Skip to main content
main-content

10.12.2012 | Wasserwirtschaft | Interview | Onlineartikel

Alpine Wasserkraft zwischen Ausbau und ökologischen Grenzen

Autor:
Günter Knackfuß

Interview mit Regula Imhof, Vizegeneralsekretärin der Alpenkonvention, dem Übereinkommen zum Schutz der Alpen

Das Ständige Sekretariat der Alpenkonvention koordiniert die Aktivitäten aller Alpenstaaten. Welche Schwerpunkte gehören im Wassersektor zu ihrem Aufgabenbereich?

Seit mehr als 5 Jahren befasst sich die Alpenkonvention intensiv mit dem Thema Wasser und veranstaltet in unterschiedlichen Staaten alle 2 Jahre eine Internationale Wasserkonferenz, arbeitet in einer konstituierten Plattform zu verschiedenen Themen und hat verschiedene Berichte zum Stand des Wasserhaushalts und der Wasserwirtschaft im Alpenraum veröffentlicht. Die Plattform Wasser beschäftigt sich insbesondere seit 3 Jahren vertieft mit verschiedenen Aspekten der Wasserkraft.

Die "Plattform Wasserwirtschaft" verfügt inzwischen über einen guten Ruf. Welche Hauptvorhaben führten zu diesem Erfolg?

Die Plattform hat als ad-hoc Expertengruppe zuerst einen Statusbericht zum Wasserhaushalt in den Alpen erarbeitet, der in Konsequenz die Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie unterstützte und auch heikle Themen wie Klimawandel und dessen Veränderungen auf den Wasserhaushalt oder auch die künstliche Beschneiung aufgenommen. Im nächsten Schritt haben die "Gemeinsamen Leitlinien für die Kleinwasserkraftnutzung im Alpenraum" dafür gesorgt, dass die Plattform wesentlich zur aktuellen Diskussion um den Ausbau der Wasserkraft in den Alpen und darüber hinaus beitragen konnte. Die empfohlene strategische Planung für Wasserkraft ist inzwischen weitgehend akzeptiert und in der Umsetzung. Schließlich hat es die Plattform verstanden, ein großes Netzwerk an Experten für schwierige Themen wie Schwall und Sunk und Sedimenttransport aufzubauen und dazu aktuelles Wissen auszutauschen.

Der Workshop Hydropeaking zu Schwall und Sunk hat auch die weitere Entwicklung der Wasserkraft kritisch hinterfragt. Wie bewerten sie die Ergebnisse insgesamt?

Die Ergebnisse dieses Expertenworkshops sind für die einzelnen Akteure konkrete Richtungshinweise und ein Austausch von Erfahrungen und guten Praktiken. Sie sind Umsetzungshilfen für Themen, welche alle Staaten mehr oder weniger betreffen und für die noch relevante Wissenslücken bestehen. Unter anderem muss auch die Restwasserdotierung bei bestehenden Anlagen weiterdiskutiert werden.

Eine Rolle spielt auch die Problematik Sedimenttransport in den Flüssen. Welche Lösungen gibt es auf diesem Gebiet?

Der Fokus des Workshops lag auf Sedimentthemen im Schnittbereich von Wassernutzung und Wasserschutz – weniger hat sich der Workshop mit dem Schutz vor Naturgefahren befasst. Ein Resultat ist, dass bspw. Sedimentmanagement bei der Überarbeitung der Wasserrahmenrichtlinie und der Flussgebietsmanagementpläne verstärkt berücksichtigt werden soll. Auf die Verschlämmung von Speicherseen wird vermehrt mit "Fluten" reagiert, was unklare ökologische Konsequenzen mit sich bringt. Unterhalb von Staumauern werden auch gezielt künstliche Hochwasser erzeugt um den Sedimenttransport zu aktivieren. Festgestellt wurde, dass relativ große Wissenslücken bestehen, beginnend bei unterschiedlichen Monitoring-Methoden, bis hin zu möglichen Effekten der Klimaveränderung. Eine ausführlich diskutierte Frage war schließlich der adäquate Referenzzustand eines Flusses, bzw. Flussabschnittes für die Planung von Flussgebietsrevitalisierungen und das zu erreichende Ziel bei solchen Projekten, welches unter heutigen Bedingungen erreicht werden kann.

Die 4. Internationale Alpenkonferenz in München beschäftigte sich mit nachhaltiger Wasserkraftnutzung. Welches sind die wichtigsten Resultate der Beratungen?

Die Internationale Konferenz zur nachhaltigen Wasserkraftnutzung hat vor allem klar gemacht, dass die Diskussion um die Wasserkraft in Optionen und Alternativen geführt werden muss, um die ökologischen und die ökonomischen Aspekte abwägen zu können. Geschieht das nicht, wird die Umweltseite nur ungenügend Berücksichtigung finden. Angesichts des hohen politischen und wirtschaftlichen Drucks auf den Ausbau der Wasserkraft im Alpenraum ist die Definition von "no-go-areas" im Sinne einer Vorsorgekomponente erforderlich, um Flussläufe mit besonders hohem ökologischem Wert zu schützen. "No go" bedeutet nicht eine "Ewigkeitsveränderungssperre"; es bedeutet für die Energiewirtschaft einen erhöhten Begründungsbedarf, der sich nicht einfach auf das öffentliche Interesse reduziert. Andererseits sind auch aus Umweltsicht die für die Energiewirtschaft wirtschaftlichsten Strecken zu diskutieren um zu klären, unter welchen Optionen eine Wasserkraftnutzung dort realisierbar ist. Die Abwägung von Interessen des Naturschutzes und der Energiewirtschaft ist in Planungszeiträumen zu betrachten. Ein Beispiel kann das Moratorium in Vorarlberg bis 2030 sein, neue Projekte nicht in ökologisch sehr guten Fluss-Strecken zu platzieren.
Die Betrachtung der Energieproduktion kann nicht beschränkt auf den Alpenraum erfolgen. Die Wechselwirkungen mit dem Umland sind einzubeziehen. Die Rolle der Alpenregion als "Grüne Batterie" ist zu definieren. Energieeinsparpotentiale und Energieeffizienz spielen eine wesentliche Rolle und sind zu berücksichtigen.

Einige Experten mahnten eine nachhaltige Wasserkraftnutzung im Einklang mit der Natur an. Welche Entwicklungen zeichnen sich auf Basis der Alpenkonvention ab?

Die Diskussion in München unterstrich, dass eine effiziente Verzahnung von der Wasser- und der Energieplattform der Alpenkonferenz erforderlich ist, um die Belange der Wasserwirtschaft, des Gewässerschutzes und des Naturschutzes einerseits im Einklang mit den Belangen der Energieversorgung andererseits zu gewährleisten. Die Mandate der beiden Plattformen werden Ende November 2012 im Ständigen Ausschuss besprochen und verabschiedet. Das Mandat der Energieplattform beinhaltet dabei explizit die Abstimmung mit der Plattform Wasser und in einem von 3 Workshops soll die Funktion der Alpen als „Batterie“ zur Speicherung erneuerbarer Energien bewertet werden insbesondere die Folgen des Ausbaus der erneuerbaren Energien für die Pumpspeicherung. Dabei soll auch die Forschung zu neuen Speichertechnologien und ihrem Potential in den Alpen diskutiert werden.

Es ist geplant, eine "Plattform Energie" zu installieren. Welche Gründe gibt es dafür?

Die Umgestaltung der Energiesysteme hin zu umweltfreundlicheren Formen der Erzeugung und des Verbrauchs und hin zu einem höheren Anteil der erneuerbaren Energien ist ein wichtiges Ziel im Rahmen internationaler und europäischer Verpflichtungen. Dazu gehören auf europäischer Ebene insbesondere die 20/30-20-20-Ziele und, über 2020 hinausgehend, der Energiefahrplan 2050 der EU Kommission. Die Förderung erneuerbarer Energien wird zu einem Wandel des Energiesystems führen, vor allem in den Alpen (z.B. die Rolle des Stroms aus Pumpspeicherkraftwerken). Außerdem sind Anstrengungen im Hinblick auf eine Reduktion des Gesamtenergieverbrauchs wichtig, um einen Schritt in Richtung eines möglichst "suffizienten" und effizienten Energie- und Ressourcenverbrauchs zu gewährleisten.

Welche thematischen Schwerpunkte sollten bei der "Plattform Energie" im Mittelpunkt stehen?

Die zunehmende Integration der Energiepolitik in Europa erfordert eine abgestimmte

Energiepolitik in den Alpen:

- im Bereich Energietransport, d.h. aufbauend auf der Rolle der Alpen als Energietransportkorridor,

- im Bereich Energieerzeugung, d.h. den Weg für eine koordinierte/gerechte und wirtschaftlich vernünftige/umweltfreundliche Entwicklung der Energieerzeugung in einem Gebiet mit ähnlichen physischen Voraussetzungen/Potenzialen wie den Alpen vorbereitend, und

- im Bereich Energienutzung, d.h. die alpinen Erfahrungen mit Energieeffizienz und Energiesparen kapitalisierend.

Ziel ist es die Alpen als Modellregion für eine nachhaltige Energiepolitik zu positionieren.

Ab 2013 wird Italien den Vorsitz übernehmen. Was erwarten sie von der italienischen Präsidentschaft?

Italien hatte mit der Ratifizierung der Protokolle der Alpenkonvention vor wenigen Wochen einen großen Schritt vollzogen. Die Vorzeichen für die italienische Präsidentschaft sind also ausgezeichnet. Aus dem Programm der zukünftigen italienischen Präsidentschaft spricht außerdem der Wille, diese unter starkem Einbezug und Beteiligung der Regionen zu führen. Dies wird ein konkreter Beitrag sein, wie eine allfällige Makroregion als gemeinsames Vorhaben der Regionen, Nationalstaaten und der EU entwickelt werden kann. Schließlich hat sich Italien auch einige zusätzliche Themen vorgenommen. Beispielsweise soll eine Plattform zum Bergwald eingesetzt werden. Und Italien übernimmt die Präsidentschaft der Wasserplattform.

Auf welchen Gebieten bestehen aus ihrer Sicht dringende Handlungsoptionen für die Alpen?

Die Alpen können sich durch ihre geografischen und funktionalen Gemeinsamkeiten stark für regionale Politiken in verschiedenen Bereichen einsetzen – und damit auch auf Europäischer Ebene positionieren. Für lebensfähige Populationen der großen Beutegreifer im Alpenraum sind gemeinsame Management – Optionen notwendig, eine gemeinsame Energiepolitik oder auch Überlegungen, wie die Alpen künftig Verkehrsströme durch die Alpen, bspw. mittels einer Alpentransitbörse leiten möchten, stehen ebenfalls an. Im Tourismus wurde viel über ein gemeinsames Marketing von Destinationen im Alpenraum gesprochen, dies ist auch ein Vorschlag des soeben beendeten 4. Alpenzustandsberichts zum Thema "Nachhaltiger Tourismus in den Alpen". Diese gemeinsamen Politiken können nicht nur die nachhaltige Entwicklung in den Alpen unterstützen sondern auch ein neues Gebilde wie einer Makroregion konkretisieren. Die Alpenkonvention unterstützt so die Umsetzung gemeinsamer Ziele. Wichtig ist, dass die solidarische Umsetzung gemeinsamer Strategien eine Entwicklungsrichtung in den Alpen erkennen lässt und tatsächliche Resultate erzielt.

Wir bedanken uns für das Interview.                                                

Weiterführende Themen

Die Hintergründe zu diesem Inhalt

BranchenIndex Online

Die B2B-Firmensuche für Industrie und Wirtschaft: Kostenfrei in Firmenprofilen nach Lieferanten, Herstellern, Dienstleistern und Händlern recherchieren.

Whitepaper

- ANZEIGE -

Systemische Notwendigkeit zur Weiterentwicklung von Hybridnetzen

Die Entwicklung des mitteleuropäischen Energiesystems und insbesondere die Weiterentwicklung der Energieinfrastruktur sind konfrontiert mit einer stetig steigenden Diversität an Herausforderungen, aber auch mit einer zunehmenden Komplexität in den Lösungsoptionen. Vor diesem Hintergrund steht die Weiterentwicklung von Hybridnetzen symbolisch für das ganze sich in einer Umbruchsphase befindliche Energiesystem: denn der Notwendigkeit einer Schaffung und Bildung der Hybridnetze aus systemischer und volkswirtschaftlicher Perspektive steht sozusagen eine Komplexitätsfalle gegenüber, mit der die Branche in der Vergangenheit in dieser Intensität nicht konfrontiert war. Jetzt gratis downloaden!

Bildnachweise