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22.04.2013 | Wasserwirtschaft | Interview | Onlineartikel

Capacity Development im Wassersektor

Autor:
Günter Knackfuß
10:30 Min. Lesedauer

German Water Partnership e.V. (GWP) hat am 26. Februar 2013 in Berlin eine Broschüre vorgestellt, in der ein gemeinsamer strategischer Ansatz deutscher Unternehmen, wissenschaftlicher Institutionen, Verwaltungen, von Fachverbänden sowie fünf Bundesministerien für internationale Capacity Development-Maßnahmen beschrieben wird. Gunda Röstel, stellv. Vorstandsvorsitzende GWP, Kaufm. Geschäftsführerin der Stadtentwässerung Dresden GmbH und Prokuristin der GELSENWASSER AG dazu im Interview mit "Springer für Professionals".

Springer für Professionals: Von GWP wurde eine eigene CD-Strategie entwickelt – mit welchem Ziel?

Gunda Röstel: Wir haben im deutschen Wassersektor unzählige Akteure – Unternehmen, wissenschaftliche Einrichtungen, Verwaltungen regional wie auf Bundesebene mit ihren Folgeinstitutionen, Politik und ganz wichtig auch die Fachverbände, denen wir unsere hervorragende Infrastruktur zu verdanken haben. In ihnen vereint sich ein Know-how, welches über Jahrzehnte gewachsen und angesichts der eigenen, in Deutschland sichtbar erreichten Erfolge weltweit als führend gilt. Hinzu kommen die Erfahrungen, die nach der deutschen Wiedervereinigung in Ostdeutschland gesammelt wurden. Hier fand ein bis dahin nahezu einmaliger Reform- und Anpassungsprozess statt, der für viele Regionen in der Welt beispielgebend ist. In nur 20 Jahren ist es gelungen, die Elbe von einer Kloake zu einem sauberen, lebendigen Fluss zu entwickeln. Dieses Know-how ist ein Schatz, den wir bisher nicht angemessen am Weltmarkt platziert haben.

Mit Blick auf die weltweiten Herausforderungen beim Thema Wasser haben die Akteure von German Water Partnership gemeinsam mit den fünf Bundesministerien für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), für Bildung und Forschung (BMBF), für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU), für Wirtschaft und Technologie (BMWi) und dem Auswärtigen Amt (AA) beschlossen, einen gemeinsamen Ansatz zu beschreiten. Es gibt viele gute, von der deutschen Seite initiierte Projekte weltweit, die nebeneinander laufen, ohne voneinander zu wissen. Das soll sich ändern. Wir wollen ein weitgehend abgestimmtes Vorgehen bei CD-Maßnahmen erreichen und damit einen deutlichen Mehrwert für alle Beteiligten erzielen. Neben dem hochanerkannten "Made in Germany" soll ein "Qualified in Germany" als Aushängeschild und eigenständige Marke etabliert werden.

Wie muss Capacity Development im Wassersektor verstanden werden?

Capacity Development ist zunächst ein allgemeiner Begriff, der die Fähigkeit von Einzelpersonen, Organisationen und Gesellschaften beschreibt, Sachverhalte und Probleme zu identifizieren, zu benennen, zu verstehen und schließlich zu lösen. Das heißt, Menschen werden in die Lage versetzt, eigene Problemlagen zielgerichtet und effizient zu lösen, und das nicht nur heute und morgen, sondern über Generationen hinweg.

Über die enormen Herausforderungen, die es im weltweiten Wassersektor zu bewältigen gilt, sind wir uns spätestens seit den Millenniumszielen im Klaren. Es wird jedoch nicht reichen, in die Trinkwasseraufbereitung oder moderne Kläranlagen zu investieren. Wir brauchen qualifizierte Menschen, die diese moderne Technologie bedienen können. Wir brauchen durchdachte gesetzliche Rahmen, die den Aufbau eines integrierten Wassermanagements fördern. Und wir brauchen den Dialog mit der Öffentlichkeit, den Bürgerinnen und Bürgern, die über angemessene Preise letztendlich die Kosten einer sicheren Versorgung tragen lernen müssen. Hier ist viel zu tun, aber wir sind auch schon gut unterwegs.

So bedeutet diese Hilfe zur Selbsthilfe beispielsweise, dass wir mit unseren Fachleuten vor Ort in Vietnam, Jordanien, China oder der Ukraine eng mit der Politik, den Unternehmen und den Menschen zusammenarbeiten, gemeinsam Workshops zu fachlichen Themen wie Regelwerke oder Tarifbildung, Bekämpfung von Trinkwasserverlusten oder die Erarbeitung brauchbarer Abwasserbeseitigungskonzepte veranstalten. Auch ganz praktische Maßnahmen wie das Durchführen von Messreihen an Kläranlagenabläufen in der Ukraine helfen, Veränderungen einzuleiten. Zum anderen arbeiten wir am Aufbau von Qualifikationsstrukturen von der beruflichen Erstausbildung bis zur Fort- und Weiterbildung. Wir brauchen nicht nur Manager auf der Führungsebene vor Ort und universitär ausgebildete Ingenieure, sondern insbesondere auch versierte Facharbeiter, die die Anlagen und Maschinen vor Ort warten und instand halten können. Der Aufbau solch struktureller Qualifikationsansätze hat konzeptionell unter der Überschrift „Wasserkompetenzzentren“ begonnen. Für den Erfolg dieser langwierigen Bemühungen ist allerdings die politische Unterstützung aus Deutschland und in den Partnerregionen unerlässlich.

Was befähigt deutsche Unternehmen und Einrichtungen für ein internationales Capacity Development im Wasserbereich?

Wie ich bereits angedeutet habe, blicken wir auf über 100 Jahre Erfahrung im Wassersektor in Deutschland zurück. Für uns ist es heute selbstverständlich, dass Politik, Verwaltung, Unternehmen, Fachverbände, Wissenschaft und Öffentlichkeit in einem ständigen partnerschaftlichen Dialog stehen. Niemand in Deutschland macht sich heute noch ernsthaft Sorgen um eine sichere Trinkwasserversorgung rund um die Uhr. Und wenn der Badewannenstöpsel gezogen wird, ist allen klar, dass das Schmutzwasser gesammelt und auf hohem Niveau geklärt wird, ehe wir es dem Naturkreislauf zurückgeben. Zudem sind kostendeckende Tarife in Deutschland allgemeiner Konsens, genauso wie der sorgsame Umgang mit unserem Lebensmittel Nummer 1.

Mit anderen Worten - wir haben bereits einen Weg hinter uns, den viele Länder auf der Welt noch vor sich haben.

Vor welchen Herausforderungen stehen wir dabei?

Den Herausforderungen, vor denen wir als Akteure stehen, haben wir ein eigenes Kapitel in der Broschüre gewidmet. Zusammengefasst könnte man sagen:

a) Wir Akteure brauchen eine bessere Kooperation und Vernetzung untereinander. Es finden zu viele Maßnahmen zu wenig koordiniert parallel statt. Es kommt dadurch zu Redundanzen und führt in den Ländern selbst zu Irritationen. Die guten Einzelansätze von deutscher Seite werden damit verunklart und bleiben im Gesamteindruck für die Partnerländer weit hinter dem tatsächlich Geleistetem zurück.

b) Wenn wir erfolgreich sein wollen, müssen wir die Langfristigkeit von CD-Maßnahmen besser im Blick haben. Wenn ich an den Ausbildungsbereich denke, reicht es nicht, mit zwei oder drei Jahren zu planen, sondern eher mit zehn. Auch bei operativen Inbetriebnahmen sind die heute veranschlagten Zeiträume der Unterstützung mit i. d. R. ein bis zwei Jahre viel zu kurz, um tatsächlich belastbare Fähigkeiten, Fertigkeiten und Strukturen herauszubilden.

c) Entscheidende Kriterien sind auch Sprache und Kultur. In den Partnerländern ist weder auf der beruflichen noch auf der administrativen Ebene eine fremdsprachige Kompetenz selbstverständlich. Darauf müssen wir uns einstellen.

Mit Blick auf die Ausrichtung der deutschen Unternehmen auf die Etablierung eines Geschäftsfeldes ‚Export von Capacity Development‘ haben wir noch Nachholbedarf. Dies betrifft die bereits beschriebene Art und Weise der Zusammenarbeit ebenso wie die generelle internationale Ausrichtung der Unternehmen und Institutionen. Deutsche Betreiber oder Verwaltungsinstitutionen des Wassersektors beginnen sich nur langsam von einer rein innerdeutschen hin zu einer regionalen und internationalen Sichtweise zu öffnen. Das Feld des CD bietet für ein solches Engagement vergleichsweise risikoarme Entwicklungsmöglichkeiten, die wir stärker und besser als bisher nutzen sollten.

Die GWP-Strategie "Qualified in Germany" hat sich auf 10 Leitlinien festgelegt. Welche sind das?

Es war nicht ganz einfach, aber wir haben es geschafft, unser Vorhaben in 10 kurze, einprägsame Aussagen zu gießen, die uns als Leitlinien oder roter Faden in der Arbeit begleiten sollen:

I. Capacity Development braucht eine höhere Priorität.
II. Keine Investition ohne Qualifikation.
III. Bildung mit Plan – Ziele und Standards setzen.
IV. Ganzheitlich denken und handeln.
V. Eine Region – ein Konzept.
VI. Berufsausbildung als Fundament und lebenslanges Lernen stärken.
VII. Information und Vernetzung sparen Kosten.
VIII. Kooperation stärkt alle.
IX. Voneinander lernen.
X. Capacity Development-Know-how – ein Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung.

Einen Schwerpunkt sehen Sie auch in der Wissenschaft. Welchen Beitrag kann diese leisten?

"Ich halte dafür, dass das einzige Ziel der Wissenschaft darin besteht, die Mühseligkeit der menschlichen Existenz zu erleichtern." Diese Worte von Bertolt Brecht treffen den Kern.

Ohne Wissenschaft gibt es kein Weiterkommen, in keinem Bereich. Die Wissenschaft gibt wichtige Impulse aus der Forschung und Entwicklung für die fachliche Arbeit. Zudem bildet sie Ingenieure, Kaufleute und Juristen – ob nun im Präsenzstudium oder in E-Learning-Studiengängen aus, die mit ihrem Wissen Verantwortung für Anlagen und Verfahren, aber auch für die gesamte Organisation, Mitarbeiterführung inklusive, übernehmen.
Zahlreiche deutsche Forschungsinstitutionen qualifizieren Nachwuchsakademiker aus dem Ausland in Grundlagen- oder angewandter Forschung und leisten damit einen entscheidenden Beitrag, wenn es um Capacity Development-Maßnahmen im Wassersektor geht. Darüber hinaus sind Wissenschaftler in Forschungsvorhaben und Kooperationen mit Kollegen aus der ganzen Welt im ständigen Austausch und verfügen daher über ein wertvolles Netzwerk. Gemeinsam mit dem DAAD kann es gelingen, dieses Netzwerk auszubauen und noch besser verfügbar zu machen.

Gleichwohl lässt sich der manchmal zu kurz kommende Praxisbezug der akademischen Ausbildung in Kooperationen mit beruflichen Ausbildungsinstitutionen durchaus weiter ausbauen. Deshalb sollten die bereits vorhandenen kooperativen Ansätze der Lehrtätigkeit und der Forschungsaktivitäten des Wissenschaftsbereichs mit dem Know-how des Unternehmens- und Verwaltungssektors weiter gestärkt werden.

Und nicht zuletzt: Es wäre doch großartig, wenn es gelänge, Forschungsprojekte in die berufliche oder unternehmerische Praxis zu überführen. Das könnte Unternehmen stärker als bisher animieren, sich an Forschungsprojekten zu beteiligen und schließlich sorgen die Forschungsergebnisse durch die praktische Umsetzung für Verbesserungen im Wassersektor.

Im CD-Mehrebenenansatz soll es neue Instrumente geben. Welche sind Ihnen besonders wichtig?

In der vorliegenden Broschüre haben wir zunächst acht generelle Instrumente identifiziert, die wir uns als Hausaufgaben für die nähere Zukunft aufgegeben haben. Das sind: ein Navigationsinstrument als Informationsplattform für alle deutschen CD-Maßnahmen weltweit, ein Expertenpool, Leitfäden zu ausgesuchten Themenfeldern, die Verbandsarbeit, Technische Normen und Regelwerke für Planung, Bau, Betrieb und Unterhalt, Technisches Sicherheitsmanagement und Zertifizierung sowie der Ausbau des Alumni-Netzwerkes. Diese Liste ist dabei keinesfalls erschöpfend und spiegelt lediglich die Themen wider, die momentan immer wieder genannt worden sind. In Zukunft werden mit Sicherheit weitere hinzukommen.
Obgleich ich persönlich keine Gewichtung vornehmen möchte – alle benannten Instrumente sind hilfreich und bedeutsam – arbeiten wir momentan auf Hochtouren an einem ersten Projekt der internationalen Verbandszusammenarbeit zwischen GWP und dem Vietnam Water Supply and Sewerage Association (VWSA), einem vietnamesischen Wasserverband. Unter dem Dach von sequa gGmbH hoffen wir, die begonnene Arbeit deutlich vertiefen und verbreiten zu können. Darüber hinaus würde es mich sehr freuen, wenn es gelänge, das bereits erarbeitete Konzept für die Etablierung eines Navigationsinstrumentes endlich in die Praxis umsetzen zu können. Hier fehlt es an finanzieller Unterstützung – doch ohne Information keine Kooperation!

Die Umsetzung der Strategie wird ein Beirat unterstützen. Welche Aufgaben hat dieser im Einzelnen?

Dieser Beirat, der im Übrigen noch einen "richtigen" Namen bekommen soll, ist in erster Linie ein beratendes Gremium. Er soll die Umsetzung des Strategiepapiers sowie den Austausch zwischen Ministerien und GWP-Mitgliedern in den nächsten drei Jahren unterstützend begleiten. Er kann Empfehlungen zur Anpassung der Strategie und deren Umsetzung aussprechen oder auch zu konkreten Instrumenten. Zudem soll er als Ansprechpartner für Anregungen oder Hinweise dienen, wenn es nicht im gemeinsamen gewünschten Sinne vorangeht.

Der Beirat hat maximal 20 Mitglieder und setzt sich aus jeweils einem Vertreter der relevanten Bundesministerien (BMZ, BMBF, AA, BMU und BMWi) und den Durchführungsorganisationen KfW und GIZ, einem Vertreter aus den Fachverbänden DWA und DVGW sowie fünf Vertretern aus dem Mitgliederkreis von GWP (Wissenschaft, Trink- und Abwasserentsorgungsunternehmen, Verwaltung) zusammen. Somit treffen sich mindestens einmal im Jahr alle entscheidenden Vertreter an einem Tisch, die das Gedeihen dieser Strategie genau verfolgen. Ein gemeinsamer GWP-Day „Capacity Development im Wassersektor“ soll dann zu Beginn eines jeden Jahres die öffentliche Plattform für einen solchen Austausch ermöglichen.

Welchen Nutzen versprechen Sie sich von der neuen Strategie für die Mitglieder von German Water Partnership?

Diese Strategie hat einen vielfachen Nutzen. Ich will nur zwei Punkte hervorheben.
Nach innen unterstützt sie die Information, Vernetzung und Kooperation der deutschen Akteure im Bereich des CD. Durch ein gemeinsames, abgestimmtes Auftreten werden wir mit gleichem Mitteleinsatz mehr erreichen.

Nach außen wird sich die Marke "Qualified in Germany" etablieren – so hoffen wir – und damit das deutsche Know-how deutlich erkennbar.

"Qualified in Germany" steht für eine anerkannt gute Bildungsarbeit, die die Reformbestrebungen im internationalen Wassersektor bestmöglich unterstützt. Natürlich - das will ich gar nicht verhehlen - wird sich CD auch zu einem neuen Geschäftsfeld mit entsprechenden Exportchancen entwickeln, welches auch den Technologieexport befördern wird. Letztlich arbeiten wir auf dauerhafte Strukturen für eine internationale Zusammenarbeit hin, um die globalen Herausforderungen gemeinsam anzupacken.

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