächsten weitergegebenen Inhalte spiegeln einen komplexen sozialen, politischen und rechtlichen Prozess wider, der unterschiedliche Spielarten des Vergessens zum Ausdruck bringt.
Monika Pritzel, Hans J. Markowitsch

Vergessen und Körperbezug

Frontmatter

6. Vergessen: Der Wandel im neurowissenschaftlichen Verständnis eines vielschichtigen Phänomens

Zusammenfassung
In diesem Kapitel wird dargestellt, dass sich die verschiedenen Befunde über Vorgänge des Vergessens in physiologischen Systemen als so vielgestaltig erweisen, dass man sie kaum mit einem fehlenden oder fehlerhaften Abbild von etwas umschreiben oder gar damit gleichsetzen könnte. Vergessen ist vielmehr als eine Form neuronalen Geschehens aufzufassen, die zunächst einmal anders ist als jene, die Gedächtnisvorgänge zum Ausdruck bringt. In ähnlicher Weise, wie wir den „blinden Fleck“ im Auge nicht als „visuelle Leere“ wahrnehmen, vermögen wir offenbar auch keine Aussage über etwas durchaus sinnvoll in Verhaltensabläufe zu integrieren. Physiologisch betrachtet würde man in diesem Fall indes eine bestimmte neuronale Aktivität annehmen, die zu anderen Koinzidenzeffekten geführt hat als jene, die das Erinnerte auszeichnen.
Monika Pritzel, Hans J. Markowitsch

7. Umgang mit Fragen des Vergessens in physiologischen nichtneuronalen Systemen

Zusammenfassung
In diesem Kapitel wird das Problem thematisiert, dass vieles, was mit den sog. Eigengesetzlichkeiten des Körperlichen zu tun hat, nicht nur, aber auch in der Psychologie mehr oder weniger ausgespart bzw. nur so weit thematisiert wird, als man es vom Gehirn gesteuert betrachten kann. Indem aber dieses, das Ich einer Person symbolisierende Organ, über alles „sonstige Körperliche“ gestellt wird, gestaltet es sich naturgemäß schwierig, nach Grundregeln des Vergessenen im „restlichen Körper“ zu fahnden. Über diesen erfahren wir nur etwas gemäß der Klassifikation von uns selbst entsprechend einer vorgegebenen medizinisch-naturwissenschaftlichen Selbstinterpretation. Wir informieren uns also darüber, wie wir den Körper vermittels neuronaler Transformationsprozesse „wahrnehmen“, wie wir uns darin „fühlen“ oder wie wir bestimmte „somatische Signale“ zu interpretieren gewohnt sind. Auf diese Weise erfahren wir aber nichts darüber, ob das, was dort „tatsächlich“ geschieht, ob also das, was Gegenstand eines „geheimen Gedächtnisses“, einer „unbeschreibbaren Geschichte“, unsers Körpers ist, auch unseren Vorstellungen von Vergessen entspricht.
Monika Pritzel, Hans J. Markowitsch

8. Epigenetische Korrelate des Vergessens

Zusammenfassung
Versucht man, wie in diesem Kapitel thematisiert, ein Vergessen aus möglichen Verflechtungen genetischer Vorgaben mit wechselnden Umweltbedingungen zu erklären, kann es z. B. nicht genügen, diesen Vorgang allein als Folge von mehr oder weniger deutlich erkennbaren Programmfehlern zu verstehen. Denn damit wäre Vergessen lediglich als ein Problem genetischer Codierung aufzufassen, verursacht etwa durch Austausch, Verlust oder Einschub eines genetischen „Bauteiles“ – hier eines Nucleotids –, oder es würde der Bildung von Transposonen, also variablen Genabschnitten, zugeschrieben. Dem variablen Charakter des Vergessens würde man durch eine Reduktion auf relativ umweltunabhängige Probleme in der genetischen Programmierung jedoch nicht gerecht. Erklärungsversuche solcher Phänomene könnten aber möglicherweise gelingen, wenn eine verhaltenskorrelierte Variabilität der Genexpression zusammen mit dem epigenetischen Anmerkungsapparat ins Spiel gebracht wird.
Monika Pritzel, Hans J. Markowitsch

9. Vergessen im Immunsystem: Eine Frage der Passung interagierender Systeme

Zusammenfassung
Betrachtet man die in diesem Kapitel zusammengestellten Ergebnisse im Überblick, so ergeben sich mehrere Möglichkeiten, bestehende Modelle des Vergessens in der Psychologie durch Kenntnis der Vorgänge im Immunsystem zu bereichern, und zwar nicht, weil grundlegend Neues zu bedenken oder zu vermelden wäre, sondern weil das bereits Bestehende unter einem Blickwinkel betrachtet werden könnte. So baut das Immunsystem – auch wenn es zunächst so scheint, als würde ein bestimmter Prozentsatz von Zellen als „Gedächtniszellen“ zur Entdeckung bestimmter Antigene auf Dauer und ortsungebunden dafür abgestellt sein – darauf auf, dass auch beliebig langfristig abrufbare Gedächtnisleistungen latent immer wieder durch die den ursprünglichen Antigenen ähnlichen Fremdmoleküle angeregt werden. Vergessensresistente Immunzellen sind somit eine variable Größe des Immunsystems, die zum Erhalt einer bestimmten andauernden latenten Anregung bedürfen und die ihre Wirkung in Abhängigkeit von Signalen vor Ort entfalten.
Monika Pritzel, Hans J. Markowitsch

10. Schlussbetrachtung: Plädoyer für ein neues Verständnis des Vergessens

Zusammenfassung
In diesem zusammenfassenden Schlusskapitel wird aufgezeigt, dass Vergessen zum Leben in dieser Welt, sei es als Individuum, als Teil eines Kollektivs oder der vom Menschen geschaffenen virtuellen Welt, als unverzichtbarer Bestandteil schlichtweg dazugehört. Allerdings erwächst in der gelehrten Welt gerade aus dieser Alltäglichkeit des Geschehens eine Vielfalt an Fragestellungen, verbunden mit immer neuen Antwortversuchen. Dass es angesichts dieser Unvermeidlichkeit von den einen als (krankhafte?) Leistungseinbuße angesehen wurde, von den anderen als Teil evolutionärer Anpassung begriffen wird oder wurde, liegt in unterschiedlichen wissenschaftlichen Grundüberzeugungen begründet.
Monika Pritzel, Hans J. Markowitsch

11. Erklärung ausgewählter Fachbegriffe

Ohne Zusammenfassung
Monika Pritzel, Hans J. Markowitsch

Backmatter

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