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27.10.2014 | Wasserwirtschaft | Interview | Onlineartikel

Die Seen der Welt im ökologischen Gleichgewicht halten

Autor:
Günter Knackfuß
5 Min. Lesedauer

Im Mittelpunkt der 15. Weltseen-Konferenz stand das Thema "Integrated Lake Basin Management (ILBM)". Wir sprachen mit Udo Gattenlöhner über die Konferenz und die Rolle des ILBM.

Unter dem Motto "Seen: Spiegel der Erde" fand in Perugia (Italien) die 15. Weltseen-Konferenz statt. Im Mittelpunkt des internationalen Erfahrungsaustausches stand ILBM – Integrated Lake Basin Management. Von den 400 Konferenzteilnehmern beschlossen wurde die "Deklaration von Perugia".

Springer für Professionals: Die deutsche Wissenschaft war in Perugia kaum präsent. Welche Erklärung gibt es dafür?

Udo Gattenlöhner: Obwohl es in Deutschland verschiedenste renommierte Institutionen gibt die sich mit Seen beschäftigen, z.B. das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung GmbH (UFZ) oder das Institut für Seenforschung (ISF), wird das Thema "Ökosystem Seen" meines Erachtens nach von der deutschen Wissenschaft nicht so sehr als eigenständiges Thema angesehen, sondern eher den holistischeren Forschungsbereichen Limnologie bzw. Wasserökologie zugeordnet. Dadurch existieren u.U. weniger intensive Kontakte zu Forschungsinstitutionen wie der "International Lake Environment Committee Foundation (ILEC)" aus Japan - welche die 15. Weltseen-Konferenz in Perugia ausgerichtet hatte - oder auch zur "International Association for Great Lakes Research (IAGLR)" in den USA, die in ihrer Arbeit nahezu ausschließlich auf das Ökosystem See im Rahmen eines integrierten Seenmanagements fokussieren.

Die ILEC hat bereits ihren 15. Kongress veranstaltet. Wie bewerten sie diese Organisation?

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Die 1986 in Japan gegründete "International Lake Environment Committee Foundation (ILEC)" und das damit verbundene "ILEC Scientific Committee" haben maßgeblich dazu beigetragen, Seen als eigenständigen Forschungsbereich zu etablieren und damit wertvolle Akzente zum Schutz und zur nachhaltigen Entwicklung dieser sensiblen und artenreichen Ökosysteme zu setzen. Angetrieben durch die immense Herausforderung, die ökologische Qualität als auch die chemische Wasserqualität des Biwasees, des größten Sees Japans und wichtigem Trinkwasserspeicher für fast 15 Millionen Menschen, zu verbessern und zu schützen, hat ILEC wichtige Anregungen für das Management und den Schutz von Seen im Allgemeinen geben können. Insbesondere im Bereich der Erforschung ökologischer Zusammenhänge an den ältesten Seen unserer Erde hat ILEC viel geleistet. ILECs regelmäßigen und qualitative hochwertigen Trainingskurse und Workshops, die für Teilnehmer aus Entwicklungsländern stark subventioniert wurden, haben einen essentiellen Beitrag zur Verbreitung der Kenntnisse zum nachhaltigen Management von Seen geleistet. Und auch im didaktischen Bereich konnte ILEC wichtige Akzente setzen, demonstriert z.B. durch das Lake Biwa Museum in direkter Nachbarshaft der ILEC-Geschäftsstelle in der Shiga Präfektur.

Das "Integrierte Seenmanagement" (ILBM) spielte eine wesentliche Rolle. Welche Beispiele haben überzeugt?

Das von ILEC entwickelte und propagierte "Integrierte Seenmanagement" bietet einen Rahmen, der es Verantwortlichen und Entscheidungsträgern in Seenregionen erleichtern soll, die Weichen für ein nachhaltiges Seemanagement richtig zu stellen. Obwohl konzeptuell sehr gut aufgebaut, ist der Ansatz in der Praxis noch nicht ausreichend bekannt und verbreitet. Hier fehlen noch Bindeglieder zwischen der Wissenschaft und Praktikern bzw. politischen Entscheidungsträgern. Diese Lücke könnte teilweise durch geeignete Akteure der Zivilgesellschaft geschlossen werden.

Betont wurde auch eine verbesserte interdisziplinäre Forschung in Bezug auf die Seen. Welche Teile der Wissenschaft sollten dabei zusammenarbeiten?

Seen und Feuchtgebiete sind global gesehen stark bedrohte Ökosysteme. Um in ihrem Schutz erfolgreich zu sein, müssen nicht nur alle Bereiche der Forschung, die sich mit dem Thema Wasser beschäftigen, sondern alle Akteure der Gesellschaft noch besser zusammenarbeiten. Aus unserer Sicht besteht eine große Herausforderung darin, den privaten Sektor, als einen der Nutznießer von Ökosystemdienstleistungen von Seen, stärker zu involvieren und in die Verantwortung zu nehmen.

Auf der Agenda standen auch Trends des Klimawandels. Inwieweit sind die Seen davon betroffen?

Der Global Nature Fund hat schon im Jahr 2003 - im Rahmen einer mit den Forschern des Tyndall Zentrums für Klimawandelforschung in Norwich erstellten Studie - darauf hingewiesen, dass der Klimawandel Seen und Feuchtgebiete weltweit massiv bedroht. Die mittleren Temperaturen von Seen können als Folge des Klimawandels bis zum Jahr 2080 um bis zu fünf Grad Celsius ansteigen. Dies würde u.a. zu einer starken Veränderung der Niederschlagsmuster und dadurch häufig zu trockeneren, heißeren Sommern und feuchteren Winter führen. Diese Veränderungen hätten massive negative Auswirkungen auf die artenreiche Tier- und Pflanzenwelt aber auch auf die Wasserqualität von Seen.

Die "Deklaration von Perugia" richtet sich an Regierungen, Kommunen, NGOs, die Zivilgesellschaft, an Industrie, Landwirtschaft und Wissenschaft. Gibt es auch Anregungen für den Global Nature Fund?

Die "Deklaration von Perugia" steht sehr im Einklang mit den Zielen des Global Nature Fund. Der Global Nature Fund propagiert und fordert seit der Gründung des Netzwerks Living Lakes im Jahr 1998 eine intensivere Zusammenarbeit aller gesellschaftlichen Akteure - also Regierungen, Kommunen, NGOs & Zivilgesellschaft, Industrie, Landwirtschaft und Wissenschaft.

Ihre Organisation unterstützt das weltweite Netzwerk "Living Lakes". Welche Projekte stehen dort im Mittelpunkt?

Ziel der alle Kontinente umfassenden Umweltinitiative Living Lakes ist der Schutz der Seen, Feuchtgebiete und Trinkwasserreserven unserer Erde. Das vom Global Nature Fund 1998 ins Leben gerufene internationale Seennetzwerk möchte Wege zum wirkungsvollen Schutz und der Renaturierung von Seen, Feuchtgebieten und sonstigen Gewässern weltweit und ihrer Einzugsgebiete aufzeigen. In unserer Projektarbeit stehen die Nutzungsansprüche von Menschen die an Seen ansässig sind besonders im Vordergrund. Ziel der Projektarbeit des Global Nature Fund ist es, Modelle zu einer nachhaltigen Nutzung und Entwicklung dieser sensiblen Ökosysteme in den Bereichen Landwirtschaft, Fischerei, Tourismus, Siedlungen, Energie und Wassernutzung aufzuzeigen. Zusammen mit seinen inzwischen über 100 Living Lakes-Partnerorganisationen realisiert der GNF weltweit eine große Anzahl an Projekten in den Bereichen, Biodiversität, Umwelt- und Naturschutz und Entwicklungszusammenarbeit. Unterstützt wird die gemeinnützige Stiftung Global Nature Fund dabei von vielen Spendern, der Bundesregierung, der Europäischen Union, vielen Unternehmen und anderen Stiftungen. Im Frühjahr 2014 wurde das Seennetzwerk Living Lakes zum fünften Mal in Folge als "Offizielles Projekt der Dekade der Vereinten Nationen zur Bildung für nachhaltige Entwicklung 2005 - 2014" ausgezeichnet.

Das Interview führte Günter Knackfuß, freier Autor, für Springer für Professionals.

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