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26.02.2018 | Wasserwirtschaft | Interview | Onlineartikel

"Minimierung und Vermeidung von Mikroplastik zwingend nötig"

Autor:
Nico Andritschke

Mikroplastik und sein Gefährdungspotenzial werden intensiv erforscht. Tamara Grummt entwickelt Methoden für die bessere chemische und ökotoxikologische Charakterisierung von Kunststoffen im Wasser.

Springer Professional: Wie würden Sie den aktuell vorhandenen Wissensstand zum Thema Mikroplastik kurz zusammenfassen?

Tamara Grummt: In jüngster Zeit sind zahlreiche Forschungsprojekte aufgelegt worden. Den größten Erkenntniszuwachs wird man daraus bei der Exposition (zum Beispiel Eintrittspfade, Analysemethoden) gewinnen können. Einhergeht damit eine Systematisierung dieser Materialien (zum Beispiel Größe, eingesetzter Kunststoff und deren Zusatzstoffe). Zur Wirkung von Mikroplastik werden mögliche Effekte auf Umwelt und Mensch untersucht, die sich sowohl aus den Kunststoffzusätzen als auch aus der Anreicherung und Abreicherung von Schadstoffen an Mikroplastik in der Umwelt und den Kläranlagen ergeben. Ein Bestandteil der aktuellen Forschung ist das eigenverantwortliche Verbraucherverhalten, um eine Minimierung an Mikroplastik zu erreichen. Letztlich ist über den nachhaltigen Entwicklungsansatz (unter anderem Industrie, politische Rahmenregelungen) mit einer deutlichen Minimierung an Mikroplastik zu rechnen.

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Das UBA ist an mehreren Forschungsverbünden zu Mikroplastik beteiligt. Welche Erkenntnisse konnten im Vorhaben "Mikroplastik im Wasserkreislauf" seit 2016 gewonnen werden?

Vom UBA ist das Fachgebiet II 3.6 "Toxikologie des Trink- und Badebeckenwassers" am Verbundvorhaben "Mikroplastik im Wasserkreislauf – Probenahme, Probenbehandlung, Analytik, Vorkommen, Entfernung und Bewertung" beteiligt. Das Forschungsprojekt besteht aus 11 Partnern, die sich wesentlich mit der Analytik und den Wirkungen auf das Ökosystem und den Menschen beschäftigen. Während der Anfangsphase des Projekts galt es, die einschlägigen Testverfahren an das Testgut Mikroplastik anzupassen.
Im Falle der Mikroplastik werden derzeit die Partikel selbst (Größe, Form, Oberflächeneigenschaften) sowie die Freisetzung von Substanzen aus dem Partikel (unter anderem Additive, wie zum Beispiel Bisphenol A und Phthalate) und die absorbierten Stoffe untersucht. In einer ersten Stufe konnte gezeigt werden, dass die Partikel mit der Zelloberfläche interagieren. Dadurch wird die Zellkommunikation gestört, sie ist wesentlich für das normale Wachstum der Zellen. Ergebnis dieser Wirkung ist eine Beeinflussung der Zellteilung und der Zellproliferation, was in der Langzeitwirkung zu neurodegenerativen Schäden führen kann. Weiterhin zeigte sich, dass ein Teil der Partikel in das Zellinnere gelangen. Welche Konsequenzen daraus entstehen, ist Gegenstand aktueller Untersuchungen. Zudem werden Entzündungsparameter bestimmt, die allerdings noch nicht reproduzierbar gemessen werden konnten.

Von besonderer Bedeutung sind Erkenntnisse über die Einwirkungen von Mikroplastik auf Mensch und Umwelt. Haben sie mit ihrer Forschung potenzielle Beeinträchtigungen oder Gefährdungen, die durch Mikroplastik ausgehen könnten, festgestellt oder gibt es Hinweise darauf? Welche Schlussfolgerungen ziehen Sie aus vorliegenden Untersuchungsergebnissen?

Die externe und interne Exposition eines Schadstoffes bestimmt vorrangig die möglichen Gefährdungspotenziale. Verglichen mit den Konzentrationen an anderen partikulären Wasserinhaltsstoffen, ist die Konzentration an Mikroplastik in der Umwelt als gering einzuschätzen. Nur wenige Untersuchungen gibt es bisher für Trinkwasser, was zum größten Teil an der sehr aufwendigen Analytik liegt. Die wenigen Messungen belegen jedoch eine sehr geringe Konzentration. Allerdings wird sich die Analytik mittelfristig stark verbessern, da gerade in diesem Bereich nationale und internationale Forschungsverbünde intensiv arbeiten. 
Eine Aussage zum realistischen Gefährdungspotenzial durch Trinkwasser kann zurzeit nicht getroffen werden. Dafür sind zwei Gründe verantwortlich: Zum einen gibt es bislang keine exakte Expositionsbeschreibung für Mikroplastik im Trinkwasser. Zum anderen müssen die gefundenen Effekte durch weitere Untersuchungen abgesichert werden. Dennoch lässt sich einschätzen, dass der Wirkmechanismus über zytotoxische Kaskaden (Zellteilung, Zellkommunikation und –wachstum) läuft, die am Ende zu adversen Effekten (neurodegenerative Erkrankungen) führen können. Aus diesem Grunde sind im Sinne der Prävention die Minimierung und Vermeidung von Mikroplastik zwingend nötig. 

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