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Über dieses Buch

Die Fragen, was der Mensch (nicht) essen und wie er Lebensmittel (nicht) produzieren darf, werden angesichts der globalen Auswirkungen unseres Handelns immer wichtiger. Doch trotz einer unüberschaubaren Menge an Empfehlungen und Richtlinien klafft meist eine große Lücke zwischen den Idealvorstellungen und der Realität – also zwischen einer nicht nur gesunden, sondern auch ethisch verantwortungsvollen Ernährung und dem Alltag, in dem ökonomische Zwänge, ökologische Ziele und kulinarische Verlockungen oft nur schwer zu vereinbaren sind.

Der Sammelband befasst sich mit Aspekten von Moral, Ethik und Nachhaltigkeit in der Ernährung des 21. Jahrhunderts. Im Fokus steht das Huhn, das als globalster Lieferant fettarmen Fleisches für den weltweiten Wandel von Nahrungsproduktion und Esskultur beispielhaft ist. Neben Natur-, Sozial- und Kulturwissenschaftlern kommen Journalisten und NGO-Vertreter zu Wort. So eröffnet dieser Band neue Forschungsperspektiven einer Ernährungsethik und stellt Handlungsorientierungen für die beteiligten Akteure zur Diskussion.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

1. „Was der Mensch essen darf“ – Thematische Hinführung

Zusammenfassung
Angesichts drängender globaler Problematiken wie Ressourcenknappheit, Verteilungsungerechtigkeit und Klimawandel ist die Frage, was der Mensch essen darf, zu einem zentralen ethischen Diskussionspunkt geworden. Der Text zeigt in historischer Perspektive auf, dass diese Debatte keineswegs neu ist, sondern die Ethik der Ernährung von antiken Gesundheitslehren über die mittelalterlichen Fastengebote bis hin zu heutigen veganen und vegetarischen Lebensstilen stets eine bedeutende kulturelle Rolle spielte. Ihre Dimension wird gegenwärtig allerdings dadurch erweitert, dass Gesellschaften nie zuvor in solchem Maß in der Lage waren, die globalen Konsequenzen und damit auch die individuelle Verantwortung ihres Handelns zu erkennen. In diesem einführenden Beitrag werden daher Notwendigkeit und Hintergründe der modernen Ernährungsethik sowie des vorliegenden Sammelbandes näher beleuchtet, wobei vor allem auf die Wahl des Huhnes als gemeinsames Paradigma eingegangen wird.
Gunther Hirschfelder, Barbara Wittmann

Zur Theorie einer ethischen Ernährung

Frontmatter

2. Ernährung und Wissen: Theoretische Annäherungen an eine Ethik des Essens und Trinkens

Zusammenfassung
Hinsichtlich des Essens und Trinkens verfügt der Mensch über eine hohe alltagskulturelle Kompetenz, die seinem Ess- und Trinkverhalten trotz genereller Heterogenität und Reflexivität eine situative Plausibilität verleiht. Den Ausgangspunkt der Überlegungen des Beitrags bildet die Ernährung selbst. Diese gilt der kulturwissenschaftlichen Nahrungsforschung ganz grundsätzlich als „soziales Totalphänomen“, insofern sie weit über den rein physiologischen Prozess der Nahrungsaufnahme und -verwertung hinaus wesentliche Aspekte gesellschaftlichen Zusammenlebens spiegelt. Sie ist also Teil dessen, was Clifford Geertz als kulturelles Bedeutungsgewebe verbildlicht hat: eines Gewebes, das der Mensch zwar selbst erschafft, in welches er sich aber stets auch verstrickt. Es präsentiert sich als „Menschenwerk“ und ist doch nur bedingt individuell beherrschbar. Es bietet Handlungsspielräume, verdichtet sich aber auch zu einem Gewirr von Fäden, welches unser Denken und Handeln begrenzt, unwahrscheinlich oder gar unmöglich machen kann. Was also tatsächlich gegessen wird, was hingegen konsumiert werden sollte und wie resultierend aus diesem Spannungsfeld Positionen einer sinnvollen Ernährungsethik zu etablieren sowie darauf ausgerichtete Handlungsempfehlungen an unterschiedlichste Akteure zu formulieren sind, dies alles ist abhängig von der Art und Weise individuellen wie kollektiven Navigierens durch das selbstgesponnene Bedeutungsgewebe der Kultur. Ganz offensichtlich nimmt unser „Wissen“ in diesem Zusammenhang eine Schlüsselrolle ein – und steht somit auch im Fokus dieses primär wissensanthropologisch orientierten Beitrags.
Lars Winterberg

3. „Vorsicht! Kann Spuren von Moral enthalten!“ – Begleiterscheinungen und Komplikationen moralisch infizierter Ernährungskommunikation

Zusammenfassung
Beim Einkauf im Lebensmittelmarkt gelangt man irgendwann zum Convenience-Food. Der Blick fällt auf ein Hühnerfrikassee, auf dessen Verpackung ein wohlwollendes „Du darfst!“ prangt. Man darf? Wer erlaubt einem hier was? Und wenn hier etwas erlaubt ist, was ist dann verboten? Von wem? Was passiert, wenn der Konsument sich jetzt auf die Suche nach dem Verbotenen macht und jene unbekannte Versuchung verzehrt anstelle dieses gleichzeitig generös freizügig wie subtil imperativ angepriesenen Hühnerfrikassees? Mit welchen Konsequenzen muss er rechnen? Wird er getadelt? Mit Missachtung gestraft? Wird er sich schuldig fühlen? Und würde es gegebenenfalls die Möglichkeit zur Rehabilitation geben? Vielleicht eine Diät zur Sühne?
Daniel Kofahl

4. Darf es Fleisch sein?

Zusammenfassung
Über Jahrtausende hinweg hegte die ständig vom Hunger getriebene Menschheit ihren Wunsch nach täglich Brot. Satt zu sein und sich ausreichend ernähren zu können, ist alles andere als eine Selbstverständlichkeit der menschlichen Existenz. Zu seinem Leidwesen kann der Mensch aus biologischen Gründen nicht alles essen. Und an dem, was für ihn genießbar wäre, hat es im Laufe der entbehrungsreichen Geschichte seiner Existenz allzu häufig gefehlt. Doch seit einigen Jahrzehnten scheint der uralte Wunschtraum von einem „Schlaraffenland“ – einem Land und Lebenszustand der kulinarischen Üppigkeit und glücklichen Schlemmerei – für einige von uns in Erfüllung zu gehen. Vermutlich für einen kurzen Moment in der Menschheitsgeschichte leben wir nicht von Brot allein: Für die Menschen in den reichen westlichen Überflussgesellschaften darf es gerne täglich Fleisch sein.
Harald Lemke

5. Die kulturellen Schranken des Gewissens – Fleischkonsum zwischen Tradition, Lebensstil und Ernährungswissen

Zusammenfassung
Das Ansehen von Fleisch auf unseren Esstischen war schon einmal besser. Kaum eine Woche vergeht ohne neue Meldungen über Produktionsmängel, falsch deklarierte Sorten oder skandalöse Haltungsbedingungen. Das Wissen der Verbraucher über subjektiv gute Ernährung scheint geschärft, das Bedürfnis nach Transparenz und Ernährungsethik gestiegen. Tatsächlich deuten verschiedene Studien einen Perspektivenwandel der Bevölkerung auf das Lebensmittel Fleisch an. So stellte das Statistische Bundesamt Deutschland in seiner breit angelegten Fleischstudie 2008 fest: „Das Verbraucherverhalten im Hinblick auf den Genuss von Fleisch hat sich in den letzten Jahren nachhaltig verändert“. Ausschlaggebend für diese Entwicklung sei ein breiter Wertewandel, nämlich „dass Fleisch früher als ,gesund‘ und ,lebenswichtig‘ galt, während heute für viele Menschen der Verzehr von Fleisch mit negativen Assoziationen wie ,Gammelfleisch‘ verknüpft ist“.
Manuel Trummer

Ernährungsethische Fragestellungen aus unterschiedlichen Perspektiven

Frontmatter

6. Welche Moral hätten Sie denn gerne? – Essen im Konflikt zwischen unterschiedlichen Anforderungen an die Lebensführung

Zusammenfassung
Je nach Perspektive kann die Frage danach, was der Mensch essen darf, unterschiedlich beantwortet werden. Dabei kann es um die Gesundheit, um religiöse Regeln, ökologische Folgen oder auch um das persönliche Umfeld gehen. Neuere Diskussionen zum Einfluss der Lebens- und Arbeitsbedingungen auf das Ernährungs- und Gesundheitsverhalten betonen stärker extern gegebene Grenzen individuellen Handelns. Dabei wird bisher allerdings immer noch zu wenig beachtet, dass die unterschiedlichen Anforderungen an eine „ethisch korrekte“ Lebensführung so widersprüchlich sein können, dass sie nicht gleichzeitig erfüllbar sind.
Barbara Methfessel

7. Wer soll das bezahlen? – Künftige Ernährung unter dem Anpassungsdruck globaler Rohstoffmärkte

Zusammenfassung
In den 1970er-Jahren bildeten die Szenarien des Club of Rome über mögliche Wachstumskrisen als Folge von Engpässen in der Rohstoffversorgung einen festen Bestandteil vieler Debatten. Die – möglicherweise vorläufige – Erkenntnis lautete, dass moderne Wirtschaften längst nicht so abhängig von Rohstoffen sind wie frühere Wirtschaftsformen. Technologien und Innovationen gepaart mit menschlicher Kreativität und klug angelegten Institutionen gelten heute als Antriebskräfte des Wohlstands. Die aktuellen Auseinandersetzungen um Rohstoffe in der Arktis, im Chinesischen Meer oder im Sudan machen jedoch deutlich, dass die materiellen Grundlagen des Wohlstands nicht vernachlässigt werden dürfen. Es wäre eine Illusion, vom unstrittig hohen Wert des Wissens und vom Können der Ingenieure auf eine nachlassende Relevanz von Rohstoffen zu schließen. Doch was bedeutet es, die Relevanz von Rohstoffen für moderne Wissens- und Technikgesellschaften zu erfassen? Welche Bedeutung haben Rohstoffe für die Grundbedürfnisbefriedigung der Menschen, für eine Wohlstands- und global nachhaltige Entwicklung? Kann die Energiewende in Deutschland Auftakt einer weltweiten sauberen Energieversorgung sein, wenn sie möglicherweise mit unfairen Abbau- und Verarbeitungspraktiken für Metalle und Produktkomponenten in Entwicklungsländern einhergeht? Kann sie – wie im Bereich der Biokraftstoffe beobachtbar – gut gemeint sein, aber Landnutzungskonflikte international verschärfen?
Raimund Bleischwitz

8. Advocacy: Für wen sind wir Ernährungsexperten da? – Eine Problematisierung

Zusammenfassung
Die Diskussion um eine ethische Ernährung umfasst zahlreiche Komponenten: von Verteilungsgerechtigkeit über Massentierhaltung bis hin zu ökologischen Problematiken. Ein zentraler Komplex wird dabei fast immer ausgeklammert: Wie ethisch ist es überhaupt, den Menschen ihre Ernährung vorschreiben zu wollen? Und vor allem: Wie ethisch sind die zugrunde liegenden Absichten? Mit welchem Recht greifen Ernährungsexperten in einen der letzten unregulierten Bereiche des Alltags ein und wessen Wohl steht dabei tatsächlich im Fokus? Widerspricht diese Form der Bevormundung nicht dem Bild einer Gesellschaft, die sich aus eigenverantwortlichen, mündigen Bürgern zusammensetzt?
Christoph Klotter

9. Tiergerecht und fair? – Tierethik und Tierschutzpolitik heute

Zusammenfassung
Das landwirtschaftlich genutzte Tier wird in den modernen Industrienationen nicht als empfindungsfähiges Lebewesen angesehen, das man hegt und pflegt, weil es wertvolle Lebensmittel für den Menschen liefert. Das sogenannte „Nutztier“ wird vielmehr agrarökonomisch auf eine monetäre Größe reduziert, die es zu optimieren gilt. Das Ziel: massenhafte Produktion möglichst schnell wachsender Tiere, die möglichst wenig Futter benötigen und auch sonst bedürfnislos im Sinne eines perfekten Produktionsfaktors sind. Diese industrielle Nutztierhaltung ist Ausdruck einer Gesellschaft, die keinen Sinn für den Wert von Lebensmitteln hat und die deshalb Leben über Artgrenzen hinweg nach Kosten kategorisiert, als wäre nicht längst wissenschaftlich klar belegt, was Tiere für ein artgemäßes Leben brauchen.
Franz-Theo Gottwald

10. Was wir essen dürfen oder: Wie molekular ist Ethik?

Zusammenfassung
Derzeit werden in Deutschland in Zusammenhang mit dem Verzehr von Geflügel häufig allein die Hühnerbrüste nachgefragt, der Rest des Huhns wird nur noch selten für die Zubereitung von Speisen verwendet. Dies stellt ein globales Problem dar und gilt als unethisch. In diesem Text soll der Frage nachgegangen werden, wieso eine derartige Verschiebung der Verzehrgewohnheiten stattgefunden hat, und es wird die These aufgestellt, dass dies mit den Ängsten der Verbraucher zu tun hat, die durch Experten, Chemismus und geringe Eigenkompetenzen ausgelöst werden. Im Anschluss wird aufgezeigt, dass diese Ängste aus Sicht des Verfassers unbegründet sind, denn Lebensmittel, gleich welcher Herkunft, ähneln sich auf molekularer Ebene und können daher vom Körper gleichermaßen verwertet werden. Der Lösungsansatz, wieder das ganze Huhn zu verwerten und damit nachhaltig und genussvoll zu handeln, wird dem Leser durch Rezeptvorschläge schmackhaft gemacht.
Thomas A. Vilgis

Das Huhn im Fokus

Frontmatter

11. Ökobilanzen als Entscheidungshilfe für umweltbewusste Ernährung? – Umweltwirkungen von Hühnerfleisch

Zusammenfassung
Die aktuellen ökologischen Herausforderungen – insbesondere Klimawandel, Verlust von biologischer Vielfalt, Gesundheitsschäden durch Umweltgifte und die Verknappung der Süßwasserreserven – stellen Probleme höchster Dringlichkeit dar, wie die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) 2012 zum wiederholten Male mahnte. Doch welche wirtschaftlichen, politischen und privaten Entscheidungen können im Einzelfall dazu beitragen, Schäden für Mensch und Natur zu vermeiden? Um darüber zu entscheiden, ist es erforderlich, die ökologischen Folgen bestimmter Handlungen für Mensch und Natur zu kennen. Die Ökobilanz ist ein Instrument, mit dem auf wissenschaftlicher Grundlage die Folgen der Produktion und des Konsums einzelner Produkte für die Umwelt abgebildet werden.
In diesem Beitrag wird der Frage nachgegangen, inwieweit Ökobilanzergebnisse im Bereich der Lebensmittelwirtschaft als (ethische) Entscheidungshilfe für Verbraucher, Unternehmer und Politiker geeignet sind. Dazu wird die Methode der Ökobilanz kurz beschrieben, dann beispielhaft auf das Produkt Hähnchenfleisch angewendet und anschließend kritisch diskutiert.
Maria Müller-Lindenlauf

12. Handlanger der Industrie oder berufener Schützer des Tieres? – Der Tierarzt und seine Rolle in der Geflügelproduktion

Zusammenfassung
Um den Zwiespalt des modernen Tierarztes, zugleich Dienstleister für die Agrarindustrie, Fürsprecher für den Tierschutz und Garant der Lebensmittelsicherheit sein zu müssen, besser verstehen zu können, wird zunächst kurz die Geschichte des Berufes und seine Rolle für die Lebensmittelproduktion rekapituliert, bevor sich der Beitrag der historischen Entwicklung der modernen Geflügelproduktion und der Rolle des Tierarztes darin zuwendet. Ziel ist es, die gegenwärtige Entwicklung als historisch gewachsen nachvollziehbar zu machen. Auf der Basis einer Einsicht in historische Pfadabhängigkeiten sollen die gegenwärtigen Zielkonflikte des Tierarztes herausgearbeitet werden, um sie über die Diskussion für notwendige Veränderungen zugänglich zu machen.
Ulrike Thoms

13. Wenn der Garten zum Hof wird – Hühnerhaltung in der Stadt

Zusammenfassung
Nahrungsmittel und Güter des täglichen Bedarfs selbst zu erzeugen und sich selbst und die eigene Familie in Richtung Subsistenzwirtschaft zu entwickeln, kann als Reaktion auf Krisen im weitesten Sinne begriffen werden: als Antwort auf die Finanzkrise und die Erkenntnis der Unsicherheit des eigenen beruflichen Karriereweges oder Arbeitsplatzes, als Antwort auf als „unwirtlich“ empfundene städtische Wirklichkeiten, als Reaktion auf die Komplexität und Undurchschaubarkeit der spätmodernen Wirtschafts- und Gesellschaftsstrukturen, welchen die Unmittelbarkeit des Agrarischen gegenübergestellt wird.
Anhand dreier Beispiele, die stellvertretend für insgesamt sieben Schauplätze und Einzelpersonen beziehungsweise Netzwerke von Personen stehen, soll in dem Beitrag das Phänomen „Hühnerhaltung in deutschen Städten“ skizziert und aus dem Fachkontext der Kulturanthropologie heraus kommentiert werden.
Peter F. N. Hörz

14. Voll Huhn, voll teilstückig – Strategien und Praktiken am Schnittpunkt Food- und Packaging-Design

Zusammenfassung
Während Gegenstände der Tischkultur zu den klassischen Gebrauchsgütern innerhalb der Design-Disziplin zählen, sind mit den verfahrenstechnischen Entwicklungen der Nahrungsmittelindustrie in den letzten Jahrzehnten erweiterte Arbeitsbereiche rund um Essen als Verbrauchsgut für Designer entstanden. Jenseits einer Gestaltung des Verzehr-Rituals selbst, beispielsweise mittels Dekoration und Geschirr, ist dabei der Einfluss auf das Speiseprodukt gewachsen. Denn mit dem Wandel von einer vornehmlich gemeinsamen familiären Esskultur zum On-the-go-Snack sind Speisen von einem überwiegenden Do-it-yourself- zu einem gestaltbaren Industrieprodukt geworden. Rohstoff- wurde zum Produkteinkauf und Nahrungsmittel werden dadurch verstärkt als Fertiggerichte, Halbfertiggerichte sowie als Remixing von Halbfertiggerichten im Supermarkt angeboten.
Daraus erwachsen zwei Problematiken, die ich in dem Beitrag beleuchten möchte: Zum einen funktionieren Food-Produkte derzeit nur im Konzept der Einwegverpackung, deren enorme Müllmengen als Konsumkomfort gerechtfertigt werden. Zum anderen fördert eine Kaufentscheidung, die aufgrund von illustrierten Darstellungen kultureller Speise-Mythen getroffen wird, eine Entgrenzung zum Herstellungsprozess. Die verwendeten industriellen Produktionsprozesse sowie die kodifiziert deklarierten Rohstoffe sind für den Konsumenten nicht mehr nachvollziehbar und können unbeobachtet zwecks Effizienzsteigerung ausgetauscht werden. Jenseits einer moralischen Wertung möchte ich deshalb Funktionen des vorherrschenden Systems der Nahrungsmittelproduktion aufzeigen und Lösungen für mögliche Selbstermächtigungen und künftige Produktions- und Distributionssysteme erläutern.
Eva Kristin Stein

Vom gesellschaftlichen Umgang mit dem Fleischkonsum

Frontmatter

15. Warum Kinder keine Tierschlachtung sehen dürfen – Kindheits- und zivilisationstheoretische Anmerkungen

Zusammenfassung
Im Frühjahr 2011 berichteten die Medien von einem Skandal in einer Schule: In einer Projektwoche zum Thema „Steinzeit“ wurde im Beisein von Fünftklässlern ein Kaninchen getötet und später verspeist. Schulaufsicht und Kinderschutzbund verurteilten den Vorgang, gegen beteiligte Akteure wurde Anzeige erstattet. 2009 gab es einen ähnlichen Aufruhr, als Fernseh-Köchin Sarah Wiener in ihrem Kochcamp mit Kindern ein Kaninchen geschlachtet und verarbeitet hatte. Ausgehend von diesen Ereignissen wirft der Beitrag die Frage auf, wie es zu dieser öffentlichen Erregung kommt. Woraus speist sich das Unbehagen darüber, dass Kinder einer Schlachtung beiwohnen, worauf verweist es? Hierzu werden zunächst Argumentationsfiguren der medialen Diskussion zu den Vorfällen und nachfolgend die darin eingelagerten Normative herausgearbeitet.
Lotte Rose

16. Ethik als „Sisyphosarbeit“ – Zur Kontextualisierung des Tierleids im Mediendiskurs über Geflügelfleisch

Zusammenfassung
Die Wahl unserer Lebensmittel für den täglichen Bedarf wird von verschiedenen Diskursen begleitet. Neben kulturellen Essnormen und einer individuellen Ernährungssozialisation nimmt die mediale Kommunikation im Umgang mit Nahrung und der Ausprägung von Essmustern einen hohen Stellenwert ein. Der Beitrag untersucht anhand von Presseartikeln zu Geflügelfleischskandalen im Zeitraum von Januar 2012 bis Februar 2013, mit welchen Argumentationsstrategien, Metaphern und Bedeutungszuschreibungen Geflügelfleischkonsum in den Massenmedien behandelt wird. Dabei stellt sich heraus, dass ethische Positionen überwiegend in meinungsbezogenen Pressetextsorten oder in direkten Zitaten zum Ausdruck kommen. Im semantischen Kampf um die Folgen von und Alternativen zur Massentierhaltung werden somit Argumente, die auf das Tierleid Bezug nehmen, mit Kontextualisierungshinweisen auf umstrittene Geltungsansprüche versehen.
Nicole M. Wilk

17. Soziale Netzwerke und das Problem mit der Ethik

Zusammenfassung
Sicherlich ließe sich im Zuge der Debatten um ethische Ernährung als ein Zwischenfazit unter anderen festhalten, dass im Phänomen der kognitiven Dissonanz der menschlichen Psyche der neuralgische Punkt in unserem komplexen System der heutigen Ess- und Trinkkultur auszumachen ist und dass dieser Punkt in Zukunft verstärkt in den Fokus gerückt werden sollte, um die Diskrepanz zwischen „Wollen“ und „tatsächlichem Handeln“ voll zu erfassen. Weiterhin ließe sich sagen, dass wir in einer Gesellschaft leben, die zwar wie selbstverständlich mehrheitlich das Leid der tierischen Mitgeschöpfe auf ein Minimum reduzieren möchte, aber eben nur solange der Preis für ein Kilogramm Hackfleisch im unteren bis mittleren einstelligen Euro-Bereich liegt.
Das „tatsächliche Handeln“ soll in dem kurzen Beitrag daher im Fokus stehen, denn aus kulturwissenschaftlicher Perspektive steht – wie letztlich immer – der handelnde Mensch im Zentrum der Betrachtung, und zwar hier in einem besonderen Raum, nämlich den virtuellen sozialen Netzwerken.
Markus Schreckhaas

18. „We legalized Müsli“ – Die Formierung, Institutionalisierung und Legitimierung der Bio-Branche in Deutschland

Zusammenfassung
2001 wird als Konsequenz aus der Rinderseuche BSE ein deutsches Bio-Siegel eingeführt und die Förderung von Bio- und Ökolandbau als nationales Regierungsprogramm verabschiedet. Ernährung und Landwirtschaft werden damit wieder zentrale Themen in der Gesellschaft. Zu diesem Zeitpunkt sind seit den ersten Bemühungen der Bio-Pioniere in den frühen 1970er-Jahren beinahe 30 Jahre vergangen. Mit der symbolkräftigen gesetzlichen Implementierung kommen deren Schaffen und Leistungen endgültig in der Mitte der Gesellschaft an. Wieso aber wird im Zuge der BSE-Krise gerade Bio als mehrheitsfähige Lösungsmöglichkeit herangezogen? Wer sind die Pioniere, deren Ansätze und Impulse den Boden für diese „Agrarreform“ bereiten, sodass Bio zum Regierungsprogramm werden kann – und soll?
In dem Beitrag soll gezeigt werden, dass es einerseits die alternativen Bestrebungen einer gegenkulturellen Bewegung um die Bio-Pioniere sind, die den Boden für und das symbolische Kapital von Bio bereiten und es schlussendlich zu einer über sich hinausweisenden Metapher werden lassen. Andererseits ist die Handlungsebene dieser Akteure eng und diskursiv mit den gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen verwoben. Bio wäre wohl nicht in dieser Intensität angenommen worden, wenn es nicht durch menschengemachte Katastrophen wie das Reaktorunglück von Tschernobyl oder die BSE-Seuche in der Bevölkerung auf ein breites Bedürfnis nach Transparenz, Aufklärung und Sicherheit gestoßen wäre.
Sebastian Vinzenz Gfäller

19. Fleischkonsum zwischen Ethnizität und Ethik – Das Beispiel Istanbul

Zusammenfassung
Mit Istanbul, der türkischen Metropole zwischen Ost und West, zwischen Asien und Europa, zwischen Morgen- und Abendland, verbinden wir Stereotype wie Döner vorzugsweise aus Hähnchenfleisch. Der Beitrag beschäftigt sich mit der Divergenz zwischen stereotyper Wahrnehmung, alltäglichen Realitäten und deren Folgen für das interkulturelle Verständnis. Darüber hinaus versucht die Skizze dieses stereotype Bild im Spannungsfeld ethischer und ethnischer Normierungen vor dem Hintergrund kultureller Prozesse wie Globalisierung und Medialisierung zu dekonstruieren und die Ausdifferenzierung moderner Lebensstile auf der Suche nach Distinktion und Identität zu erklären.
Sebastian Gietl

Von der Theorie zur Praxis

Frontmatter

20. Mein Versuch, ethisch korrekt zu essen

Zusammenfassung
Es war an einem Freitagnachmittag, die Gäste für den Abend hatte ich schon lange eingeladen, der Wein stand im Kühlschrank, das Rezept war längst ausgesucht, nur ich steckte in einem Dilemma. Hühnerbrust in einer Senfsoße sollte es geben, aus dem Jamie-Oliver-Kochbuch. Alles lag bereit, nur die Hühnerbrust fehlte noch. Um den Kauf hatte ich mich bislang herumgedrückt. Eigentlich esse ich fast nur Bioprodukte, aber Hühnerbrust aus dem Bioladen für acht Personen, zu knapp 30 € das Kilo? Das Abendessen würde ein Vermögen kosten.
Annabel Wahba

21. Tiere essen? – Ethische Konfliktlinien zur modernen landwirtschaftlichen Nutztierhaltung

Zusammenfassung
Essen und Trinken gehören zu den Grundbedürfnissen menschlicher Existenz. Die Auswahl von Speisen und Getränken unterliegt jedoch jeweils kulturellen Bedingungen. Dies lässt sich besonders deutlich am Fleischkonsum aufzeigen. War die Grundlage menschlicher Ernährung in der Frühgeschichte das Sammeln von Wurzeln, Beeren, Kräutern und Früchten, so ergänzten Jagdgesellschaften den Speiseplan durch erbeutete Wildtiere oder auch die Fischerei. In vielen archaischen Gesellschaftsformen fiel der Genuss von Fleisch mit unterschiedlichen Opferritualen zusammen. Das Erjagen von Tieren, deren Schlachtung, eventuelle Opferung, entsprechende Zubereitung und sozial definierte Zuteilung zum Essensgenuss prägte über Jahrhunderte die Kulturform des Umgangs mit Tieren.
Clemens Dirscherl

22. Das globale Huhn und seine Folgen

Zusammenfassung
Das kirchliche Hilfswerk Brot für die Welt – Evangelischer Entwicklungsdienst ist in Zusammenhang mit seinem ethischen und religiösen Impetus, dem armen Teil der Weltbevölkerung zu Gerechtigkeit zu verhelfen, schon seit über zehn Jahren mit den komplexen und gravierenden Folgen des globalen Hühnerfleisch-Konsums konfrontiert. Als Entwicklungshilfeorganisation betrachtet Brot für die Welt das Thema vor allem aus Sicht der Armen und Marginalisierten in den Entwicklungsländern. Nicht zuletzt waren es Partnerorganisationen aus Kamerun, die das Thema auf die Agenda der Lobby- und Advocacy-Arbeit von Brot für die Welt gesetzt haben. Somit beginnt die Thematik des Konsums von Hühnerfleisch am Ende der Produktionskette, denn es sind die Reste der europäischen Produktion, die auf die Märkte Afrikas drängen und dort für schwere Verwerfungen sorgen.
Stig Tanzmann

23. Unser Planet auf dem Teller

Zusammenfassung
Die Viehwirtschaft zählt mit Abstand zum größten Landnutzer weltweit. Bereits jetzt wird ungefähr ein Drittel der gesamten terrestrischen Erdoberfläche durch Viehwirtschaft genutzt –entweder als Weiden oder als Ackerflächen zur Produktion von Futtermitteln. Und nach wie vor steigt die Nachfrage nach tierischen Lebensmitteln stetig. Allein zwischen 1970 und 2009 kam es zu einer Verdreifachung der globalen Fleischproduktion: von knapp über 100 Mio. t auf fast 300 Mio. t.
Tanja Dräger de Teran

24. Moralisierung und Maßlosigkeit der Agrarkritik – Gedanken zu Strukturen und Motiven in Mediendebatten und politischem Protest gegen die Agrarindustrie

Zusammenfassung
Menschen von Verstand haben erkannt, dass die Landwirtschaft unserer Tage im Zustand der Verderbtheit ist. Die Agroindustrie oder industrielle Landwirtschaft ist verantwortlich für quälerische Tierhaltung, grausame Schlachthöfe, Bodenverwüstung, Wasserknappheit. Ebenso für die Vergiftung von Lebensmitteln, Grundwasser, Böden. Getrieben von wenigen Weltkonzernen – die meisten von ihnen unter amerikanischem Einfluss– findet eine dramatische Monopolisierung von technischem Wissen statt. Bauernhöfe schwinden, Saatgutpatente sind in den Händen weniger Agrokonzerne, bäuerliche Familien haben im globalen Agropoly kaum eine Chance. Tierfabriken, Gentechnikfirmen und Großagrarier zocken frech auf Kosten von Umwelt, Artenvielfalt und menschlicher Gesundheit. Handel und Erzeuger sind bezüglich dieser Dinge, gierig nach Geld, blind geworden. Tierhalter pumpen Tiere mit Antibiotika voll. Multiresistente Keime bilden sich – eine lebensgefährliche Bedrohung für Millionen Verbraucher. Anwohner atmen diese Keime ein. In Indien nehmen sich derweil Hunderttausende Kleinbauern das Leben, weil sie sich für Baumwollsaaten überschulden mussten. Überall auf der Welt geraten Bauern in solche Abhängigkeit von Monsanto. Es gibt nur noch wenige Sorten Getreide, Gemüse, Obst; früher waren es Tausende. Nicht anders ist es mit den Tierrassen. Das Brot der Welt in der Hand eines kleinen Zirkels. Die Landwirtschaft verursacht zudem einen Großteil der Treibhausgasemissionen auf der Welt, frisst immer mehr Diesel und Chemikalien und ist niemals nachhaltig. Deutsche Schweine fressen Brasiliens Soja und damit die Regenwaldböden kahl. Biolandbau ist die Lösung, das steht auch im Weltagrarbericht. Es herrscht Handlungsbedarf. Die Wissenschaft hat das längst belegt. Wer ihn leugnet, ist verantwortungslos.
Jan Grossarth

25. „Das Bild der Landwirtschaft ist verzerrt“ – Im Gespräch mit Dr. Angela Werner, Chefredakteurin der agrarzeitung

Zusammenfassung
Die agrarzeitung wurde 1946 als „Ernährungswirtschaftlicher Informationsdienst“ mit Unterstützung der Alliierten gegründet und richtet sich als wöchentlich erscheinendes Fachmagazin mit zusätzlichem Onlineangebot an Abonnenten aus dem Agribusiness, Betriebsleiter professioneller Landwirtschaftsbetriebe sowie Multiplikatoren in Politik, Handel, Industrie und Beratung im deutschsprachigen Raum. Angela Werner arbeitet seit 1997 für die agrarzeitung. 2011 übernahm die promovierte Chemikerin die Chefredaktion des Fachblattes.
Johannes J. Arens

Zusammenschau

Frontmatter

26. „Was der Mensch essen darf“ – Abschließende Zusammenschau

Zusammenfassung
Die Beiträge des Bandes versammeln eine breite Palette an Perspektiven auf das Themenfeld Ernährungsethik. Schon die unterschiedlichen Hintergründe der Autoren aus Geistes- und Naturwissenschaften, Medien und Nichtregierungsorganisationen führen zu divergenten Sichtweisen auf die Frage, was der Mensch essen darf. Mithilfe der Einteilung nach Sektionen wurde versucht, diese Vielzahl an Perspektiven thematisch zu bündeln. Hierzu wurden den Lesern zunächst theoretische und grundlegende interdisziplinäre Beiträge vorgestellt, bevor konkretere Beispiele zu Huhn und Fleischkonsum folgten und zum Schluss Exkurse in die Praxislandschaft unternommen wurden. Im Folgenden sollen erneut wesentliche argumentative Stränge aufgegriffen werden, um abschließend nochmals auf die zentralen Fragen des Sammelbandes zu fokussieren: Was darf der Mensch essen? Wie werden ernährungsethische Vorstellungen begründet? Und welche konkreten Lösungsansätze werden hierzu diskutiert?
Jana Rückert-John, Barbara Wittmann

Backmatter

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